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Monday, March 24th, 2008

Unsere kleine Strasse

1
Die Kleinfamilie von gegenüber habe ich noch nie anders gesehen als im Streit. Überhaupt habe ich sie nur sehr selten gesehen, die beiden Fenster, die auf die Strasse blicken, sind blind, Ikearollos am Fadenzug sind eine milchige Barriere gegen die Menschen auf unserem Block. Man hört sie aber oft, die dicke Frau und den Mann in Feinripp, wie sie sich anschreien, Motherfucker, fucking, worum es geht, ist schwer zu verstehen, auch wenn man, wie ich jetzt, am Fenster steht und den Vorhang aus Milch ein wenig zur Seite zieht. Sie ist vor der Tür, bringt Müll raus, geht schwerfällig zum Auto, er steht auf dem Treppenabsatz, und sie schreien sich über die paar Meter kümmerlicher Distanz hinweg an, nicht voll Hass, hilflos eher, und überfordert von einem Leben, dessen Gesetze sie nicht begreifen. Zwischen ihnen der Vierjährige, dümpelt wie ein kleines Ruderboot ohne Anker und will bei keinem der beiden sein, beim Vater nicht, nicht bei der Mutter, die ihn mit sich zerrt, zum Dreirad, während sie über die Schulter brüllt, keine Argumente, keine Forderungen, blosse Zornes- und Frustrationsgeräusche. Das Kind läuft um den Vater herum nach drinnen, die Eltern schreien sich noch einen Moment an, dann gehen sie auch rein, das Kind kommt sofort wieder raus, gefolgt von der Mutter, die es aufsammelt und nach drinnen trägt, brüllend. Die Tür fällt zu.

2
Gegenüber auf den Stufen der little white box sitzt oft ein Pitbull-Terrier und betrachtet die Strasse, die sich dabei vermutlich fühlt wie eine Antilope im Kino, wenn die Antilope aufs Klo muss, um sie rum sitzen aber nur Löwen und wollen nicht aufstehen. Der sitzende Pitbull hat alle seine Moleküle in Einheit auf Lauern gebürstet, jedes Härchen lauert da, keins tanzt aus der Reihe, er ist ein gespannter Bogen. Vor vier Tagen dann schnellte er pfeilschnell von der Treppe, der kleine Nachbarshund kläffte vorbei und musste zerbissen werden. Zerknirscht die Besitzerin, natürlich komme sie für die medizinischen Kosten auf. Weil der Pitbull aber auch seine Zähne auf Angriff bürstete, und der kleine Nachbarshund so klein ist, war der Schaden gross, 1000 Dollar Anzahlung verlangte der Tierarzt, 2500 werdens insgesamt werden. Als Katy und JJ, die studentischen Besitzer des zerfleischten Hündchens, das der Nachbarin erzählen, ist sie entsetzt, sie hat doch kein Geld, und die Töchter aus dem Auto werfen erbost ein, das sei typisch für die Weissen, immer wollten sie nur Geld. Katy bemüht sich jetzt darum, den Pitbull einschläfern zu lassen, und will der Nachbarin das Auto wegnehmen.

3
Die neuen Mieter im zweiten Stock, beugen sich, als spät nachts wiederholt Musik nach oben brandet, aus dem Fenster und bitten um Ruhe. Sie könnten, erwidert man von hinter dem abgewrackten Lieferwagen, aus dem der Lärm kommt, gerne runterkommen, und die Forderung wiederholen, man bringe sie dann um. Am nächsten Morgen haben die neuen Mieter im zweiten Stock Eier an den Fensterscheiben. Sie ziehen zwei Wochen nach dem Einzug wieder aus.

Saturday, March 15th, 2008

Cormac McCarthy – The Road (1)

Gestern nacht wurden die Möbel vom Strassenrand abgeholt, das schrille Pfeifen des zurücksetzenden Müllwagens hatte mich geweckt, im Halbschlaf lag ich in der Dunkelheit, hörte gedämpftes Gerumpel und Rufe, und fürchtete um mein Leben. Oder vielmehr war es ja schon verwirkt, die Welt eine verkohlte Wüste und die Kannibalen vor dem Fenster, die durch die Trümmer eines Leben wühlten würden sich bald ausrechnen, dass ich hier lag. Unruhiger Schlaf.

Heute Rumpeln in der Wohnung über mir, während zuende lese, woraus der Alptraum geliehen war. Unerschöpflich offenbar die Fragmente Willies, Glasscherben im Hinterhof, die ich zusammenfegte. Nach der letzten Räumetappe, einem Keller voller kaputten Kleinkrams, wurden wir wochenlang von Schaben überrannt, aufgestört aus den Ruinen. Was diese neuerliche Räumung wohl ans Licht bringen wird.

Die letzte Seite, ein Eichhorn auf dem Fensterbrett, vielleicht angelockt vom Geräusch, als ich das Ende kommen sah, sieht mich an und zuckt nervös mit dem Schwanz. Ich biete ihm eine Nuss an, minutenlang ringt es mit seinem Misstrauen, und nimmt sie doch erst, als ich sie ablege und mich einen Meter zurückziehe, in Richtung des Tisches, auf dem es liegt, schwarz wie Asche, rot der Name des Autors, und über mir die Geräusche des Zerfalls.

Tuesday, March 11th, 2008

Buddha on a Train (reading Keroauc)



As I straddle my folded bike on the swaying train
Gliding over the Passaic and into Newark’s Penn
I read about someone in a hut in Corte Madera,
That I drove to over different waters on a different day
And where I was awarded the license to go forth and drive,
And reading that that someone in that hut
Thinks he is Buddha, and smiles and is content,
I look up and see the skyline of Manhattan,
Far and faint over the glittering, murky waters
And I smile
And I am content

Thursday, March 6th, 2008

Conversation

“Today is the first day of the rest of your week.”

“Shut up”

Tuesday, February 19th, 2008

Untergrundatem

Die Welt ist plötzlich unangenehm distanzlos, warm und drückend. Ein kilometerhoher See dieser feuchtwarmen Luftsuppe schwappt über Newark hin, und am Grund krabble ich entlang, oder rolle auf meinem Klapprad, und schwitze mehr Feuchtigkeit hinein in die Schwüle. In der Strassenschlucht vor Broad Street fegt wie immer starker Gegenwind, heute aber ist er nicht eisig und raubt mir nicht den Atem, sondern fasst mich warm an, ungebeten, ungewollt. Dann durchfahre ich einen kühlen Luftstrom aus der Tiefe, der Winterwind aus dem U-Bahn-Eingang ahnt nicht, was ihn hier oben erwartet und löst sich mit leisem Seufzen auf.

Friday, February 8th, 2008

Das Unnoether-Prinzip

Wenn jede Symmetrie eines Systems gekoppelt ist mit einer Erhaltungsgrösse, das heisst: wenn jeder Transformationsinvarianz seiner Zustandsgleichungen ein Unveränderliches entspricht, ein harter Kern, ein solides Fundament, eine Wand, auf der die Graffiti der Ereignisse nicht haftet; ist dann im Umkehrschluss jede Asymmetrie das Korrelat einer Instabilität und ein Zeichen dafür, dass etwas verlorengeht?

Wednesday, February 6th, 2008

Michael Pollan – The Omnivore’s Dilemma (1)

150_OmnivoresDilemma_med.jpg This book was a magnificent ride. Starting out with a depressing description of the industrial food system, and the great river of corn flowing across the American continent, he proceeds to look at what he calls the industrial organic food system, the coopting of sustainability values by unsustainable big agriculture, and finally homes in on local growing and foraging. The section on Polyface farm in Virginia, with its insight into the biology of grazing, is truly inspiring, especially when contrasted with the nightmarish images of factory farming and CAFOs. The section on foraging and hunting touched me, too, but probably more for it’s Northern California flavor than for its content. As Pollan himself points out, foraging and hunting aren’t viable strategies for feeding a population any more, but reading about mushrooms in Berkeley, pig hunts in Sonoma and morels in the Sierra made me profoundly homesick.

Thursday, January 31st, 2008

almost wisdom

If you come to a chicken crossing the road, fork it.

Thursday, January 31st, 2008

Hinterhofromantik

Als wir einzogen stand in der feuchten Hitze des Jerseyer Sommer ein kaputtes Auto vor dem Küchenfenster, mit eingeschlagenen Scheiben und zerschnittenen Sitzpolstern. Auf der Klimaanlage, die wir wegen der geistigen Gesundheit rasch ins Fenster schraubten, lagen binnen kurzem Zigarettenstummel. Als das Auto weggebracht wurde (es ging nur schlafen, dem Auto geht es gut, keine Sorge), lagen natürlich drunter auch Zigarettenkippen, in einem Bett aus Scherben. Wir zogen die Rollos runter und guckten nicht mehr hin, bis die Hörnchen kamen.

Dann grummelte ich ein paar Tage lang, schulterte schliesslich den Besen, fegte Glasschrott, Kippen und Plastikmüll der letzten Jahre zusammen mit dem ausgewaschenen Lehm aus dem Nachbarsgarten in erst einen 15-Liter-Eimer, und dann noch einen. Man sieht jetzt wieder den splitternden Beton und die bröckelnden Ziegel, und die Tiere zerschneiden sich nicht mehr die Pfoten. Zwei Tage später hatte ein Nachbar zwei Mülltüten aus dem Fenster geworfen, ein paar Tage danach regnete es noch eine Mülltüte und eine leere Vodkaflasche. Man muss Jersey nicht lieben, aber.

Oder halt nicht aber.

Thursday, January 24th, 2008

Eingeholt

Als der neue Postdoc vom preiswerten Zimmer erzählt, das er auf Craigslist gefunden hat, bei einem seltsamen lesbischen Paar zur Untermiete, wo nie die Türen abgeschlossen sind und es keine Schlüssel gibt, scherzt Bart über Zeugungsdienste, die eventuell an Mietzinses statt zu verrichten seien. Eine Woche später wird der neue Postdoc vorübergehend aus seinem Zimmer ausgesperrt, nachdem er die e-Mail-Bitte der Vermieterin, ihr ein Kind zu zeugen, abschlägig beantwortet hat.