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Miniaturen



Saturday, October 31st, 2009

Fund

Beim Graben im Keller fiel mir jüngst ein Heft mit Pubertätslyrik in die schmutzigen Hände. Der Inhalt war gleichzeitig schlimmer als erhofft und besser als befürchtet. Ich poste mal ein paar, tbc.

Schlaraffenland
Wildgänse am Himmel
fallen eine nach der anderen
vergiftet herab
werden von der gleichgültigen Sonne
krebsrot gegrillt
und landen im siedenden Öl
appetitlicher Küstengewässer.
Plastikmesser und -gabel liegen
im Gebüsch bereit,
nur mit den Getränken
wird es schwierig.

Rotation
Die Welt dreht sich pro Tag im Kreise
und um und um und um im Nu
und bringt auf diese stille Weise
ihr ganzes langes Leben zu.

Gedanke zur Form
Der Tintenklecks erzählt Geschichten
das Tintenfass kann das mitnichten.

Tuesday, September 29th, 2009

insomnia

My body is a supine landscape of thoughts, racing in tight circles around a center empty of spectators. Along the course little cards are placed, always vertical to the line of sight of the unnamed observer, like images in Google earth. Each of these cards is a sleep, is a state of rest and relaxation, and the observer sees all those states and counts them, over and over, circling the splayed out useless lump of flesh to a backdrop of tight humming, like something of high voltage charging but never quite reaching the level of release, the lightning bolt, the thunder that will clear the air. A stinging bolt of acid forces me upright and unable to stop the motion I tumble away.

There are sounds at the kitchen window, but none of them fit any of the theories about the sociographic composition of our neighborhood or the structure of the night that I think I have. Somewhere metal rattles against metal, a sharp noise, a yell in the distance. A twig snaps, leaves rustle in the wind, a piece of fabric on the fire escape above me howls quietly, as though in pain. Gibberish of the night, a rapidly stammering silence.

The pleiades are overhead, visible only when ignored, ghosts winking out of existence with each attempt to find them. Much lower, planes run through the belt of Orion in five minute intervals, close to Mintaka at first, then lower, until one almost hits Alnilam and I lose interest. Alnilam is four million years old and a supergiant.

The backyard has been purged. An unshaven man on his knees had ripped out all life while talking on the phone in the afternoon, maybe describing his progress as he went, Now I’m ripping out some low growing spread out dark green things, now I’m pulling some taller things with flowers on top, then had collected the dying plants in a bag and made off deep into the basement, and now in the oblique light of the nearby gas station’s lamps there is no structure left but the alternating texture of the trampled dirt and washed out earth from the neighbors slightly elevated, but incontinent garden, and the cracked layers of concrete, asphalt and brick, accumulated over lifetimes of misguided backyard management by people like the kneeling unshaven man, whose ghost lingers, too, visible from a corner of my eye. I expect an animal to pass through the zone of death, but none comes.

The windows across the garages promise stories, but after the black man kills the lights in his kitchen, switching on those in his bedroom and then stands staring in my direction for several seconds and then gets those lights, as well, there are none left to be told. Maybe I’m now being watched from the completely dark frame of his window, where his face vanished in the black a moment ago, but more likely he saw my posture, the chin rested too high on the pulled down window’s frame, arms held awkwardly at an angle, and deciphered me as unlikely to do anything worth reporting to invisible third parties, and went to sleep.

There is a lamp I can just see over the garage’s top the position of which is designed to illuminate the yard on the other side, switched on by a motion sensor, turned off by a timer, that goes on and off a few times. I barely hear car motors, which surprises me, since they’re only a few meters away. Maybe sound does rise, and I could hear them better on the roof. I consider going there, imagine what the sky will look like, the Pleiades maybe finally provably there, something to point a shaking finger at, but there is a slight chill in the air and I stay where I am.

The planes are barely grazing Alnitak now, a triple star, three close friends perhaps, closed off against intrusions by others, these starlets, chatting amiably among themselves, but sending only coolness and light down to meet the slowly drifting planes and me. Soon Newark’s landing corridor will be out of Orion’s belt entirely, floating freely in the sky, no longer bound to human considerations and folly. I imagine living people on these planes, their pasts and hopes confined for a moment, and held in stasis in my head, preparing to exit their fragile vessel and to resume their lives, and I hear all their voices at once, and I can make out not a single word that might make sense to me.

Monday, September 21st, 2009

Niederschlag

“If you root yourself to the ground, you can afford to be stupid.”
(P. Churchland, Neurophilosophy)



Abb. ähnlich.

Die kleine Lache an der Ampel, die grade auf rot sprang, enthält nicht genug Wasser, um den Himmel vollständig einzufangen, stattdessen sehe ich der graublauen Wolkenspiegelung überlagert die kleinen Steine des Asphalts und die Zweige der früh von den Bäumen gefallenen Blätter. Die Sichtbarkeit der Steine innerhalb und ausserhalb der Pfütze verhält sich invers zu ihrer Leuchtdichte, im feuchten Dunkel stechen die hellen Steine, in der Trockenheit die dunklen Krumen und die Schatten hervor. Die Blattfragmente und Stiele wurden aus der Mitte getrieben von Wind und den gelegentlich durch die Lache pflügenden Reifen, und haben sich am Rand der Lache angefunden, grade noch innerhalb des Ringes, in dem das Wasser nicht mehr steht, sondern nur noch das Material benetzt, ein zufällig entstandenes, filigranes Ornament an der ansonsten nicht sehr interessanten Wasserfläche. Alles, Steine und Stiele und Fragmente, schrumpft sichtbar zusammen ohne seine jeweilige Position zu verändern, Strasse und Lache entfernen sich von mir und verharren zugleich trotzig, Zentimeter vor dem Vorderreifen. Dann rollt der Reifen durchs Wasser, grüne Tupfen springen auf den kleinen Wellen, die Lache bleibt zurück, und der optische Fluss vor meinen Augen kehrt sich erneut um. Hinter mir bis zum Wasser erstreckt sich eine komplexe Folge von kurzen dunklen Strichen, die in der Herbstsonne schnell verblasst.

Wednesday, September 9th, 2009

Feed

Die Schlange an der Bäckertheke ist ungeordnet und ähnelt mehr einem Insektenschwarm als einem Reptil, wartende Menschen blicken auf wartende Waren. Ich stelle mich am Schwarmrand auf, hinter jemandem, der Lester Freamon aus The Wire ähnelt, hager ist und gross, dunkel, mit graumeliertem Dreitagebart. Nice Bike, sagt Lester, dann etwas Unverständliches und wie ein Automat erwidere ich Fahrradphrasen. I’m not in line, sagt er schliesslich und er macht eine Geste mit dem Arm. Ich bin zu ausgelaugt, mich zu wundern und trete einen Schritt weiter ins Schwarminnere, an ihm vorbei.

Nach ein paar Sekunden dann ein menschliches Geräusch von hinten. Can I ask you something? Hilfe will er. Sorry, sage ich. Kein Geld, sagt er, wolle er, ein Getränk vielleicht, oder etwas zu essen. Mal jemandem helfen, Aufstehen für ein besseres Morgen, ja warum denn eigentlich nicht?

Which kind of soda, frage ich, und er zögert mit Blick auf den Kühlschrank. Hungrigen Menschen Zuckerwasser geben, gluckert es in meinem leeren Kopf, ein feiner Wohltäter bist Du. What would you want to eat, frage ich in die limofeindliche Stille. Don’t matter, sagt er. Slice of pizza, sandwich, anything. Ich bin jetzt dran.

Die Frau hinterm Tresen ist unhöflich, eine Säule im Weg, der Verpassenstanz links und rechts ums Hindernis wäre womöglich lustig, wär mir nicht vor Müdigkeit alles gleich. Dieses Brot, jene Brötchen und eine von den kleinen Pizzas, sage ich endlich, ohne noch recht zu begreifen, wie es eigentlich vom No zur Kleinpizza kam. I’d rather not, don’t know what that is, sagt er. A turkey sandwich, maybe? und geht ein Stück die Theke rauf, ich folge ihm, ein fallender, leerer Sack.

Er bittet um eine Extratüte für sein Sandwich, das teurer war als der Lunch gewesen wäre, an dem ich heute sparte. I’m not giving you a shopping bag, sagt die Kassiererin feindselig zu ihm, und steckt es in eine Papiertüte, und ist gespalten in ihrer Verachtung für ihn und für mich. Ein vertrautes Gefühl stellt sich ein, letzte Energien verpuffen; ein Ruf, der sich tonlos in der Wüste verliert, ein Tropfen Tinte fällt in nachtschwarze See; es welkt Metaphernsalat auf Hasenbrot.

Thanks man, sagt Lester, I appreciate it. Er streckt mir die freie Hand hin, und ich will sie nicht ergreifen und ergreife sie doch.

Friday, August 21st, 2009

Unsere kleine Strasse



Andere Hunde,
andere Nachbarn,
selbe Strasse.

Die Familie von der anderen Strassenseite sitzt auf und um die Stufen unseres Gebäudes, als ich die Haustür öffne. Die beiden Teenager auf der Treppe rücken an den Rand, um mir und meinem Klapprad Platz zu machen, der linke hält einen kleinen Hund an der Leine. Unsicher, wie ich auf die sonderbare Belagerung reagieren soll, murmle ich einen Gruss. Die dicke Familienmutter, die in einem Faltstuhl vor ihren Kindern sitzt, erwidert neidisch “I bet that bike was expensive”, und sagt dann nichts mehr. Schnaufende Staunenslaute kommen von den Sitzenden, als ich in der drückenden, schwülen Hitze das Fahrrad entfalte. Der Bullterrier, den der stehende etwas ältere Mann an der Leine hat, sieht interessiert und freundlich zu. Dieses Tier hat den Mops eines befreundeten Paares, das damals im Haus wohnte, halb zerfleischt, die dicke Mutter sich trotz Gerichtsbescheid um die horrende Tierarztrechnung gedrückt.
“Have a good day”, sage ich, als ich losfahre, der Bullterrier geht zugleich auf mich los. Während ich aus dem Vormittagsschatten, den unser Haus spendet, in die grelle Sonne rolle, höre ich ihn noch ein paar Sekunden lang sich würgend in seine kurz gehaltene Leine legen.

Thursday, June 4th, 2009

Das goldene Jäckchen

Der Flachbildschirm auf dem Bahnsteig zeigt einen Mann in einem goldenen Jäckchen. Er steht auf einer schwarzen Scheibe, die sich langsam dreht, im Hintergrund die Basketballkäfige an denen ich bis eben noch erst stand und dann lehnte. Hin und wieder guckt er in die Kamera und schmunzelt dann. Mein Zug kommt lange nicht.

Ein seltsames Gefühl im Magen. Enttäuschung, Schmerz, Wut; auf die Bazillen, auf M., auf mich selbst. Auf den Treppen zum Institut liegt ein totes Vogelbaby, den Kopf flach an den Stein gepresst, die winzigen Rippen stossen durch abgewitterten Flaum und Fleisch. Einen Moment lang verwechsle ich das Tier mit einer Metapher, dann schliesst sich die Tür.

Tuesday, June 2nd, 2009

ausgelernt.time := never;

“Du kriegst die Motten”, eine Redewendung, die bei mir im Kopf gleich neben dem mir lange ähnlich enigmatischen “bis in die Puppen” ihr Zelt aufgeschlagen hatte, scheint vordergründig weniger rätselhaft. Die Motten kriegen, Frass am Gewebe zeigen, Verfall, ausfransen, die Metaphern fliegen nur so, und die Bedeutung ist klar. Die Puppen, andererseits, sind so lange rätselhaft, bis man dann halt mal nachliest, dass es um die Statuen im Tiergarten geht, die man so nannte, und die einen ordentlichen Fussmarsch entfernt waren, sodass alles, was sich bis in die Puppen erstreckte ganz schön weit ging. Oder aber so ähnlich, selber googeln, wo samma denn.

Heute erfahre ich jetzt, das die nebenan hausenden “die Motten” eine volkstümliche Bezeichnung für die Tuberkulose sind, weil die Lungen auf dem Röntgenbild kammansichjadenken.

Na sowas.

Monday, May 4th, 2009

sattelschubser

Der Fluss der Automobile ist, wie üblich um diese Zeit, in einem Zustand der Auflösung. Auf der rechten Spur steht warnblinkend verteilt die Lunchbrigade und blockiert. Wir restlichen Rollenden umfliessen zäh die aufragenden Ichkisten mit ihren sandwichhoffenden Fahrern. Ein Sattelschlepper schlängelt sich durch die Blockade, und ich schlängele ihm nach, bis er auf der Rechtsabbiegespur an der Ampel zu stehen kommt. Rechts steht er zu eng am Bordstein, ich richte also die Radnase nach links, die Fahrerin des dort nachkommenden Wagens bremst und winkt mich in die Lücke. Aus dem Augenwinkel aber sehe ich die riesigen Reifen des Schleppers sich drehen, das Monster rollt rückwärts und schräg verschwindet mein Rad unter ihm. Hey, rufe ich, asshole, what are you doing, springe ab und ziehe das Rad nach, aber unerbittlich schiebt sich der Verbrecher hinterher. Hey, ruft es nun auch vom Gehweg, there are people behind you, pay attention. Endlich hält das Vieh, schafhaft guckt ein Fahrerkopf aus der Kabine. You OK fragt es von da oben, und schon wieder sage ich, anstatt einem Bereicherungsprozess den Weg zu bereiten, I am, and I think the bike is, too. Schiebe das Rad zum Beiweis kurz nach vorne und wieder zurück, überrolle dabei eine schimpfende Ameise, und radle davon.

Tuesday, April 7th, 2009

that special someone

Equality: every rule applies to everybody the same way; one exception: me.

Thursday, February 19th, 2009

wis mod

If all you have is salad, every snail looks like a problem.