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Vorurteile sind angenehme Zeitgenossen. Als ich zum ersten Mal in Kanada landete, wunderte ich mich sehr, dass Toronto nicht wie der erwartete Hochhausdschungel, sondern eher wie eine Waldlandschaft mit vereinzelten Häusern erschien. Und auf der Umzugsreise in die USA war unser Erstaunen gross, nicht schon beim Grenzübergang, spätestens aber im ersten Motel von durchgedrehten Unterhemdträgern oder wildgewordenen Negern ausgeraubt und zu Hamburgerfleisch verarbeitet worden zu sein.

Mittlerweile bin ich natürlich erfahrener, und weiss zum Beispiel, dass nicht dem Fussgänger von Autos Gefahr droht, sondern vielmehr hinter jeder Ecke ein CJ lauert, der armen Autobesitzern das Vehikel unter, natürlich dicken, Hintern wegjackt und dazu weisebricht, Welcome to America, I need this, Do you really want to die for a car, erzähl mir nichts, kenn ich alles. Yeah, it’s heat, fool, what you gonna do now?

Auch hier in Florida ist es heat, fool, aber von der bleifreien Sorte, aus der grossen Himmelskanone, und genau wie im wirklichen Leben von Grand Theft Auto: San Andreas, so droht auch hier im surrealen Südstaat dem Fußgänger aus dem Auto keine Gefahr. Vielmehr fragt der Autofahrer umgekehrt ja im Augenblick mich, den waidwunden Fußlahmen, ob er mich zur Konferenz mitnehmen könne oder sogar solle. Der Teenager auf dem Beifahrersitz guckt derweil interessiert aus dem Gerät heraus. Ich kenne den Herrn zwar nicht, erinnere mich aber, ihn bei Kinko’s in der Nebenschlange stehen gesehen zu haben, und auch von früheren Konferenzen her ist mir das Gesicht bekannt. So also soll meine trotzige Selbstkasteiung vereitelt werden, mit der ich exemplarisch die ganze Herzlosigkeit der modernen Gesellschaft vorzuführen im Schilde führte? Nimmermehr! Aufs Fahrrad zeigend, ziehe ich also die Schultern oberwärts und schüttle das Haupt. Schweisstropfen taumeln perlend wie die Patronenhülsen im Matrixfilm.

That’ll fit in the trunk, sagt der Herr am Steuer. Vermaledeit! Verflixt noch eins! Verjuxt und Zugehupt, Vorurteil ade! Zum Glück erahne ich aber den deutschen Akzent, noch ist also nicht Weltuntergang im Vorurteilspalast, und ohnehin muss ich ja, so schnippelt sich hier unerwartet doch noch eine rationale Zutat in die kopfinnen kochende Denksuppe, erstmal die Wunden versorgen. Und zum Dritten besteht ja immerhin die Möglichkeit, dass Chris nicht nur erreicht wurde, sondern auch schon auf dem Wege hierher ist, und womöglich Schlimmstes annähme, fände er mich nicht vor. Allerschlimmstes! Ich kann also ablehnen, artig danken zusehen, wie sich das Samariterauto in einer Hitzewallung auflöst wie die Rationalität einer Mittvier… also, nein. Man soll nicht jeden infamen Scheiss, der einem in der Sommerhitze so einfällt, auch noch hinschreiben. Nun wirklich nicht.

Durch den Samariterdienst empfindlich in meinem Leidempfinden gestört, hopple ich weiter, das heisst, hoppeln kann man das gar nicht nennen, es ist mehr ein Schnappgang, langsam und gewichtig links, dann ein winziges Schrittchen rechts, ein Rotationskörper in Unwucht, denn der Fuss meldet jetzt doch vernehmliches Unwohlsein über die üblichen Kanäle. Walgreens ist unterdessen erreicht, und lockt klimatisiert und randvoll mit leckeren Medikamenten auf der anderen Strassenseite. Drei der vier Übergänge an der Kreuzung haben eine Fußgängerampel, einer nicht, was nicht nur die von Floridanern sicherlich zu recht gefürchteten Rentnerkreiswanderverkehrsblockaden unmöglich macht, sondern auch als retardierendes Moment meinen Spaziergang noch ein wenig verlängert, ehe dann

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