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Friday, June 20th, 2008

willkommen zurück

Mindestens fünf verschwundene Fische, Inbox leer, die dicke Ratte hat Schlagseite, das Fahrrad einen Platten. Glassplitter im Mantel. Der Ersatzschlauch bekommt ein Loch beim Reparaturversuch, dunkle Russstreifen auf der Hose. Eine zerschmetterte Thermosflasche hinterm Haus, die verspiegelten Glasscherben verstreut zwischen den Sonnenblumenkernen. Raffineriegeruch in der milden Frühsommerluft. Is that your bike, sagt der Briefträger, der die Rechnungen bringt und die Kreditkartenangebote, als ich es für ein paar Sekunden vor der Tür stehen lasse, um Vergessenes zu holen. Ich nicke, erwarte die üblichen Fragen, stattdessen Wouldn’t do that here, they’ll take it in a minute, und geht zum nächsten Haus, ohne Antwort abzuwarten. In Newark dann, beim Strasse überqueren, ruft der stämmige Neger That’s my bike, punk. Ich lache kurz und schimpansoid, Zähne zeigen statt Konfrontation, beweis mir doch, dass ich es nicht wirklich lustig finde, Welt. Weit genug weg von ihm werfe ich dann noch mit Worten, hier nämlich, und lause mir dabei ein bisschen den Kopf. Ich steh doch über Dir, Jersey, Du verpupster Misthaufen aus Dreck.

Sunday, June 15th, 2008

Collection

1
Gesellschaften: aussen Huis Clos, innen Pfui Clos.

2
I was betting my hedges.
Wearing sleeves on my heart.
I timed my bide,
I thumbed my twiddles.
No use it was.
Things stayed downside up.

Saturday, May 17th, 2008

Absteigen

Dunkle Strasse, fühllose Hände an den Bremsen. Feiner Nieselregen bricht die kaputte Leuchtreklame in kleine Scherben auf meiner Brille: “ite Ai”. Ich halte mich von den dunklen Silhouetten der geparkten Autos entfernt in der Mitte der beiden Spuren, erwarte Passanten. Nicht gefasst bin ich darauf, dass eine der Silhouetten selbst mir jetzt schräg in den Weg rollt, die Bremsklötze greifen kaum, aber doch genug, dass mir auf dem schmierigen Asphalt das winzige Vorderrad ausbricht, ich versuche mit dem Bein abzufangen, das Auto jetzt quer vor mir, das Rad gleitet unter mir weg, Schulter und Hüfte hart auf Asphalt, mit gespreizten Armen schliddere ich noch ein Stück, warte auf ein Hupen oder Brummen von hinten, aber’s brummt net.

“Aaite?” höre ich aus Richtung der Leuchtreklame, ein schlanker Schatten geht hinter den Schatten. Ich klaube das Fahrrad auf und entfalte es, drehe mich nach dem Auto um, das seine Wende beendet hat und wegfährt. Wut entflammt und verpufft, ich steige wieder auf. “Yeah,” sage ich, “thanks.”

Wednesday, May 14th, 2008

Notebook

A tiny thing, mounted on a canvas on which an enormous enlargement of it is painted, around it: the ability of representation to distort and to thus explain.

Friday, April 25th, 2008

Frühling in Jersey City

I must not fear.
Fear is the mind-killer.
Fear is the little-death that brings total obliteration.
I will face my fear.
I will permit it to pass over me and through me.
And when it has gone past I will turn the inner eye to see its path.
Where the fear has gone there will be nothing.
Only I will remain.
(Frank Herbert: Litany Against Fear)

Ich fasse mit der rechten Hand unter den Sattel, hebe das Rad in der Mitte leicht an und ziehe dabei die Sattelstange nach vorn. Die Hinterradaufhängung rotiert samt Hinterrad um ihr Lager unter die Rahmenstange, die beiden Standrädchen, die ein bisschen wie Stützräder aussehen und erst vor kurzem jemanden zu gutmütigem Spott anregten in der U-Bahn, wer war das noch, und wann, rotieren nach unten, ich lasse den Sattel sinken und das Rad steht platzsparend und stabil vor der Verkaufstheke. Anfangs faltete ich es in Geschäften immer komplett zusammen, trug es die Regale entlang und zeigte ihm Erbsen und Kokosmilchdosen, jetzt schiebe ich es nur noch rein, schwinge das Hinterrad unter, und lass es stehen. Haven’t seen you in a while, sagt der Ladeninhaber, lächelt freundlich und berechnet sieben Dollar fürs Sixpack Yuengling. I’ll be back soon, lüge ich während ich bezahle. Beim Liquor Store neben dem Chinarestaurant, ein Stück die Strasse runter, wo immer die Drogenhändler und Bettler stehen, kostet es nur sechs. Ein Schwung, das Hinterrad klappt aus und ich bin wieder draussen, auf der dunklen leeren Strasse am Friedhof, und keine fünf Minuten später dann zu Hause.

Die Bäume wedeln zur Zeit an allen Strassenecken mit ihren Genitalien, und wir Menschen erfreuen uns daran. Dass Blüten ästhetisch so viel ansprechender sind als Sojakeime, Kürbiskerne oder Runkelrüben ist ein wenig rätselhaft. Man kann sie nicht essen, man kann sie nicht trinken, und nur in raren Ausnahmefällen schützen sie vor Wind und Wetter. Aber Rätsel sind ja nicht schlimm, im Gegenteil. Vielleicht finden wir Geblüh toll, weil es ein Werbemedium der Geschlechterindustrie ist, vielleicht, weil eine Gegend voller Blühen einen Herbst voller Frucht verheisst, seis drum: wenn Bäume ausschlagen, sieht das gut aus. Kichernd laufen drei Japanerinnen durch den Kirschenhain am World Financial Center, zwitschern Sakura! Sakura! und sind offensichtlich derselben Ansicht. Gegenüber, im Hudson, zwitschern derweil zwei Küstenwachboote vorbei, maschinengewehrbewehrt an Bug und Heck, und eskortieren einen einsamen Kajakinsassen zurück auf die Insel, die sie doch eigentlich vor ihm beschützen sollen. Hoffentlich verhaften sie ihn, ehe er irgendeinen Schaden anrichtet mit seinen Paddeln. Wir gehen erstmal zurück nach Jersey, denn es wird jetzt Nacht in Manhattan, und nachts schlafen die Kirschen doch.

Der Frühling tut der Welt gut, er lässt flattern und wehen, er hat lang, und lässt lang hängen, warm wird es in ihm, und mild wird es, die Bäume strotzen und die Menschen tragen ihre Maschinengewehre auf den Flüssen spazieren wie Frischverliebte. Sogar Jersey City sieht plötzlich freundlich aus und bewohnbar, das frische Grün, die Erdtöne der Wohnhäuser, die Sirenen eines Polizeiwagens. Oh, noch einer.
Oh, noch einer.

Schnell fahren diese Polizeiwagen, und alle kommen sie uns entgegen, mit wichtigtuerischem Huihuihui und Geblinkbling. Kommt vor, alles schon gesehen. Da denkt man sich hier nichts bei. Statt uns also was zu denken, rufen wir ein Huhn an, verabreden uns, gehen einen kleinen Umweg und holen es ab, samt Brokkoli und Glückskeksen und Reis. Vor der Huhnwohnung kommen uns noch zwei Polizeiautos entgegen, allmählich wird es sonderbar. Denn wo die herkamen stehen sogar noch mehr. Duncan Avenue ist, hundert Meter hinter unserer kleinen Sackgasse, komplett gesperrt. Ein Kran steht da ragend in der Nacht und wirft Flutlicht auf die Fahrbahn, eine kleine Menschentraube lungert an der Absperrung, und Polizisten wimmeln durcheinander wie uniformierte Moleküle in einem Hochofen. Es sieht alles ein bisschen aus wie im Fernsehen. “Sir, get onto the sidewalk, off the street, NOW” bellt ein Polizist in einem Tonfall, der nach Bisiness klingt, ein Glatzkopf taucht auf und sieht aus wie ein echter Polizist aus The Wire, jemand wird abgeführt, He jumped, sagt eine Person in der Menge zu einer anderen, aber mehr ist nicht zu hören, und ich fühle mich fremd genug, niemanden fragen zu wollen. Als wäre jemandem, den ich nur flüchtig kenne, ein privates und ein wenig peinliches Unglück geschehen, und die Scham einer Nachfrage überwöge womöglich den Trost der Anteilnahme eines Fremden. Es wird also nicht gefragt, wozu gibt es denn schliesslich Internet.

In unserer Sackgasse stehen die Autos aufgereiht, die der Sperre wegen abbiegen mussten, ein kleiner Vekehrsknoten hat sich da gebildet, und einer der Polizisten leitet das Ballett der Neuankommenden und der schon Gewendeten zu einer Knotenlösungsfigur an. Als wir in die Strasse abbiegen winkt er grade einen silbern funkelnden Panzer raus, in dem Stringer Bell und Chris Partlow sitzen und Unhörbares sprechen. Oder vielleicht war es auch gar kein Panzer, ich bin ein sehr unzuverlässiger Zeuge. Der Rest stimmt aber.

Im Internet kein Wort über Flutlicht und Polizistenflut, noch nicht mal auf Twitter, und wir gehen ungeleitet zu Bett.

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, denn wir wollen nach Newark fahren, wo die Kirschen kirschiger blühen als anderswo. Mehr Kirschbäume gibt es da als in Washington, das doch für seine Kirschbäume berühmt ist, das sagte Larry der Tierwart, und ich glaube ihm. Obwohl er andererseits die Sternmagnolien vor der Institutstür für Dogwood hielt, aber man kann ja nicht alles wissen, man kann nicht auf jede blöde Frage eine Antwort haben.

Zum Beispiel wissen wir immer noch nicht, was eigentlich los war auf Duncan. Die Sperre ist weg, der Flutlichtkran ist weg, die Markierungen am Boden sind weg. Die Strasse liegt wieder da als sei nichts geschehen, man kann wieder ungehindert zum Hackensack fahren auf ihr, vorbei an den Projects, den Sozialbauten, die grade nach und nach abgerissen werden, und durch neue Pappschachteln aus der Retorte ersetzt.

Newark hat sich seine Führungsrolle der Alptraumstatistiken zum Teil mit dem Bau solcher Projects erstritten. Der soziale Wohnungsbau wurde geraume Zeit lang zu 100 Prozent aus Bundesmitteln bezahlt, und wo andere Städte die Konzentration der Kaputten scheuten, baute Newark mehr Armenschachteln als jede andere Stadt der USA. Die Mieteinnahmen der kostenlosen Wohnblocks füllten die Stadtkassen, und die, die sich ein vernünftiges Leben anderswo nicht leisten konnten füllten die Stadt mit Armut und Verzweiflung. 1975 wurde Newark von Harper’s Magazine mit grossem Abstand zur schlimmsten Stadt der USA erklärt, 2006 ist es ein wenig abgerutscht und zum Beispiel in der Mordhitparade nur noch auf Platz 4, nach Detroit, Baltimore und New Orleans.

Aber Kirschbäume gibts offenbar viele und schöne, und also gehen wir jetzt da hin. Der Weg zur Pathstation an Journal Square führt auf West Side Avenue nach Norden, am Friedhof entlang. Auch hier blüht alles, über den Gräbern treiben die Bäume den Leichensaft lindgrün in die Blätter, und gegenüber, am Briefkasten Ecke West Side und Highland, treibt eine andere Leiche die Blumen aus einem Schild. Votivkerzen drängen sich eng zusammen in einem kleinen Pappaltar, Kinderfotos, Kugelschreiberkondolenzen, und auf der Strasse ein grosser Blutfleck, “Bestimmt gang related” denken wir, ein Zerrbild der Hoffnung, und gehen weiter.

Im ersten Wagen des Zuges fahren wir nach Newark, eine schöne Strecke durch die Industriewüste, dann mit der schicken, neuen Light Rail durch verfallene, alte Bahnhöfe und am Ende von Branch Brook Park aussteigen und drei Kilometer nach Süden laufen, vorbei an zwei Mahnmalen für tote Polizisten, und zahlreichen Transparenten fürs Cherry Blossom Land. Aber wir finden kein Cherry Blossom Land, und kein Fest und deutlich weniger Kirschblüten als versprochen. An der Kathedrale, die wir dann stattdessen besichtigen wollen, hängt vorne ein Schild: Eingang an der Seite, an der Seite aber ein Schild: Eingang vorne. Die Belegschaft ist vermutlich Ratzinger huldigen gegangen, in der Stadt, die man am Horizont im Dunst schweben sieht. Die Häuser neben der Kathedrale haben zugenagelte Fenster und Türen. Im Gemischtwarenladen, in dem wir uns statt des erhofften Sushi und Sake zwei Sandwiches kaufen, liegen die Schokoriegel diebstahlsicher hinter Plastik. Von der Zeitungstitelseite verspricht der Papst Frieden und Liebe unter den Menschen. Ich sag das nicht, weil es irgendwas bedeutet, ich sag das, weils so war.

Auf dem Rückweg wollen wir wieder in den ersten Wagen, um zu sehen, wie der Zug New Jersey frisst, aber ein Polizist kommt uns in der Tür entgegen, und von hinten ruft ein anderer “Sir, you can’t go there”. Get off the street, NOW. Ein Teenager in Handschellen wird im ersten Wagen verstaut. Gehen wir eben in den zweiten.

Die Menschentraube am Pappaltar ist grösser jetzt, eine seltsam gelöste Stimmung scheint zu herrschen, nicht fröhlich, aber entspannt. So wird es in San Francisco nach dem Erdbeben sein, die Überlebenden wühlen in den Trümmern nach den Knochen toter Hunde, oder Zeitungen vom Vortag, oder wonach man eben wühlt nach solchen Erschütterungen. Den Blutfleck waschen die Freunde des Opfers jetzt mit Alkohol von der Strasse, Schnaps aus umgekehrten Flaschen. Immer noch fühle ich mich fremd, die Fotos, die wir machen, machen wir feige aus sicherer Entfernung, Leichenfledderei.

Jetzt weiss auch das Internet Bescheid, Raubmord, Vater zweier Kinder, erschossen beim Einkaufen von einem Gleichaltrigen namens Quaheem, der bei uns um die Ecke wohnte und dort wenig später von Polizisten beschossen und gestellt wurde, das Disziplinarverfahren wegen der Schüsse schon niedergeschlagen, nichts zu sehen, gehen sie weiter.

Heute früh rollte ich wieder auf dem Brompton auf den Altar zu, hebe, klappe, stehe, schaue. Die Kerzen haben neue gemacht, kein Wunder, so eng wie die stehen, Feuerzeuge, leere Flaschen, Zigaretten, eine Zigarre liegen da, die Chiffren schlingernder Leben, ein Passant beugt sich darüber. Eine greise Asiatin spricht mich an, “Excuse me, was he from here”, und ich blicke einen Moment lang leer zurück, meine Augen tränen ein bisschen vom Fahrtwind entlang West Side. “Yes he was”, antwortet der Passant, “over there on Glenwood”, und ich nicke und bin plötzlich Teil von irgendwas. “I’ll be back”, denke ich, heute abend, und dann stelle ich da auch eine Kerze hin, vielleicht, weil die Asiatin mich gefragt hat. Ich stehe noch einen Moment ratlos rum, schnalze mir den Sonnenbrillenaufsatz ins Gesicht, klappe das Hinterrad raus, und fahre nach Newark.

Tuesday, April 22nd, 2008

Vier in Newark



Ein Auto in die Einfahrt eines Hauses, Blitz und Knall,
Reifen heulen, der Student fällt und stirbt in den Armen eines Freundes.
“Random Shooting”: Sonntag früh.

Im Süden der Stadt, ein Mann vergeht.
Mehrere Kugeln, der Kongressabgeordnete lebt
Ein paar Häuser entfernt: Sonntag nacht.

Achtzehn Jahre schiessen achtzehn Jahren ins Bein,
Erwidertes Feuer trifft den Kopf des Schützen,
Verblutet selbst am Rand der Strasse: Montag abend.

Drei angeschossen nahe Branch Brook Park School,
Zwei ins Gesicht, einer ins Bein,
Zwei auf der Flucht, ein Bus voller Zeugen: Dienstag morgen.

Monday, March 24th, 2008

Unsere kleine Strasse

1
Die Kleinfamilie von gegenüber habe ich noch nie anders gesehen als im Streit. Überhaupt habe ich sie nur sehr selten gesehen, die beiden Fenster, die auf die Strasse blicken, sind blind, Ikearollos am Fadenzug sind eine milchige Barriere gegen die Menschen auf unserem Block. Man hört sie aber oft, die dicke Frau und den Mann in Feinripp, wie sie sich anschreien, Motherfucker, fucking, worum es geht, ist schwer zu verstehen, auch wenn man, wie ich jetzt, am Fenster steht und den Vorhang aus Milch ein wenig zur Seite zieht. Sie ist vor der Tür, bringt Müll raus, geht schwerfällig zum Auto, er steht auf dem Treppenabsatz, und sie schreien sich über die paar Meter kümmerlicher Distanz hinweg an, nicht voll Hass, hilflos eher, und überfordert von einem Leben, dessen Gesetze sie nicht begreifen. Zwischen ihnen der Vierjährige, dümpelt wie ein kleines Ruderboot ohne Anker und will bei keinem der beiden sein, beim Vater nicht, nicht bei der Mutter, die ihn mit sich zerrt, zum Dreirad, während sie über die Schulter brüllt, keine Argumente, keine Forderungen, blosse Zornes- und Frustrationsgeräusche. Das Kind läuft um den Vater herum nach drinnen, die Eltern schreien sich noch einen Moment an, dann gehen sie auch rein, das Kind kommt sofort wieder raus, gefolgt von der Mutter, die es aufsammelt und nach drinnen trägt, brüllend. Die Tür fällt zu.

2
Gegenüber auf den Stufen der little white box sitzt oft ein Pitbull-Terrier und betrachtet die Strasse, die sich dabei vermutlich fühlt wie eine Antilope im Kino, wenn die Antilope aufs Klo muss, um sie rum sitzen aber nur Löwen und wollen nicht aufstehen. Der sitzende Pitbull hat alle seine Moleküle in Einheit auf Lauern gebürstet, jedes Härchen lauert da, keins tanzt aus der Reihe, er ist ein gespannter Bogen. Vor vier Tagen dann schnellte er pfeilschnell von der Treppe, der kleine Nachbarshund kläffte vorbei und musste zerbissen werden. Zerknirscht die Besitzerin, natürlich komme sie für die medizinischen Kosten auf. Weil der Pitbull aber auch seine Zähne auf Angriff bürstete, und der kleine Nachbarshund so klein ist, war der Schaden gross, 1000 Dollar Anzahlung verlangte der Tierarzt, 2500 werdens insgesamt werden. Als Katy und JJ, die studentischen Besitzer des zerfleischten Hündchens, das der Nachbarin erzählen, ist sie entsetzt, sie hat doch kein Geld, und die Töchter aus dem Auto werfen erbost ein, das sei typisch für die Weissen, immer wollten sie nur Geld. Katy bemüht sich jetzt darum, den Pitbull einschläfern zu lassen, und will der Nachbarin das Auto wegnehmen.

3
Die neuen Mieter im zweiten Stock, beugen sich, als spät nachts wiederholt Musik nach oben brandet, aus dem Fenster und bitten um Ruhe. Sie könnten, erwidert man von hinter dem abgewrackten Lieferwagen, aus dem der Lärm kommt, gerne runterkommen, und die Forderung wiederholen, man bringe sie dann um. Am nächsten Morgen haben die neuen Mieter im zweiten Stock Eier an den Fensterscheiben. Sie ziehen zwei Wochen nach dem Einzug wieder aus.

Saturday, March 15th, 2008

Cormac McCarthy – The Road (1)

Gestern nacht wurden die Möbel vom Strassenrand abgeholt, das schrille Pfeifen des zurücksetzenden Müllwagens hatte mich geweckt, im Halbschlaf lag ich in der Dunkelheit, hörte gedämpftes Gerumpel und Rufe, und fürchtete um mein Leben. Oder vielmehr war es ja schon verwirkt, die Welt eine verkohlte Wüste und die Kannibalen vor dem Fenster, die durch die Trümmer eines Leben wühlten würden sich bald ausrechnen, dass ich hier lag. Unruhiger Schlaf.

Heute Rumpeln in der Wohnung über mir, während zuende lese, woraus der Alptraum geliehen war. Unerschöpflich offenbar die Fragmente Willies, Glasscherben im Hinterhof, die ich zusammenfegte. Nach der letzten Räumetappe, einem Keller voller kaputten Kleinkrams, wurden wir wochenlang von Schaben überrannt, aufgestört aus den Ruinen. Was diese neuerliche Räumung wohl ans Licht bringen wird.

Die letzte Seite, ein Eichhorn auf dem Fensterbrett, vielleicht angelockt vom Geräusch, als ich das Ende kommen sah, sieht mich an und zuckt nervös mit dem Schwanz. Ich biete ihm eine Nuss an, minutenlang ringt es mit seinem Misstrauen, und nimmt sie doch erst, als ich sie ablege und mich einen Meter zurückziehe, in Richtung des Tisches, auf dem es liegt, schwarz wie Asche, rot der Name des Autors, und über mir die Geräusche des Zerfalls.

Tuesday, February 19th, 2008

Untergrundatem

Die Welt ist plötzlich unangenehm distanzlos, warm und drückend. Ein kilometerhoher See dieser feuchtwarmen Luftsuppe schwappt über Newark hin, und am Grund krabble ich entlang, oder rolle auf meinem Klapprad, und schwitze mehr Feuchtigkeit hinein in die Schwüle. In der Strassenschlucht vor Broad Street fegt wie immer starker Gegenwind, heute aber ist er nicht eisig und raubt mir nicht den Atem, sondern fasst mich warm an, ungebeten, ungewollt. Dann durchfahre ich einen kühlen Luftstrom aus der Tiefe, der Winterwind aus dem U-Bahn-Eingang ahnt nicht, was ihn hier oben erwartet und löst sich mit leisem Seufzen auf.

Friday, February 8th, 2008

Das Unnoether-Prinzip

Wenn jede Symmetrie eines Systems gekoppelt ist mit einer Erhaltungsgrösse, das heisst: wenn jeder Transformationsinvarianz seiner Zustandsgleichungen ein Unveränderliches entspricht, ein harter Kern, ein solides Fundament, eine Wand, auf der die Graffiti der Ereignisse nicht haftet; ist dann im Umkehrschluss jede Asymmetrie das Korrelat einer Instabilität und ein Zeichen dafür, dass etwas verlorengeht?