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Tuesday, September 29th, 2009

insomnia

My body is a supine landscape of thoughts, racing in tight circles around a center empty of spectators. Along the course little cards are placed, always vertical to the line of sight of the unnamed observer, like images in Google earth. Each of these cards is a sleep, is a state of rest and relaxation, and the observer sees all those states and counts them, over and over, circling the splayed out useless lump of flesh to a backdrop of tight humming, like something of high voltage charging but never quite reaching the level of release, the lightning bolt, the thunder that will clear the air. A stinging bolt of acid forces me upright and unable to stop the motion I tumble away.

There are sounds at the kitchen window, but none of them fit any of the theories about the sociographic composition of our neighborhood or the structure of the night that I think I have. Somewhere metal rattles against metal, a sharp noise, a yell in the distance. A twig snaps, leaves rustle in the wind, a piece of fabric on the fire escape above me howls quietly, as though in pain. Gibberish of the night, a rapidly stammering silence.

The pleiades are overhead, visible only when ignored, ghosts winking out of existence with each attempt to find them. Much lower, planes run through the belt of Orion in five minute intervals, close to Mintaka at first, then lower, until one almost hits Alnilam and I lose interest. Alnilam is four million years old and a supergiant.

The backyard has been purged. An unshaven man on his knees had ripped out all life while talking on the phone in the afternoon, maybe describing his progress as he went, Now I’m ripping out some low growing spread out dark green things, now I’m pulling some taller things with flowers on top, then had collected the dying plants in a bag and made off deep into the basement, and now in the oblique light of the nearby gas station’s lamps there is no structure left but the alternating texture of the trampled dirt and washed out earth from the neighbors slightly elevated, but incontinent garden, and the cracked layers of concrete, asphalt and brick, accumulated over lifetimes of misguided backyard management by people like the kneeling unshaven man, whose ghost lingers, too, visible from a corner of my eye. I expect an animal to pass through the zone of death, but none comes.

The windows across the garages promise stories, but after the black man kills the lights in his kitchen, switching on those in his bedroom and then stands staring in my direction for several seconds and then gets those lights, as well, there are none left to be told. Maybe I’m now being watched from the completely dark frame of his window, where his face vanished in the black a moment ago, but more likely he saw my posture, the chin rested too high on the pulled down window’s frame, arms held awkwardly at an angle, and deciphered me as unlikely to do anything worth reporting to invisible third parties, and went to sleep.

There is a lamp I can just see over the garage’s top the position of which is designed to illuminate the yard on the other side, switched on by a motion sensor, turned off by a timer, that goes on and off a few times. I barely hear car motors, which surprises me, since they’re only a few meters away. Maybe sound does rise, and I could hear them better on the roof. I consider going there, imagine what the sky will look like, the Pleiades maybe finally provably there, something to point a shaking finger at, but there is a slight chill in the air and I stay where I am.

The planes are barely grazing Alnitak now, a triple star, three close friends perhaps, closed off against intrusions by others, these starlets, chatting amiably among themselves, but sending only coolness and light down to meet the slowly drifting planes and me. Soon Newark’s landing corridor will be out of Orion’s belt entirely, floating freely in the sky, no longer bound to human considerations and folly. I imagine living people on these planes, their pasts and hopes confined for a moment, and held in stasis in my head, preparing to exit their fragile vessel and to resume their lives, and I hear all their voices at once, and I can make out not a single word that might make sense to me.

Monday, September 21st, 2009

Niederschlag

“If you root yourself to the ground, you can afford to be stupid.”
(P. Churchland, Neurophilosophy)



Abb. ähnlich.

Die kleine Lache an der Ampel, die grade auf rot sprang, enthält nicht genug Wasser, um den Himmel vollständig einzufangen, stattdessen sehe ich der graublauen Wolkenspiegelung überlagert die kleinen Steine des Asphalts und die Zweige der früh von den Bäumen gefallenen Blätter. Die Sichtbarkeit der Steine innerhalb und ausserhalb der Pfütze verhält sich invers zu ihrer Leuchtdichte, im feuchten Dunkel stechen die hellen Steine, in der Trockenheit die dunklen Krumen und die Schatten hervor. Die Blattfragmente und Stiele wurden aus der Mitte getrieben von Wind und den gelegentlich durch die Lache pflügenden Reifen, und haben sich am Rand der Lache angefunden, grade noch innerhalb des Ringes, in dem das Wasser nicht mehr steht, sondern nur noch das Material benetzt, ein zufällig entstandenes, filigranes Ornament an der ansonsten nicht sehr interessanten Wasserfläche. Alles, Steine und Stiele und Fragmente, schrumpft sichtbar zusammen ohne seine jeweilige Position zu verändern, Strasse und Lache entfernen sich von mir und verharren zugleich trotzig, Zentimeter vor dem Vorderreifen. Dann rollt der Reifen durchs Wasser, grüne Tupfen springen auf den kleinen Wellen, die Lache bleibt zurück, und der optische Fluss vor meinen Augen kehrt sich erneut um. Hinter mir bis zum Wasser erstreckt sich eine komplexe Folge von kurzen dunklen Strichen, die in der Herbstsonne schnell verblasst.

Thursday, September 10th, 2009

soab

I
Ihr Mann, sagt die Krankenschwester, wolle seit Jahren ein Klappfahrrad kaufen. Er wolle sich gerne mehr bewegen, radeln sei da perfekt, nur seien normale Räder so sperrig, aber dieses Fahrrad, das sehe ja perfekt aus. Ob sie es mal hochheben dürfe. Sie darf. Fantastisch, sagt sie noch einmal, zum dritten Mal, dann erlischt das Lächeln, sie nimmt ihr professionelles Gesicht aus dem Etui. Von solchen Nebenwirkungen habe sie noch nicht gehört, das klinge ja schlimm, sie könne da weiter nicht viel zu sagen. Dann gibt sie mir einen Termin bei der Ärztin der Klinik, eine Woche später. Ob sie mit rauskommen dürfe, mir beim Zusammenbau des Rades zuzusehen. Sie darf.

II
That’s cool, sagt eine Woche später die junge Rezeptionistin und deutet durch die Glaspanele neben ihrer Bürotür aufs zusammengkelappte Rad. You ride around here? Vom und zum Bahnhof, sage ich. That’s cool, sagt sie nochmal und trägt meine Krankenakte doktorwärts. Die Schwester komme gleich und gebe Bescheid, sagt sie nach der Rückkehr, dreissig Minuten zu spät sei ich ja. Und dass das toll sei, das Fahrrad.

Das findet auch die Schwester, die die Akte einige Minuten später wiederbringt und bleibt kurz davor stehen, um ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben. Man könne mich nicht mehr dazwischenschieben, drei andere warteten noch, und die Ärztin möchte schliesslich pünktlich in ihre Mittagspause. Die Rezeptionistin gibt mir einen Termin für nächste Woche, pünktlich sein, mahnt sie, die Ärztin sei da pingelig. Ich quittiere die Fahrradkomplimente der Schwester mit einem Nicken und gehe nach draussen, wo ich ein paar Minuten reglos stehe, im Kopf das helle Rauschen der Schlaflosigkeit. Dann radle ich davon.

III
Oh, it’s you again with your bike, sagt die Krankenschwester mit dem Mann und lächelt, und ich nicke stumm und schaue in die andere Richtung. Seit fünfundvierzig Minuten sitze ich jetzt hier, eineinhalb Stunden werden es insgesamt sein, ehe man mich ins Behandlungszimmer rufen wird. Vor zehn Tagen habe ich selbst entdeckt, dass das Absetzen meiner Bluthochdruck- und Cholesterinmedikamente die Nebenwirkungen erträglich macht, die Hölle zum Fegefeuer mildert, ich weiss gar nicht, weshalb ich eigentlich heute noch gekommen bin, warum ich denen die Gelegenheit gebe, mich warten zu lassen. Insult to injury.

One fourty over one hundred, Kai, sagt die Schwester. Sie sagt jetzt dauernd meinen Vornamen, weil ich mich unzweideutig übers Weggeschicktwerden beschwert habe. Ich durchschaue die quietschende Mechanik, aber es wirkt trotzdem. Hier gelte ich was, als Person. Hier darf ich sein. You need to talk to your primary doctor, we don’t want you having a stroke. Ja, nein, ich doch auch nicht.

Die Ärztin hat dem nichts hinzuzufügen. Mit meinem Hausarzt solle ich sprechen. Es tue ihr leid, dass man mich weggeschickt habe. Wieviel ich denn so Rad führe. Sieben Kilometer täglich! Das sei ja ganz schön viel.

Als die Tür hinter mir zufällt, sage ich halblaut Son of a Bitch. Ich fluche jetzt nämlich auf Englisch.

Wednesday, September 9th, 2009

Feed

Die Schlange an der Bäckertheke ist ungeordnet und ähnelt mehr einem Insektenschwarm als einem Reptil, wartende Menschen blicken auf wartende Waren. Ich stelle mich am Schwarmrand auf, hinter jemandem, der Lester Freamon aus The Wire ähnelt, hager ist und gross, dunkel, mit graumeliertem Dreitagebart. Nice Bike, sagt Lester, dann etwas Unverständliches und wie ein Automat erwidere ich Fahrradphrasen. I’m not in line, sagt er schliesslich und er macht eine Geste mit dem Arm. Ich bin zu ausgelaugt, mich zu wundern und trete einen Schritt weiter ins Schwarminnere, an ihm vorbei.

Nach ein paar Sekunden dann ein menschliches Geräusch von hinten. Can I ask you something? Hilfe will er. Sorry, sage ich. Kein Geld, sagt er, wolle er, ein Getränk vielleicht, oder etwas zu essen. Mal jemandem helfen, Aufstehen für ein besseres Morgen, ja warum denn eigentlich nicht?

Which kind of soda, frage ich, und er zögert mit Blick auf den Kühlschrank. Hungrigen Menschen Zuckerwasser geben, gluckert es in meinem leeren Kopf, ein feiner Wohltäter bist Du. What would you want to eat, frage ich in die limofeindliche Stille. Don’t matter, sagt er. Slice of pizza, sandwich, anything. Ich bin jetzt dran.

Die Frau hinterm Tresen ist unhöflich, eine Säule im Weg, der Verpassenstanz links und rechts ums Hindernis wäre womöglich lustig, wär mir nicht vor Müdigkeit alles gleich. Dieses Brot, jene Brötchen und eine von den kleinen Pizzas, sage ich endlich, ohne noch recht zu begreifen, wie es eigentlich vom No zur Kleinpizza kam. I’d rather not, don’t know what that is, sagt er. A turkey sandwich, maybe? und geht ein Stück die Theke rauf, ich folge ihm, ein fallender, leerer Sack.

Er bittet um eine Extratüte für sein Sandwich, das teurer war als der Lunch gewesen wäre, an dem ich heute sparte. I’m not giving you a shopping bag, sagt die Kassiererin feindselig zu ihm, und steckt es in eine Papiertüte, und ist gespalten in ihrer Verachtung für ihn und für mich. Ein vertrautes Gefühl stellt sich ein, letzte Energien verpuffen; ein Ruf, der sich tonlos in der Wüste verliert, ein Tropfen Tinte fällt in nachtschwarze See; es welkt Metaphernsalat auf Hasenbrot.

Thanks man, sagt Lester, I appreciate it. Er streckt mir die freie Hand hin, und ich will sie nicht ergreifen und ergreife sie doch.

Tuesday, September 8th, 2009

taost phulosophy

Strive to always fall on the bittered side.

Friday, August 21st, 2009

Unsere kleine Strasse



Andere Hunde,
andere Nachbarn,
selbe Strasse.

Die Familie von der anderen Strassenseite sitzt auf und um die Stufen unseres Gebäudes, als ich die Haustür öffne. Die beiden Teenager auf der Treppe rücken an den Rand, um mir und meinem Klapprad Platz zu machen, der linke hält einen kleinen Hund an der Leine. Unsicher, wie ich auf die sonderbare Belagerung reagieren soll, murmle ich einen Gruss. Die dicke Familienmutter, die in einem Faltstuhl vor ihren Kindern sitzt, erwidert neidisch “I bet that bike was expensive”, und sagt dann nichts mehr. Schnaufende Staunenslaute kommen von den Sitzenden, als ich in der drückenden, schwülen Hitze das Fahrrad entfalte. Der Bullterrier, den der stehende etwas ältere Mann an der Leine hat, sieht interessiert und freundlich zu. Dieses Tier hat den Mops eines befreundeten Paares, das damals im Haus wohnte, halb zerfleischt, die dicke Mutter sich trotz Gerichtsbescheid um die horrende Tierarztrechnung gedrückt.
“Have a good day”, sage ich, als ich losfahre, der Bullterrier geht zugleich auf mich los. Während ich aus dem Vormittagsschatten, den unser Haus spendet, in die grelle Sonne rolle, höre ich ihn noch ein paar Sekunden lang sich würgend in seine kurz gehaltene Leine legen.

Wednesday, August 19th, 2009

finite complaint

I am reading David Foster Wallace’s Infinite Jest, and I need to complain. If you haven’t read it, and plan to, don’t worry, I won’t spoil it for you. If you hate nitpicking, on the other hand, maybe do worry a bit, because I will pick nits. Three of them.

Overall, the book is fabulous so far (page 100), and I love the combination of low brow comments with language so erudite it often borders on the pretentious. This is a great stylistic game to play, and it is enhanced by esoteric factoids, partly made up, partly accurate. But for it to work it needs to stay on the light side of the pretentiousness boundary, and the author needs to be in control of the pieces of knowledge he’s throwing around. Now lets pick some nits.

Nit the first. In a discussion of the philosophical aspects of tennis, Hal’s father is cited, obliquely, as telling people about how a tennis move affords n responses, and how there then are 2^n responses to that move, soon spiraling into “a Cantorian continuum of infinities”. Now, firstly, the correct formula for this is n^2. Wallace might have done this on purpose – somewhat suggestive is the fact that the date of Cantor’s diagonal argument is given in the endnote as 1905 (Einstein’s two seminal papers came out that year) instead of the actual 1891. This is probably a purposeful mixup put into the mouth of the fictitious narrator to highlight the distant past-ness of it all – but if so, I fail to see the point of giving the wrong formula. On top of that, however, talking about a continuum of infinities is not quite accurate. The number of replies approaches the number of elements in the continuum only for games with countably infinite many moves, and any transfinity beyond that (the actual family of infinities Cantor discovered and Wallace alludes to) is unreachable by any tennis match. Overall, the passage sounds like a bit of finitely hot air to me, unlikely to come out of the mouth of an MIT educated polymath with an actual interest in Cantor.

Nit the second. When we first meet the assassin Marathe on the mountainside, he watches his shadow wander out in the setting sun toward the city of Tucson and, as the sun gets low enough, eventually reach it across the plains. This can not happen. A circular object of 20 cm diameter (a human head, say), has the same angular size as the sun (about half a degree) at a distance of roughly 22 meters (or yards). At distances greater than that, the object can no longer fully block the sun and casts no total shadow, or umbra. Moreover, the darkest point of the penumbra actually cast rapidly loses contrast and definition. At 44 meters, the darkest point will have 75% of the luminance of the surround, at 88 it’s up to close to 94%. A shadow of a human or anything smaller, cast by the sun and reaching out visibly for kilometers, is a physical impossibility.

Nit the third. Again concerning shadows, in that same scene: when the sun finally sets, Marathe sees his shadow return to him up the incline. This would happen with a rising sun, not a setting, and of course he’d have to face west, not east. If the sun were a point, the shadow cast out by a sunset would retain definition across large distances and grow longer and longer until it hits the advancing terminator and fuses with it. It would not shorten back toward the object casting it.

Is it sloppy writing and editing? Or a deliberate ruse to tick off obsessive compulsive physicists like me? It doesn’t really matter, because the book is still great, and these are tiny complaints.

Later Addition: The term Bröckengespenst Wallace uses for his fictional shadow is a) inappropriate, since a Brockengespenst is actually a shadow cast into fog or clouds, and b) has false diacritical marks on the o. This German spelling SNÄFÜ is in tune however with his german character later on calling his students “mein kinder”, which sports the wrong numerus of the possessive. “Meine Kinder” would have been correct. I’m leaning toward the sloppy writing hypothesis.

Thursday, June 4th, 2009

Das goldene Jäckchen

Der Flachbildschirm auf dem Bahnsteig zeigt einen Mann in einem goldenen Jäckchen. Er steht auf einer schwarzen Scheibe, die sich langsam dreht, im Hintergrund die Basketballkäfige an denen ich bis eben noch erst stand und dann lehnte. Hin und wieder guckt er in die Kamera und schmunzelt dann. Mein Zug kommt lange nicht.

Ein seltsames Gefühl im Magen. Enttäuschung, Schmerz, Wut; auf die Bazillen, auf M., auf mich selbst. Auf den Treppen zum Institut liegt ein totes Vogelbaby, den Kopf flach an den Stein gepresst, die winzigen Rippen stossen durch abgewitterten Flaum und Fleisch. Einen Moment lang verwechsle ich das Tier mit einer Metapher, dann schliesst sich die Tür.

Tuesday, June 2nd, 2009

ausgelernt.time := never;

“Du kriegst die Motten”, eine Redewendung, die bei mir im Kopf gleich neben dem mir lange ähnlich enigmatischen “bis in die Puppen” ihr Zelt aufgeschlagen hatte, scheint vordergründig weniger rätselhaft. Die Motten kriegen, Frass am Gewebe zeigen, Verfall, ausfransen, die Metaphern fliegen nur so, und die Bedeutung ist klar. Die Puppen, andererseits, sind so lange rätselhaft, bis man dann halt mal nachliest, dass es um die Statuen im Tiergarten geht, die man so nannte, und die einen ordentlichen Fussmarsch entfernt waren, sodass alles, was sich bis in die Puppen erstreckte ganz schön weit ging. Oder aber so ähnlich, selber googeln, wo samma denn.

Heute erfahre ich jetzt, das die nebenan hausenden “die Motten” eine volkstümliche Bezeichnung für die Tuberkulose sind, weil die Lungen auf dem Röntgenbild kammansichjadenken.

Na sowas.

Thursday, May 21st, 2009

Der Stand der Dinge

Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergrückens der Jersey City Heights. Vom Park an der Kuppe oben, ein paar hundert Meter östlich vom Tresen, an dem die Frau in der speckigen Schürze die Burger grillt, sieht man weit ins Tal des Hackensack und über die einst unpassierbaren Sümpfe hinweg, trübe Wasserflächen, gespickt mit den aufragenden Schloten von Kohlekraftwerken, Papiermühlen und Müllverbrennern, und mehrfach durchstrichen von Strassen auf Stelzen; Pulaski Skyway und New Jersey Turnpike erheben sich über den salzigen Riesentümpel der Meadowlands, seine dioxinverseuchte Flussbette, seine legendären verschnürten und versenkten Mafialeichen, umtanzen einander inmitten der toten Wasser, Verkehr geflochten zu einem rauchenden, blökenden Ornament auf bröckelndem, feuchtem Grund. Multimedia.

Vom Tresen aus sieht man nichts davon, der Blick trifft in alle Richtungen auf von Fassaden blätternde Farbe und geschundene Karosserien. Ausgebleichte Werbemalereien künden von den längst verschwundenen Mietern hinter den Fassaden, oder vielleicht auch nur von der Gleichgültigkeit des Fortdauernden gegenüber seinem Ausdruck. That ad up there? Fuhgetaboutit. Das riecht nach Klischee, nach einem dummen Scherz, der dem Scherzenden Gefühle einer Überlegenheit verschafft, die er nicht sich verdiente, aber obendrein reden die wirklich so hier. Vielleicht ist aber auch die Verwunderung über das bestätigte Klischee, dass die Geräusche aus dem stämmigen Trucker an der Burgertheke wirklich klingen wie ihr Abbild im Fernsehen, der eigentliche Scherz, auf Kosten des auf seinem Klappfahrrad in den Industrieverfall geradelten feinsinnigen Beobachters, der sich über den Zusammenhang zwischen Popkultur und ihrem Vor- und Abbild den Kopf zerbricht, während um ihn her die Welt in Brösel fällt.

Die Frau in der speckigen Schürze geht durchs UFO nach hinten, eine Art UFO-Wippe wohl, oder ein Mana-Wetterhäuschen, denn ein schmuddliges Oberlippenbärtchen reitet zugleich aus einem anderen Türchen nach vorne. Ob ich schon bestellt habe. Der Trucker sucht im Styroporbecher derweil seinen Kaffee, findet ihr, grunzt ihn an. Ich sei versorgt, erkläre ich mich, und mache eine vage Handbewegung speckschürzenwärts. Das ist dem Bärtchen nichts, und also dreht es sich kurzerhand einmal im Kreis, bewegt etwas auf der Theke vor ihm von hier nach da, und fragt mich so erfrischt von neuem nach meinen Bestellwünschen. Ich will nicht essen, sage ich, ich will ein Kleidungsstück. Bärtchen begreift jetzt, und geht wieder nach hinten, die Wippe knirscht, und es erscheint aus dem anderen Türchen wieder die Speckschürze und bringt das Gewünschte. Acht Dollar. Danke. Bitte.

Das White Mana Diner war das “Diner of the Future” auf der Weltausstellung 1939 in Flushing Meadows, und hier steht es jetzt in dieser Zukunft rum, die ihm doch gehören sollte, und speit mich in die ungebende Industrieruine, direkt auf mein Klapprad drauf, praktischerweise. Ich umfahre nun zunächst ein “Sidewalk closed”-Schild und zwei gelb-schwarze Absperrungen, stehe einen Moment insektenhaft vor dem quer über den Gehweg stehenden Führerhaus eines riesigen Sattelschleppers, der die Tankstelle verlassen will und des Verkehres wegen nicht kann, und umfahre schliesslich den ganzen langen Schlepper. Auf der anderen Schlepperseite ist alles anders, der Sidewalk jetzt wirklich und ernsthaft closed, grober Schotter knirscht, oder Geröll vielmehr, eine Baustellenendmoräne, dann Lehm, dann eine Reihe von Jerseybarrieren, ein Riesenkran, Metallmüll, ein gehsteigbreiter Bauzaun. Weltende. Damn.

Jerseybarrieren, so heissen diese Betonblockadeeinheiten wirklich; zwei Meter lange Betonmauern mit Spreizfuss sind das, entwickelt auf der anderen Seite der Heights, in Hoboken am Ufer des Hudson. Ein schöner Scherz des Weltgespenstes ist das, dass die hässlichen Steinklumpen, die überall in Amerika hässliche Highways noch ein bisschen mehr verhässlichen, ausgerechnet hier erfunden wurden. Die Sackgasse, in der ich stecke, wird von einer Reihe von Jerseybarrieren von der Fahrbahn getrennt, und die Fahrbahn von einer weiteren solchen Reihe von der Gegenfahrbahn. Zwischen mir und dem verlockenden urwaldgleichen Grünstreifen auf der anderen Strassenseite also: zwei Jerseybarrieren und ein steter Strom von Irren in ihren Irrenschleudern. Da ist nichts zu machen, Überquerung ausgeschlossen. Ich gehe in mich, grummle da ein bisschen im Dunkeln, und kehre dann um.

Der riesige Sattelschlepper hat sich eine Einfahrt weitergeschleppt. Wie eine ausserordentlich ungelenkige Schlange steht er staksig verdreht auf dem Parkplatz eines Motels, das Führerhaus schnuppert am Schlepperhintern, an allen Seiten blockiert Jerseygerümpel, und es geht weder vor noch zurück. Am Parkplatzrand steht eine Frau im leichten Sommerkleid, rosa der Stoff auf der dunklen Haut. Sie steht als wolle sie von dort beim Manovrieren helfen. Sie hilft aber nicht, steht nur so, und guckt dem Schlepper beim Krabbeln zu.

Endlich eine Lücke in den Jerseybarrieren, ich wechsle die Seite, balanciere das Rad auf dem endlich erreichten Seitenstreifen voller Grün, der aus der Nähe schmaler scheint und scherbenvoller, riesige Jerseytrucks blasen mir mit ihrem Fahrtwind Nervosität in Kreuz, dann endet auch noch der Streifen. Der Highway macht eine Kurve, kreuzt zwei andere Highways, Brücken und Rampen kommen einander in die Quere, ich lege mich ins Zeug, nur schnell durch durch das Gewirr aus grossen und sehr grossen Autos, am Rand der Fahrbahn, wo sich Kiesel, Sand und Scherben zu einem schönen, griffigen Belag verdichten. Die Ampel grün, hinter mir schon wieder ein riesiger Schlepper, vielleicht der aus dem Motel, der aufgegeben hat, ach nein, die Jerseybarrieren sind auch ihm eine Hürde. Bedrohlich näher rückt mir jetzt der fremde Schlepper von rückwärts, aber nur Meter trennen mich ja von der Einbuchtung hinter dem Brückenpfeiler, noch ein bisschen schneller die Pedale, das winzige Vorderrad rollt über Asphalt und Sand, nur ist das plötzlich gar kein Asphalt mehr, und nur noch Sand. Vorderrad bohrt sich in den weichen Grund und blockiert. Hinterrad weiss davon nichts und faltet sich unter mir leise maulend nach vorn, während Sattel, Rahmen und Fahrer sich aufwärts und strassenwärts heben. Reflexhaft hartes Zugreifen am Lenker, ein scharfer Zug in der Schulter und ich stehe über Treibsandgrube und Radfalte und werde von Hormonen geflutet. Endlos rumpelnd zieht links ein Sternzerstörer vorbei. Und noch ehe mir klar wird, was gerade beinahe geschehen wäre, ist die Gelegenheit auch schon wieder vorbei.