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Wednesday, April 28th, 2010

A story about Fodor

And here [Pinker] is on why we like to read fiction: ‘Fictional narratives supply us with a mental catalogue of the fatal conundrums we might face someday and the outcomes of strategies we could deploy in them. What are the options if I were to suspect that my uncle killed my father, took his position, and married my mother?’ Good question. Or what if it turns out that, having just used the ring that I got by kidnapping a dwarf to pay off the giants who built me my new castle, I should discover that it is the very ring that I need in order to continue to be immortal and rule the world? It’s important to think out the options betimes, because a thing like that could happen to anyone and you can never have too much insurance.

Says Jerry Fodor, in his review of Pinker’s How the Mind Works. I am fascinated whenever clever people say stupid things, and this certainly looks like a prime specimen. Can Fodor really think that the above constitutes a valid argument of any kind? That stories, if they are useful as mental sandboxes, must be literal mental sandboxes? That rings must be rings, dwarves must be dwarves and immortals must never die? That, in other words, there is a naively naturalistic mapping for everything mentioned in a story to the identical thing in the world, and allegory and metaphor do not even exist, nor usually carry intentional and ofter moral arguments? Surely that would be ludicrous, but just as surely, the above “argument” seems founded on such ludicrosity.

There certainly are interesting things one could learn from this, about how one’s pet theories bias the mind, or how being too immersed in the dreamy Language of Thought will make one ignore reality. It’s called cognitive dissonance and quite a fascinating phenomenon itself. But I think what I’ll take away is not to read book reviews by people I heartily disagree with and listen to Das Rheingold instead. Wagala weia.

Tuesday, April 20th, 2010

Phänomenologie des Geisteskranken (3)

Treets!
III. Unterdessen, anderswo.

“I feel I must interject here. You’re getting carried away feeling sorry for yourself” (Postal Service, Nothing Better)

Es ist ja nicht so, dass mich diese Dinge nicht interessierten. Billy Wilder soll einen flüchtigen Ideenschmetterling, der ihm mehrfach nachts durch die Träume flatterte, und der jeweils am nächsten Morgen verschwunden war, in einem Zettel-und-Stift-Netz neben seinem Bett gefangen haben, und als er das schillernde Insekt am nächsten Morgen bestaunen wollte, gespannt auf den Einfall, der dem Traum zufolge zum besten Film führen würde, den er je gedreht hatte, stand auf dem Zettel: “boy meets girl”. Denn es ist ja so: alles ist interessant und wichtig für den, der die Hauptrolle spielt. Und dem Publikum ist aber vieles fad und banal. Beziehungen bröseln unter Stress und mit der Zeit, Freundschaften sind schwierig, wo die Liebe mitmischt, Geldsorgen essen Seele auf, der Tod ist gross und wir die seinen, filled with the faults they had. Und so weiter, in ewiger Wiederkehr. Und eben Widerkehr auch.

Alles natürlich monumental, wenn man drin eingesperrt ist, aber gleichzeitig doch auch sehr bla, Alltagsgewürge, banaler Kram letztlich. Der Mist dieses Kleinviehs kann doch nicht sein, weswegen ich jetzt Pillen schlucke als wärens Treets, und trotzdem die Hälfte der Zeit emotional durch die Gegend taumle wie ein angetrunkener Albatross beim Landen.

Moment. Treets?

An Treets hatte ich zwanzig Jahre lang nicht gedacht, und dann fiel mir neulich in einem Gespräch über Affenspezialfutter plötzlich ein: die hiessen so, weil es treats sind: Feiertagsnüsschen im Schokomantel. Das Strahlen der Erkenntnis in meinem Gesicht, das rein gar nicht in dieses Gespräch passte, versuchte ich dann umständlich zu erklären, es blieb aber wohl unverstanden. Treets. Mannmann.
Im Hirnsieb sammelt sich so viel Schotter über die Jahre, es ist ein kleines Wunder, dass aus dem Kopf überhaupt noch sinnvolle Geräusche kommen ab zirka dreissig, und nicht nur noch inkohärente Nostalgie und Assoziationen zu Stellvertretersachen für ein damals und ein dort, für eine Kultur und ein Milieu. “Kennst du das” und “weisst du noch”, die Hauptsätze der Zugehörigkeitsrechnung. Dabei ist Differentialrechnung doch viel interessanter. Gleichheit definiert die Spezies, der Unterschied macht das Individuum.

Trotzdem, Auswanderer kleben weltweit zusammen wie ein Bienenschwarm auf Höhlensuche. Mir war lange nicht klar, warum das so ist, es schien wie das Klischeeeisbein (Triple-E Qualität! Kein Flachs!), des deutschen Urlaubers im Süden, ein ängstlich paradoxes Klammern ans Vertraute, wo man doch reist, um die und das Fremde zu erleben. Oder jedenfalls das Gefühl des Erlebnisses zu haben. Möglicherweise ist das Kennenlernen der Fremde ja ebenso unmöglich, wie einem Japaner unmöglich ist, die R- und L-Raute zu unterscheiden, aber herrje, versuchen kann mans doch wenigstens.
Aber nichts da. Beim Chinesen auf Spadina sitzen die Chinesen und speien gemütlich die Knorpel auf die Tische, im Latino-Supermarkt von Jersey City shoppen die Latinos in sauber nach südamerikanischem Land geordneten Regalreihen, wie zu Hause in der alten Heimat, und deutsche Besucher sind begeistert, wenn es irgendwo Bratwurst gibt und richtiges Bier. In New York!

Aber wer braucht Bratwurst, wenn er Internet hat? Man kann mich unter die Hippies werfen und unter die Homies, dachte ich, es bleibt immer der Rückzug in die Online-Horde, in die Ersatzfamilie, anstelle der dysfunktionalen echten. Nur dass diese Horde aus Einsen und Nullen besteht, und nicht aus Menschen, und lange Ketten aus Einsen und Nullen summieren sich für den sozialen Instinkt zu einem Nichts. “Was fehlt: Fernlausen” schrieb K. jüngst in eine dieser virtuellen Hütten; denn dem bloss geschriebenen Wort ohne persönliche Rückkopplung, ohne Achselgeruch und Augenrollen und Mundwinkelzucken, fehlen Bindungskraft und affektive Eindeutigkeit. Man kann das lange ignorieren, ein Fortschritt gegenüber der guten alten Zeit, in der Exilanten gleich nach Ankunft in Finsternis versanken. Aber irgendwann wird die Rechnung trotzdem fällig. Und dann helfen nicht mal mehr Käseknacker.

Igitt.

Monday, April 19th, 2010

Kulturvergleich

warum Männer, warum Frauen
Ohne Worte.

Monday, April 19th, 2010

Phänomenologie des Geisteskranken (2)

II. Tag. Aussen.

Bei Licht betrachtet ist was man im Dunkeln so treibt und schreibt ja meist ein geblümter Unsinn mit Schleife. Das macht einerseits nix, so weit es um Gefühltes geht, weil: Gefühltes braucht keinen Sinn; Gefühltes schmeckt auch so. Aber vom Gedachten hätte man mehr erwartet. Wahrscheinlich ist überhaupt das der Fehler.

Tractatus sozio-logicus:

1 Alle Welt will gefallen.
2 Wodurch man gefallen will, das Mittel, ist das Verhalten.
3 Der Zweck des Verhaltens ist Kommunikation.
4 Kommunikation ist der unternommene Versuch, den Zustand des Anderen zu verändern.
5 Mittel dieser Veränderung ist das Ausführen sozial bedeutsamer Bewegung
6 Die herzustellende Gleichheit ist die zwischen der erwünschten Bewegung des Anderen und seiner tatsächlichen.
7 Wo man nicht angleichen kann, da muss man schweigen.

So weit, so gut. Aber was ist jetzt, wenn die Kommunikation eine über das Ende aller Kommunikation ist? Man also zum Beispiel blogt, dass man online nichts mehr schreiben will, ja zwingend nicht mehr kann, keine Wahl hat, weil man vor dem Browser Angst hat wie gebrannte Mandeln vor dem Feuer? Ist das als Kommunikation nicht völlig ungültig, wegen Binnenwiderspruch? Macht man sich nicht zum Lügenkreter damit und schafft sich selbst ab? Kann man vor lauter Logik blind werden gegen den eigenen Blödsinn?

Von Schnee kann man jedenfalls blind werden. Nicht wenn es bewölkt ist und dichtes Flockengewiesel fällt, Schneeblindheit ist ja die Ultraviolettkatastrophe im Auge, eine Schwarzkörperexplosion aus zuviel Licht. Aber ich bin im eigenschaftslosen Weiss des Schneetreibens trotzdem blind, die Qualitäten der Dinge lösen sich von ihnen ab und verschwinden. Es bleibt ein grellweisses Loch, inhaltslose, wirbelnde Verzweiflung. Im Film Nothing finden sich zwei Freunde mit ihrem Haus in einer nahezu allumfassenden weissen Leere wieder, nachdem sie den Rest der Welt durch intensiven Hass beseitigt haben. So ähnlich fühlt sich Lincoln Park an an diesem Schneetag, eine Insel im Nichts, voller Gespenster abgeschiedener Grössen. Zwei Baumreihen sind zu sehen, die auf einen Punkt hin fliehen, ohne ihn zu erreichen, und ein steinerner Feuerwehrmann auf einem Podest, der sich gegen den Schnee stemmt. Der Rest ist wirbelndes Schweigen.

Nothing endet damit, dass die beiden Hauptdarsteller restlos alles weghassen, ausser ihren Köpfen, die dann zufrieden durch die Leere hüpfen, deren einzige Eigenschaft ist, dass sie weich ist und nachgibt. Aber der Film stellt die Dinge natürlich von den Füssen auf den Kopf. Denn viel einfacher wär es doch, den eigenen Kopf wegzuhassen statt umständlich die ganze Welt. Und zack, aus die Maus. Und so stand ich da im Schneegestöber und dachte: besser wärs gewesen, dieses Ding wär mir im Kopf gewachsen und nicht dem W. Er hätte nicht das Leid, das von aussen nicht vorstellbare, und mein eigenes Leid und die umfassende Verzweiflung, die alles würgend umklammert, die an der Idee der Leichtigkeit hängt wie Blei, wäre zu Ende.

Der Gedanke ist natürlich dumm, so dumm, dass auf seine Dummheit hinzuweisen selbst auch dumm ist, das weiss ich selber, und er wurde ja von der Depression gedacht, und nicht von mir. So verteidigt sich mit kleinen Ärmchen rudernd das Ich. Ganz zu schweigen davon, denn auch das ist mir bewusst, sagt das Ich, dass anderer Leute Elend zur dramatisierenden Folie fürs eigene zu nehmen ein Schachzug des Anti-ES ist, Ausdruck einer psychosomatischen Abstraktdeformation. Sich so herauszureden auf “das war Ich nicht, es war mein Hirn” ist verlockend, aber wer oder was ist denn eigentlich dieses Ich, dass es da nicht gewesen sein will? Dem der Gedanke so peinlich ist, und Anlass zur Wut auf was diffuses Externes? Und würde dieses Ich auch sagen “Ich hab mir nicht den Fuss gebrochen, das war mein Bein”? Ist das nicht vielmehr ein Ausweichen, und die ganze Philosophiererei auch nur Übersprung?

Apropos Ausweichmanöver und Übersprung: die Ansichten Humes zum Ich – das es nicht gebe als Ding der Anschauung – und seine Induktionsargumente – wir können nichts wissen, und genau genommen nicht mal das – gelten ja genauso in der Depression. Denn auch ob eine Situation, eine Interaktion, ein Ausbleiben oder Eintreten gut ist oder schlecht, kann man nicht wissen. Man schwiemelt es sich je zusammen, aufgrund des sonst so gewussten: Esse est perspiri. Dasein ist Schwitzen. Und Perspiration ist eben fehlbar. Und müffelt.

Anders: dem Induktionsproblem geht das Hirn mit einem Grundvertrauen aus dem Weg, einem heuristisch eingeschriebenen “wird schon stimmen”, in dubio pro lege, fürs Naturgesetz. Was gestern war, wird auch morgen noch gelten. Die Grundlage dafür ist, dass diese Faustregel gestern noch half, das ganze Argument also zirkulär, aber das macht ihm nichts. Und ebenso basiert sozialer Austausch auf der Annahme: man nimmt mich ernst, man achtet mich, ich bin was wert auf dem Markt der Personen und Empfindungen. Und wie aus einem grundlegenden Zweifel an der Zukunft die Unfähigkeit folgt, sie zu erreichen – wer weiss, ob beim nächsten Schritt noch fester Boden ist, besser, stehenzubleiben – so ist der, der am Wohlwollen der Welt zweifelt, nicht mehr in der Lage, es zu sehen.

Funktionieren ist Vertrauensvorschuss, ist die Welt auf die leere Leinwand der Wahrnehmung gemalt, oder hier eben ein Haufen Neurojargon auf die schwarze der Existenzverneinung.
Das geglückte Leben eine einzige, lange Übersprungshandlung; ein Kratzen hinterm Ohr mit dem falschen Fuss; Blindheit im Angesicht des strahlenden Nichts.

PS. Wer das mit der Abstraktdeformation erklären kann, ohne zu gugeln, kriegt einen Pangalaktischen Donnergurgler ausgegeben. Oder zwei.
PPS. Ja, das PS aus dem angeblichen Kommunikationsembargo redet mit dem Leser. Schnauze, Leser.


Saturday, April 17th, 2010

Phänomenologie des Geisteskranken (1)

I. Nacht. Innen.

Liegen, die Kehle zugeschnürt von unten her, ein Knoten ohne Grund und Substanz, der einfach ist. In Wellen laufen Erschütterungen durch den Leib, der sich schwer in die Welt drückt, Unausgewogenheiten, kleine Beben, Pulsationen, die dem schlingernden Gehirn wieder für Todesnachricht gelten: den Morgen wirst Du nicht erleben. Entsetzen und Resignation tanzen Walzer im Oberstübchen, eine Geschichte dazuerfunden, die Tabletten hast Du nicht genommen, und eingesperrt im Keller sitzt der sogenannte Verstand und wummert mit kleinen Fäustchen gegen die Tür. Welche Tabletten eigentlich, ruft er, aber er lässt sich nicht raus, seine Einwände zwar berechtigt, das Sterben sei auch bisher ausgeblieben, aller Furcht und aller nächtlichen Panik zum Trotz, aber wer hört schon auf die Schmuddelkinder aus dem Denkkeller. Wer hört überhaupt auf irgendwen? Und hört eigentlich auch mal was irgendwas auf, oder fängt vielmehr immer nur neuer Scheiss an?

Einatmen. In der Wand ein leises Rascheln, beantwortet durch das Ticken meiner langen Fingernägel auf der Wand (Zum Gitarre üben. Haha.), und das Rascheln verstummt. Antwort und Verstummen; das Gehirn, vom Sturm der Evolution sinnlos aus einer biochemischen Müllhalde zusammengefegt, diese Mustererkenn- und Überlebensmaschine, saugt sich magnetisch fest, ein Fadenkreuz haftet auf der Denkfigur: Signalaussendung führt zum Ende der Kommunikation. Was ich sage, bringt die anderen zum Verstummen. Strecke ich die Hand aus, weicht die Welt zurück. Selbst für die Ratten in der Wand gilt das; oder eben grade für die, maults von unten, sind ja schliesslich Ratten. Aber halt die Klappe, Verstand, es ist Nacht, da schläfst du doch, denn dann tanzt der Teufel ums Fegefeuer brennender Erinnerungen. Vielleicht liegts aber auch nur an der Katze im Frack da am Fussende, dass die Ratten schweigen, und die Frackkatze wiederum liegt da der Rattengeräusche wegen, eine endlose Goldbergmaschine aus Gründen und Gegengründen, und alle Fratzkacke und uninteressant: ich will wissen, warum die Menschen das tun, was sie tun. Und nicht die Katzen, und nicht die Ratten. Ausatmen. Jetzt das Kissen wenden, die Unterseite presst sich kühler gegen die brennende Wange. Ein paar Sekunden lang klärt sich was, dann wieder Nebel.

Eingesperrt im eigenen Kopf, der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Fleisch, was hilft mir da die Neurophilosophie? Was tut der Klaustrophobe, wenn der Schädel zu eng wird, seine sogenannten Verhaltensmuster, seine angeblichen Persönlichkeitsmerkmale, eben das, was dieses dumme Tier so tut und sagt und empfindet und ist? Wenn dann die Panik kommt, die positive Rückkopplung, in der die Unmöglichkeit, einer Unausweichlichkeit auszuweichen, den Terror potenziert, und das Ich sich selbst am Haarschopf fasst und in den Hirnsumpf schmeisst. Ich will nicht der sein, der ich bin: der nicht sein will, der er ist. Und so weiter, bis zur Vergasung. Kennste, Alter, oder? Voll der krasse Spruch, Vergasung.

Ich will hier raus. Aber fat chance, klar.

Und dann kreist endlos ein Bröselteufel: gesagt und nicht gesagt. Gemeint, gedacht, gefühlt. Eingefordert, ausgeladen. Versetzt, verstanden, verlegen. Akteure und Subjekte. Geworfene und Werfer. Hallo! Hier drüben! Eine Parataxe, bitte, in diese hohle Gasse. Was wollte ich nochmal sagen? Ach ja.
Liebe, Hass und Demütigung kommen in eine Bar, sagen kein Wort und legen den ganzen Laden in Schutt und Asche. Guter Witz, die Pointe hab ich nur leider vergessen. Aber das ist ein Brüller. Den hört man weit und breit.
Eine Stunde jetzt seit dem Rattenrascheln, langweilig ist er ja schon, the horror, das Grauen und das Grübeln, jedenfalls von hier aussen, vom Text her betrachtet. Immerhin: Bach runter eiert im Kreis durch die Rübe, oder kreist im Eierkopf, ein dummes und liebloses Geplätscher, aber ein Geräusch jedenfalls, und aus dem Keller wummert der Zwerg mit dem Wasserkopp Kapielskis Sorgenbesen an die Decke, im Blickfeld der Weitwinkelüberwachungskamera. Ruhe da oben, wir würden hier alle gern schlafen. So, aha. Eine einzige Gerümpelkammer, dieses Oberhüttchen. So viel kann man gar nicht wegschmeissen, wie man Platz bräuchte.

Ich wollt ich wär Homer, und küsste die Muse mich Deppen, und hätte ich nichts als einen Donut zwischen den Ohren, mit Marmelade drin und extra Sahne drauf. Aber kamman es sich aussuchen? Kammanicht. Bin ich halt irre eben. Wird schon auch zu was gut sein.

Und es wurde dunkel. Und langsam wieder hell. Ich will aber nicht, dass es hell wird. Mach dunkel wieder. Bitte. Zieh den Tag auf links.

Aber nichts da.

Jeden Morgen erinnern sich Muskeln, Finger, Augen an endlos vorgenommene Handgriffe und Klickbewegungen, die einst das Online aufgerissen haben sperrangelweit, und Nachrichten aus der bewohnten Welt ergossen sich aus der Wunde. Aber wie ein ehemals bunter Hund, schwarz gemacht durch nie vorhergesehene Prügel und Zufallsstrafen, ist mir dagegen jetzt Widerstand in die Synapsen gebrannt. Ich kann sie nicht mehr aufmachen, die staubigen Wasserlöcher und Schwatzbuden, dieses Forum, dieses Facebook, und nicht nur, weil ich zuviel investierte oder erwartete und jetzt an der Enttäuschung kaue, einem alten zähen Lederkeks. Auch wird mir körperlich übel; und überwinde ich die Abwehrreaktion hämisch – sieh her, Hirn, ich bin Dir über und transzendiere Deine Unzumutbarkeiten – erfasst mich gleich nach Ladeschluss neuer Schwindel. Einmal vertraute Namen hängen in einer Leere, die jetzt gähnt, wo ich mich mal zuhause fühlte. So lang ist das gar nicht her, was ist nur los? Wer seid das hier? Ein Dreckshirn, Spatzl, gell?

Und zuhause, das ist eh. Davon fang ich gar nicht.

Hier liegt ein Nexus der Krise, wenn auch nicht ihr gordischer Knoten: die Diskrepanz zwischen der nachgebastelten Sozialität und ihrer Nachgebasteltheit, die sich in Momenten dichter Emotion am deutlichsten zeigt. Alle haben das gespürt, als der Hirnwucher ausbrach in Berlin, haben helfen wollen, und wussten nicht wie, haben sagen wollen, und wussten nicht, was. Wollten berühren und berührt werden, aber mit welcher Hand und wessen warme Haut? Alle spürten es, mir hat es den letzten Boden weggezogen, und seitdem Sturz. Fein, der eine hat die Krankheit zum Tode, der andere jammert. Recht machen kann mans wohl keinem. Aber wie denn auch. We are moments lost in time, like tears in the rain.

Sturz weshalb überhaupt? Ist ja nur Forum, Freunde gehen anders, der Satzbrocken steckt mir als winzige Axt im gefrorenen Meer, an der Seite der aufgeworfenen Platte in Kasper Friedrichs Bild, ein hilfloser Kitsch, wie immer. Als wär die Formulierung persönliche Beleidigung gewesen, und nicht eben offensichtlich und grundrichtig. Was eigentlich willst Du, Kopf? Warum bleiben von allem immer Wut, Verzweiflung, Schmerz, grad diese drei? Und nicht auch mal eine nette Bemerkung, ein Lächeln, eine versteckte Geste, die sonst keiner sah. Und warum erfahr ich das alles nur hintenrum, per mühsamen Nachhirnens, und muss es mir zusammenkleben aus Grübelpopeln, du linke Bazille, du Kopfpups, du Irrtumsnetzwerk aus Neuronendreck? Sitzen wir denn nicht im selben Boot? Ziehen wir denn nicht am selben Strang?

Und was ziehen wir da eigentlich, und zu welchem dunklen Ende?

Thursday, April 15th, 2010

Frühling in der Stadt

Gesang der Sirenen,
Widerhall gleisser Fassaden:
Echos einer Stille.

Fremder Namen auf Markisen,
Flugblätter im Blütenschnee,
Matrix des Leerraums
zwischen den Zeichen.

Lockfarben geiler Bäume,
Referenten
des Grau.

Motor-
sägen-
zeit.

Monday, April 5th, 2010

ostersamstag

What are you doing?
Ich blicke vom Sucher und den auf den Gehweg gefallenen Blütenblättern darin auf. Die Richtung, aus der es fragt, ist nicht auszumachen. Ich suche die Fenster der Häuserfront ab, sehe aber niemanden.
What are you taking a picture of?
Die Stimme ist nicht neugierig oder freundlich, sie ist aggressiv und erbost: ein Hausbesitzer vermutlich, der Angst um die Seele seiner vinylverschalten Schachtel am Hang hat. Where are you, frage ich zurück.
What are you doing? fragt es jetzt erneut, drängender, und dann wird es dem Frager zu bunt, oder vielleicht auch zu schwarzweiss. Eine Gittertür öffnet sich hinter dem Parkplatz und ein drahtiger Mann mit Bierdose in der Hand kommt heraus.
What are you taking a picture of? fragt er jetzt, er schätzt offenbar die Wiederholung. Die Antwort ist ihm egal, kaum hat er sie, stellt er sie auch schon drängend in Frage: why are you taking a picture of that? Stop it. Und fuchtelt mit dem Finger in meinem Gesicht.

Er sucht Streit, droht und posiert. Wäre er ein kleiner Hund, er kläffte jetzt wild. Und weil wir hier in Jersey sind und nicht beim Zuckerschlecken, fliegen in Windeseile die What the fucks und I’ll fuck you ups hin und her; What aus meiner, up aus seiner Richtung.
Erneut öffnet sich die Gittertür und das Haus speit eine dickliche Frau aus. Ignore him, fleht sie uns an, come in, Eddie den drahtigen Desperado.
If I see you again, I’ll fuck you up, zischt Eddie im Abgang erneut, prickelnd, erfrischend, dann hat ihn aber endgültig die Dickliche am Wickel und zieht ihn hauswärts. What if they call the police on you again? schilt sie und die Gittertür schliesst sich.

Dann ist es wieder still in Jersey.

Thursday, April 1st, 2010

welt des wissens

Durable relationships

Diese Grafik trägt den Titel “durable relationships” und stammt aus dem gestern erschienenen Aufsatz A Mathematical Model of Sentimental Dynamics Accounting for Marital Dissolution von José-Manuel Rey. Sie trägt Anstrengung gegen Gefühl auf, enthält zwei Variablen die zur herzten Potenz erhoben wurden, zahlreiche Pfeile und das sentimentale Gleichgewicht E.

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Wednesday, March 31st, 2010

multiple choice

Wenn man sich in zahllosen Diskussionen neurophilosophischer Probleme und Problemchen eine Position zu einigen der prominentesten Argumente der Dualisten erarbeitet hat, zu Jacksons farbenblinder Fantasiegestalt Mary zum Beispiel, und spezieller noch das Argument, dass wenn die farbenblinde Mary alles über die Neurowissenschaft des Farbsehens wisse, sie dann ja wohl auch bei der ersten Begegnung mit einem roten Objekt sich erschliessen können müsste, dass das Objekt eben rot ist, und also die Privatheit dieser Qualität in diesem Szenario plausibel bestritten werden kann, wenn man dieses Argument einer Spezialistin des Themas, nach ihrem Bewerbungsvortrag dazu, dargelegt und sich gefreut hat, dass es ihr neu und interessant war, und wenn man dann aber das Buch Neurophilosophie von Patricia Churchland aus dem Jahr 1986 liest, und da steht das ganz genau so drin, dann, also dann, ja, was eigentlich?

Freut man sich, dass man kluge Dinge selbst herausgefunden hat? Ärgert man sich, weil man wegen Unbelesenheit knapp 25 Jahre hinter dem Stand der Debatte her hinkt, oder wundert man sich, dass es der klassischen Philosophie offenbar ganz genauso geht? Antwort: D) All of the above.

Monday, March 22nd, 2010

you and two others do not like this

Grade haben mich ein Strauss persönlicher Enttäuschungen und die Entladungen eines Emotionsgewitters zum Entschluss gebracht, mich gegen den trügerischen Sirenengesang des Onlinesozialgeräusches am Mast der Echtwelt festzubinden; den Plappernetzen, durch deren Maschen widerstandslos fällt, wer ihnen sein Gewicht anvertraut, den Rücken zu kehren; da regnets auch schon Bestätigung: “It’s a feeling of empty loneliness familiar to many of us who are enmeshed in social networks and broadband grids, blogs and microblogs, emails and IMs, sending so many messages and making so few connections”, schreibt Ryan Tate in Valleywag, über die Einsamkeit des Google-CEOs Eric Schmidt, und der ein wenig windige, aber dafür schneidig unrasierte NeuroLeader Dr. Rock krümelt vom selben Hörnchen: das Crack der schnellen, bedeutungslosen Zuwendung sozialer Netzwerke höhlt aus, stumpft ab und schafft emotionale Erwartungen, hinter denen die Wirklichkeit dann nur zurückbleiben kann. Das ist im Normalfall nur eine unerwünschte Ablenkung und Produktivitätsstörung, aber wehe dem, der das Wort Freund ernst nähme, das da überall steht. Bewiesen also meine aus Selbstschutz geborene Einsicht, zwei zufällige Postings sagen ja dasselbe. Oder vielmehr: gar nichts ist bewiesen, die Texte mussten ja auffallen. Confirmation bias nennt die Psychologie die Neigung, bevorzugt das wahrzunehmen, was die eigenen Vorurteile bestätigt, und sie damit zu zementieren, egal was tatsächlich passiert. Obwohl es wiederum andersrum confirmation bias bias heissen müsste, wenn man gleich confirmation bias wittert und alles wegrelativiert, nur weils anderen erging wie einem selber. Yin und Yang, die zwei Seiten eines karierten Känguruhs voller guter Argumente. Mit Gimmick!