Nichts ist eigentlich überraschend, man müsste ja erwarten, dass mans nicht vorhersieht, aber das Überrascht-tun-müssen ist der psychophysische Kern der verbotenen Frucht Erkenntnis: man hat diesen Batzen im Kopf, der andauernd alles nach Mustern durchsiebt, und dann bildet sich ein Zukunftsbild im dummen Kopf, und man verlässt sich drauf und vertraut, aber es ist natürlich alles bloss feiner bröselnder Sand, und Induktion ein Riesenkäse, den das Fortpflanzungsorgan Gehirn da durch die Weltgeschichte rollt: wahr ist, was funktioniert, mit Reinstecken, und die ständigen Enttäuschungen der Erwartung sind Humes Argumentschläge, nur halt in die Eier statt den Kopf, die Organe sind eh alles eins, und zwar: metaphysischer schleimiger Dreck.
Trotzdem staunt man natürlich immer wieder, wenn zurechnungsfähige Leute plötzlich Mist reden oder im Stich lassen, als säge die Trivialität, dass sowas geht, und nichts ist, wie man es denkt, am edlen Weltgebäude, statt nur seine Wackligkeit mal wieder zu bestätigen, was ja eigentlich was Positives sein müsste. Genug insinuiert jetzt, versteht eh wieder kein Mensch, ders verstehen müsste, jedenfalls die Figuren in meinem Kopf verstehns wieder nicht und schütteln nur den Kopf, Pessimismus ist aber was anderes als Induktionsunmöglichkeit, ihr Gegenteil nämlich, Vorwegnahme des Irrtums, aus Feigheit. Mir gehts aber um echten Verrat, nicht um erfundenen, der ist auch gesünder.
Salon.com ist eine der öderen Onlinemeinungsraushauereien, immer sauber kalifornisch durchliberalisiert, aber auf Heather Havrilesky, die dort fürs Fernsehgucken beschäftigt wird, unter anderem, war eigentlich halbwegs Verlass, Galactica hat sie zum Beispiel verstanden, trotz Frausein, und das ist ja schon mal allerhand eigentlich. Aber jetzt. Die vierte Staffel von Dexter, dem Fernseh mit dem Serienmörder, ging grade zuende, schön symmetrisch sass der Sohn des liebenswerten Monsters in der Blutsuppe seiner Mutter am Ende, wie Dexter selber ganz am Anfang, nur diesmal ist nicht das motivationslose, blinde Universum schuld, oder der Anonyme, was dasselbe ist, sondern Dexter selbst, eine schöne Schleife der Gründe, ein Blutfraktal. Und das findet Heather ja auch, aber zugleich geht ihr das alles zu weit, denn hier sitzt ja ein unschuldiges Kind im Blut, und zudem ist ihr erhofftes romantisches Happy-End kaputt, der Ausflug des Mörders und seiner unerträglichen Häppihäppifrau nach Key West, als könne man das freigelassene Monster in sich retten, als sei dieser Impuls zum Eingriff, den jeder normale Mensch hat, haben muss, wenn er kein Arsch ist, durch ein bisschen Sonnenuntergang soziabel zu machen. Wenn man sich hier über irgendwas aufregt, dann doch über den Gewalt-schafft-Gewalt-Dreck, den erhobenen Zeigefinger und die zu befürchtende fünfte Staffel, in der ein Kartenhaus ja wohl jetzt moralwiedergraderückend einstürzen wird, dass man wird kotzen müssen, und nicht über die geschändete Unschuld des dummen Kindes, das da in der roten Farbe hockt und heult, Kinderunschuld und romantische Selbstjustiz des Familienoberhauptes, alles kaputt, wunderbar, wie das dumme Amerika da zerschlagen wird, und Havrilesky empört sich drüber, das ist ja die Scheisse, man möchte mit Äpfeln werfen, Kallisti, Meinungskrieg. Und man war blöd genug, das anders zu erwarten vom Journalismus, und wollte ja selber diese Romantik, die abartige, widersinnige, den geretteten Amokläufer und seine Kleinfamilie; also der Irrtum des eigenen zusammenfantasierten Erwartungswahns ist sowieso der Skandal, und nicht die fremde Meinung der anderen, oder die andere der Fremden. Man verrät sich sowieso immer selber, Passiv wird nicht gegeben.
