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Nature



Wednesday, March 7th, 2007

Negative Bilanz

Aber alles Gute, Schöne, Wahre, so strahlend und funkelnd es auch ins Haus geliefert wird, und so proper es dann auch auf der Fensterbank steht, oder neben dem Kühlschrank, bringt immer auch die Drohung seines eigenen Unterganges mit, und ein eingebautes Verfallsdatum, eingedruckt am Deckelrand oder dem Becherboden. Man muss nicht an Metaphysik oder Vorbestimmtheit glauben, um zu sehen, dass alles, was entsteht, auch wieder zugrundegehen wird, ganz egal, wie wert es uns während seiner allzu kurzen Existenz geworden ist.
Natürlich hilft dieses abstrakte Wissen im Einzelfall einen Dreck, aber man kann sich wenigstens nicht darauf herausreden, von dergleichen nichts gewusst zu haben, als man in böser Vorahnung am Schloss zupfte, weil der Cichlidenmann nicht herauskommen wollte und so aus der Verantwortung stehlen, oder das geprellte Opfer geben. Die Anschaffung von Fischen, soviel ist klar, beinhaltet nicht nur eine bunte Schau und fröhliches Geschwimme, sondern auch deren körperliches Ende, die Entsorgung des Leichnams eines Liebgewonnenen Freundes, ach, nein, das ist nun interessanterweise auch wieder Quatsch.
Denn wo noch vor Monaten jeder tote Fische als kleines, trauriges Wölkchen ins Seelenbecken umsiedelte, ist der dann wie erwartet tatsächlich tot im Schlossinneren driftende Prachtbarsch zwar ein Anlass zur Melancholie, aber tiefe Anteilnahme will sich nicht recht einstellen. Um die anderen Fische nur besorgt sehe ich mich um, durchstöbere im Sturm alle Winkel und Pflanzen, und finde dann leider tatsächlich noch einen weiteren toten Fisch vor, eine Barbe.
Der Rest der Belegschaft erfreut sich bester Gesundheit, und wo die Seele, kalt und grau geworden, sich um die verendeten Hausgenossen nicht mehr Sorgen mag, übernimmt der Verstand die Regie und bemüht sich um einen Kurzfilm über das Fischsterben. Denn, so sagt sich der Verstand, wenn wir nur begreifen und komplett durchleuchten, wie es dazu kommen konnte, dann können wir kommende Generation vor dem Schlimmsten bewahren. Ein derartiger Idiot nämlich ist der Verstand.
Die Barbe, das ist immerhin schnell ermittelt, ist eine aus der ursprünglichen Besatzung, und also ein Augustusopfer. Mit angegriffenen Flossen und eingefallenen Flanken sah der Fisch seit Tagen schon mehr tot als lebendig aus. Hier also ist nichts weiter zu befürchten, individuelle Siechheit ist nämlich nicht ansteckend, zumindest stelle ich mir das so vor.
Der Purpurprachtbarsch andererseits erfreute sich bester Gesundheit, ein Purpurprachtkerl von einem Fisch war das, und nun, weh, ist er tot. Weshalb aber? Ein furchtbarer Verdacht schlüpft aus winzigen Eiern und nistet sich ein; aber ich greife vor, und das soll man nicht.
Wo wir aber grade von Eiern reden: einige der Pflanzen hatten wohl wirklich Eier draufgepappt, denn wie aristotelisch aus dem Urschlamm herausgezeugt krabbelt nun zielstrebig ein winziger und noch ganz neuer Schneck übers Gemüse hin, ein Hoffnungsschimmer, ein Zukunftsfunke. Oder was.

Monday, March 5th, 2007

Deckelbau und Viehzucht

Die meiste Zeit des Tages, und vermutlich auch die halbe Nacht, sind die Schwertträger damit beschäftigt, grünen Schmadder von Pflanzen, Scheiben und Fischen zu zupfen, im Schwertträgerinneren atomar zu verdichten, und sodann als Weltbaustoff und Grundsubstrat allen Seins wieder auszupressen. Man möchte eine Werbekampagne unter Wasser schalten, auf der dann ein grünbewölkter Erdball zu sehen wäre, mit der Bildunterschrift „Hoffentlich ist es Schwertträgerscheisse“, dieser selben Welt zur Mahnung und Warnung, käme eine solche Kampagne nicht andererseits gründlich zu spät. Hochgerechnet auf die Grösse der Welt lässt nämlich die Beobachtung der Kackwurstzahl aus nur drei winzigen Schwertträgerhintern kaum Spielraum für Alternativtheorien. Das Periodensystem wird umgearbeitet und schwer vereinfacht werden müssen, das einzig verbleibende Rätsel dieser Elementwissenschaft der Zukunft wird sein, woraus denn eigentlich die Sonne gemacht ist. Aber vermutlich leben da oben halt auch Schwertträger und kacken Licht.
Hin und wieder nehmen die Fische aber eine Auszeit vom Dauerkack, und dann stehen sie schräg im Strömungstrichter, obwohl gar keine Tubifexschleuder installiert ist, wedeln ein bisschen mit den Schwänzen und schwimmen offenbar in Gedanken stromaufwärts. Gegen den Strom schwimmen, sagt das Internet, ist eine Lieblingsbeschäftigung des Schwertträgers, gegen den ewigen Strom des Nichts setzt er daher zum Beispiel einen Strom grüner Würstchen. Und hin und wieder, das sagt das Internet auch, springt der Schwertträger aus dem einen Fluss, um dann in einen anderen zurückzufallen (Heraklit), oder beziehungsweise auf den Wohnzimmerteppich, in unserem Fall. Das kommt natürlich nicht in Frage, und es muss also ein Deckel auf den Fischtopf, ehe ein Unglück geschieht.
Der Fisch-Fascho führt, wie sich herausstellt, keine Deckel, und beim Mundgeruchmann soll ein Deckel mit eingebautem Licht doppelt soviel kosten, wie „Jason“ fürs Becken selbst verlangt hatte. Das ist ja nun Quatsch, Herrschaften.
Stattdessen lasse ich vom Chinesen ein Stück Acrylglas zuschneiden, säge mit meinen eigenen Sägehänden zwei Öffnungen für Futter und Filter hinein, ein Klappdeckel wird elegant mit Duck-Tape in einer der Öffnungen festgeklebt, fertig.
Duct-Tape, so die populäre Mär, eignet sich für beinahe alle Verrichtungen des täglichen Lebens, und für beinahe alle denkbaren Reparaturfälle besser als andere Mittel und Wege. Warzen zum Beispiel gehen mit Duct-Tape besser weg als mit Medikamenten oder nächtlichen Ritualen. Nur zur Reparatur von Leitungsrohren, wovon das Zeug seinen Namen hat, eignet es sich angeblich gar nicht.
Ob die ein wenig billigere Nachbauvariante, die ich aus Versehen vor Jahren gekauft habe, und die ich seitdem wie einen Aukapfel oder etwas anderes sehr kotsbares hüte, sich also zur Reparatur von allem ausser Enten eignet, wer verfügte über die Weisheit, diesem Gedanken hinterher zu gründeln. Aquariendeckel jedenfalls, und darauf kommt es doch an im Leben, sind fürs Entenband kein Problem.
Und die Fische wieder mal gerettet. Das war knapp.

Wednesday, February 28th, 2007

Die Zerbrechlichkeit der Ottos

Seit dem sinnlosen Tod der schwangeren Ottofrau ist das Wasser nicht mehr so fröhlich, sind die Pflanzen nicht mehr so grün, ist der Kies nicht mehr so lehmig wie vorher. Oder vielleicht ist das auch Quatsch und findet nur in meinem Kopf statt, jedenfalls aber herrscht ein Missstand und will behoben sein. Auf also zum Fisch-Faschisten. Der mir auch willig zwei Ottos aus dem Wasser klaubt, unter hingeschnaubtem „four bucks a piece“, das soll wohl heissen, dass er es ein bisschen unter seine Würde findet, für Kleingeld sich die Hände nass zu machen. Aber deswegen ist er ja auch Faschist und ich nur Kunde.
Zuhause werden die beiden Ottos dann wie schon gewohnt im Wasser festgeschraubt, springen auch sofort munter durch die Fluten und nagen am Grünzeug. Hin und wieder guckt der Cichlide mit dicken Lippen aus dem Schloss, der Schwertträgermann jagt die Schwertträgerfrauen, die Barben kegeln durcheinander, die Hunde stecken die Schnauzen überall rein, es herrschen also im Ganzen eitel Harmonie und tierische Triebhaftigkeit zugleich, und das alles auch noch unter Wasser und fast ganz ohne Luft.
Fast, weil die mittlerweile zügig anwachsenden Pflanzgebirge jetzt die Photosynthese entdeckt haben, und sich mit ihrer Hilfe sehr nützlich machen. Aus deren Blättern quillt an der Unterseite nämlich aus unsichtbaren Mikrofeinporen eine silbrig schimmernde Substanz in Bläschenform, die nach dem Aufsteigen aus dem Becken von Luft gar nicht mehr zu unterscheiden ist. Diese neuerschlossene Sauerstoffquelle wird die Lebensqualität in nie gekannte Höhen treiben, sowohl innerhalb des Lebensraums Wasserwürfel als auch sicherlich ausserhalb in unserem Wohnzimmer, dem Lebensraum Luftwürfel also. Vielleicht verbrennt das Teelicht, das zur Abendstunde flackernd die Stube erhellt, auch ein Quantum Pflanzenpups und fügt sich also nahtlos in unser Kleinsttadtbiotop ein. Atmen vielleicht auch die Ratten Pflanzenabfall in ihren kleinen Rattennasen? Ein schönes Gedankengebäude.
In das nun aber auch schon wieder der Tod Einzug hält. Einer der neuen Ottofische hat den Umzug nicht überstanden und dümpelt am anderen Morgen demonstrativ verstorben im Gewässer. Dem anderen gehts aber soweit gut, keine Sorge, und der eine da, der schläft auch bloss, ja, lass mal, der schläft nur. Komm, Leser, wir decken ihn schön warm zu. Mit Schweigen.

Tuesday, February 27th, 2007

Die Tubifex-Schleuder

Wenn man sich verantwortlich fühlt für irgendwen oder irgendwas, oder in Zuneigung zugewandt, dann äussert sich das unter anderem darin dass man Gegenstände, denen man während der täglichen Verrichtungen so begegnet, andauernd darauf ableuchtet, ob sie dem Schutzbefohlenen wohl gut zu Gesicht stünden, oder schmeckten, oder ob sie sich in dessen Sammlung kurioser Kleinigkeiten wohl gut ausnähmen.
Nun fragt man sich natürlich auch als Aquarienbesitzer nicht dauernd, ob was man grade jeweils so sieht wohl den Fischen schmecken würde. Bei vielen Dingen des täglichen Gebrauchs hätte diese Frage ja auch gar keinen Sinn. Barben fressen keine Autobusse, Hundefische mögen keine Katzen, und Katzen kein Wasser, Katzen verfüttern geht also sogar doppelt nicht.
Wenn man aber vor dem Tierfutterregal steht ist diese Einschränkung aufgehoben und fällt weg, und man kann sich ungehemmt paradiesischen Fütterfantasien hingeben. Farbverstärkerflocken! Sinkende Pellets! Algenoblaten! Mehlwurmmadenpulver! Es ist ein Büffet der Schlemmerei und der sündhaften Sinneslust, verpackt leider in intensivfarbige Plastikdosen, aber immerhin.
Diesmal greife ich, von der wilden Barbe gebissen, oder jedenfalls durchs an die in einem Aquarium lebende Barbe Denken beeinflusst, zu einer hochaufragenden durchsichtigen Plastikdose voller Würfel, die zwar trügerisch fast genauso aussehen wie Rohrzuckerwürfel, bei denen es sich aber sozusagen im Gegenteil um getrocknete Würmer handelt. Im Gegenteil heisst hier soviel wie dass man diese Würfel lieber nicht in eine schöne Tasse Earl Grey Tee werfen sollte, es sei denn man ist ein distinguierter Fisch. Aber dann rümpft man vermutlich über parfümierten Tee das Nasengewebe.
Ins Aquarium kann man diese Tubifex-Würfel andererseits ganz gut werfen, beziehungsweise, folgt man dem Packungsaufdruck, muss man den Wurmbatzen ja gar nicht werfen, sondern weit unterhalb der Wasseroberfläche an die Scheibe drücken, und da klebt er dann, den Fischen zur Freude. Das klappt auch ein paar Sekunden lang ganz gut, dann gewinnt der in den Würmern enthaltene Auftrieb Oberwasser und der Würfel steigt. Ein lustiger Kniff der Strömungsverhältnisse zwingt jetzt den vom Fischmob eifrig verfolgten Wurmklumpen in einen sozusagen stationären Orbit, ein Wurmloch im Strömungsgefüge. Direkt neben der Stelle, an der das gefilterte Wasser in einer Kaskade zurück ins Becken platscht wird von diesem abwärtsführenden Sog ein Strömungstrichter erzeugt, dessen vertikale Komponente vom Wurmauftrieb kompensiert wird. Die unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten auf der dem Filterwasserfall zu- und abgewandten Trichterseiten sorgen für eine Rotationskomponente, und also purzelt nun ein Batzen Würmer wie ein kleiner Planetoid im Wasser, ein stationärer Trojaner, der beim Zerfallen kleine Wurmraketen entlang der Strömungslinien verschiesst, ein Feuerwerk für Fische. Mei is des schee.

Monday, February 26th, 2007

Ottoeier

Jetzt wohnen also in diesem Ding da, das praktisch über Nacht in unser Wohnzimmer gestellt wurde, drei Schwertträger, zwei Cichliden, drei Otocinclus, drei Corys und zehn Barben. Einundzwanzig Fische, mit anderen Worten. Eine kleine Armee. Eine Invasion. Eine Enklave.
Innerhalb der Enklave herrschen schon wenige Tage nach dem Einzug klare Hierarchien. Unter den Barben regiert Augustus mit eiserner, nun ja, Flosse, übergeordnet die Schwertträger, denen jede Barbe ohne Widerstand weicht, noch eins drüber die Cichlids, Schwimmkünstler, Denkkönige, Beckenmeister, das Männchen hat sich das Schloss gekrallt und residiert dort, zurückhaltend und würdevoll, endlich ein richtiger, bunter König in diesem verwarzten Algenpalast, sein Weibchen paradiert auf und ab, krümmt sich lasziv, wann immer das Männchen guckt, ein munteres, verderbtes Treiben.
Und unabhängig von dieser Hierarchie, dieser Fischpyramide, leben vor sich hin die Ottos und die Corys. Die Corys taumeln wie schwerfällige Riesenschnauzer durch die Vegetation, dick, ungelenkt und mit einem zitternden, regen Schnurrbart unter dem gutmütigen Gesicht, kleine Hunde, die im Unterholz stöbern, eine tiefe Bassstimme hätten sie, wenn sie eine Stimme hätten. Und dann die Ottos, kleine Haie, immer auf der Jagd nach einem schmierigen Algenfilm, erbarmungslose, lautlose Killer. Oder jedenfalls Sauger und Nuckler. Erbarmungslose, stumme Sauger und Nuckler. Niemand kümmert sich um diese Bodenbewohner, und sie kümmern sich um niemanden. Nur Augustus stellt mitunter einem Coryhund nach, aber nach wenigen Sekunden wird ihm das stets langweilig und der Hund trottet weiter, woanders bellen oder wühlen.
Statt seiner kommt jetzt ein Otto vor der Kamera vorbeigeschwommen und presst den dicken Bauch gegen die Scheibe und mir quasi direkt ins Gesicht. Und was sehe ich da im dicken Bauch? Kleine gelbe Kügelchen. Ottoeier. Und als hätte meine Entdeckung des Eiersegens dafür gesorgt, fängt nun Frau Otto auch an, den Ottokaviar rauszupressen, Ei um Ei. Bilder von Rissen in winzigen gelben Kugeln, winzigem Ottonachwuchs der das Ottogesicht aus der Eischale steckt und lachenden Ottokinderschwärmen tanzen vor meinem inneren Auge, während die Fischin vor meinen Augen den Geburtstanz tanzt. Noch ein Ei, und noch eins, presst sie sich mühsam ab, es sieht ein bisschen aus wie ich mir das bei Menschen vorstelle, jedenfalls ideell und abstrakt stimmt das ein kleines bisschen. Jetzt schwimmt sie an die Oberfläche, ein wenig Luft schnappen vielleicht in der Gebärpause, und bleibt dann reglos dort hängen. Oder vielmehr leblos, denn Frau Otto ist soeben, beim Eierlegen, vom Blitz getroffen worden und jetzt tot. Die Eier aber holen die Barben.
Wer fragt, wo die Natur denn ihren Stachel habe, hat wohl nicht richtig hingeguckt.

Friday, February 23rd, 2007

Rot sehen, grün gehen

Vor dem kürzlich neugebauten Bibliotheksgebäude der Musik-Fakultät, das niemand mag, weil die Winkel nicht alle recht sind, und es den Blick auf das andere Gebäude versperrt, das den Blick aufs Golden Gate versperrt, plante der Architekt Bodendecker hin, im selben Grünton wie die wanddeckenden Schindeln, eine optische Harmonie, ein Dreiklang, grün, grün, rot, denn die Bodendecker tragen kleine Beeren, knallrot, und viele davon.
Über einer dieser Beeren schwebt etwas grösseres rotes, das metallisch im Sonnenlicht blitzt – eine Kolibrikehle. Der ansonsten grüne Vogel schwebt in exakten, kleinen Schritten über die Pflanzen, ein Scanpath, und sieht sich jede einzelne Beere aus der Nähe an. Nach etwa zehn entscheidet er, dass man ihn hier zum Besten hält und wohl doch keine Blüte in all dem Gewimmel versteckt ist, und verzichtet auf die weitere Inspektion. Quer über den Weg ein grünes Geschoss, ein metallischroter Blitz.

Friday, February 23rd, 2007

Schwertträger

Als nach zwei Tagen wie vorhergesagt die Schwaden sich legen und die Umrisse vereinzelter Gegenstände sich aus dem Lehmsturm schälen, müssen nun wohl oder übel die Pflanzen eingesetzt werden. Das muss schnell geschehen, denn der Einpflanzvorgang selbst wird so viel Lehm aufwirbeln, dass man schon von aktivem Verbergen des Grünzeugs sprechen muss, Salatversteck. Ich beeile mich also, muss aber trotzdem nach der Hälfte der Pflanzen wiederum blind Wurzeln in Lehmkies stopfen. Bilder einer grotesk fehlbepflanzten Unterwasserlandschaft vor dem inneren Auge, zupfende Barbenmünder am Unterarm – sehen die Biester also selbst unter diesen fischfeindlichen Umständen noch und verschlängen mich, wenn sie nur könnten? – es ist eine Art kleine Krise und macht jedenfalls viel Dreck.
Zum Glück ist die wirkliche Welt kein Aquarium. Niemand könnte sonst dem schönen Rat folgen, in der Stunde der Not noch rasch ein Apfelbäumchen zu pflanzen, ohne dabei die ganze Nachbarschaft mit Dreckschwaden einzunebeln. Und dann sähe man das Bäumchen ja gar nicht mehr. Zudem würde ein Apfelbäumchen unter Wasser ja auch verfaulen. Da ist es schon besser so, wie es ist.
Im Becken verziehen sich drei Tage später erneut die Schwaden, und es ist wider Erwarten gar nicht alles komplett fürchterlich. Nur hier und da muss eine Wurzel weggesteckt und ein Strunk geradegerückt werden, aber im Ganzen wäre alles ganz proper, sähe es nicht einem Modell der Todeszone rund um Tschernobyl so ähnlich. Pflanzen mit einer millimeterdicken sozusagen radioaktiven Staubschicht überzogen, Menschen mit Flossen statt Armen und schuppiger, gestreifter Haut, und mitten in all dem Wahnsinn ein absurdes Gebäude.
Leider ging mir mitten im schmutzigen Pflanzrausch das Grünzeug aus, und also gähnen ausserdem lehmige Leerstellen in der verwüsteten Pflanzendecke. Das immerhin ist halb so schlimm, denn ohnehin sollen ja noch mehr Fische herbeigeschafft werden, da können dann ja auch Pflanzen mitkommen. Von der Anschaffung zuvieler Fische auf einmal riet Patrick ab, wegen drohender Überkackung, wenn ich das Fachchinesisch richtig gedeutet habe, aber jetzt ist ja schon eine Woche vergangen, und es kann also weitergehen mit dem Irrsinn.
Drei Schwertträger (Xiphophorus helleri) werden diesmal selektiert, lebendgebärende Zahnkarpfen mit hinreissend beklopptem Gesichtsausdruck und einem orangenen Röckchen an, die in Windeseile das Becken mit ihren Jungfischen zupflastern sollen. Ausserdem noch irgendwas Grünes, diesmal was mit grösseren Blättern.
Dass das alles mittlerweile industrielle Ausmasse annimmt, ist mir übrigens noch nicht aufgefallen.

Thursday, February 22nd, 2007

Lehmexplosion

Alles erzählte er mir freilich nicht, der Brite mit dem Wollhut namens Patrick. Also der Brite hiess Patrick, nicht der Wollhut, aber das wisst Ihr ja. Er erzählte mir, dass Edelstahlionen und Sondermetallteilchen sich selbst am Lehm festschrauben, und der Lehm dann wiederum mit dem Wurzeln Sex hat, und dabei kommen dann Pflanzennährstoffe raus. So ähnlich jedenfalls, eine Schweinerei sicherlich, aber eher im übertragenen Sinn. Ausserdem erwähnte er auch noch, dass das Lehmsubstrat eventuell ein klein wenig Wölkchen verursache im Wasser, aber man könne es ja waschen, bevor man es ins Becken gebe, dann sei das nicht so schlimm. Und nach ein paar Tagen seien die Schwebeteilchen dann auch ratzputz weg.
Kein Wort davon, dass nicht der schamlose Wurzelsex, sondern diese Lehmhaftigkeit des Lehms die eigentliche und durchaus bodenlose Schweinerei beim Aquariumbepflanzen vorstellt. Als ich nämlich den Lehmbatzen im Badezimmer in eine Schüssel gebe und dann Wasser draufgebe, explodiert die Welt und zerfällt in eine schmierige Lehmwolke, die durch Kapillarkräfte oder subnukleares Lehmtunneln in Windeseile die gesamte Badewanne einnegert. Das wiederholt sich noch zweimal mit neuen Wasserladungen, und allmählich schwant mir was, aber das ist kein weisses Schwanen, sondern ein dunkelbraun klebriges. Nicht zuviel waschen, hatte Patrick nämlich auch geraten, und einerseits ist zwar nach drei Waschgängen nicht merklich weniger Dreck in der Schüssel, aber so erheblich viel mehr Dreck in der Badewanne, dass mir um die Pflanzen und ihren Wurzelsex bange wird. Aber wenn ich diesen lehmige Mist ins Becken kippe, sterben die Fische ja auf der Stelle an Blindheit, das ist wiederum auch klar.
Aber ich bin ja pfiffig, und stecke also den Schmierbatzen zurück in seine Tüte. Diese Tüte werde ich dann geschlossen im Becken versenken und vorsichtig Brocken um Brocken das Substrat rausklauben, dabei sorgfältig alle Bewölkung des Wassers vermeidend. So wirds also gemacht, erst setze ich die neue Fischherde im Wasser aus, dann wird die Tüte versenkt, und Stück um Stück der Lehm herausgenommen und im Aquarium deponiert. Und tatsächlich gelingt der Plan ein klein wenig, denn erst nach der dritten Handvoll ist das Becken tatsächlich so restlos mit Lehmwolken zugenebelt, dass man die Fische auch dann nicht mehr sieht, wenn sie direkt an der Scheibe vorbeischwimmen.
Im Blindflug verteile ich also das Substrat am Beckenboden so gut es eben geht, und für die nächsten drei Tage ist das Aquarium dann ein düster glimmender, 120 Liter mächtiger Lehmblock. Gelegentlich schwimmt dunkel ein Schatten, und verschwindet wieder in der Tiefe des Drecks.

Tuesday, February 20th, 2007

Aufstockung

Fischfascho und Mundgeruch, beiden ist, das haben die Ereignisse der letzten Wochen gezigt, nicht recht zu trauen. Trotzdem mache ich auf meiner Shoptour beim Mundgeruchsmann kurz Station, aber die Inspektion der Schirme im Fernsehraum zeigt die traurige Übertragung eines Programms der Siechheit. In einem Becken dümpelt ein toter Fisch, bei den Barben schwimmen zahlreiche Fische mit nur noch halben Schwänzen, andere Bildschirme zeigen gleich gar keine Fische. Nein, so geht es nun wirklich nicht.
Stattdessen also rutsche ich mit dem Rad etliche Kilometer nordwärts, wo im Schatten des kleinen Hügels der Geek haust und seine Fische auf der Plantage hütet. Zwar, und das ist der Nachteil dieses Ladens, wohnen die Tropenfische auf engem Raum unterm Dach, und das Klima dort gleicht dem am Herkunftsort der meisten Fische und ist meiner arktischen Konstitution durchaus abträglich, aber was will man machen. Den Klimanachteil mehr als wett macht nämlich Patrick, der in diesem Lebensraum aus unerfindlichen Gründen eine Wollmütze und ein Langarmhemd trägt. Vielleicht weil er Brite ist, und sich auf diese Weise unter den Kaliforniern besser getarnt und also sicherer fühlt.
Unabhängig von diesem Bekleidungsirrtum ist Patrick aber im Vollbesitz seiner Kräfte, und erklärt wie ein rundumkompetenter Trommelgeek auf Duracell die chemischen und physikalischen Kräfte, die aus blossen Pflanzen glückliche Pflanzen machen. Fische sind Patrick zufolge nur eine lästige Zutat, die man hauptsächlich zum Pflanzendüngen braucht. Entsprechend ist er auch nur wirklich zufrieden in seiner Verkäuferrolle, während er mir Hochleistungsleuchtstoffröhren und Kohlenstoff- und Spurenelementdünger aufschwatzt. Die Grossbestellung Fische, fünf neue Barben, drei Schwarzrückenpanzerwelse (Corydoras Metae) sowie ein Brutpaar Purpurprachtbarsche (Pelvicachromis Pulcher) fummelt er zwar nach vager Beratung demütig aus ihren jeweiligen Becken, aber erst als es ans Einsammeln verschiedener Wasserpflanzen zur Erquickung der Fischbrut geht, die dann unter der neuen Hochleistungssonne wuchern sollen wie weiland die Apfelbäume im Paradiese, ist seine Leidenschaft wieder erweckt. „This will grow very well“ sagt Patrick bei jeder einzelnen Pflanze, „those are very nice“, und die positive Grundhaltung zusammen mit dem niedlichen Akzent machen mich eine ganze Salatschüssel voll Grünzeug und einen Riesensack Lehmzement fürs Substrat kaufen.
Ich bin nämlich auf einem Roll, und zwar auf dem Fahrrad, nach Hause, mit einer schweren Tasche voller Fisch um den Hals, einer Papiertüte mit Pflanzen links am Lenker hängend, dem sehr schweren Lehmsack rechts, den Leuchtstoffröhren in ihrer Pappschachtel quer überm Lenker und einem „Vorsicht Überlänge“-Warnblinker in der Arschtasche.
Unerwartet versterbe ich auf dem Heimweg aber nicht, und es fällt auch nichts runter. Ein gutes Omen? Bestimmt.

Monday, February 19th, 2007

Umzug

Wird man mit etwas vertraut, einem Ding, einem Menschen, einem Sachverhalt, dann verliert dieses Objekt der Gewöhnung mit dem Nimbus der Neuheit in der Wahrnehmung auch seine spezifischen Details. Statt Eigenschaften sieht man nur noch die Gestalt des Vertrauten, gegen die selbst erkleckliche Änderungen nur mit Mühe sich abzusetzen vermögen. Wo Neue Sachverhalte und Gegenstände von der Wahrnehmung mühsam aus den Details zusammengepuzzelt werden müssen, ist es umgekehrt die Gestalt des Vertrauten, die seine Einzelheiten impliziert und unabhängig von ihrem tatsächlichen Vorhandensein enthält. Die neue Frisur eines guten Bekannten ist darum ebenso unsichtbar wie die neue Brille eines oft benutzten Klos.
Verändern sich aber nicht nur einige wenige Details, sondern die ganze Umgebung, dann entsteht dasselbe halb beunruhigende, halb erregende Gefühl, das manchmal ohne Anlass aus Vertrauten Fremde macht, und dann jamais vu heisst, nie gesehen!, und man ist wie in ein neues Becken geworfen, schwimmt ratlos hierhin und dorthin und drückt sich das Nasengewebe an den Scheiben platt. Genauso aber geht es jetzt ja den Fischen. Jamais Vu, Barbenherde!
Aus dem alten Becken erst rausgekäschert, dann an die Temperatur im neuen Quartier gewöhnt und schliesslich in die enorme Leere entlassen – das alles, sagte Augustus sichtlich beim Überschreiten des Plastikrubikon zu den anderen Fischen, wird einmal mir gehören – stehen sie nun ratlos und vereinzelt in der grossen Leere. Traurig sieht das aus, winzige Fische im öden Weltall, Planetoiden aus Fisch, einsame Kometen mit lädierten Schwänzen. Quälend langsam bewegen sie sich durch die endlosen Weiten, kaum begegnen sie einander. Vereinzelte Wasserstoffatome bremsen die Fischfortbewegung, und fern über den nun turmhoch aufragenden Wassern funzelt halbgar die alte Neonröhre, ihre Strahlen machtlos gegen die Dunkelheit, die in den Ecken des neuen Grossbeckens sich bereits eingenistet hat.
Es muss sich dieses neue Universum also jetzt mit Materie füllen und mit Licht, damit die Schöpfung voranschreiten kann, und Liebe und Leben ihren Platz in der Kargheit der Existenz einnehmen. Oder so ähnlich. Jedenfalls also Einkaufszeit.