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Miniaturen



Wednesday, September 13th, 2006

Ken Loach (Abendgedicht)

Ken Loach (Abendgedicht)

Toblers zugeeignet

Als Echo das von weissen Wänden wiederhallt,
Verklingt vom Golden Gate das Licht;
Wo Kies am Wassergrund auf Kiesel prallt,
Liegt stumm und regungslos ein Fischgesicht.

Das Auge streng, ein Punkt der seine Welt begründet,
Den Mund umgeben Fäden, deren Sinn ihn zieht.
Bewegter Schatten auf dem Glas, und er verschwindet
In seiner Burg, aus deren Tor er wachsam sieht.

Den roten Schwanz im Dunkel seiner Stätte
stets unter Spannung und zum Schub bereit,
erwartet er sein letztes Mahl zur Nacht,

Man fragt sich müde: Wäre er befreit –
Ob er wohl Kraft zum eignen Leben hätte,
Und ob man selbst es sei, der ihn darum gebracht.

Tuesday, August 22nd, 2006

Fischtäube

Die Bar heisst Thalassa, das Bier, auf das ich warte, Death and Taxes, und das Stück ist die Bohemian Rhapsody. Die Musik ist deutlich zu laut eingestellt, vermutlich um den Absatz von Tod und Steuern anzukurbeln, und der Bass wummert in meiner Magengrube, während ich auf mein Bier warte. Hinter der Bar, im Zweimeterabstand, sind kleine Aquarien, die sich ins maritime Designthema fügen, und die vor ein paar Wochen noch leer waren. Jetzt schwimmen tropische Zierfische in jedem einzelnen, und wiegen sich leise im Rhythmus der Schallwellen.

Friday, August 4th, 2006

O Solestrom Mio

rombikini.jpg

Historischer Bikinivorgriff (300 n.Chr.)

Beduinen und andere Wüstenwohner lächeln vermutlich milde in ihren Burnus, wenn sie westliche Touristen halbnackt durch das Ökosystem Trockenzone hoppeln sehen, denn sie wissen, dass man sich bei starker Sonneneinstrahlung am besten komplett mit Kleidungsstücken zuhängt und Ziegen erkennen geht (Heirat vorausgesetzt).
Anfang Juli 1946 bekam die putzige Idee, greller Sonne durch das Entblössen von Frauenkörpern zu begegnen, einen ebenso putzigen Namen: Der französische Ingenieur Louis Reard nämlich benannte das zweiteilige Klei-Ding, das er erfunden haben wollte, nach einem Atombombentestversuchsgelände im Südpazifik. Insofern auch Atombomben Menschen verbrennen und Krebs auslösen können, eine durchaus geglückte Namensgebung. Sechzig Jahre später ist heute, und wir Menschen sind zwar nicht klüger, die Bikinis aber schon. Die nagelneuen SmartSwim-Bikins von Solestrom in Kanada können jetzt nämlich die Trägerin digital vor zuviel Ultraviolettbratzel warnen. Man könnte natürlich auch einfach einen Beduinen fragen, aber die verstehen kein Kanadisch und verbrauchen zuviel Strom.

Friday, August 4th, 2006

Verbunden

Vor meinem Fenster und zwei Stockwerke unterhalb, auf der leeren Steinfläche, die unerfindlich Minor Beach zu nennen die Verwaltung der School of Optometry sich nicht entblödet, geht er auf und ab, ich kenne ihn flüchtig, Ethan mit dem Pferdeschwanz. Jeden Tag geht er dort auf und ab, in grosszügigen, langgeschwungenen Bögen, die vollen dreissig Meter ausnutzend, die der Steinstrand sich ausdehnt, den rechten Arm angewinkelt und erhoben, die Hand schützend um das Stück Technik gelegt, das ich von hier oben nicht erkennen kann, das aber da sein muss, denn würde Ethan mit dem Pferdeschwanz sonst halbstundenlang vor sich hinmurmeln und verschlungene Wege in den Strand schreiben dabei, unter meinem Fenster, abend für abend?

Friday, July 28th, 2006

Vorm Fenster

Auf der ganzen Etage gibt es keine Klimaanlage, nur ein paar Zentimeter Dach trennen uns alle von der Sonne Griechenlands. Draussen hält der Pazifik ihr Wüten in Schach, hier drin weht nur manchmal ein leises Lüftchen durch die gekippten Panoramafenster. Jetzt aber weht es nicht, sondern brummt, ich blicke auf und sehe mich Auge in Auge mit dem Vogel, der offenbar kurz einen Vorstoss ins Innere erwägt. Der heisse Feueratem, der ihm entgegenschlägt wird ihm die Schnapsidee ausgetrieben haben, surrend jedenfalls verkrümelt sich das Flugtier.

Thursday, July 27th, 2006

Rechtfertigungsloser Schreck

little boxes.jpg Eine Briefsendung nach Arizona und also ins weitgehend unbekannte, wüstenhafte, coyotenvolle, liegt geschnürt neben mir und wartet auf die Postkutsche. Gäbe ich, fällt mir plötzlich auf, die Anschrift in die Röhren der Internets hinein, ich könnte wohl eine Ansicht des Empfängerhauses wieder aus ihnen herausziehen. Der Schreck, den ich dann bekomme, als ich die Luftaufnahme der Vorstadtsiedlung sehe, ist freilich durch nichts zu rechtfertigen.

Thursday, July 27th, 2006

Rad ab

Etwas ist nicht, wie es sein sollte. Nähere ich mich mit dem Rad auf einem Strassenabschnitt ohne wegen vorhandener Einfahrten abgesenkter Bordsteine, und will ich nicht auf der Strasse bleiben, bleibt nur die Wahl zwischen Absteigen und zweiphasiger Gewichtsverlagerung, mittels derer zunächst das Vorder-, anschliessend das Hinterrad über die mitunter erstaunlich hoch aufragenden Barrieren zu wuchten sei. Klappt eigentlich auch ganz gut.

Diesmal aber ist was nicht, wie es soll, und nach ein paar Sekunden weiterrollen wird auch klar, was: das Vorderrad ist aus der Gabel gerutscht. Zwar wurde es von den Bremsklötzen zwischen den Gabelzangen gehalten – der Grund, aus dem ich noch im Sattel sitze – aber die Achse sitzt nun exzentrisch und nur noch locker im Achsenhalter. Im ganzen eine Erkenntnis, die man nur ungern hat, während man flott bergab kullert. Ich rolle zum Glück aber langsam bergauf, steige ab, der Blitzverdacht, jemand habe aus Radklaugründen flugs die schnelllösenden Muttern aufgedreht, bewahrheitet sich nicht, die Flügel sind in Radfestklemmstellung.

Auch nicht besser.

Tuesday, July 18th, 2006

Draussenbleiben

Das Meer ist Gemeingut, der Strand bis zu einem zweifellos in einer Verordnung festgelegten Abstand von der Flutlinie ebenso, aber direkt dahinter können Privatgrundstücke liegen. Aus diesem Grund steht entlang des Highway 1 oftmals der Strandzugang extra auf Schildern dort erwähnt, wo zwischen zwei Anwesen eine öffentliche Strasse sich zum blockierten Gemeingut abwärts schlängelt. Man mag sich über diese Unterhöhlung der Gemeinfreiheit empören, umgekehrt aber hat natürlich die Blockade auch ihr Gutes – indem nämlich nicht überall Horden von Urlaubern Bierdosen und Plastikflaschen im Sand zurücklassen und die Hottentottenfeige in Grund und Boden walzen, sondern eben nur an den öffentlichen Stränden. Der Rest liegt privat und in Frieden,

Monday, June 26th, 2006

Zwei Kreuzungen

Die Motorhaube senkt sich dem Belag zu, der Wagen bremst und wird also, wie vorgeschrieben, am Stoppschild für einen Moment zur Ruhe kommen. Ich selbst rolle ungebremst weiter, aber schliesslich bedeuted es für mich auch eine Anstrengung, das Rad zum Stehen zu bringen und anschliessend wieder ins Rollen. Die Ausnutzung der kleinen Pause zwischen dem Anhalten und Anfahren der Autos an diesen Kreuzungen zum strengenommen regelwidrigen Durchrutschen ist mir darum zur Gewohnheit geworden. Diesmal aber hebt sich die Motorhaube noch im selben Sekundenbruchteil – das Stoppschild wird nicht geachtet, sondern nur mit einem angedeuteten Nicken zu Kenntnis genommen – und das Auto prescht quer in meinen Weg. Ich presse beide Bremshebel, lenke zugleich nach rechts und verlasse die Kreuzung in Gegenrichtung zum einschiessenden Auto, noch ein weiteres muss ich passieren lassen, ehe ich wenden, erneut rechts abbiegen und meinen Weg fortsetzen kann.

Zwei Querstrassen weiter steht der Pickup schon halb in der Kreuzung, als ich ankomme. Er hat gehalten, um einen Radfahrer vorbeizuwinken, und winkt nun auch mich durch. Das tun sie gern, aus vermeintlicher Höflichkeit ein Element der völligen Unberechenbarkeit in ihrer Blechtrajektorien einbauen, sodass unsereins ständig um Leib und Leben fürchten muss. Auf der zweiten Spur neben ihm schickt sich ein weiterer Wagen an, in die Kreuzung einzufahren, tut das, fährt vor mir durch, und noch immer winkt der Mann im Pickup. Ich bleibe stehen.
Er winkt.
Ich stehe.
Schliesslich wird es ihm zu dumm, er tritt aufs Gas, mit einem enormen Knall zündet sein Gerät fehl, macht einen kleinen Satz vorwärts und verlässt das Schlachtfeld. Das Summen in meinem Ohr lässt ein wenig hügelaufwärts dann wieder nach.

Tuesday, June 20th, 2006

Nacht, draussen

Es ist unerträglich heiss im Zelt und im Kopf. In der ersten Nacht hatten wir darum das Überzelt nicht aufgezogen; ein kurzer tropischer Schauer in den frühen Morgenstunden sah uns durch den Sand unter palmenförmigen Schatten taumeln und mit Zeltstoff wedeln. Zwar sah es am zweiten Abend nicht so sehr nach Regen aus wie am ersten, der Stoff blieb aber trotzdem drauf. Ein lautes Geräusch und heftiges Schnaufen setzt sich breit auf den Zaun zwischen Schlaf und Wachen, und langsam driftet mein Gehirn aus schwitzendem Halbschlaf ins Halbwachsein herüber. Vielstimmig schnauft es jetzt, schmatzt auch. Vorsichtig unbesorgt – Schwarzbären gibt es nicht, Alligatoren schnaufen und schmatzen nicht – werfe ich Licht auf meine Theorie und finde sie vierfach bestätigt, die Tiere schauen nur flüchtig in meine Richtung und widmen sich dann wieder dem Frühstück, das wir leichtfertig nicht ins Auto sperrten und das uns nun entweicht.