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Ich dreh mich schon gar nicht mehr um wenn ich von hinten angesprochen werde, aber diesmal hab ich nix verstanden und muss doch. Is that a Brompton, fragt der stämmige Schwarze. Yes, sage ich, it is. How is it for bigger people? fragt er. Us bigger people, meint er vermutlich.

Das ist immerhin zweites Level der Fahrradverehrung. Menschen, die von Klappfahrrädern wissen und praktische Fragen haben anstelle der Frage nach dem Herkunftsplaneten des UFOs. Well, sage ich, it’s fine for me. Die Sattelstange gebe gelegentlich ein wenig nach, aber ansonsten sei alles gut am Rad. Ja, auch der Reifendruck sei mir durchaus gewachsen.

Die Rolltreppe endet mit der üblichen Frage nach dem Preis, dann hebe ich das Fahradpaket übers Drehkreuz und geh auf den leeren Bahnsteig. Zug grade weg. Kein Problem. Buch.

That folds up tight sagt der beleibte Schwarze als er sich neben mich setzt. Yes, sage ich, ohne aufzublicken, and it folds really quick. I never had a Dahon, but these are much better designed for folding up. Ich ramble noch ein paar Sätze weiter und blicke nun doch auf, und da sitzt ein ganz anderer dicker Schwarzer und guckt als werde er grade in Reaktion auf eine kurze Bemerkung mit rätselhaftem Zeug zugequatscht.

Ich bin dann still und er telefoniert und ich lese im Buch.

Friday, November 28th, 2008

politics and sausage

More important than seeing
something made
is seeing it
unmade

For what matters most
is was hinten
rauskommt.

Thursday, November 20th, 2008

Anfang und Ende

Am Ende, wenn es von den Stühlen klatscht und aus den Gängen fragt, stehen immer ein paar auf und gehen, schnell, und ohne zurück zu blicken, woandershin, wo es interessanter ist. Manchmal kommt auch jemand, setzt sich einen Vortrag lang, steht auf, geht wieder. Der Laserpointer wird warm und feucht, der Punkt möchte ein Diagramm entlangwandern auf der Leinwand oder auf der Stirn der Moderatorin funkeln einen anarchischen Moment lang, aber ich lass ihn nicht. Jetzt hat jemand Gesichtern den Mund übermalt, durch einen verwaschenen hautfarbenen Fleck, und gleichzeitig noch die Stimmen verrauscht. Wenn man sich das ansieht, sagt er, als Film, dann guckt man den Gesichtern mit dem Mundfleck und den verrauschten Stimmen direkt unter die Nasenspitze – und wirklich wachsen da abwechselnd blaue Bällchen in den Nasenlöchern – weil man die Lippenbewegungen noch ein bisschen sehen kann zwischen Nase und Mundfleck. Ich höre aber kaum hin, gleich bin ich selber dran, es klatscht, es fragt, ich gehe die drei Treppen nach oben und überblicke meine Untertanen. Zwanzig sind noch da, nein, achtzehn, grade gehen noch zwei. Ich drücke auf das Slideshowsymbol und hebe den Pointer, der jetzt kühl ist und trocken. „This”, sage ich, “is what we wanted to tell you about today.” And so it begins.

Wednesday, November 19th, 2008

Memento

Wie das wäre, wenn man nicht wüsste, wie es gestern war, hat man ja ganz gut in diesem Film da gesehen: man liefe mit Tätowierungen durch die Gegend und wäre an allem selbst schuld (vereinfacht dargestellt). So ging es dem Patienten N.M. in den fünfziger Jahren, nachdem das Rauszupfen des hinteren Teils seines Temporallappens die Epilepsie nicht heilte und das Doktorenteam dann auch noch den Hippocampus, das sogenannte Seepferdchengehirn, rauszupfte. Das Seepferdchengehirn ist wichtig fürs Erinnern, und N.M. konnte von diesem Moment ab keine neuen Erinnerungen mehr anlegen. Das ist vermutlich ungefähr so furchtbar, wie es klingt, zum Beispiel, weil er sich Preisänderungen nicht merken konnte, und die Inflation ihm vermutlich bei jedem Einkauf von neuem das Gefühl gab, fürchterlich betrogen zu werden. Immerhin sind die endlosen Versuche, die mit ihm unternommen wurden, sicher besser zu ertragen, wenn jeder Tag der erste ist. Ganz schön ausserdem die kleine Geschichte, in der N.M. über Tage hinweg lernte, einen Stern im Spiegel nachzuzeichnen. Er habe erwartet, sagte er nach drei Tagen üben, dass dieses Spiegelzeichnen schwieriger sei – er erinnerte sich nicht mehr, das gelernt zu haben.

Wednesday, November 19th, 2008

Spieglein, Spieglein

Ich habe, und ich sage das vorerst ohne Wertung, in den vier Tagen der Konferenz bislang noch keinen einzigen Kurzvortrag gehört und kaum Poster gesehen. Ich war bei den Buchhändlern, aber nur, um ein Buch mit Konferenzrabatt zu kaufen, das ich sowieso wollte, und ich habe mir viele der Grossvorträge angesehen, im Raum mit den 10 Grossleinwänden, vorgetragen von einer Ameise am Horizont. Heute zum Beispiel ging es um Spiegelneurone, die entdeckt wurden, als ein verkabelter Affenkopf nicht nur knisterte, wenn er sich selber was in den Mund schob, sondern auch, wenn der Versuchsleiter dem Affen das Leckerli wegfrass. Dieselbe Zelle reagierte auf “Nahrung in den Mund stecken”, egal, wers tat. Man staunte.

Mittlerweile kennt man viele Sorten dieser Neuronen, und die interessanteste Seite dieser, äh, vielschichtigen Medaille ist, dass dieses Spiegelsystem bei Autisten offenbar versagt. Sieht ein Autist jemand anderen etwas tun, fühlt sich das kein bisschen so an, als täte er das, und weil diese Neuronen auch Absichten und Gefühle spiegeln – was sich natürlich bei gegenseitigem Feedback dann ganz schön hochspiegeln kann -, sind für den Autisten dann andere Leute nichts als Zombies. Or so the story goes.

Mit anderen Worten: die Mirrorneuronen in meinem eigenen Kopf sind der Grund dafür, dass Ihr alle keine Zombies seid. Eat that, Philosophie.

Thursday, September 25th, 2008

wortspielparkplatz

Home is where the heart dies.

Lügtfile, Logfile, Gelogenfile.

Friday, September 12th, 2008

im weg

Man steht sich oft selbst im Weg.

Aber es gäbe gar keinen Weg,
wenn man nicht dauernd
sich selbst in ihm stünde.

Sunday, August 24th, 2008

fishing

In den Eingeweiden des Internet liegt ein scherzhafter Psychotest vergraben, bei dem man für verschiedene soziale Problemstellungen an einer Pissoirzeile die jeweils passende Antwort zu finden hat. Ähnlich schwierig, aber wegen weniger Geschlechtsorgannähe meines Wissens noch nicht originell beleuchtet ist das Problem des Sitzplatzes in der U-Bahn. Haltestangen, andere Passagiere, ihr Geschlecht, ihre Laune, die Einschätzung ihrer Gesprächigkeit, zurückgelassener Müll, Türnähe, Wärmegradienten – das alles schafft eine komplexe Umgebung, durch die Menschen oft in Sekundenbruchteilen zu navigieren verstehen. Bis die Roboterhunde von Sony so weit sind, werden noch viele Pissoirprobleme gelöst werden.

Er setzt sich links neben mich, ans Ende der Sitzbank und lässt einen freien Sitz zwischen uns. Sein Interesse am Brompton umweht ihn in meinem Augenwinkel wie die Körperaura ein Esoterikopfer, und natürlich dauert es nur Sekunden bis zur unvermeidlichen Frage nach dem Preis und der immergleichen Antwort. Nach seiner Auskunft, so eins noch nie gesehen zu haben, lese ich weiter. Er tippt mir über den Sitzgraben hinweg leicht ans Knie. Ich schliesse das Buch.

Seit Jahrzehnten wohnt er in Jersey City, nachdem er als junger Knabe aus East Orange, zehn Meilen westlich von hier, dorthin umgezogen war. Damals hatte er ein Dreigangrad, und als er seine Liebe zu diesem nun wohl in der Vergangenheit versunkenen Relikt erklärt, verklären sich seine Augen ein wenig. Oder vielleicht will ich das auch nur sehen. Einmal sei er mit diesem Dreigangfahrrad über eine der grossen Brücken gefahren. Hinauf habe er es geschoben, über einen engen Seitenstreifen hinweg, aber dann sei er auf der anderen Brückenseite bergab gefahren, wacklig, gefährlich. Die Erinnerung an den Teufelsritt des Knaben spielt wie ein Film in den Falten seines Gesichts, ein Stück damals das jetzt in einer ruhigen, geraden Linie über die Gleise nach Jersey City gezogen wird.

Seit Jahrzehnten gehe er hinter seinem Haus den Hang bergab und dann über die Eisenbahnbrücke in das Sumpfgebiet der Meadowlands hinein zum Angeln. Vor einiger Zeit hat der Sumpf den Besitzer gewechselt, und noch immer gehe er jetzt über die Eisenbahnbrücke dort hinunter, aber die Sicherheitsleute des neuen Inhabers vertrieben ihn, wenn sie ihn sähen. They run me off, sagt er, aber als ich nachfrage, wie man sich das Verscheuchen eines angelnden Rentners aus den Sümpfen Jerseys vorzustellen habe, stellt sich heraus, dass der Aufseher stattdessen sagte, dass er ihn verscheuchen müsse, wenn er ihn sehe, und er also lieber hinter einigen Büschen angeln solle.

Dann stürzt die vom Rad über den leeren Sitz gebaute Brücke ein und der Fischer und der Radler schweigen, bis er aussteigt am Journal Square und ich noch ein wenig weiter fahre.

Wednesday, August 13th, 2008

Ballistik

Eine tiefschwarze Gewitterfront, ein Weltende nähert sich aus dem Inneren Jerseys. Südlich der Bahnlinie öffnet ein Kumulonimbus die Unterbuxe und lässt einen zylindrischen Wasserwirbel auf den Ironbound hängen, gesäumt von Blitzen, die sich sekundenlang in meine Netzhaut brennen: Lösungen für ein Problem der Elektrodynamik, das schon nicht mehr existiert. Jeder dieser Blitze trifft ein Ziel, schlägt irgendwo ein, dort im Ironbound, erst jetzt begreife ich diese simple Gewitterwahrheit, oder denke jedenfalls, dass ich sie erst jetzt begreife. Ich zähle Blitze und lasse es dann wieder.

Die Betonbodenplatten der Tankstelle wurde von Zeit und Ghettoschleudern und Tanklastern verschieden stark in den feuchten Untergrund gedrückt. Die Höhenunterschiede der Plattenkanten sind ausreichend, mein Rad aus der Bahn zu werfen, die Kreuzungspunkte ihrer schwankenden Geometrie markieren einen sicheren Pfad. Ich folge ihm automatisch und ohne hinzusehen, Heimatsumpferde unter den grauen Platten. Ein Jahr.

Über die feuchte Brache hallt später ein Schuss von der Tankstelle her. Halblaute, erregte Stimmen folgen dem Knall, Mitternacht. Ich finde mit geschlossenen Augen meinen Weg um das Warten auf Sirenen oder weitere Schüsse herum, und schlafe ein, eine abgefeuerte Kugel auf dem Weg zur Wand.

Wednesday, July 9th, 2008

geschmacksfragen

Die Liebe ist ein seltsamer Snack. Manchem schwimmt sie ungefragt ins Maul, er kaut ein bisschen drauf rum und spuckt sie dann wieder aus. Mehr Salz, verlangt er vielleicht, oder mehr Maggi oder Sojasauce, dann hätte man das schlucken können. Aber so pur, nein danke. Andere wiederum hungern jahrzehntelang vor sich hin, essen nur Salat, und fallen dann ohne Vorwarnung über ein harmloses, blutiges Steak her wie ein Liger über eine Herde Maulesel. Das nur zur Illustration und zur Verwirrung des Lesers.

Während ich in Deutschland war, buk die feuchte Jerseyglut in einer kleinen Plastiktrommel Flocken und Krümel zu einem Flocken- und Krümelkuchen zusammen, der Kuchen passte nicht mehr durch die Trommelöffnung des Futterautomaten, und die Fische litten Hunger. Wenn man Fisch ist, hat man keine Moral, und also fehlen nach der Rückkehr im Becken verschiedene Fische. Aufgegessen von anderen Fischen, wie ich nach ein paar Tagen erkennen muss, als noch ein Fisch fehlt und stattdessen ein Fischhintern mit rausguckender Wirbelsäule zwischen den Pflanzen liegt.

Als Ersatz schwimmen mir sechs Neon-Tetras in Haus, winzigklein, und ein Prachtbarschweibchen, weil das vorhandene Paar ganz offensichtlich keinerlei Interesse füreinander aufbringt, vielleicht fehlt Salz. Jetzt fehlt jedenfalls keins mehr, denn nur Sekunden nachdem das nur halb so grosse neue Weibchen im Becken ist, läuft das Mannstier untenrum puterrot an, stellt den Goldkamm in die Höhe und macht sich wichtig. Die Frau, ebenso rot erglüht, biegt sich und zeigt den Bauch her. Auch der betrachtende Mensch errötet ein wenig.

Warum es mit dem neuen Paar sofort klappte, mit dem alten aber wochenlang nicht, wer kann es erraten. Unüberbrückbare Differenzen, möglicherweise. Man kann in so einen Fisch ja nicht reingucken. Ausser natürlich er ist tot und halb aufgegessen. Dann schon.