Saturday, January 27th, 2007
Wenn man als Mensch ein neues Becken braucht, muss man erstmal eine Treppe runterfallen, dann vernehmlich „Aua“ sagen und zum Arzt gehen, und sogar dann ist der Vorgang langwierig, schmerzhaft und ziemlich teuer. Fische hätten es da eigentlich leichter, brauchten nur im Internet nach einem gebrauchten Aquarium zu suchen, ein oder zwei Emails verschicken, und das billig gefundene neue Heim nach Hause karren. Aber zu all dem sind Fische natürlich zu klein, zu nass und zu dämlich, und deshalb muss ihnen wieder einmal der Mensch unter die Flossen greifen und helfend einschreiten.
Per Email also frage ich nun an Fisches statt bei Jason an, der der Inhaber einer Kleinanzeige ist, ob sein altes Aquarium auch einen Filter mit im Paket habe, und noch zu haben sei. Stunden später dann schon die Antwort, verwirrenderweise nicht von Jason, sondern von James. Filter habe er keinen, Licht aber und Heizstab, und einen Kraftkopf werfe er mir gratis noch mit in den Deal. Und Kies ja obendrein. Kraftkopf, Kies, mir summt die Milch, aber ich danke James, vereinbare einen Zeitpunkt, zu dem ich an Fisches statt bei ihm auftauchen werde, und tauche dann zu diesem vereinbarten Zeitpunkt auch tatsächlich an Fisches statt bei ihm auf. James wohnt im ersten Stock eines kleinen grauen Häuschens, über eine kleine graue Aussentreppe geht es da nach oben, auf der als ich mit dem Rad anrolle schon ein junger Mann erwartungsvoll steht. Das ist aber nicht James, sondern er geht grade. James sei „up there“, und dann kommt auch schon jemand raus, „hey Jason, someone here for your brother“ ruft der Abgängige rauf, stimmt aber gar nicht, weil mein Geschäftspartner nun angeblich doch Jason heissen will, und James nur den Email-Account für die Transaktion hergegeben habe – das tischt mir „Jason“ nun jedenfalls so auf. James werde ich im Verlauf des Folgenden nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht gibt es ihn gar nicht.
Schon beim Eintritt versucht „Jason“ meine Zweifel zu zerstreuen, indem er mir einen Plastikeimer mit Kies zeigt. Den könne ich gerne mitnehmen, wenn ich wolle. So leicht bin ich aber nicht über den Tisch zu ziehen, erst will ich das Aquarium sehen, dann können wir über den Kies reden, Freundchen, denke ich, nicke aber freundlich. Man muss in Geschäftsdingen sehr aufpassen!
Im Wohnzimmer dann sehe ich gleich das Becken. Man will mich wohl für dumm verkaufen, das Ding ist völlig verdreckt und voller Gerümpel, ausserdem bis zum Rand voll Wasser und sowieso viel zu gross. 29 Gallonen sagte ich, nicht 55, sogenannter „Jason“! Wie sich aber schnell auflöst, handelt es sich bei dem grossen Becken um sein eigenes Aquarium, das Gerümpel sind Korallen, der Dreck Fische, die ich wegen ihrer enormen Grösse erst gar nicht als solche erkannt habe, und das eigentliche Becken steht vor mir am Boden. Na bitte, geht doch. Nur „James“ ist nirgendwo zu entdecken, man hat mich also schon auf der Treppe belogen.
Ansonsten scheint alles seine liebe Ordnung zu haben, durch die Scheiben kann man durchgucken, an der Leuchtröhre sind alle vorgeschriebenen Kabel dran, und also kaufe ich das Ding. Den Kies lasse ich aber, trotz „Jason“s Drängen, stehen.
Jetzt will das Monster nur noch nach Hause gebracht werden. Es ist schwer und gross und sperrig und voller Kraftkopf, Leuchtröhre und Heizdildo, und muss also auf die Querstange am Fahrrad gestellt werden, das ist ja klar. Dann schiebe ich das Fahrrad die paar Blocks nach Hause, im sicheren Gefühl, die künftige Heimstatt der angeknacksten Barbenherde dabei der maximal erreichbaren Bruchgefahr auszusetzen und also sozusagen Feuerzutaufen. Danach kann dann von Rechts wegen nichts mehr passieren.
Ein kleiner Höhepunkt ereignet sich, als ich das Aquarium auf dem Rad balanciere und dabei gleichzeitig die gefederte Haustür entriegle und öffne, Hei!, das ist ein Schwanken und Dräuen. Einer der Nachbarn flieht dann auch schnell vor der Explosionsgefahr in seine Wohnung, kommt aber sofort wieder rausgepoppt.
„Oh. Ein Aquarium“ sagt er, aber auf Englisch. Und zischt wieder rein. Recht hat er.
Animals, Berkeley, Deutsch, Fischtagebuch, Miniaturen, Nature | No Comments »