Search

Miniaturen



Tuesday, February 10th, 2009

Designated

Mit einem Anflug von Schuldgefühl fotografiere ich ins Foyer der architektonischen Sonderheit mit der gewürfelten Fassade, ein Tischfussballtisch vor dem Portierstisch. Hinter mir rollt ein Kleinwagen die verlassene Strasse am MIT Campusrand entlang, und er rollt zu langsam. Ich erwarte Security, Zurufe, Bildlöschgebote, Rüpeleien. Stattdessen rollt das Auto an mir vorbei, driftet an den Strassenrand und schrammt dann hörbar am aufgeworfenen Schnee entlang. Es biegt vor mir auf einen Parkplatz ein, reflexhaft erwarte ich, nun doch noch angesprochen zu werden, aber als ich das Gebäudeeck erreiche fallen beide Türen ins Schloss, Rückwärtsgang, Abfahrt. Mein Lachen hängt kurz als Nebelwolke in der Luft und verfliegt.

Thursday, January 8th, 2009

Honorable

I
Im mittelgrossen Saal sitzen zwei Dutzend Menschen wie aus dem Menschenstreuer ausgerieselt, eine kleine Schlange wartet an drei Schaltern. Von vorne ruft ein bulliger Vierschrot Namen durch die Gegend, hinten gibt es Nummern zu ziehen. Ich ziehe Nummer und warte auf meinen Namen. Name kommt nicht, und auch die Nummer über dem mittleren der drei Schalterfenstern ruht in sich und widersteht jeder Veränderung. Schmeiss, sagt Vierschrot, als ich mir endlich ein Herz fasse und frage, die Nummer weg und stell Dich in der Schlange da an.

Do you want to pay or plead guilty, fragt die Frau hinter Schalter Eins, als ich endlich Schlangenkopf bin. Unterdessen hat Vierschrot eine halbe Stunde lang den Saal gekämmt und gebürstet, sich von allen die Namen geben lassen, mehrfach nach fehlenden Streitparteien gefahndet, und auch sonst den Laden tüchtig im Griff. Hin und wieder führt er Leute aus dem Raum, zum gerichtet werden vermutlich, ui, da geh ich dann auch gleich hin. Aber erst muss ich noch “not guilty”, dann darf ich mit verteidi… oh. Neuer Gerichtstermin, zum Verteidigen, sagen Sie? Aha, hm, also. Siebter Januar. Na gut.

Draussen immer noch wie aus Kännchen.

II
Der siebte Januar ist da, es ist 8:30 Uhr und aus sicherlich legalen Gründen fällt schon wieder eiskaltes Wasser runter und auf mich und mein Klapprad drauf. Diesmal komm ich immerhin ungebremst ins Gebäude, ich kenn mich schon aus, alter Hase, heute flutscht alles. Newarker Milchmädchen kichern hinter den Kulissen. Heute, an meinem zweiten Gerichtstag, soll es nach Raum 201 gehen. Das ist natürlich im zweiten Stock, der Pfeil zeigt auch da hin, und im zweiten Stock gibt es auch tatsächlich Raum 222, Raum 204 und Raum 202. Und sonst aber nichts.

Da gehen Sie, sagt der freundliche Beamte, den ich in seinem ziellosen Rumwandern unterbreche, jetzt mal in den dritten Stock, dann links, dann vor dem Treppenhaus wieder links und rüber in den Anbau, und da dann wieder runter. Mach ich, auf dem Weg dahin komme ich an zwölf Schildern vorbei, auf denen riesengross der Weg zu Raum 301 angeschrieben steht, und winzig klein in einem Wirrwarr anderer Namen darunter, auch nach Raum 201. Bei jedem einzelnen muss ich anhalten und nachprüfen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und jedesmal bin ich. Ein schönes Gefühl.

Ein richtiger Gerichtssaal diesmal, mit Podium und Polizisten und Pipa und Po, und vielen Menschen drin verschluckt mich. Eine gestrenge Frau verliest Namen, lauter hispanische und unaussprechliche, nur bei den allerschwierigsten verlegt sie sich aufs Buchstabieren. Ge Ce Zet Ypsilon Ka El U Ce Ka. Ist der da? Und bei ungefähr der Hälfte aller Namen ruft auch jemand “Yes” oder “Present”. Ein besonders Eifriger brüllt “Yes, here” aus voller Kehle, die Frau kichert ein bisschen und guckt über ihre Brille. Schrieber sagt sie dann. Das bin ich. Heir sage ich nicht, den müden Scherz verstünde man ausgesprochen auch gar nicht, sondern Yes. Lieber den Staat nicht noch mehr ärgern.

Wie eine Richterin sieht die ja eigentlich nicht aus, denke ich, während sie Ordner umschichtet und Namen vorliest. Sie ist aber auch gar keine Richterin, sondern die Frau in der Robe, die reinkommt, nachdem jemand “All rise” ruft, ist eine. Sie setzt sich auf ihr Podium, und bespasst sofort jovial den ganzen Raum “happy new year, I have to say this every morning, this is the criminal court”, dass sie einen für unschuldig hält, bis das Gegenteil bewiesen ist, dass man mit der Staatsanwalt in ihrem Staatsanwaltspalast verhandeln kann, vor der Verhandlung. Und dann lässt sie sich von der gestrengen Frau die Liste der Fälle geben und geht alles noch mal durch. Es ist genau wie im Fernseh.

Wer aufgerufen wird, muss nach vorne kommen zur Lehrerin, und sagen ob er mit der Anklägerin verhandeln will, und sich wieder setzen. Manche sagen “Good morning, your honor”, manche sagen “Good morning”, manche sagen gar nix und gucken nur eingeschüchtert. Anwälte und Polizisten schäkern mit der Richterin, wie gehts, lange nicht gesehen. Als ich gerufen werde, sage ich “good morning your honor”, weil, wann kann man das schon mal. Dann sage ich noch “yes” und “yes” und setze mich wieder hin.

Die Anklägerin wohnt vorne rechts, ein steter Strom von Leuten geht da rein, kommt wieder raus, wird aufgerufen und abverhandelt. Die meisten verantworten sich wegen Müll auf ihrem Grundstück, werden gescholten und müssen die Gerichtskosten bezahlen, 33 Dollar. Ein paar Immobiliensachen sind dabei, ein paar steuerfreie Zigarettenstangen, bei einem Fall geht es immerhin um eine Strafe in Höhe von 300.000 Dollar, ich verstehe leider rein gar nichts, irgendwie kommt ein Haus drin vor. Der 300.000 Dollar Anwalt sieht aus wie ein richtiger Anwalt und macht einen Witz über seine Frau.

Das Büro der Anklägerin ist enttäuschend. Winzig, fensterlos, ein schäbiger Schreibtisch, ein abgewetzter Polsterstuhl für den Angeklagten. Sie guckt undurchschaubar, als ich die Fehlfunktion der Schranke erkläre, und dass ich beweisen kann, bezahlt zu haben. Das müsse man ja dann mit einem Officer der Gegenseite nochmal besprechen. Neuer Gerichtstermin. Wiederschaun.

Es ist kurz vor elf, und die nette Richterin, vor die ich wenig später dann trete – nachdem die spanischsprachigen Fälle mit Hilfe eines Übersetzers abgehandelt sind – gibt mir die Wahl zwischen zwei Terminen. Ich freu mich schon.

Friday, January 2nd, 2009

Ausgiessen

In den ersten Stunden des neuen Jahres durch die verschachtelten Labyrinthe des New Yorker U-Bahn-Netzes stolpern. Würde man in die Eingänge zu diesem Labyrinth grosse Mengen flüssigen Metalls giessen, Blei zum Beispiel, oder auch Lava, und würde man dann mit kleinen Hämmerchen und Pinseln sorgfältig die Stadt drumrum wegklopfen und bürsteln, man hätte ein schönes Kunstobjekt. Wenn ich nur nicht so faul wäre.

Friday, January 2nd, 2009

Leseliste 2008

Bücherregale waren gestern. Heute ist, Bücher in einen Internet reinzustellen. Staubt nicht ein, praktisch, borderline peinlich. Perfekt.

Antonio Damasio – Looking for Spinoza
Eitel. Mässig interessant.
Steven Aldiss – Haiku Humor
Jonathan Lethem – The Wall of the Eye, the Wall of the Sky
Lethem ist toll, aber irgendwie fehlt mir oft was. Hier auch.
Barash / Lipton – The Myth of Monogamy
Affen, Menschen, Paarungen.
Herbert Asbury – All Around the Town
Obskure Kuriosa aus New York. Wenn man Zeit hat.
Timothy Feriss – The Four Hour Workweek
Was für einen Unterschied ein paar Monate machen.
Neil Fiore – The Now Habit
Lohnt nicht.
Michael Pollan – The Omnivore’s Dilemma
Fantastisches Buch, Ernährung, Ethik, Landwirtschaft und Dämon Mais.
Kurt Vonnegut – Cat’s Cradle
Wiedergelesen. Wieder begeistert.
Roy Stuart – The Fourth Body
Die haben ja gar nix an. Was machen die denn da? Also!
Kevin Fitzpatrick – A Journey into Dorothy Parker’s New York
Locationhopping mit Dotty.
Haruki Murakami – Norwegian Wood
Gerne gelesen. Die ganze Zeit aber das Gefühl, dass mir was Wichtiges entgeht. Ist mir vermutlich auch.
John Cleland – Memoirs of a Woman of Pleasure
Aha. So ist das also.
Jack Kerouac – The Dharama Bums
Fantastisch, und nicht nur weil ich die ganzen Schauplätze kenne und innerlich ständig “da war ich schon!” kreische. Obwohl das natürlich auch ganz schön super ist.
Cormac McCarthy – The Road
Mit einem Hammer auf den Kopf gehauen kriegen, nur besser. Besser? Ja, besser. Ok? Ok.
Haruki Murakami – Kafka on the Shore
Hat mir besser gefallen als Norwegian Wood, aber jetzt erstmal Murakamipause. Irgendwas ist komisch mit dem.
Hurnaus / Konrad / Novotny – Eastmodern
Irre schönes Buch. Ich bin begeistert, dieser Kommunismus ist doch offenbar ganz dufte.
Ursula K. Le Guin – Unlocking the Air
Kurzgeschichten, kann mich an nix mehr erinnern. War aber vermutlich gut.
Trevor Dann – Darker than the Deepest Sea
Nick Drake aus der Nähe. Ja.
Jack Kerouac – On the Road
Vor Jahren probiert, nix verstanden. Diesmal Kopfschütteln über den Narren, der ich damals war.
Jon Krakauer – Under the Banner of Heaven
Religiöser Irrsinn, Mormonengemetzel. Erschütternd, lustig, grauenvoll. Lesen.
Ursula K. LeGuin – The Lathe of Heaven
Dick auf Östrogen. Zerlegte Welt. Toll.
Harlan Ellison – Shatterday
Kurzgeschichten vom Star Trek-Grossmaul. Lustig, aber nicht so lustig, wie er selber denkt.
Jason Salavon – Brainstem Still Life
Digitalbilder durch den Wolf gedreht.
Jack Kerouac – Big Sur
Deprimierend. Und wenn man den nebelverhangene Küstenstrich kennt, an den Keroauc sich hier zitternd klammert, wirds nicht unbedingt besser.
Mary Roach – Bonk
Sex. Wissenschaft. Humor. Alles drin.
Mary Roach – Stiff
Alles über Leichen, Leichenteile, Leichenfledderei. Fun!
Graham Rawle – Woman’s World
Eine Geschichte erzählt in ausgeschnittenen Phrasen aus Frauenzeitschriften. Durchgedrehte Idee, von einem Wahnsinnigen über Jahre weg fantastisch umgesetzt.
Christopher Isherwood – Berlin Stories
Historisch interessant, zu lesen so mittel.
Iain M. Banks – Matter
Ich liebe Banks und sein Culture-Universum. Neutrales Urteil unmöglich. Tolles Buch.
William Gibson – Spook Country
Gibson wird überschätzt, dachte ich die erste Hälfte lang, dann merkte ich dass ich meinen Überschätzungsdetektor einen Tick überschätzte.
Heinlein / Heinlein – The Sex and Love Handbook
Blödsinn in Tüten, grösstenteils.
Jennifer Garner – Survivors of an Open Marriage
Dumme Menschen tun dumme Dinge, mitteldumm erzählt.
Toon Tellegen / Axel Scheffler – Briefe vom Eichhorn an die Ameise
Rührend, niedlich, lustig. Sagte ich schon rührend?
Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt
Wenn ich nicht die ganze Zeit so fürchterlich neidisch gewesen wäre, hätte es auch nicht besser sein können.
Martin Suter – Der Teufel von Mailand
Och, nö.
Ingo Schulze – Simple Stories
Och, ja. Doppelt schön aus der Entfernung des Exils. Ostdeutschland, soso.
Charles P. Caldes – Journal Square with McGinley & Bergen Squares
Lokalgeschichtliches.
David Simon – Homicide
Das Buch aus dem die Fernsehserie wurde, aus der The Wire wurde. Unglaublich.
Gavin Pretor-Pinney – The Cloudspotter’s Guide
Sehr unterhaltsame Einführung in die Welt der schwebenden Wässerchen. Trübung: alles wieder vergessen. Ausser dem Piloten, der eine halbe Stunde lang durch ein Gewitter fällt. Aber sowas vergisst man ja auch nicht.
W. G. Sebald – Die Ausgewanderten
W. G. Sebald – Unheimliche Heimat
W. G. Sebald – Die Beschreibung des Unglücks
Wehmut für eine Welt, die es nie gab, Schmerz über das Vorgefundene. Sebald bricht Herzen. Und diese Worte, und wie sie sich reihen.
Elizabeth Hess – Nim Chimpsky
Wo ich grade von gebrochenen Herzen. Um Chomskys These von der angeborenen Sprachfähigkeit zu widerlegen, ziehen Forscher einen Schimpansen in einer menschlichen Familie auf. Das Geld geht aus, und das Tier, das sich für einen Menschen hält, aber nicht sprechen kann, geht auf eine tragische Odyssee durch die Käfige.
Donald Norman – The Design of Everyday Things
Die wichtigste zu ziehende Lehre, sagt Norman, ist “es ist nicht deine Schuld” wenn man was falsch benutzt. Genauso schön: weniger anschaffen, das meiste ist eh Quatsch.
Moore / Gibbons – Watchmen
Wie konnte mir denn der so lange entgehen?
Neil Gaiman – Don’t Panic
Hastig zusammengewürfelt Biografisches, vom One Trick Pony übers One Trick Pony. Die Neuausgabe sei besser, sagt der Internet. Ich guck aber nicht nach.
Elizabeth Royte – Bottlemania
Wichtiges Thema. Meh.
Warren Ellis – Crooked Little Vein
Schöne Entdeckung, ein obszöner Höllenritt durch Amerika, saukomisch.
Sloane Crosley – I Was Told There’d Be Cake
I was told this’d be good. Kuchen gabs auch keinen.
Tor Seidler – A Rat’s Tale
Squeek.
Christian Ankowitsch – Dr. Ankowitschs kleines Universal-Lexikon
Zufällig entdeckt auf der Deutschlandtournee. Schönes kleines Buch.
W. G. Sebald – Die Ringe des Saturn
Es ist fast egal, worüber Sebald schreibt, weil seine ganze Botschaft schon im Wie des Sagens steckt.
Jack Kerouac – Tristessa
Muss man nicht. Kamman aber.
Moore / Miller – The Dark Knight Returns
Noch so ein Comicklassiker, aus offensichtlichen Gründen schnell nachgeholt.
Michael Chabon – The Yiddish Policemen’s Union
Ein Krimi, der in einer grossen jüdischen Kolonie in Alaska spielt. Es fehlt was, aber nicht viel.
Karen Duve – Dies ist kein Liebeslied
Traurigschön. Hab ich grade traurigschön geschrieben? Pfui Spinne, Duve ist schuld.
Cormac McCarthy – No Country for Old Men
Diese Sprache! Dieses Texanisch! Ich häng am McCarthy-Haken wie eine Prärieauster am Stier.
Singer / Mason – The Ethics of What We Eat
Singer ist toll, das Thema ist wichtig, aber achduliebezeit. Öde und schlecht strukturiert.
Sir David Brewster – The Stereoscope. It’s History, Theory and Construction.
Ein Meisterwerk der Stereoskopliteratur. Das Schönste sind die Keifereien gegen Konkurrent Wheatstone.
Bernd Cailloux – Das Geschäftsjahr 1968/69
Blitzlichter, Geld und Ideale.
Philip K. Dick – Humpty Dumpty in Oakland
Früher, nicht SF-Dick, gekauft wegen Halbpreis und Ort der Handlung; besser als manches spätere.
Craig Thompson – Blankets
Charles Burns – Black Hole
Zwei tolle Bildergeschichten.
Simon Borowiak – Wer Wem Wen
Schön.
Rocko Schamoni – Risiko des Ruhms
Stellenweise toll, stellenweise gar nicht. Hm.
Philip Roth – American Pastoral
Die Zerstörung einer reinen Seele durch Zeit, Niedertracht und Newark, New Jersey.
Jose Saramago – Blindness
Oh. Jahr der Bücher, die wo mit dem Hammer auf den Kopf. Dings.
Philip K. Dick – Ubik
Hatte ich das schon gelesen? Oder nicht? Oder doch? Bis zum Ende nicht rausgefunden, eine angenehm Dicksche Kleinparanoia.
Ray Zone – Stereoscopic Cinema and the Origins of 3D Film, 1838-1952
Überwiegend öde, aber lustig: wenn man hinter einem Leintuch einen roten und einen grünen Scheinwerfer nebeneinander aufbaut, und das Publikum Stereobrillen trägt, kann man 3D-Schattenspiele machen. Gute alte Zeit.
John McPhee – The Pine Barrens
Es gibt eine Folge der Sopranos, wo Christopher und Paulie jemanden in die verschneiten Wälder fahren, das Erschiessen vergeigen, sich verlaufen und dann die ganze Folge über frierend im Wald sitzen. Das sind die Pine Barrens.
Germaine Greer – The Female Eunuch
Veraltet und aber auch gar nicht. Dialektisch!
Paolo Mantegazza – The Sexual Relations of Mankind
Historisches Kuddelmuddel, Kolonialquatsch, Neger, Sexualorgane. Herrlich.
Mary Roach – Spook
Das mittlere Roachbuch, das Schwächste. Offensichtlich vom Agenten nach dem Erfolg von Stiff erzwungen. Dünn, übereilt, planlos.
Philip K. Dick – The Three Stigmata of Palmer Eldritch
Bizarrodick.
J. Maarten Troost – The Sex Lives of Cannibals
Leben in den Tropen, wo menschenfressende Riesenkäfer in der brütenden Mittagshitze auf stinkenden Müllbergen sitzen. Wer hätte gedacht, dass das so unangenehm sein kann.
Cormac McCarthy – All the Pretty Horses
Border Trilogy, Teil eins. Bummsti, auf die Rübe.
S. A. Barnett – The Story of Rats
Zur Ablenkung was über Laborratten und Labyrinthe. Naja.
Barash, David – The Survival Game
Spieltheorie, einer der faszinierendsten Zweige der evolutionären Psychologie, erstaunlich langweilig erzählt.
Cormac McCarthy – The Crossing
Cormac McCarthy – Cities of the Plain
Teil zwei und drei der Border Trilogy. Die Sprache, die Landschaft, die Leute, alles ist fantastisch, lockt ins Buch, und kaum ist man drin, kriegt man so lange übergezogen, bis man zerbrochen am anderen Ende rauskrabbelt und “Warum? Oh Gott, warum?” wimmert.
James Ellroy – American Tabloid
Ähnlich schlimm und grandios wie McCarthy, aber ganz anders. Eine Sprache wie sie formalisierter und spröder kaum vorstellbar ist, und unter der erstaunliche Komplexitäten brodeln. Dazu ein Polit/Krimiplot so schwarz wie die Nacht. Weia.
Gary Brecher – The War Nerd
Zum Runterkommen von den misanthropischen Soziopathen Ellroys, Massakerstories von einem soziopathischen Misanthropen. Yes! Und man lernt Zeug obendrein.
James Ellroy – The Cold Six Thousand
Kaum vorstellbar, haha: voller vier Wort-Sätze. Erwähnte Sätze redundieren erheblich. Kaputte Typen treffen aufeinander. Kaputte Typen tun kaputte Dinge. Erwähnte Dinge gehen schief. Kaputte Typen überlegen neu. Kaputtes geschieht galore. Seeeeehr kaputt. Vielen Dank auch, Herr Klede.



leghand = [leghand; newline];

vox.confusion = zeros(length(vox.nvox),vox.ncond,vox.ncond);

vox.dist.l1(n) = fminbnd(@(a) abs(interp1(tmpbins, vox.dist.cum{n},a)-.95), min(tmpbins),max(tmpbins));

% leave motion in
set(handles.RegMot,'Value',0); drawnow;
DoAnalyze_Callback(handles.DoAnalyze, eventdata, handles);

wgt = cat(3, mwgt, dwgt, wgt-handles.vox.wgt, wgt, handles.vox.wgt, mw_m, handles.vox.mw(:,:,1,:));

Friday, December 19th, 2008

Dumbass

Autos, Ampeln, Flugzeuglichter verschwimmen, ein Kaleidoskop im Auge. Macht nichts, ich kenn den Weg, der Verkehr um diese Zeit minimal, ich könnte das blind. Der Querverkehr auf dem McCarter Highway bekommt rot, nur Linksabbieger dürfen noch einen Moment, dann schaltet die Fussgängerampel. Nur Linksabbieger von rechts kreuzen meinen Weg an der rechten Strassenseite, und als der letzte davongesschwommen ist fahre ich also los. Es hupt zugleich von hinten und von links, ein Auto fährt in vollem Tempo und bei rot in die Kreuzung, ich halte, das Auto hält. Der Fahrer surrt die Scheibe runter, streckt den Kopf raus und ruft “Dumbass”. Zu müde, ihm seine rote Ampel zu zeigen, steige ich auf und fahre weiter, auf meine eigene zu.

West Side überquere ich später mit Blick links und rechts: kein Auto zu sehen oder hören. Der letzte Block vor dem Zuhause, ich wechsle auf den Gehweg, um abbiegen zu können. Ein hagerer Schwarzer mit Stirnband kommt mir entgegen, als ich neben ihm bin, grunzt er laut und springt mich an und greift mir in den Lenker, aber nicht ganz, nur Spass. Das Adrenalin summt in meinen Ohren, als ich in unsere Strasse abbiege und dem schräggebogenen Schild ausweiche, seit Wochen schon hängt es da in Kopfhöhe. Irgendwann fahr ich dagegen, das weiss ich schon. Dumbass.

Saturday, December 13th, 2008

Water, water everywhere

Etwas steif steige ich vom Rad. Nicht, weil die eisige Kälte mir die Kniegelenke blockiert, sondern um Kontakt zwischen Hose und Bein zu vermeiden. Das Eiswasser soll nicht noch mehr von meiner Körperwärme haben dürfen. Es tropft mir von der tief hängenden Kapuze auf die Nase, als ich die Tür aufschliesse und das Rad in den Hausflur wuchte. Wie immer passt der erste Schlüssel nicht ins erste Schloss, und wie immer denke ich: da müsste ich auch mal Markierungen dran machen an die Schlüssel. Mehr Tropfen fallen auf meine Nase, der Schlüssel passt ins andere Schloss, der andere ins erste, die Tür geht auf. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen kleinen See, ich gehe in die Wohnung.

Und komme sofort wieder raus. See? Augenwinkel? Hausflur? Von der Brüstung im ersten Stock fällt ein lustiger Vorhang aus Wassertropfen, an der Decke wölbt sich die Latexfarbe. Ich gucke ein bisschen ratlos und gehe dann in den zweiten Stock, wo es noch schlimmer aussieht. Dritter Stock: es strömt von der Decke. Vierter Stock: erst sehe ich nichts, dann vier dünne Rinnsale an der Wand, die munter unter einer Zierleiste an der Decke hervorsprudeln. Sieht harmlos aus, aber als ich einen Finger dranhalte, wird er von der starken Strömung davongespült. Ich finde ihn später im Keller wieder.

Noch einen Stock höher wohnt das Dach und auf diesem Dach, direkt vor der Dachtür, wohnt neuerdings ein See. Zehn Zentimeter tief, sechs Meter breit, eiskalt, vier Meter lang, macht 2400 Liter eiskaltes Wasser. Zweieinhalb Tonnen. Das ist natürlich zu hoch geschätzt, weil der See an zwei Seiten flach ausläuft, aber eine Tonne Wasser ist auch schon ganz schön viel Holz. Die von uns mittlerweile im Hausflur verteilten Müll- sind mit Tonnen von Wasser jedenfalls überfordert. Für den Keller wär das ein Klacks, aber da muss das Wasser dann ja erstmal hinfinden und wenn es sich verläuft landet es bei uns im Bücherregal. Wasser, verläuft, haha.

Bis der mehrfach angerufene Vermieter einsieht, dass es diesmal nicht nur ein bisschen aus dem Oberlicht tropft, sondern eine echte, richtige Katastrophe droht, gehen fünf Telefonate ins Land. Unterdessen anderswo: es tropft in unseren Kleiderschrank, die Wand in unserem Büro wölbt sich unter Wasserdruck nach aussen, im Badezimmer rinnt rostfarbene Modersuppe aus Deckenblasen, eine davon immerhin und ganz praktisch direkt über der Kloschüssel, und es tropft aus der Deckenlampe. Das mit der Deckenlampe ist nicht so schön. Wir machen sie vorsichtshalber mal aus.

Als der Vermieter kommt, ein zierlicher ergrauter Ungar, ist er den Tränen nahe. Oder halt nassgeregnet. Er leiht sich eine Stirnlampe von uns, und watet in den eisigen Dachsee, zieht heroisch einen Tennisball aus dem Ablauf, und rettet uns alle vor dem Ertrinken. Der See läuft weg, und schon eine Stunde später hört es dann auch bei uns im Erdgeschoss zu tropfen auf.

Später in der Nacht fallen mit lautem Klatschen noch ein paar Deckenplatten runter, in der Wohnung über uns und im Flur. Das wär aber eigentlich schon gar nicht mehr nötig gewesen.

Friday, December 12th, 2008

that’s deep, man

Freiheit ist, wenn man gezwungen wird, sich zu entscheiden.

Thursday, December 11th, 2008

Türhütchenspiel

Ich navigiere nach Sternchen. Der Regen hat mir die Brille vollgekleckert, aber das hundertfache Spratzeln im Weihnachtsbaum vor dem Gebäude ist nicht zu übersehen. Auf den Stufen winkt mir ein Türhüter zu, schnell falte ich das Rad zusammen und folge dem Wink, Türhüter lässt man nicht warten.

Drinnen blockiert ein Kinderchor meinen Weg. Hinter dem Kinderchor ein Beamtenheer in Weihnachtsmützen, und hinter dem Heer ein zweiter Kinderchor. Den Bewegungen von Mund und Kinderkörpern nach zu urteilen wird da in der Lobby gesungen, wegen heftigen Heergeschnatters ist aber nichts zu hören. Mein Gerichtssaal ist 105, ich habe noch fünf Minuten und ignoriere also Heer und Chöre. Ein grosses Schild zeigt nach 104. Für den Anfang nicht schlecht. Ich eile pfeilwärts.

Der Gang endet an der Tür zu 104. In der anderen Richtung werden die Nummern kleiner, in der Mitte springt ein Kinderchor, also weiche ich klug in den ersten Stock aus. Der Amerikaner sagt zweiter Stock dazu. Hier huschen Aktenträger von Tür zu Tür, zu schnell, sie anzusprechen, aber vor dem Büro eines Herrn Mayor steht ein Geheimagentlookalike und bewacht. Wo denn Raum 105 sei, frage ich. Er guckt. Ich wiederhole. Er guckt immer noch. 104, sagt er, ist da unten. Er zeigt auf den Boden. Er macht eine Pause. 106, sagt er, ist da hinten rechts unten. Da müsste dann auch 105 sein. Kinderchor, sage ich, Blockade. Er zeigt mir eine Umgehung und eine andere Treppe.

Der Gang, in den der Treppenschacht sich öffnet, endet an der Tür zu Raum 106. In der anderen Richtung werden die Nummern grösser. Ich betrete Raum 106 und frage die hinter einer enormen Theke verschwindende Rezeptionistin nach Raum 105. In diesem Gebäude, sagt sie, gibt es keinen Raum 105. Vorladung sage ich und wedle mit dem Zettel. Oh, sagt sie, ein Strafzettel. You want the court. Next building. Kurze Pause. Kinderchor, sage ich. Sie zeigt mir eine Umgehung und einen anderen Ausgang.

Draussen kleckert mir Regen auf die Brille. Es ist jetzt fünf Minuten zu spät, und das Rad in meiner Hand etliche Kilo zu schwer. Gerichtsgebäude. Ich stehe vor dem Securitycheck, lese Schilder, um sicherzugehen, dass es hier einen Raum 105 gibt, man weiss ja nie heutzutage. Can I help you, Sir, fragt eine Polizistin, in eigenartiger Mischung von Fürsorge und Misstrauen. Ich habe aber mittlerweile eine 105 auf dem Schild gefunden und trete an den Metalldetektor. I need to go in, sage ich ein bisschen sinnlos. Was sollte ich sonst hier wollen? Knüppelsuppe?

Sie guckt mein Rad an, dann mich. Dann einen dicken Beamten, der hinter ihr auf der Treppe steht. What should I do with the wheelchair, fragt sie den Beamten. Der Beamte starrt. Show me, sagt er schliesslich. It’s a bike, sage ich, und zeige ihm das Fahrrad. Just bring it through and step out again. Der Metalldetektor piept einmal beim Reingehen und einmal beim Rauskommen. Ich lege meinen restlichen Metallkram in ein Plastikkörbchen, gehe unbepiept durch den Detektor, sehe zu, wie das Körbchen unbeobachtet durch die Durchleuchtung rollt, während die Durchleuchterin sich um das Befüllen der Körbchen derer kümmert, die nach mir kommen. Ich klaube meine Sachen auf, nehme meinen Rollstuhl und gehe wohin der Pfeil mit der 105 drauf mich schickt.

(to be continued)

Ich dreh mich schon gar nicht mehr um wenn ich von hinten angesprochen werde, aber diesmal hab ich nix verstanden und muss doch. Is that a Brompton, fragt der stämmige Schwarze. Yes, sage ich, it is. How is it for bigger people? fragt er. Us bigger people, meint er vermutlich.

Das ist immerhin zweites Level der Fahrradverehrung. Menschen, die von Klappfahrrädern wissen und praktische Fragen haben anstelle der Frage nach dem Herkunftsplaneten des UFOs. Well, sage ich, it’s fine for me. Die Sattelstange gebe gelegentlich ein wenig nach, aber ansonsten sei alles gut am Rad. Ja, auch der Reifendruck sei mir durchaus gewachsen.

Die Rolltreppe endet mit der üblichen Frage nach dem Preis, dann hebe ich das Fahradpaket übers Drehkreuz und geh auf den leeren Bahnsteig. Zug grade weg. Kein Problem. Buch.

That folds up tight sagt der beleibte Schwarze als er sich neben mich setzt. Yes, sage ich, ohne aufzublicken, and it folds really quick. I never had a Dahon, but these are much better designed for folding up. Ich ramble noch ein paar Sätze weiter und blicke nun doch auf, und da sitzt ein ganz anderer dicker Schwarzer und guckt als werde er grade in Reaktion auf eine kurze Bemerkung mit rätselhaftem Zeug zugequatscht.

Ich bin dann still und er telefoniert und ich lese im Buch.