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Miniaturen



Wednesday, November 8th, 2006

Blinddarm Alarm I

Ich habe nichts gegen Krankenhäuser. Sie helfen den Menschen, die man in sie hineinsteckt, zumindest theoretisch, sie erinnern uns mit dem geballten Elend, das in ihnen stattfindet, daran, dass es uns eigentlich ganz gut geht. Sie sind riesige Übelkeitsstaubsauger, und ziehen mit einem sanft bohrenden Geräusch Bakterien, Viren, Fortsätze und ihre Träger an, in sich hinein und halten dadurch die Strassen frei. Zudem ist das Essen in ihnen gar nicht schlecht.

Hier in der Gegend sind die Krankenhäuser alle auf die Hayward Erdbebenspalte draufgebaut, aus der in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren wie eine Krake die Geoenergie steigen wird, um an allen Häusern ein bisschen zu rütteln. Die Plattentektonik, aus der sich die Geokrake speist, hat das sich auftürmende Faltgebirgsgestein im Laufe der Jahrtausende zu Sand zermahlen, und die findigen Europäischen Siedler bauten auf diese Sandflächen dann Fussballstadien und Krankenhäuser, weil es so schön flach war. Hätte man selber vermutlich auch nicht anders gemacht.

Aber genug des Allgemeinen, das ist ja nichts Besonderes. Der vierschrötige Neger, der da unser Apartment betritt, andererseits, der ist was besonderes. Er trägt einen Helm, zur Arbeitssicherheit, obwohl ihm bei uns nicht viel auf den Kopf fallen könnte, ein auf ein Frühstücksbrett geklebter Pfeilschwanzkrebs vielleicht, aber nur wenns bebt, und es bebt ja nicht. Was ist los? fragt der Neger, und ich stehe immerhin aufrecht vor ihm und stammle etwas Inkohärentes über meinen Bauch. Vor ein paar Sekunden war ich noch sicher, dass sich alles in einer kleinen Peinlichkeit auflösen würde, eine simple Muskelzerrung im Bauch, was soll das Theater, Herr Schreiber, hier die Rechnung, aber jetzt, wo drei mächtige Feuerwehrleutsgebirge sich tektonisch in unser winziges Apartment schieben, verschiebt sich auch meine Wahrnehmung. Wahrscheinlich nur, weil man mich ernst nimmt, in meinen absurden Lederflipflops und der Haushose. Profis, man merkt es gleich.

Eh ich mich versehe, habe ich drei Leuten erklärt, wie das mit den Schmerzen ist, und finde mich auf einer Tragbahre hinten in einem roten Auto wieder. Gegenüber steht ein Feuerwehrauto, eine Weile lang werde ich denken, das geträumt zu haben, aber dann erfahren, dass in den Feuerwehrautos der Sauerstoff drin ist, für wenn man mal Sauerstoff braucht. Brauch ich aber ja gar nicht, und bekomme auch keinen gereicht. Stattdessen fragt man mich, zwischen Stöhnlauten, die mir selbst übertrieben vorkommen, fachkundig aus, wer weiss, was ich der Krankenschwester alles an kritischen Passwörtern und dunklen Geheimnissen erzählt habe, ich jedenfalls nicht mehr. Ist mein last.fm Account noch sicher oder hört die Feuerwehr jetzt mit?

Friday, October 20th, 2006

Buddhismus

Es fing damit an, dass beim Fest eines japanischen Shinto-Tempels bei uns um die Ecke nicht nur grosse Mengen Fisch auf Pappschalen oder Reisballen gepackt und verzehrt, sondern auch in blaues Wasser gesetzt und verlost wurden. Das ist ein verbreitetes und billiges Mittel, auf Festen Kinder zu bestechen, und einerseits in manchen Ländern aus Tierschutzgründen verboten, andererseits Anlass für Aquarienfachhandler aufmerksam die Rückenflossen aufzustellen und von hier nach da zu huschen: ein Goldfisch für zwei Dollar bedeutet ein Aquarium und Ausstattung für zwischen dreissig und hundert.

Die zwei Goldfische, die wir abbekommen, sind unter denen, die am Ende des langen Tages niemand haben mochte. Wir haben uns mit ausgezeichnetem Sake einen trunkenen Taumel erworben, und obwohl ich die Tüten misstrauisch beäuge, als ich von unserer neuen Verantwortung erfahre, wanken die Fische mit uns nach Hause. Fische können nämlich selbst nüchtern nicht richtig gradeaus laufen. Hätten Sie das gewusst?

Friday, October 20th, 2006

Eckfelder

Das diffuse Unwohlsein einer anrückenden Erkältung sitzt in Rachen und Rumpf, die schmerzenden Beine schiebe ich auf das gestrige Training, aber die Mikrobe wird wohl auch hier ihre Finger im Spiel haben. Ich nehme trotzdem die Treppe am Gebäudeecke auf dem Weg zum Mittagessen, der Aufzug ist innen komplett mit Teppich ausgekleidet, was mich nicht stört, aber auch nicht anzieht. Die Tür neben dem Treppenhaus führt ins Büro der Studentenberaterin, bis vor kurzem sass hier Fran in einem bunten Kokon, ihr Gelächter war auf der ganzen Etage zu hören, und mehr als eine Tür schloss sich von innen, wenn sie gegen Abend mit Freunden längere Unterhaltungen führte. Fran ist nach Seattle gezogen und es wurde stiller. Als ich mich jetzt der Ecke nähere bemerke ich einen ständig stärker werdenden Parfümgeruch, einen Gradienten, dem ich entgegenarbeite, bis ich die Treppentür erreiche und von der Duftklippe in den Betonschacht springe.

Tuesday, October 17th, 2006

Berufstätig

Die Einbahnstrasse führt bergauf und hat regen Verkehr. Am oberen Campusende öffnen sich die Autos, Menschen quellen heraus und fliessen dann um diese Tageszeit an beiden Seiten Durant’s wieder bergab, auf dem Weg zu den Restaurants im Food Court und auf Telegraph Avenue, der Insel der heimatlosem Hippies in einem Meer aus zielgerichteten Studenten. Wo der Zugang zum Foodcourt rechtwinklig vom Strom der Hungrigen abzweigt, steht Tag für Tag, Filter im Kreislauf der jungen Menschen, ein einzelner älterer Schwarzer, jeden Tag ein anderer, und verlangt Gewissenszoll. Die Taktiken der verschiedenen Schichten unterscheiden sich, vom fröhlichen Gesang zu missmutigemmm in den Weg treten und Hinhalten des Kaffebechers mit dem Kleingeld reicht die Palette. Heute steht ein schlaksiger Glatzkopf hier, gepflegt, aber in abgewetzter Berufskleidung; auf dem Pappschild steht “Change please, god bless”, aggressiv hält er den gleichgültigen Passanten das Schild in den Weg, tänzelt, schüttelt erbost den Kopf. Er hält inne, greift sich an die Hüfte und nimmt einen Anruf entgegen.

Monday, October 16th, 2006

Nihon für Ao

Der Ellbogen des Schiedsrichters, vor dem Unterleib angewinkelt, verrät schon das Kommende, dann eine ausholende Bewegung des linken Arms, die in der Waagerechten endet: Nihon für Ao. Die Plastikkarte ist griffig, aber die rückseitig darauf gedruckte blaue Drei, die mir den Stand auf der anderen Seite anzeigt, ist völlig glatt, und es dauert etliche Sekundenbruchteile, bis ich die beiden Karten greifen und umlegen kann. Die Aufmerksamkeit, die das Greifen des Glatten erforderte, zerstreut sich, und ich bemerke allgemeine Aufregung: im Moment des Umlegens hat auch der Schiedsrichter sich umgelegt, die zwei Punkte wurden der anderen Seite zugesprochen, und während ich mit der rechten Hand auf das gebellte Hajime mit dem Drücken der Stoppuhr reagiere, suchen die Finger der Linken die beiden Karten auf der Vorderseite, und holen sie zurück ins Nest, sie rotieren noch auf den Spiraldrähten, da – Yame! – stoppt die Uhr wieder. Erneut Nihon für Ao, diese abermalige Umkehrung kommt meinen Fingern unplausibel vor, und sie sträuben sich einen Moment, ehe sie sich fügen. Need to add two points, insistiert der japanische Turnierleiter, he did, antwortet die Russin. Two points for blue, drängt der Japaner hartnäckig, he already did insistiert die Russin nicht weniger. Ich, Yame, Uhrstopp, Handzeichen, habe keine Zeit, eine Meinung dazu zu haben.

Saturday, October 14th, 2006

Büro für den studentischen Alltag

0
Eine Verfassung müssen wir haben. Dann, so sagt die Webseite, dürfen wir nämlich einen Aufsteller auf dem Campus aufbauen und für uns werben. Oder auf Sather Plaza, dort, wo das Free Speech Movement seinen Anfang nahm, einen Tisch betreiben. Folglich schreibe ich also eine Verfassung.

1
Diese Verfassung, sagt die blutjunge Stundentin hinter ihrem Halbtischchen, ist nicht gültig. Sie erkennt das daran, dass die erforderlichen Sätze, die Inititationsriten, das sogenannte Hazing, sexuelle, rassische und überhaupt jede Art der Diskriminierung und auch sonst alles Böse verbieten, nicht im Fettdruck im Text stehen. Sie gibt mir eine Vorlage, die Sätze solle ich einfach kopieren, sagt sie, und fett gedruckt lassen, so liessen sie sich leichter entdecken. Sie zeigt mir einen Computer, auf dem ich die neue Verfassung rasch schreiben könne. Ich schreibe zu einem Soundtrack voll perlender Likes und Ohmygods, und stelle am Ende fest, dass die installierten Drucker nicht funktionieren. Andere rasch herbeigerufene blutjunge Studenten bestätigen, dass keiner der Rechner druckberechtigt ist. Ob ich ihr die Verfassung emailen könne, damit sie sie dann ausdrucken könne? Natürlich. Ich tu das, warte noch ab, bis die Email bei ihr ankommt, und gehe.

2
Zwei Wochen später, eine andere blutjunge Studentin. Von einer Verfassung für den Karateclub ist ihr nichts bekannt, nein, auch im Archiv nichts zu finden. Sie zuckt die Achseln. Am besten sei es, sagt sie, die Verfassung in Papierform und persönlich vorbeibringen, man könne sie dann in Minutenschnelle genehmigen. Sorry about this. Ich versichere ihr, das sei schon in Ordnung, ich weiss auch nicht, weshalb.

3
Eine dritte blutjunge Stundentin nimmt die Verfassung entgegen. Von Minutenschnelle ist keine Rede mehr, überhaupt ist von wenig die Rede, mit einem stummen Nicken nimmt sie das Papier, steckt es irgendwo rein, wendet sich stumm von mir ab. What happens next, frage ich, ahnungsvoll. You wait for it to pend, sagt sie. Vor der Tür wird mir von dieser Formulierung sehr froh zumute, vielleicht ist es aber auch nur die Sonne, und ich nehme mir vor, am nächsten Tag eine vierte blutjunge Studentin zu befragen.

4
Eine halbe Stunde später erhalte ich aber eine Email. Die Verfassung ist konform fettgedruckt und wurde ordnungsgemäss abgeheftet.

Friday, October 13th, 2006

Glasrosen

Im Hinterhof der Bar steht eine Skulptur, ein fein gearbeiteter Rosenstock aus Metall, die Blütenblätter aus Milchglas, LEDs im Blütenkern, die sich aus Solarzellen auf den Blättern speisen. Kein Tisch ist frei und wir stehen neben der Skulptur, unterhalten uns und berühren gedankenverloren die dünnen Rosenblätter, fühlen die gezähnten Blattränder, die Kühle des Glases.

Excuse me, sagt eine Stimme, dreimal, ehe wir begreifen, dass wir gemeint sind, do you go to museums? fährt er fort, rotblonde Locken am Kneipentisch, als wir uns umwenden. Wir sind überrascht, yes, sagt Kieu, and do you, fragt er triumphierend, seine Falle zugeschnappt, touch the art there? Mit selbstzufriedenem Lächeln und ohne ein weiteres Wort dreht er sich zurück zu seiner Begleitung, aus dem dreifach ungläubigen Blick.

Friday, October 13th, 2006

Cocktail

Ich zögere kurz an der Schwelle, ein Reflex, aber es ist ein Tanzkurs im Raum und keine Verbeugung ist nötig. Zwischen den Paaren hindurch gehe ich zum Schrank, die Blechtür ist blockiert von der offenen Tür eines anderen Schrankes, der im rechten Winkel zu unserem steht, und in dem die Stereoanlage steht. Ich schliesse die Tür halb, öffne unsere – der Schlüssel klemmt ein wenig, ich rüttle sacht im Takt der Musik – und lege die Tüte mit den T-Shirts neben die Kampfübungsgeräte. Auf dem Rückweg durch die wie für ein Date angezogenen und nun wie erhitzte Gasmoleküle durcheinanderdriftenden Paare rieche ich eine Mischung aller gebräuchlichen, preiswerten Parfums und Aftershaves, eine Tanzschulensinfonie, die mich einen Moment lang in eine unangenehme Vergangenheit katapultiert. Direkt ausserhalb des Eingangs steht ein geölter Blondkopf im Sakko und beobachtet die Tänzer. Ich passiere ihn und greife mir den Rucksack mit dem verschwitzten Gi darin.

Thursday, October 12th, 2006

Informationsbehandlungsbedarf

Vor ein paar Jahren, bei einer Lesung in einer Tübinger Buchhandlung, geschah etwas in meinem Kopf. Es mag ein Drogenflashback gewesen sein, denn damals probierte ich so verschiedenes aus, vielleicht war es eine Kombination von Müdigkeit und Hunger, vielleicht eine exotische Migräneaura: sekundenlang zerfiel meine visuelle Welt in Einzelteile. Statt der Pulikumsköpfe vor einer Bücherwand sah ich nichts als farbige Flecken, ein strukturloses Chaos, unter dem ich zwar noch die physikalische Wirklichkeit erahnte, aber ich bezweifle stark, dass das lange angehalten hätte. Ohne das komplex regelhafte Sortierwerk in unseren Köpfen gibt wenig von dem, was uns als vermeintliche Information erreicht, Sinn.

Vor ein paar Wochen kauften wir Fische, einen Tetra und drei Tigerbarben, und setzten sie ins Aquarium, das seit zwei Wochen auf neue Bewohner wartete, nachdem die Goldfische unerklärlich gestorben waren. Den Fischen gefiels, wir kümmerten uns um anderes, zeigten besuchenden Freunden stolz die Geschöpfe, nur um buchstäblich Sekunden nach dem Abschied der Beobachter auch selbst mal hinzugucken. Alle vier Fische waren grau angelaufen, die Schleimschicht über den Augen verdickt und trüb. Wir rätselten über die Ursache, entschieden schliesslich auf Stress, und akzeptierten achselzuckend, dass ohnehin nichts getan werden konnte. Gingen ins Kino, und fanden tote Fische vor. Am nächsten Tag und mittels eines Wassertestkits klärte sich das Unglück, der pH-Wert des Wassers war ins Essigsaure abgestürzt, wir hatten lebende Fische in saurer Lake eingelegt. Noch auf dem Weg ins Kino hatte ich Zweifel gehabt, ob ein Wasserwechsel eher schaden oder nützen würde und mich für Untätigkeit entschieden.

Heute nun fand ich meinen Freund Ken Loach verendet unterm Nachbarsschreibtisch. Er hat sich wohl in der Nacht über die Aquariumskante in den trockenen Tod gestürzt. Das Aquarium, ein kleines Acrylding mit Plastikdeckel, war zwar verschlossen, der Deckel aber sass nicht fest, weil der Plastikschlauch, aus dem sich der Sprudelstein speiste, sonst eingeklemmt worden wäre. Der Fisch muss den schweren, aber nur lose sitzenden Deckel bei einem Sprung angehoben und sich durch die Ritze gezwängt haben. Mehrfach schon hatte ich ihn springen sehen, Teil entweder seines Verhaltens, oder Anzeichen dafür, dass ihm das Becken zu klein wurde, und mehrfach hatte ich mich besorgt gefragt, ob der Deckel auch fest genug schliesse.

Erkenne ich ein Muster? Das überlege ich mir morgen.

Friday, September 15th, 2006

Naihanchi

Naihanchi

Die Hände vor der Hüfte sanft gebunden,
Die Füsse parallel ruhn Seit an Seit,
Dann heben sich die Arme, nicht zu weit,
Und haben sich umkreisend neu gefunden.

Die leere Fläche kehrt sich, die erst aussen lag,
Und suchend schweift ein wacher Blick umher,
Sekundenlang bewegt sich gar nichts mehr,
Und schliesslich wie ein Blitz ein Schlag,

Ein Greifen nach dem Feindeshaupte,
Das auf den Knochen hin, der nun im Kreise schnellt,
Sich zubewegt; ihn trifft; ein Gegner fällt,
Und der, der gegenüber sich im Vorteil glaubte,

Sieht sich blockiert, verdrängt, gefasst,
In einer Querbewegung wird er vorgeschoben,
halb täuscht die Finte einen Schlag nach oben
an, und schon bekommt er ihn verpasst.

Die Arme schützen nun, doch ungebeten,
naht abermals Gefahr: bedroht den Fuss,
der weichend eilig aufwärts streben muss,
um unvermindert hart herabzutreten.

Der Kopf eilt dann sofort zur raschen Wende,
erneut bedroht ein Tritt das eigne Knie,
Das Füsschen schnellt empor und tritt das Vieh,
Ein Doppelschlag.setzt dann dem Kampf ein Ende.

Zuletzt, damit die Haltung nicht erweiche,
geschieht in umgekehrter Richtung dann das Gleiche.