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Vor ein paar Jahren, bei einer Lesung in einer Tübinger Buchhandlung, geschah etwas in meinem Kopf. Es mag ein Drogenflashback gewesen sein, denn damals probierte ich so verschiedenes aus, vielleicht war es eine Kombination von Müdigkeit und Hunger, vielleicht eine exotische Migräneaura: sekundenlang zerfiel meine visuelle Welt in Einzelteile. Statt der Pulikumsköpfe vor einer Bücherwand sah ich nichts als farbige Flecken, ein strukturloses Chaos, unter dem ich zwar noch die physikalische Wirklichkeit erahnte, aber ich bezweifle stark, dass das lange angehalten hätte. Ohne das komplex regelhafte Sortierwerk in unseren Köpfen gibt wenig von dem, was uns als vermeintliche Information erreicht, Sinn.

Vor ein paar Wochen kauften wir Fische, einen Tetra und drei Tigerbarben, und setzten sie ins Aquarium, das seit zwei Wochen auf neue Bewohner wartete, nachdem die Goldfische unerklärlich gestorben waren. Den Fischen gefiels, wir kümmerten uns um anderes, zeigten besuchenden Freunden stolz die Geschöpfe, nur um buchstäblich Sekunden nach dem Abschied der Beobachter auch selbst mal hinzugucken. Alle vier Fische waren grau angelaufen, die Schleimschicht über den Augen verdickt und trüb. Wir rätselten über die Ursache, entschieden schliesslich auf Stress, und akzeptierten achselzuckend, dass ohnehin nichts getan werden konnte. Gingen ins Kino, und fanden tote Fische vor. Am nächsten Tag und mittels eines Wassertestkits klärte sich das Unglück, der pH-Wert des Wassers war ins Essigsaure abgestürzt, wir hatten lebende Fische in saurer Lake eingelegt. Noch auf dem Weg ins Kino hatte ich Zweifel gehabt, ob ein Wasserwechsel eher schaden oder nützen würde und mich für Untätigkeit entschieden.

Heute nun fand ich meinen Freund Ken Loach verendet unterm Nachbarsschreibtisch. Er hat sich wohl in der Nacht über die Aquariumskante in den trockenen Tod gestürzt. Das Aquarium, ein kleines Acrylding mit Plastikdeckel, war zwar verschlossen, der Deckel aber sass nicht fest, weil der Plastikschlauch, aus dem sich der Sprudelstein speiste, sonst eingeklemmt worden wäre. Der Fisch muss den schweren, aber nur lose sitzenden Deckel bei einem Sprung angehoben und sich durch die Ritze gezwängt haben. Mehrfach schon hatte ich ihn springen sehen, Teil entweder seines Verhaltens, oder Anzeichen dafür, dass ihm das Becken zu klein wurde, und mehrfach hatte ich mich besorgt gefragt, ob der Deckel auch fest genug schliesse.

Erkenne ich ein Muster? Das überlege ich mir morgen.

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