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Thursday, December 14th, 2006

Absturz

Als ich an diesem Morgen zur Arbeit komme, ist etwas nicht so, wie es immer ist.
Ist es das Licht? Das Wetter? Wurde einer der Bäume vor dem Fenster umgelegt über Nacht, vor seiner Zeit? Es dauert noch einen weiteren Moment, aber dann fällt es mir auf: Ken, der sonst kurz nach meinem Auftauchen die Nase aus dem Schloss steckt, ist nicht da. Beziehungsweise sein nasenförmiges Fischgewebe ist nicht da, um genau zu sein.
Ich öffne am Aquariendeckel die Klappe. Das geschieht stets nur, um Futter ins Kenbiotop zu werfen, was der kleine Racker auch weiss, und deshalb täglich mit geschwommenen Spiralen seine Freude ausdruckstanzt. Heute aber bleibt das Becken spiralenfrei und mir wird seltsam zumute.
Ich nehme den Deckel komplett ab, hebe das Schloss an und nehme es dann heraus, gleichfalls die Sonnenbrille. Ratlos und eine Spur dämlich spähe ich von unten in die lind schleimigen Fischmöbel, aber es ist nichts drinnen ausser eben Schleim. Im Becken aber ist jetzt nur noch blanker Kies.
In dem ich jetzt also wühle, den Fisch zu finden. Erst zaghaft und vorsichtig, dann mit allen Fingern zugleich siebe ich den Kies bis auf den Acrylgrund. Auch hier kein Fisch. Ich blicke mich nun völlig verdummt im Zimmer um und suche die versteckte Kamera oder den Kollegen, der feixend die Tüte mit dem Fisch hereintrüge und „Oktober, Oktober“ riefe. Andere Länder haben ja nämlich immer noch andere Sitten. Es kommt aber niemand.
Ich hebe das Aquarium an. Nichts drunter. Ich untersuche den Tisch. Nichts drauf. Ich gucke unterm Tisch. Fischfehlanzeige. Ich hebe das Aquarium nochmal an. Immer noch nichts.
An dieser Stelle schaltet sich in meinem sonderbaren Kopf erstmals die Logikmaschine zu. Wenn, so sagt die Logikmaschine, der Fisch nicht im Becken ist und nicht auf dem Tisch, und nicht unter dem Tisch, dann muss er woanders sein. Dankeschön, Logikmaschine.
Und so fange ich also an, auch an Stellen zu suchen, wo der Fisch gar nicht sein kann, auf meinem Kopf, in meinen Schuhen, in der Teetasse. Aber wenn ich ehrlich bin, stimmt das gar nicht, und ich versuche nur, dem traurigen Ende ein wenig Komödie beizumischen. Tatsächlich nämlich suche ich nur erneut unter dem Tisch, auf allen Vieren krabble ich, und sehe den vertrockneten Fisch dann unter dem Nachbartisch liegen. Ein arger Laut des Elends entringt sich mir.
Wie die Untersuchungen ergeben, hat der Schlauch, durch den das Aquarium belüftet wurde, den Deckel an einer Seite weit genug aufgehalten, um dem wild springenden Ken Durchschlupf zu gewähren. Vom Schlupfspalt dann sprang das Tier in die schmale Lücke zwischen den beiden Schreibtischen, und dann, zügig verendend, auf dem Boden unter den Nachbarstisch. Man möchte es sich gar nicht ausmalen, wie der Fisch mit brechenden Augen verschieden sein muss, die Flossen anklagend emporgereckt. „Warum?“ riefen die rissigen Lippen.
Offenbar springen Loache gerne in die Höhe, und Loachaquarien müssen deshalb fugenlos loachdicht gemacht werden. Erfahre ich jetzt, von meinem schizophrenen Freund. Ein wenig spät, schizophrener Freund, findest Du nicht?
Tschüss, Ken. Es war schön mit Dir.

Wednesday, December 13th, 2006

Stabilisierung

Findet man, so sagt der schizophrene Irre, der das Internet vollschreibt, in einem neuen Aquarium Nitrit, dann ist das ganz gut, es ist aber auch total schlecht. Gut, weil also Nitronella anwesend ist und das Wasser nitritifiziert. Schlecht, weil nicht ausreichend Nitrierchen die anschliessende Nitratifikation des Nitritifikats durchführen. Und tatsächlich weist der Indikatorstreifen auch keinerlei Nitrat aus, erkennbar wie je am bioeierschalfarbenen Quadrat.
Aber Zeit, die eindimensionale Schnepfe mit der schmutzigen Phantasie, pflastert alle Kratzer im Weltgefüge mit Schorf zu, und so ist denn auch nach noch ein paar weiteren Tagen und einem weiteren Ausflug ins Essigsaure das Nitrit in den Keller, das Nitrat auf den aufsteigenden Ast umgezogen, der Säurepegel stabil und die Krise endgültig und ein für alle mal überwunden, denn jetzt ist das Aquarium eingewohnt.
Die Barben kennen sich auch schon blendend aus, nur ganz selten verschwimmt sich mal eins, biegt hinterm Schloss zum Beispiel falsch ab, stösst unerwartet auf eine Pflanze und hängt dann verwirrt im Wasser wie Christbaumschmuck an der Zimmerpalme. Meistens nehmen die Tiere aber die richtige Abzweigung, stossen dann auf eine Pflanze und hängen verwirrt im Wasser, aber mit voller Absicht und also quasi planvoll. Die stille Würde der Natur wird hier nur übertroffen vom stillen Lächeln des Betrachters.
Wenn es aber Futter gibt, lässt der Fisch den Schabernack einen guten Mann sein – er versteht nichts von der Materie, weil er nicht in Worten denkt, sondern in Blasen – und tritt prompt zur Fütterung an. Eine kleine Wolke Fisch szintilliert erregt, nur hingeschrieben sieht das noch besser aus als im Aquarium selbst, und stürzt sich gierig auf die Flockenfragmente, die aus der Hand ihres GOttes auf sie runterregnen, oder runtererdeln, oder wie man das im Wasser nennt. Und dieser GOtt bin ja ich. Ein tolles Gefühl.

Sunday, December 10th, 2006

Die Algenpest

Kennen Sie den? Kommt eine Barbe in die Bierbar von Sevilla und sagt „einmal Haareschneiden bitte“.
Jetzt, wo die Stimmung gelöst ist und die Krawatten gelockert, können wir vielleicht mal ein ernstes Wörtchen reden, liebe Leser. Und dieses ernste Wörtchen, beziehungsweise Wort, es ist nämlich relativ lang, ist „Algenpest“. Na gut, nicht so lang wie „Ammoniakvergiftung“, aber immerhin.
Das Teuflische nämlich ist dies: jede Flocke, die ich arglos ins Wasser werfe, um die Fische frohlocken zu sehen, wird zwar erst gefressen, dann aber später, wenn ich nicht hingucke, wieder rausgekackt, und sodann von Nitronella und Nitrierchen zu Nitratpartikeln umgebaut. Aber damit hat der Irrsinn ja noch kein Ende: auf den Nitratpartikeln siedelt sich Algengen an, eine Substanz, die in der Lage ist, Algen hervorzubringen also, und bringt von da an unverlangt und wie aus dem Nichts Algen hervor. Vermaledeites Algengen!
Überall im Becken wuchert es nun braun daher, auf dem Schloss zuerst, dann an den Wänden, auf dem Heizstab, dem Sprudelschlauch, den Steinchen. Nichts ist der fiesen Alge heilig, auch auf den Pflanzen macht sie sich breit. Sogar auf den Algen selber wachsen Algen.
Das Internet, das ich natürlich sofort um Hilfe bitte, weiss auch nicht so recht. Mal rät es zur sofortigen Algenvertilgung, dann wieder sagt es, dass Algen Nitrat aus dem Wasser rausnehmen und im Austausch Sauerstoff per Chlorophyllese reintun, und dass man sie ruhig machen lassen soll. Schizophrenes Internet, wie charmant sind deine Ratschläge!
Ich halte mich dann auch prompt daran, lasse die Algen auf Schloss und Stein gewähren, schrubbe sie aber sorgfältig von den Fensterscheiben und den Pflanzen runter, mal hü, mal hott. Es ist zwar nicht gut, dass der Mensch oder der Fisch allein sei, aber die Pflanze schon. Die Chlorophyllese gelänge ihr unter einem Algenteppich nämlich nur schlecht, sie wäre dauernd abgelenkt.
Im Rahmen des bekloppten Sauberrubbelns finde ich dann übrigens auch die Antwort auf eine äonenalte Menschheitsfrage: Barben beissen. Es kitzelt aber mehr so.

Saturday, December 9th, 2006

Update

Rechts unten am Browserfenster geht, während ich einen Artikel über die Evolution des Altruismus lese, damit ich nicht für ein totes Projekt in Matlab programmieren muss, ein kleines Fenster auf, mit einer dunkelgrauen Wolke drin, aus der es regnet. „Berkeley – Light Rain“ steht drunter. Ich blicke auf und aus dem Fenster, und sehe nach einigen Sekunden die kleinen Tropfen im Gegenlicht.

Friday, December 8th, 2006

Pflanzenerwerb

Die heftige pH-Drift, so reime ich mir zusammen, liegt einerseits an der Ungepuffertheit unseres Leitungswassers, andererseits aber vor allem an der mangelnden Bakterienbesatzung der Wasserzone. Beidem abzuhelfen wackle ich guten Mutes zum Fisch-Fascho, denn schon sind die sieben Fische ja respektable sieben Tage alt, und also über den Sechstageberg oder Sechstagekrieg, und es ist keineswegs mehr eine Krise, sondern fischbewahrender Alltagstrott der mich jetzt zum Fachmann führt. Ein warmer Kokon aus Fischväterlichkeit umwölkt mich.
Kies ist schnell gekauft, mit puffernden Kalkbrocken drin. Pflanzen müssen nun her. Denn auf den Pflanzen seinen Wurzeln ihren Windungen wohnt Nitronella, im Geäst aber haust Nitrierchen und aus dem Äpfeln oder Beeren kann man lecker Suppe kochen, oder Kompottbrei. Verzeihung, ich besitze ein Fieber, von der Erkältung her, und weiss nicht ganz, wie mir ist. So ungefähr wird es aber schon hinkommen. Her jetzt mit dem Gewächs.
Ein Watt pro Gallone murmelt bedrohlich der karibische Fisch-Fascho-Assistent und wiegt das dreadlockige Haupt. Da gedeiht nicht viel, in einem Watt pro Gallone.
Ob er mich wohl richtig verstanden hat? Ich habe doch weder eine Gezeitenzone noch ein dekoratives Schiff in meinem Dings, Aquarium. Aber er ramentert schon weiter, zerrt hier ein Unkraut aus einer Kerbe, murmelt Unverständliches, zupft da ein Bündel Spinat aus dem Kies und schwenkt es bedenklich, wirft schliesslich noch eine grüne Wollmaus auf den Gemüsehaufen drauf („I’ll give you one of these for $2“, es ist schwindelerregend), steckt das ganze in einen Gefrierbeutel, und schickt mich fort.
Zuhause überlege ich kühn, dass eventuell vorstellig gewordene Nitriergeschöpfe ja längst im Altkies wohnen könnten, und mische also Altkies und Neukies ein wenig, lege also ein gehöriges Mischkiesparkett aus im Wohbecken, und versenke nun die Pflanzen drin. Oder vielmehr versuche es. Das ist gar nicht leicht, weil Wasserpflanzen absurderweise Auftrieb haben, weiss der Kuckuck, was das nun wieder soll. Überall gucken Wurzeln aus dem Kies und streben lampenwärts. Zudem umschwimmen Fische ratlos meine Finger, man wird nervös. Beissen Barben?
Vielleicht ist es ja grade diese Umkehrung der Verhältnisse, die luftwärts strebenden Wurzeln, die Wasserartigkeit der „Luft“ im Aquarium selbst, die in dieser „Luft“ fliegenden Vögel mit Flossen, dieser Zerrspiegel unserer eigenen Existenz, der uns das Aquarium so teuer macht. Wahrscheinlich sind es aber eher die 20 Dollar für ein schäbiges Gewächs, das man dann noch nichtmal richtig eingegraben bekommt, weil es lieber schwimmt als pflanzt.
Am Ende ist aber alles, wo es soll, ein Garten der Lüste. Säure im blauen Bereich.

Thursday, December 7th, 2006

Nager

Aus dem Fenster sehe ich den glatzköpfigen Nachbarn bei den Pflanztrögen sitzen, er telefoniert, während zwischen seinen Beinen ein Eichhörnchen nach Nüssen sucht, der gespielte Witz, der aus dem Wortspiel folgte, entfaltet sich vor meinem inneren Auge, während vor meinem äusseren der Nachbar aufsteht und das Hörnchen, winterfett und plüschig, unter dem Stuhl abwandert. Ich wandere auch ab, spät genug.
Die tote Ratte vor dem Apartment im ersten Stock ist verschwunden, dafür liegt eine vor dem Ausgang des Treppenhauses im Erdgeschoss, einen kleinen Blutfleck neben sich wie als Begründung. Der im ersten Stock fehlte der Kopf, Katzenwerk, aber diese hier sieht fast unversehrt aus.
Mein Rad liegt schräg über einem Dachständer im Fahrradkäfig, ich öffne das Schloss, und als aufblicke, sehe ich eine dritte tote Ratte mitten auf dem sonnigen Hof. „What the fuck“ sage ich wie ein einheimischer Rohrputzer.
Das Tier sieht unversehrt aus, nicht krank, aber auch nicht erlegt, und ich halte respektvollen Abstand.

Thursday, December 7th, 2006

Säuredrift

Die sieben Fische tummeln sich wie beinahe nur Fische sich tummeln können, nämlich in allen drei Dimensionen, unter Wasser und mit konstant leicht bescheuertem Gesichtsausdruck. Der Fisch kann nichts dafür, aber die Notwendigkeit zum ständigen Öffnen und Schliessen des Mundes hat ihn zu Recht zum Gespött der höher entwickelten Nasenatmer gemacht. Obwohl auch manche Fische ja riesige Nasen zu haben scheinen, das ist aber eine Illusion. Es handelt sich lediglich um Fischgewebe in Nasenform.
Die Sumatrabarben sind im Grunde lustige Gesellen, und damit meine ich, dass sie einander wechselseitig ununterbrochen durch die Gegend scheuchen, vermutlich um eine Hierarchie auszuwürfeln. Das Ergebnis ist unsichtbar, denn die Fische sind ein bisschen schwer auseinanderzuhalten, die grünen kann man zwar immerhin nach Grösse sortieren, Tall, Large und Grande zu Beispiel könnte man sie nennen, aber Namen halten leider nicht an Fischen, wegen der Schleimschicht, und das Gesindel saust anonym. Die gestreiften vier, andererseits, sehen alle komplett gleich aus, Klone eines einzigen Daltonbruders, nur einer hat einen kleinen schwarzen Fleck an der Seite, zwischen zwei Streifen. Aus dem kann noch mal was werden. Die anderen drei hingegen sind tumber Fischmob, Hooligans, die einander auf die Nasenartigen hauen. Da, schon wieder.
Täglich messe ich jetzt brav den Säurepegel, sowie Nitritraten und Nitratraten, weil die Worte so lustig sind. Die beiden mit N sind nicht weiter schwer, man hält nur ein Stück Plastik ins Wasser und liest nach ein paar Sekunden die Farbe ab, und weil bislang weder Nitrit noch Nitrat im Wasser sind, bleibt der Streifen makellos weiss. Beziehungsweise makellos bioeierschal, also mit so einem winzigen Brauntönchen.
Anders die Säuremessung. 5 Millilililiter [sic?] müssen aus dem Becken gezogen und in einem Glaszilynder [saec?] deponiert werden, dann drei Tropfen Titrationslösung draufträufeln, und schon bildet sich eine Farbe im Zylinder [soc!]. Die Farbe entspricht einer Zahl, die Zahl einem Wort, das Wort einer Konzentration, die Konzentration einer Anzahl von kleinen Krümeln und die kleinen Krümel einer Säure, eine semiotische oder semantische oder seminautische Kette, die zuletzt von „hellblau“ zu „kerngesund“ führt.
Oder jedenfalls führen sollte. Kaum messe ich mal einen Tag lang nicht, aus Fischmüdigkeit, schon ist der Zylinder gelb statt blau, und die Skala zu nichts mehr zu gebrauchen, weil gelb an ihrem unteren Ende steht, und also auch Königswasser gelb angezeigt würde, physiologisch und demokratisch korrekt.
Ich wechsle Wasser im Becken, bis der Zylinder zurück auf blau rotiert, und rechne mir am Ende aus, dass das Becken wieder weit in die Todeszone gedriftet war. So gehts doch nicht weiter.

Wednesday, December 6th, 2006

Dude

Während ich den selbstgestrickten Schal doppelt um den Hals geschlungen mich am rechten Strassenrand, in T-Shirt, Hemd und Winterjacke dennoch ein wenig fröstelnd, den Berg hinauftrete, saust er, in diagonalen Bremslinien, aber trotzdem schneller, als mir lieb wäre, wäre ich er, bergab, die welligen langen Haare wehen, im T-Shirt auf dem Skateboard und am Telefon, entgegen der Einbahnstrasse.
Ich warte auf Bremsgeräusche von hinten, aber’s bremst nicht, bremst nicht, bremst nicht.

Tuesday, December 5th, 2006

Fischwunder

Sumatrabarben nun also. Winzige Karpfen, mit anderen Worten, zwei gestreift, zwei Melanisten, deren Schuppen aus Überzeugung mal blau schimmern, mal grün, und mal gräulich, je nachdem, wie. Sie schwimmen auch einen Tag später noch munter durch die Gegend, und der frühmorgens eilig durchgezogene Wassertest zeigt Säurewerte im grünen Bereich. Das Attraktive an Hobby ist ja glaube ich, dass man so unglaublich klug daherreden kann, wenn man eins hat, darum habe ich das immer gehasst, und darum habe ich jetzt vermutlich eins. Obwohl ich mir das längst noch nicht eingestehe.
Nitrinella und Nitrierchen heissen im Wortlaut, das habe ich jetzt kürzlich aus der Tagespresse erfahren, Nitrosomone und Nitrospira, die einen machen Nitrit, die anderen räumen es wieder weg, und wenn die beiden nicht anwesend sind, macht eben jemand anders den Job, aber viel schlechter. Organischer Zerfall in einem nicht komplett eingewohnten Aquarium, belehrt mich die Tagespresse, kann zu allen möglichen Unfällen führen, besonders aber in wenig alkalogepuffertem Wasser eben auch zu wilden Schwankungen des pH-Wertes. Ich begreife das zwar immer noch nicht recht, nehme aber zur Kenntnis, und so in Wissen und Wirkungsmacht gestärkt macht die Kapazität unseres Aquariums natürlich gleich einen fühlbaren Sprung, und es müssen also noch drei Barben her, eh die anderen vier sich eingewohnt haben oder verwelkt sind.
Heute ist Sonntag, deshalb hat der Fischmann frei und kann seinen Mundgeruch spazierenführen, während der Fischmannneffe im Laden stehen muss und Fische verkaufen. Mut- und spannungslos, fast schon defätitstisch, rührt er jetzt mit seinem Netz im Becken, die Fische gehen freundlich immer genau da hin, wo das Netz nicht ist, vermutlich, weil sie denken, dass er Platz braucht. Für mich als Käufer sieht das etwas vertrackt aus, weil der Fisch ja im Netz drin sein muss, damit er als gefangen gelten kann, aber überraschenderweise ist es für den Neffen offenbar ganz genauso vertrackt, denn er rührt wohl zehn Minuten lang unter Ausstossen gelegentlicher milder Seufzer, im Wasser rum. Dabei wird er natürlich auch, seinem Alter entsprechend, zunehmend ungeduldiger und hektischer, die Fische lassen sich nicht lumpen und ziehen nach, und bald ist ein respektables Duell zwischen Neffe und Geschöpfen im Gang, peitschend schnellt das Netz durchs Wasser, panisch wiederum saust der Fisch. Ich stelle mich auf Fischmus in Tüten ein, aber dann geschieht doch noch eine wundersame Fischverminderung im Becken und er schnappt sich zwei gestreifte und einen Melanisten. Halleluja, selig die Fischfänger.
Zu Hause bange Sekunden: wird den neuen das Pausenbrot gestohlen werden? Werden Sie rumgeschubst? Schwer zu sagen, leider, dann kaum sind sie frei, kann man sie von den anderen vier schon nicht mehr unterscheiden.
Sieben Fische sollt Ihr sein. Und seid Ihr jetzt ja auch. Tollo.

Tuesday, December 5th, 2006

Gesundheit

Aus einer U-Bahn-Station in der Innenstadt von San Francisco zu kommen ist für Landeier aus Berkeley etwas Besonderes, die Aufwärtsbewegung auf der Roll- oder der Steintreppe setzt sich in den angrenzenden Hochhäusern weit in den Himmel hinein fort und schafft sofort direktes Wohlbefinden; anders als der organische Bodensatz aus Menschen und Schicksalen mit seinen Grautönen.
Jetzt gehe ich den Weg umgekehrt, die Banktürme bleiben zurück. Die Säulen auf der Eingangsetage sind sämtlich mit Mammutbaumrindenpostern beklebt, eine Waldattrappe. Unten auf dem Bahnsteig dann hängen dort wo sonst Medien und Konzerne bunt um Aufmerksamkeit buhlen, grosse, leere Plakate, drei in Folge, auf dem vierten dann „We thought you could use a break“. Die ganze Station ist für diese schlichte Kampagne aus Botschaften angemietet, Aquarien senken den Blutdruck, Optimismus verringert Alterskrankheiten, Lachen stärkt das Immunsystem, in simplem Blau und Grün. Die Fürsorge der Krankenkasse, die diese Kampagne in Auftrag gegeben hat, überwältigt mich, und weinend stehe ich auf dem Bahnsteig, eine offene Wunde in der Grossstadt.