Search

Deutsch



Friday, May 26th, 2006

Wundwasser zu Waschlappen

Bei meinem ersten Besuch im amerikanischen Süden, 2000 in New Orleans, wo die Feuchtigkeit damals noch überwiegend in der Luft steckte, und die toxischen Substanzen in den Haaren der Touristen, war mir das Temperaturgefälle zwischen drinnen und draussen eindrucksvollstes Zeugnis des trotzigen amerikanischen Naturbegriffs. Über Flüsse baut man Brücken, die Everglades staut man auf und managt den Sumpf weg, durch Berge bohrt man Tunnel, Alligatoren, Bären, Riesenfaultiere, Mammuts und dergleichen piekst man mit spitzen Sachen tot, und das Wetter, dem mit Muskelkraft nicht beizukommen scheint, muss trotzdem draussenbleiben. Oder so dachte man sich das jedenfalls. Dieses Jahr sind hier im Süden 8 bis 10 Hurricanes angekündigt, deutlich weniger als die 15, die es letztes Jahr gab. Von denen 7 bis 9 angekündigt waren.

Sei dem wie Wolle, weich, fluffig und verknotbar, mir kommt der amoklaufende Naturunterwerfungswille im Moment grade recht. Eiskalt nämlich ist es in diesem Walgreens drin, Sekunden nach dem Eintritt und noch bevor ich mich an der Kasse vorbeigeschleppt habe, schalten die Nervenenden in den unterkühlten Füssen brav auf standby, nur dass statt eines roten Lichtleins, das mir die Batterie leersaugt, ein dumpf ziehendes Kältegefühl aufscheint. Recht so, trotzdem. Vor den etlichen Regalmetern mit Pasten, Tuben, Bandagen und Wasserstoffperoxydbehältern meditiere ich erst etliche Minuten lang, und entscheide mich dann für ein zugesichert schmerzfreies Wundwasser, schmerzfreie Wegwerfwaschlappen und eine Dose Sprühpflaster, der es verdächtig an schmerzfreiheitsbezogener Propaganda gebricht. Vermutlich war auf der Dose kein Platz für entsprechende Zusicherungen, sie ist auch wirklich ziemlich klein.

An der Kasse sitzt eine kugelrunde Frau, addiert Wundwasser zu Waschlappen zu Sprühpflaster und guckt mich nicht an dabei. Mitten auf dem Kassentisch steht ein hässlicher Bilderrahmen, mit dem Foto eines dicken Kindes drin, bei dem es sich, so belehrt mich die handgeschriebene Aufschrift, um die Nichte einer Angestellten handelt, deren kürzlich entdeckten Nichtenkrebs zu bekämpfen man doch bitte eine Spende hinterlegen möchte. Frechheit, geh mir weg, als hätte ich keine eigenen Sorgen. Möglicherweise ja Blutvergiftung zum Beispiel!

Draussen ist es unerwartet viel heisser, als ich gedacht hätte, das ist wohl ein bisschen so wie angeblich mit dem Gebärschmerz, man vergisst sofort, wie schlimm das war, und will dann noch so ein Balg, das dann verfettet und Krebs bekommt, der Kreislauf des Lebens, Hoffnung im Antlitz der Widrigkeit. Hier in der Hitze steht natürlich auch ein Münztelefon, wer bei Walgreens einkauft, kann sich schliesslich kein Händi leisten, und ein rascher Anruf belehrt mich, dass Chris seit einigen Minuten vor Kinko’s lauert und sich allerschlimmste Sorgen macht. Oder jedenfalls ein bisschen wundert. Meinen neuen Aufenthaltsort pronto durchgeben zu wollen sichert mir Ahna gerne zu, es ist ein kleines Wunder, wie diese Menschen sich über Kilometer hinweg miteinander zu verständigen in der Lage sind. Was täte ich nur, hätten nicht so viele meiner Mitmenschen diese rätselhafte und wunderbare Fertigkeit entwickelt?

Vorerst setze ich mich auf den Boden vor dem Telefon und wasche mir jeden einzelnen Keim separat aus der Anatomie, was auch tatsächlich verpackungsaufdruckkonform schmerzfrei vor sich geht. Auch die anschliessende Applikation des Sprühpflasters tut fast gar nicht weh, jedenfalls nicht, bis dann nach zirka einer Sekunde Neuronenbesinnungspause eine feurige Fackel durch mein Bein marschiert und die fünfminütige Schmerzolympiade eröffnet. Immerhin kein Krebs oder dickes Kind, so gesehen.

Thursday, May 25th, 2006

Grand March Fußo

Vorurteile sind angenehme Zeitgenossen. Als ich zum ersten Mal in Kanada landete, wunderte ich mich sehr, dass Toronto nicht wie der erwartete Hochhausdschungel, sondern eher wie eine Waldlandschaft mit vereinzelten Häusern erschien. Und auf der Umzugsreise in die USA war unser Erstaunen gross, nicht schon beim Grenzübergang, spätestens aber im ersten Motel von durchgedrehten Unterhemdträgern oder wildgewordenen Negern ausgeraubt und zu Hamburgerfleisch verarbeitet worden zu sein.

Mittlerweile bin ich natürlich erfahrener, und weiss zum Beispiel, dass nicht dem Fussgänger von Autos Gefahr droht, sondern vielmehr hinter jeder Ecke ein CJ lauert, der armen Autobesitzern das Vehikel unter, natürlich dicken, Hintern wegjackt und dazu weisebricht, Welcome to America, I need this, Do you really want to die for a car, erzähl mir nichts, kenn ich alles. Yeah, it’s heat, fool, what you gonna do now?

Auch hier in Florida ist es heat, fool, aber von der bleifreien Sorte, aus der grossen Himmelskanone, und genau wie im wirklichen Leben von Grand Theft Auto: San Andreas, so droht auch hier im surrealen Südstaat dem Fußgänger aus dem Auto keine Gefahr. Vielmehr fragt der Autofahrer umgekehrt ja im Augenblick mich, den waidwunden Fußlahmen, ob er mich zur Konferenz mitnehmen könne oder sogar solle. Der Teenager auf dem Beifahrersitz guckt derweil interessiert aus dem Gerät heraus. Ich kenne den Herrn zwar nicht, erinnere mich aber, ihn bei Kinko’s in der Nebenschlange stehen gesehen zu haben, und auch von früheren Konferenzen her ist mir das Gesicht bekannt. So also soll meine trotzige Selbstkasteiung vereitelt werden, mit der ich exemplarisch die ganze Herzlosigkeit der modernen Gesellschaft vorzuführen im Schilde führte? Nimmermehr! Aufs Fahrrad zeigend, ziehe ich also die Schultern oberwärts und schüttle das Haupt. Schweisstropfen taumeln perlend wie die Patronenhülsen im Matrixfilm.

That’ll fit in the trunk, sagt der Herr am Steuer. Vermaledeit! Verflixt noch eins! Verjuxt und Zugehupt, Vorurteil ade! Zum Glück erahne ich aber den deutschen Akzent, noch ist also nicht Weltuntergang im Vorurteilspalast, und ohnehin muss ich ja, so schnippelt sich hier unerwartet doch noch eine rationale Zutat in die kopfinnen kochende Denksuppe, erstmal die Wunden versorgen. Und zum Dritten besteht ja immerhin die Möglichkeit, dass Chris nicht nur erreicht wurde, sondern auch schon auf dem Wege hierher ist, und womöglich Schlimmstes annähme, fände er mich nicht vor. Allerschlimmstes! Ich kann also ablehnen, artig danken zusehen, wie sich das Samariterauto in einer Hitzewallung auflöst wie die Rationalität einer Mittvier… also, nein. Man soll nicht jeden infamen Scheiss, der einem in der Sommerhitze so einfällt, auch noch hinschreiben. Nun wirklich nicht.

Durch den Samariterdienst empfindlich in meinem Leidempfinden gestört, hopple ich weiter, das heisst, hoppeln kann man das gar nicht nennen, es ist mehr ein Schnappgang, langsam und gewichtig links, dann ein winziges Schrittchen rechts, ein Rotationskörper in Unwucht, denn der Fuss meldet jetzt doch vernehmliches Unwohlsein über die üblichen Kanäle. Walgreens ist unterdessen erreicht, und lockt klimatisiert und randvoll mit leckeren Medikamenten auf der anderen Strassenseite. Drei der vier Übergänge an der Kreuzung haben eine Fußgängerampel, einer nicht, was nicht nur die von Floridanern sicherlich zu recht gefürchteten Rentnerkreiswanderverkehrsblockaden unmöglich macht, sondern auch als retardierendes Moment meinen Spaziergang noch ein wenig verlängert, ehe dann

Tuesday, May 23rd, 2006

Momentane Unzurechnungsfähigkeit

Körperliche Gebresten – das hat die Natur so in uns hineinprogrammieren lassen, mit Bleistift auf alte Servietten probehalber als Algorithmus entworfen und dann der Biologie in einer zerfledderten Aufsichtsmappe auf den Schreibtisch geknallt, hier, so geht Primat, bis Montag will ich das implementiert, aber fehlerfrei, zackzack; Biologie stöhnt, ists aber andererseits gewohnt, und tatsächlich wird vom folgenden Montag an Gewebeschaden mit dem Selbstwertgefühl verschraubt sein, kein Backwards Engineering kriegt das wieder weg – machen stets, dass man sich fühlt, als verdiene mans. Ein bisschen vielleicht nur, und nicht bewusst, aber immer hängt an der beschädigten Karosserie der Gedanke, auch mit dem Motor stimme womöglich was nicht. Kurz und gut: mir, humpelnd auf dem glühenden Parkplatz vor Kinko’s, geht’s nicht gold. Und die Natur, blind nur auf den Vorteil im Durchschnitt bedacht, ist schuld. Sowie natürlich schuld auch ist das Rad, das radikal verlotterte Miststück sondergleichen.

Nun aber ist das Primatenbetriebssystem ein umfangreiches Konvolut, und zahlreiche Unterprogramme kommen sich permanent in die Quere, eine komplett unbrauchbare Drecksmetapher übrigens das Ganze, alles quasi hat sich hier verschworen gegen mich, vom Molekül bis rauf zur Metapher, aber unbestritten wird jetzt aus dem Gefühl, am zerbremsten Fuss selbst qua Inferiorität schuld zu sein, flugs ein turmgleich aufragender Trotzberg. Euch zeig ichs, Sonne! Unhöfliche Kinkowachtel mit Vorstadtdauerwelle! Herzloser Mitforscher, der mich in der Einöde ohne Fortbewegungsmöglichkeit zurückliess! Rad auch, skrupellos dolchstossendes, du heimtückische Wollmilchsau! Ich werd Euch! Allesamt!

Und zwar war ich Minuten zuvor an einem der hier überall wie unschöne Pilzgerichte aus dem zubetonierten Sumpf gewachsenen Walgreens Drogeriemärkte vorbeigeradelt, noch gar nichts Böses ahnend, weil ja das Rad noch nicht usw. usf., und dahin zurück würde ich jetzt mich schleppen, ganz aus eigener Kraft den Tamiami Trail entlang, durch den brennend heissen Wüstensand, koste es, was es wolle, um dort selbst meine Wunden zu versorgen und zu desinfizieren, denen gegenüber die feindliche Welt so fühllos etc pp. Heute führe ich diesen trotzigen und auch ein wenig idiotischen Impuls auf den Schock und die ungute Hitze zurück, damals aber, im Krieg, schien mir das der einzige Ausweg aus der Lage. Und also humpelte ich los, die Posterrolle (leer) auf dem Rücken und das Rad (platt) an der Seite. Oder vielmehr humpelte ich gar nicht, sondern eiertanzte nun von Grasinsel zu Grasinsel, zwischendurch über flüssiges Magma auf dem linken, schwarzgegerbtem Fuss hüpfend. Der rechte begann nun allmählich auch zart ein ernstlich Schmerzliedlein zu flöten, und erste Überlegungen hinsichtlich des Zustandes seines Knochenwerks kamen mir auf. Derweil das Blechding, die Lawine, sich teilnahmslos an mir vorbeiwälzte. Oder beziehungsweise nun plötzlich nur noch sanft daherrollte und durchs Beifahrerfenster zu mir her einige Worte rief.

Tuesday, May 23rd, 2006

Vier Etappen

Die Grauhaarige kommt nach ein paar Minuten wieder, entschuldigt sich bei mir und dem dicken Mann, einem Xerox-Wartetechniker, für ihre mangelnde Organisation, und überlässt mir dann Stuhl und Telefon. Erstes Etappenziel.
Nun habe ich aber keinerlei Telefonnummer zur Hand. Die einzige Verbindung zu einer Welt, in der ich keine bluttropfende Schmutzschleuder sondern ein leidender Freund bin, sind die Verwalter des Ferienhauses, in denen das Berkeleykonferenzkontingent quartiert. Erster Anruf also: 411, Auskunft. Man gebe mir Florida Vacation Connection, sage ich. Versteh ich nicht, sagt der Computer am anderen Ende. Hinter mir regt sich eine dicke Frau in Kinko-Uniform. Immerhin keine kinky Uniform, nachträglich bedacht. Florida Vacation Connection sage ich etwas lauter, und etwas mehr rührt sich die dicke Frau. Ich verbinde mit dem Menschen, schnarrt der Computer. Die Leitung verstummt. Die dicke Frau geht woanders hin, Papier sortieren. Der Mensch findet die Firma und schaltet mich durch. Zweites Etappenziel.
Ich hatte einen Unfall, erkläre ich der Angestellten der Hausverwalter, und muss Freunde erreichen, die in einem ihrer Häuser wohnen, 244 North Adams Drive, ob sie wohl die Telefonnummer des Hauses rausrücken könne. Sie kann nicht, wer ich sei, wo ich wohne, was das solle. Kurz wallt Panik, dann aber fällt mir ein, dass Carmel das Haus buchte, und ihr Name wirkt Wunder. Zack, hab ich die Nummer. Drittes Etappenziel.
Hinter mir nun wieder rührt sich die dicke Frau. Sie brauche, mault sie grob, das Telefon. Ich würde gerne glauben, mich verhört zu haben, aber tatsächlich sind ihr zwei Minuten Telefonblockade durch einen praktisch Halbtoten schon zuviel des guten Willens. Ich staune und grimme ein wenig, aber mehr nach Innen, für nach Aussen fehlt mir die Energie. Ich rufe das Haus an, es ist auch tatsächlich jemand da, aber kein Auto. Ja, sagt Ahna, sie rufe dann Chris an, wo sie mich denn erreichen könne, um den Erfolg durchzusagen. Es scharrt der Kinkodrachen. Nirgendwo, sage ich niedergeschlagen, man will mich hier nicht haben. Sie wisse, sagt Ahna, natürlich nicht, ob sie überhaupt jemanden erreiche. Ja, sage ich. Lege, und stehe auf. Nieder setzt sich instantan der Drache. Grusslos gehe ich nach draussen. Viertes Etappenziel.
Nun also stehe ich in der Betonwüste, mein treues Fahrzeug zerschmettert an meiner wunden Seite. Oder vielmehr: mein treulos niederträchtiges Radluder, die schon allzu dumme Sau. Ein Münztelefon gibt es hier, natürlich, keins. Man trägt Händi. Es brennt infam die Sonne, und trocknet in den Wunden Blut, Gestein und Mikroben zur unschönen Kruste. So gehts nun aber nicht, denke ich bei mir, und fasse einen Entschluss.

swabianneighbors.jpg There is mythological evidence from the middle ages, suggesting the Swabians were a jolly, lively people then, full of vigour and joy. You wouldn’t think it today, and the introductory section of this book, meant to show Swabians in the best possible light and endowed with a preface by Cleverle Späth, is a case in point. The most salient features of the Swabian mind, his thriftyness, his shrewdness, his xenophobia, take some stretching to be made into qualities, and with some, most notably the Kehrwoche, even Larson’s well meaning prose fails to create any appeal or sense. The anecdote of Larson interacting with Willy Reichert, Arnulf Klett and the likes are positively painful, but admittedly that might be just to me, and just because they hit too close to home.
Much more interesting and entertaining are his broad sweeps through Swabian history, overloaded in places with genealogical details of the Dukes, or obscure military history of possible interest to his American military audience, but quite boring to me. The book is valuable for its benevolent outsider’s view on my home, that contrasts interestingly with my malevolent insider’s perspective.
Most interesting, however, was this response to the infamous Lied der Schwaben, which, though reviled by true Swabians for its unflattering depiction of local customs, I remember being hung on a plate in our home when I was a kid. I never thought the Lied der Schwaben problematic, in fact considered it quite accurate and liked it for its candidness, if not literary quality. The response, on the other hand, in its attempt to restore Swabian honor is quite utterly horrible. So here you go:

Das “Lied der Schwaben”? –
Der dies ausgebrütet,
aus welchem and`ren deutschen Stamm er sei.
Wo Roheit in der Gossensprache wütet,
sind Art und Herkunft weltweit einerlei!

Humor? –
Der Schwabe liebt ihn tiefer, leiser;
als Geistesfunke stillvergnügter Welt.
Die Leute leben hierzulande weiser
als grobe Torheit grölend dargestellt.

Das Lied der Schwaben:
Uhland hat`s gesungen!
Es schwingt im Fleiß, in Daseinsheiterkeit!
In Schiller, Mörike ist`s aufgeklungen –
und in Motoren dröhnt es erdenweit!

Das Kraftzitat des Götz von Berlichingen
ist menschheitsalter Allgemeinbesitz, –
drum hört man`s auch im Schwabenland erklingen:
zum Beispiel für “Poeten” ohne Witz!

Saturday, May 20th, 2006

Verregente Vereidigung

Seit zwei Tagen steht unter dem Fenster meines Büros in Minor Hall, auf der steineren Terrassenfläche, die im Wahrnehmungsraum allenfalls durch ein dickes und langes Wurmloch mit einem Ferienort zu verbinden wäre, und also folgerichtig und hübsch Orwellianisch Minor Beach heisst, ein enormes weisses Zelt in der Landschaft. Von der Zeltdachschräge federt das nordkalifornische Sonnenlicht elegant zurück in die Luft von schräg links unten in mein Auge und sägt am roten Migränedraht, oder auch am blauen; schalten Sie nächste Woche wieder ein, wenn Sie wissen möchten, ob die Bombe explodierte.

Unter dem Zelt hervor drang heute zunächst Unterhaltungsklassik zur Erbauung der versammelten Anzugträger und -gattinnen, später dann die Unterhaltungsrede des Rektors, und schliesslich, aus ergriffenen Graduiertenkehlen, und in hersagbaren Häppchen, der Optometrische Eid. Das Zeremoniell, so rührend wie sonderbar anachronistisch in seiner mittelalterlichen Zünftigkeit, wird begleitet von sanftem Regenfall aufs Zelt, unerhört im Mai, aber es wird eben alles immer schlechter, besonders das Wetter. Ich schwör.

Friday, May 19th, 2006

Die Unwirtlichkeit unserer Städte

Manche Dinge weiss man, insofern als man die richtige Antwort gäbe, würde man gefragt. Man ist dann aber doch überrascht, wenn die Umstände einem dieses implizite Wissen explizit machen. Ich zum Beispiel hätte die Temperaturunterschiede zwischen verschiedenen Asphaltformen zwar durchaus vorhergesagt, die Intensität der fleischsengende Hitze insbesondere der schwarzen Bitumenvariante erstaunt mich aber doch.

Kühl hingegen schmiegt sich der Kunstfaserteppich bei Kinko’s. Ein Blutrinnsal mäandert durchs Beinhaardickicht vom Knie her abwärts, die Fussoberseite gleicht einem saftigen Steak, und ich frage mich, ob die Gefahr eines Blutstropfens auf dem Teppich wohl Grund genug ist, den Flipflop übers geschundene Fleisch zu ziehen, entscheide aber gegenteilig.

Die Schlange bewegt sich zäh, ich durchsuche den riesigen Raum mit seinen zahllosen verwaisten Printarbeitsplätzen nach jemandem, die aussieht als könne sie Michelle heissen; Michelle hatte mir am Telefon versichert, sich aufs Posterausdrucken zu verstehen wie keine Zweite, ja unter der Hand durchblicken lassen, dass tatsächlich sogar überhaupt niemand ausser ihr wisse, wie das mit den Grossformaten geht. Niemand hier sieht aus wie Michelle, und niemandem hier traue ich Posterausdrucken zu. Vielleicht versteckt sie sich ja.

Eine Kundin hinter mir sieht rot, an meinem Bein nämlich, und erzeugt ein halbdefiniertes Geräusch, ‘are you all right’ fragt sie wohl, und weiss die Antwort schon: natürlich, dufte, danke der Nachfrage freilich. Vor mir in der Schlange ein Wissenschaftler, auch er will ein Poster ausdrucken. Mit wachsendem Fatalismus höre ich mit an, dass Michelle sich im Krankenhaus befindet, dass keiner weiss, ob sie wiederkommt, dass man aber gerne den Auftrag annehme, man werde dann schon sehen, obs klappe. Angel nämlich könne ja vielleicht auch Poster drucken, es kursiert da ein Gerücht unter den Kinkos. Genau weiss es niemand, Angel ist nur nachts da, was mir irgendwie auch die Sache mit dem Fahrrad zu erklären scheint, in meinem Wahn.

Ich habe ohnehin nicht die Wahl, Sarasota ist von der Welthauptstadt des Posterausdruckens gehörig entfernt, und hinterlasse also meine pdf Datei in der bodenlosen Maschine, zusammengelegt mit der des anderen Nerds, mit dem ich nun noch ein wenig im Teppich rumstehe. Er aber hat es sichtlich eilig, stellt ein paar Fragen pro Forma nach der Verletzung, na, das sieht schlimmer aus als es ist, see you at the conference. Und ab in seinen und seinem Mietwagen.

Der Asphalt ist immer noch zu heiss, und an einen Fussmarsch ohnehin nicht zu denken, das Rad unbrauchbar, Handy hab ich Bastion des guten Geschmacks natürlich keins, mein Leben gegen den Klingelton, Fanal des Widerstands. Ich also erstmal wieder nach drinnen gehumpelt, Telefonnummer hab ich auch keine, wozu auch, ohne Handy, von niemandem, aber über Pfiffigkeit verfüge ich im Maxipack, und frage also trotzdem nach einem Telefon, unter Fingerzeig auf die Metzgerei unter meinem Knie, die Mitleidskarte, sie muss doch greifen.

Eine grauhaarige Dame zeigt sich mütterlich, bugsiert mich zum Telefon, rauscht davon, Xerografien anfertigen, aber ehe ich mich umständlich und blutspurfrei auf den angebotenen Stuhl falten kann, rumms, sitzt ein dicker Mann drauf und macht sich Notizen. Blöd daneben stehe hingegen ich.

Thursday, May 18th, 2006

Kontrollverlust

Die Brücke schwingt sich elegant über die türkise Wasserfläche. Vor zwei Jahren habe ich hier, zufällig vom Rad aus, eine Seekuh vorüberschwimmen sehen, und halte seitdem bei jeder Überquerung Ausschau nach dem Geheimnis unterm Wasser, Delfine, Seekuh, ich bin nicht wählerisch.

Das Rad ist alt, schnurrt aber brav brückenabwärts, die Sonne, auf dem Höhepunkt ihres täglichen Amoklaufes, feuert Salven aus dem Photonenschrotgewehr und trifft mich wieder und wieder. Kunststück, Schummelei.

Mit einem eleganten Schlenker umfahre ich grade noch die entgegenkommende knusprigbraune Joggerin, die Seekuhsuche hatte mich abgelenkt, nicht nachmachen, Kinder. Gefährlich! Ich erreiche das Festland, schwenke nach rechts, an der geschmacklosen zehnmeterhohen Doisneaufotoskulptur vorbei und am botanischen Garten. Der Asphalt glüht, die Palmenwedel hängen so nutz- wie regungslos am Strunk, und ich bin froh über die leichte Kleidung, die ich trage, Shorts und T-Shirt, Flip-Flops, belüftet vom Fahrtwind.

Nochmal rechts abgebogen, auf den Tamiami Trail, vor hundert Jahren die einzige Strasse an Floridas Westküste, heute Highway Nummer 41, und offenbar noch immer einzige Strasse. Alle Autos der näheren Umgebung haben sich hier zum gemeinsamen Glühen und Schmurgeln versammelt, Sattelschlepper dröhnen, Sportwagen brummen, nach zwei Blocks wird es mir zu unangenehm und ich wechsle auf den breiten und menschenleeren Gehsteig. Noch vier oder fünf Blocks sind es bis zu Kinko’s, die Posterrolle auf meinen Rücken, jetzt noch leer, wird sich dort mit Papier füllen, und die letzte Hürde vor Konferenzbeginn genommen sein. Missmutig denke ich an die sechs Stunden bei den inkompetenten Posterdruckern in Berkeley zurück, die mir diese Radfahrt in die Senge eingebrockt haben.

Ein lautes Zischen werde ich erst später mich erinnern in diesem Moment gehört zu haben, denn jetzt bin ich erstmal damit beschäftigt, den Lenker hilflos hier- und dorthin zu drehen, das Vorderrad rutscht mir seitlich weg, und keine Steuerbewegung vermag das zu ändern, aus voller Fahrt kippe ich seitwärts, ein lustiges Heimvideo wäre das sicherlich. Die Luft ist raus, begreife ich jetzt im Fallen, wie kann das aber sein, so plötzlich, severe tire damage, es war aber keine Schnappdornreifenfalle zu sehen gewesen, und rutsche, schräg, den rechten Fuss nach unten gedreht, unters Vorderrad. Das, über einen aus Sattel, Rahmen und Vordergabel gebildeten Hebel, seinerseits von meinem Körpergewicht hinabgedrückt wird. Ursache, Wirkung, Fuss, Knie und Shorts scheuern über Asphaltpapier grober Körnung, dann liege ich still am Boden, für einen Moment, und spüre nicht mehr seine Hitze oder Schmerz, denn erstaunte Ruhe füllt mich einen Moment lang aus bis in den hintersten Winkel der vertrockneten Oberstube.

In wenigen Minuten wird das anders sein, wenn ich barfuss und blutbeinig die fehlenden zwei Blocks zu Kinkos humple, vor den Temperaturen ins kunstrasengleiche Floridagras ausweichend, wo immer es geht, jetzt aber klaube ich erstmal die Posterrolle auf und haue dem Rad erbost und saftig eine in die Speichen. Der dummen Sau.

leni_riefenstahl_lrg.jpg It is a disturbing fact of post-war German history that plenty of active National Socialists continued on to positions of power and influence in the Bundesrepublik, partly because of a lack of skilled leadership personnel not involved with the regime, but also because the anti-communist notions of the old criminals fit well into the new political struggle emerging in Europe. Against this historical background, Riefenstahls particular story becomes all the more fascinating. Her unsettlingly effective propaganda documentaries, Triumph des Willes and Fest der Völker, on the 1935 Nuremberg rally and the 1936 Olympic Games, created a fame for her that was probably the reason for her fall after the war. She wasn’t able to make any more movies, and all her other creative efforts – most notably her photography of the people – got subjected to close scrutiny and harsh criticisms for suspicions of a fascist esthetic, and were always contextualized with her past. This movie portrays her both as the victim of scapegoating and a stubborn denier of aspects of her life, but most of all it paints the fascinating picture of a multifaceted woman, who had the misfortune to live in evil times. You might not like her after this documentary, but you won’t regret having seen it.

Thursday, April 6th, 2006

Farbversprechen

promise

Der Redner steht ein wenig steif am Podium, die Arme eigenartig locker vor dem Bauch verschränkt, und blinzelt nervös ins gedämpfte Licht. Er bewegt sich kaum beim Sprechen, blickt nicht ins Publikum, hat keine Powerpoint-Präsentation vorbereitet. Er spricht frei, mit unbewegtem Gesicht, übers Skifahren, den Geschwindigkeitsweltrekord im Abfahrtslauf von 65 Meilen die Stunde, den er hält, von seiner Frau, die er beim Skifahren traf, während sie vor ihm fuhr und ihm durch Zuruf die Richtung anwies, darüber, wie aufregend es ist, gelb zu sehen. Dabei zeigt er in meine ungefähre Richtung, vor mir sitzt eine Studentin in einem gelben Sweatshirt. Michael May hatte mit drei Jahren einen Unfall, der ihn ein Auge kostete und auf dem anderen erblinden liess – die Hornhaut wurde undurchsichtig. Als er 46 war, drückten ihm die Ärzte der Uniklinik in San Diego einen Stammzellenring und eine neue Hornhaut aufs Auge. Die Operation gelang, und May trat eine Reise durch die Medien an, der wundergeheilte Blinde mit dem Abfahrtsskirekord. Es gibt eine Handvoll anderer solcher Fälle, oft gelang zwar die Operation, aber die folgende radikale Umstellung, der Schimmer Licht – May sieht hauptsächlich Bewegung und Farbe, keine Details – stürzte die meisten Patienten in Depressionen. May führt seinen Erfolg darauf zurück, dass er sich als Blinden versteht, und das zurückgegebene Augenlicht als Zusatz, nicht als etwas, das ihm zuvor gefehlt hätte. Das ausdruckslose Gesicht über die Köpfe des Publikums gewandt, die Augen geschlossen, sagt er: “Seeing is wonderful. But not seeing is also wonderful.”