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Thursday, May 21st, 2009

Der Stand der Dinge

Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergrückens der Jersey City Heights. Vom Park an der Kuppe oben, ein paar hundert Meter östlich vom Tresen, an dem die Frau in der speckigen Schürze die Burger grillt, sieht man weit ins Tal des Hackensack und über die einst unpassierbaren Sümpfe hinweg, trübe Wasserflächen, gespickt mit den aufragenden Schloten von Kohlekraftwerken, Papiermühlen und Müllverbrennern, und mehrfach durchstrichen von Strassen auf Stelzen; Pulaski Skyway und New Jersey Turnpike erheben sich über den salzigen Riesentümpel der Meadowlands, seine dioxinverseuchte Flussbette, seine legendären verschnürten und versenkten Mafialeichen, umtanzen einander inmitten der toten Wasser, Verkehr geflochten zu einem rauchenden, blökenden Ornament auf bröckelndem, feuchtem Grund. Multimedia.

Vom Tresen aus sieht man nichts davon, der Blick trifft in alle Richtungen auf von Fassaden blätternde Farbe und geschundene Karosserien. Ausgebleichte Werbemalereien künden von den längst verschwundenen Mietern hinter den Fassaden, oder vielleicht auch nur von der Gleichgültigkeit des Fortdauernden gegenüber seinem Ausdruck. That ad up there? Fuhgetaboutit. Das riecht nach Klischee, nach einem dummen Scherz, der dem Scherzenden Gefühle einer Überlegenheit verschafft, die er nicht sich verdiente, aber obendrein reden die wirklich so hier. Vielleicht ist aber auch die Verwunderung über das bestätigte Klischee, dass die Geräusche aus dem stämmigen Trucker an der Burgertheke wirklich klingen wie ihr Abbild im Fernsehen, der eigentliche Scherz, auf Kosten des auf seinem Klappfahrrad in den Industrieverfall geradelten feinsinnigen Beobachters, der sich über den Zusammenhang zwischen Popkultur und ihrem Vor- und Abbild den Kopf zerbricht, während um ihn her die Welt in Brösel fällt.

Die Frau in der speckigen Schürze geht durchs UFO nach hinten, eine Art UFO-Wippe wohl, oder ein Mana-Wetterhäuschen, denn ein schmuddliges Oberlippenbärtchen reitet zugleich aus einem anderen Türchen nach vorne. Ob ich schon bestellt habe. Der Trucker sucht im Styroporbecher derweil seinen Kaffee, findet ihr, grunzt ihn an. Ich sei versorgt, erkläre ich mich, und mache eine vage Handbewegung speckschürzenwärts. Das ist dem Bärtchen nichts, und also dreht es sich kurzerhand einmal im Kreis, bewegt etwas auf der Theke vor ihm von hier nach da, und fragt mich so erfrischt von neuem nach meinen Bestellwünschen. Ich will nicht essen, sage ich, ich will ein Kleidungsstück. Bärtchen begreift jetzt, und geht wieder nach hinten, die Wippe knirscht, und es erscheint aus dem anderen Türchen wieder die Speckschürze und bringt das Gewünschte. Acht Dollar. Danke. Bitte.

Das White Mana Diner war das “Diner of the Future” auf der Weltausstellung 1939 in Flushing Meadows, und hier steht es jetzt in dieser Zukunft rum, die ihm doch gehören sollte, und speit mich in die ungebende Industrieruine, direkt auf mein Klapprad drauf, praktischerweise. Ich umfahre nun zunächst ein “Sidewalk closed”-Schild und zwei gelb-schwarze Absperrungen, stehe einen Moment insektenhaft vor dem quer über den Gehweg stehenden Führerhaus eines riesigen Sattelschleppers, der die Tankstelle verlassen will und des Verkehres wegen nicht kann, und umfahre schliesslich den ganzen langen Schlepper. Auf der anderen Schlepperseite ist alles anders, der Sidewalk jetzt wirklich und ernsthaft closed, grober Schotter knirscht, oder Geröll vielmehr, eine Baustellenendmoräne, dann Lehm, dann eine Reihe von Jerseybarrieren, ein Riesenkran, Metallmüll, ein gehsteigbreiter Bauzaun. Weltende. Damn.

Jerseybarrieren, so heissen diese Betonblockadeeinheiten wirklich; zwei Meter lange Betonmauern mit Spreizfuss sind das, entwickelt auf der anderen Seite der Heights, in Hoboken am Ufer des Hudson. Ein schöner Scherz des Weltgespenstes ist das, dass die hässlichen Steinklumpen, die überall in Amerika hässliche Highways noch ein bisschen mehr verhässlichen, ausgerechnet hier erfunden wurden. Die Sackgasse, in der ich stecke, wird von einer Reihe von Jerseybarrieren von der Fahrbahn getrennt, und die Fahrbahn von einer weiteren solchen Reihe von der Gegenfahrbahn. Zwischen mir und dem verlockenden urwaldgleichen Grünstreifen auf der anderen Strassenseite also: zwei Jerseybarrieren und ein steter Strom von Irren in ihren Irrenschleudern. Da ist nichts zu machen, Überquerung ausgeschlossen. Ich gehe in mich, grummle da ein bisschen im Dunkeln, und kehre dann um.

Der riesige Sattelschlepper hat sich eine Einfahrt weitergeschleppt. Wie eine ausserordentlich ungelenkige Schlange steht er staksig verdreht auf dem Parkplatz eines Motels, das Führerhaus schnuppert am Schlepperhintern, an allen Seiten blockiert Jerseygerümpel, und es geht weder vor noch zurück. Am Parkplatzrand steht eine Frau im leichten Sommerkleid, rosa der Stoff auf der dunklen Haut. Sie steht als wolle sie von dort beim Manovrieren helfen. Sie hilft aber nicht, steht nur so, und guckt dem Schlepper beim Krabbeln zu.

Endlich eine Lücke in den Jerseybarrieren, ich wechsle die Seite, balanciere das Rad auf dem endlich erreichten Seitenstreifen voller Grün, der aus der Nähe schmaler scheint und scherbenvoller, riesige Jerseytrucks blasen mir mit ihrem Fahrtwind Nervosität in Kreuz, dann endet auch noch der Streifen. Der Highway macht eine Kurve, kreuzt zwei andere Highways, Brücken und Rampen kommen einander in die Quere, ich lege mich ins Zeug, nur schnell durch durch das Gewirr aus grossen und sehr grossen Autos, am Rand der Fahrbahn, wo sich Kiesel, Sand und Scherben zu einem schönen, griffigen Belag verdichten. Die Ampel grün, hinter mir schon wieder ein riesiger Schlepper, vielleicht der aus dem Motel, der aufgegeben hat, ach nein, die Jerseybarrieren sind auch ihm eine Hürde. Bedrohlich näher rückt mir jetzt der fremde Schlepper von rückwärts, aber nur Meter trennen mich ja von der Einbuchtung hinter dem Brückenpfeiler, noch ein bisschen schneller die Pedale, das winzige Vorderrad rollt über Asphalt und Sand, nur ist das plötzlich gar kein Asphalt mehr, und nur noch Sand. Vorderrad bohrt sich in den weichen Grund und blockiert. Hinterrad weiss davon nichts und faltet sich unter mir leise maulend nach vorn, während Sattel, Rahmen und Fahrer sich aufwärts und strassenwärts heben. Reflexhaft hartes Zugreifen am Lenker, ein scharfer Zug in der Schulter und ich stehe über Treibsandgrube und Radfalte und werde von Hormonen geflutet. Endlos rumpelnd zieht links ein Sternzerstörer vorbei. Und noch ehe mir klar wird, was gerade beinahe geschehen wäre, ist die Gelegenheit auch schon wieder vorbei.

Wednesday, May 13th, 2009

karmic balance

For every door that closes, somewhere a parked car opens into the path of a bicycle.

Monday, May 4th, 2009

sattelschubser

Der Fluss der Automobile ist, wie üblich um diese Zeit, in einem Zustand der Auflösung. Auf der rechten Spur steht warnblinkend verteilt die Lunchbrigade und blockiert. Wir restlichen Rollenden umfliessen zäh die aufragenden Ichkisten mit ihren sandwichhoffenden Fahrern. Ein Sattelschlepper schlängelt sich durch die Blockade, und ich schlängele ihm nach, bis er auf der Rechtsabbiegespur an der Ampel zu stehen kommt. Rechts steht er zu eng am Bordstein, ich richte also die Radnase nach links, die Fahrerin des dort nachkommenden Wagens bremst und winkt mich in die Lücke. Aus dem Augenwinkel aber sehe ich die riesigen Reifen des Schleppers sich drehen, das Monster rollt rückwärts und schräg verschwindet mein Rad unter ihm. Hey, rufe ich, asshole, what are you doing, springe ab und ziehe das Rad nach, aber unerbittlich schiebt sich der Verbrecher hinterher. Hey, ruft es nun auch vom Gehweg, there are people behind you, pay attention. Endlich hält das Vieh, schafhaft guckt ein Fahrerkopf aus der Kabine. You OK fragt es von da oben, und schon wieder sage ich, anstatt einem Bereicherungsprozess den Weg zu bereiten, I am, and I think the bike is, too. Schiebe das Rad zum Beiweis kurz nach vorne und wieder zurück, überrolle dabei eine schimpfende Ameise, und radle davon.

Thursday, April 23rd, 2009

Alleinstellungsmerkmal

Man is the only animal continuously on the lookout for some way in which he is different from the other animals. His need to be special is quite unique.

Tuesday, April 7th, 2009

that special someone

Equality: every rule applies to everybody the same way; one exception: me.

Monday, April 6th, 2009

Anatomiestunde

Im Brustkorb eine Standuhr,
Monströs, verziert und alt,
Jetzt schlägt sie grade dreizehn,
Geräusch, das rasch verhallt.

Im Kopf ein Topf voll Pudding,
Geschmacklos, kalt, mit Haut,
Ich schüttel ihn, er schwabbelt,
Erst laut, dann nicht mehr laut.

Tuesday, March 31st, 2009

Deep Blue Question

If you cross blue-green algae and yellow-green algae, do you get green-green algae?

Tuesday, March 31st, 2009

Alphabet Tweets

A new project: alphabet tweets.
Because, why not?
Clearly, the most important thing is to know what to say.
Do I tire already, after only three letters?
Evidently not.
Fascinating, this is the perfect medium for empty chatter, yet I feel strange doing it just for a single letter’s sake.
Good lord, is it G already? I really must be going.
How did I get myself into this, you ask? Why, it’s procrastination to avoid thinking, of course.
I said thinking, didn’t I? I meant feeling, really.
Just when you think you feel something, you feel that you thought wrong.
Kinda silly, to just post associative paradoxlets like that, but hey. This is twitter.
Let’s see, which letter is next? I have the list somewhere around here.
Might have misplaced it. Fiddlesticks.
No, here it is. I was at L. Hm, that’s gone now, what to do?
Oh, I know. Just pretend it never happened.
Pause, Intermission, go get some refreshments. I must have done, what, dozens of letters already. Exhausting.
Quality tweets take time. This didn’t.
Random tweet. Surprisingly, it starts and ends with the right letter.
Surprisingly starts with the right letter, too. And ends ends.
This is much sillier than anticipated. Silliness from order. There is a lesson to be learned here. A silly one.
Up until now things were hunky dory. But I’m a bit afraid of the tail end of the old ‘bet.
Very close. Only one letter separates me and the dreaded X. And that letter is.
Well. You know. The one what follows v. Double-vi. Emacs, in other words.
Xanthophyceae are yellow green algae. That is so very interesting.
Yellow-green algae! That reminds me. Blue-green algae are not actually algae, they’re bacteria. Did you know that?
Zounds. I made it. Now what whacky thing will I try tomorrow?

Monday, March 16th, 2009

Journal Square, 11:30

Vor dem Bahnhof tummeln sich ungewohnt viele Menschen, schwer, mit dem Rad durchzukommen, ohne dass sich wer bedroht fühlt, und je näher ich der Treppe komme, desto dichter wird der Menschenauflauf. St. Patricks trinkt demonstrativ ein Erklärungsbier in meinem Kopf, aber sein Tag ist ja erst morgen, und betrunken oder grün ist hier auch keiner. Alle fünf Rolltreppen funktionieren, ein statistischer Ausreisser, der nur durch einen grösseren Defekt anderswo nicht zu einem Ungleichgewicht im Gefüge der Natur führen kann, und so weiss ich dann auch schon bevor ich es den dicken Mann in der Uniform sagen höre, dass keine Züge fahren. Wie lange es dauert, kann niemand sagen, eine halbe Stunde aber mindestens. Na gut, geh ich halt was essen.

Hinter dem Bahnhof, an der Brücke über die Gleise, noch ein Auflauf, Menschen auf Zehenspitzen diesmal. Die gaffen wohl kaputte Züge, denke ich augenrollend, gleite noch ein paar Meter würdevoll am Gafferspalier vorbei, knicke ein, steige ab und gaffe mit. This will happen a lot more, sagt einer, with the way the economy is going. Zwei Züge stehen ausserhalb des Bahnhofs rum, Gleisarbeiter dazwischen, es ist kein Problem zu sehen. From the bridge? fragt jemand. No, from the other train, sagt jemand anders, und langsam verwandelt sich das technische Problem unter mir in einen Selbstmord. Clear the wall, ruft ein weiterer dicker Mann in Uniform, eine schwarze Limousine mit Blaulicht hält am Strassenrand. Ich stehe noch einen Moment, ein undefinierbares Gefühl im Bauch. Vielleicht Hunger.

Die Salatbar im Deli um die Ecke ist erstaunlich gut sortiert, der Essbereich schäbig, fensterlos und überheizt. Auf dem unvermeidlichen Fernsehschirm schreien sich drei Männer an. Einer, der sich bisher für den Vater seiner beiden Kinder hielt, zwei andere, die auch in Frage kommen, zwischen ihnen die weinende Mutter und ein dicker Moderator mit Glatze. Nach jedem emotionalen Ausfall, jedem Geschrei, applaudiert das Publikum höflich und zivilisiert, dann ist der nächste dran. Schliesslich verliest der dicke Moderator mit dramatischen Pausen die Ergebnisse des Vaterschaftstests. Schnitt auf die weinende Mutter, den fassungslosen Nichtvater, den ausdruckslosen Jetztvater. Applaus.

Die Züge fahren eine halbe Stunde später immer noch nicht, der einzige Bus ist überfüllt, bleibt nur, mit dem Fahrrad quer durch den Sumpf und über ein Gewirr aus Zubringern und Schrottbrücken zu fahren, über Russhaufen gespickt mit Unfallscherben. Wie ein gejagtes Kaninchen hopple ich über die Autobahnauffahrt, als sich zwischen den Sattelschleppern kurz eine Lücke öffnet, und dann vorbei an zerbröselnden Fabriken, nach Newark und zwischen seinen Banktürmen hindurch zu unserem kleinen Campus. Ich komme exakt rechtzeitig.

Thursday, February 19th, 2009

wis mod

If all you have is salad, every snail looks like a problem.