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Jersey



Tuesday, April 22nd, 2008

Vier in Newark



Ein Auto in die Einfahrt eines Hauses, Blitz und Knall,
Reifen heulen, der Student fällt und stirbt in den Armen eines Freundes.
“Random Shooting”: Sonntag früh.

Im Süden der Stadt, ein Mann vergeht.
Mehrere Kugeln, der Kongressabgeordnete lebt
Ein paar Häuser entfernt: Sonntag nacht.

Achtzehn Jahre schiessen achtzehn Jahren ins Bein,
Erwidertes Feuer trifft den Kopf des Schützen,
Verblutet selbst am Rand der Strasse: Montag abend.

Drei angeschossen nahe Branch Brook Park School,
Zwei ins Gesicht, einer ins Bein,
Zwei auf der Flucht, ein Bus voller Zeugen: Dienstag morgen.

Wednesday, April 9th, 2008

Jersey Shores



Hard concrete cold, shore of an asphalt sea,
Pavonia Summit Central, sitting dumb,
Colorless, squinting, cutting, slow,
Among the wrecks of stone as others drift,
Consuming suited people, shitting bricks on bums.

Now, stumbling, old, a tiny woman’s tiny steps,
“It’s gorgeous out” she says and looks and means it,
Moving past and driving me away.

Then change of light and movement on the black,
On oily tension, road and steel and stone.
I ponder differentials, equations,
The echo in the empty space inside each piece of all,
Ah, how I fear this crossing over liquid shell,
And how I fear.

“If they can do it, you can”,
– the candy wrapper at my feet,
When I have gone and sunk below
A wind will pick it up and bring it home.

JC, 8.4.8

Friday, April 4th, 2008

The Lack of a Roar



I came home and found no lion in my living room.
Checked the fishtank, looked under the sofa. Lion? Lion?
The neighbors rise the music in their battered car to shut me out,
And I went to my kitchen in Jersey City, watched by the squirrel on the sill.
I think he warned me.

Sent out a message to the air
There will be no answer, the air is dried up, whithered.
‘There is no lion’, the message screamed, ‘I looked everywhere’.
But then an answer came, surprising on the top of my head.
‘It’s raining’, it said.

Thought of the West, talking with coffee in Starbucks on Shattuck,
How I would not mention the lack of lion,
How she would smell it in my frightened breath,
And the foam on the cup would curl in silence,
No squirrels here, they wait for the nuts in their own trees.

Rode Brompton Sip to Westside avoiding potholes biting lips,
The rolling fool, the hanged man,
My wheel sinks teeth, catches in asphalt darkness,
Bike folds, tips, I sail with outstretched arms and down,
And down, to Hackensack and ride its murky waters out Atlantic,
Lost to life, at sea.

It doesn’t happen. Reaching bottom, run over by the poor
In their poor cars, turning into turn, machine against the lost,
Pulling my brakes to watch him go,
He too taking no lion on his poor journey to nothing.

A sign bends into path, tipping weary head, a message in the dark,
Greyed promises of impact, swerving to the graves behind a fence.
Then there I see him not, in fading light and dripping sky,
Stalking ghosts, a ghost himself, the beast,
He rises on his hinds and melting into fire,
A whisping cloud, is gone.

I came home, and found strange fish in my living room,
Sitting on the sofa,
And a bowl of spaghetti on a plate on a tray on a table,
And a squirrel on the sill, pointing to his tree with beady eyes,
Expecting me.

Monday, March 24th, 2008

Unsere kleine Strasse

1
Die Kleinfamilie von gegenüber habe ich noch nie anders gesehen als im Streit. Überhaupt habe ich sie nur sehr selten gesehen, die beiden Fenster, die auf die Strasse blicken, sind blind, Ikearollos am Fadenzug sind eine milchige Barriere gegen die Menschen auf unserem Block. Man hört sie aber oft, die dicke Frau und den Mann in Feinripp, wie sie sich anschreien, Motherfucker, fucking, worum es geht, ist schwer zu verstehen, auch wenn man, wie ich jetzt, am Fenster steht und den Vorhang aus Milch ein wenig zur Seite zieht. Sie ist vor der Tür, bringt Müll raus, geht schwerfällig zum Auto, er steht auf dem Treppenabsatz, und sie schreien sich über die paar Meter kümmerlicher Distanz hinweg an, nicht voll Hass, hilflos eher, und überfordert von einem Leben, dessen Gesetze sie nicht begreifen. Zwischen ihnen der Vierjährige, dümpelt wie ein kleines Ruderboot ohne Anker und will bei keinem der beiden sein, beim Vater nicht, nicht bei der Mutter, die ihn mit sich zerrt, zum Dreirad, während sie über die Schulter brüllt, keine Argumente, keine Forderungen, blosse Zornes- und Frustrationsgeräusche. Das Kind läuft um den Vater herum nach drinnen, die Eltern schreien sich noch einen Moment an, dann gehen sie auch rein, das Kind kommt sofort wieder raus, gefolgt von der Mutter, die es aufsammelt und nach drinnen trägt, brüllend. Die Tür fällt zu.

2
Gegenüber auf den Stufen der little white box sitzt oft ein Pitbull-Terrier und betrachtet die Strasse, die sich dabei vermutlich fühlt wie eine Antilope im Kino, wenn die Antilope aufs Klo muss, um sie rum sitzen aber nur Löwen und wollen nicht aufstehen. Der sitzende Pitbull hat alle seine Moleküle in Einheit auf Lauern gebürstet, jedes Härchen lauert da, keins tanzt aus der Reihe, er ist ein gespannter Bogen. Vor vier Tagen dann schnellte er pfeilschnell von der Treppe, der kleine Nachbarshund kläffte vorbei und musste zerbissen werden. Zerknirscht die Besitzerin, natürlich komme sie für die medizinischen Kosten auf. Weil der Pitbull aber auch seine Zähne auf Angriff bürstete, und der kleine Nachbarshund so klein ist, war der Schaden gross, 1000 Dollar Anzahlung verlangte der Tierarzt, 2500 werdens insgesamt werden. Als Katy und JJ, die studentischen Besitzer des zerfleischten Hündchens, das der Nachbarin erzählen, ist sie entsetzt, sie hat doch kein Geld, und die Töchter aus dem Auto werfen erbost ein, das sei typisch für die Weissen, immer wollten sie nur Geld. Katy bemüht sich jetzt darum, den Pitbull einschläfern zu lassen, und will der Nachbarin das Auto wegnehmen.

3
Die neuen Mieter im zweiten Stock, beugen sich, als spät nachts wiederholt Musik nach oben brandet, aus dem Fenster und bitten um Ruhe. Sie könnten, erwidert man von hinter dem abgewrackten Lieferwagen, aus dem der Lärm kommt, gerne runterkommen, und die Forderung wiederholen, man bringe sie dann um. Am nächsten Morgen haben die neuen Mieter im zweiten Stock Eier an den Fensterscheiben. Sie ziehen zwei Wochen nach dem Einzug wieder aus.

Tuesday, February 19th, 2008

Untergrundatem

Die Welt ist plötzlich unangenehm distanzlos, warm und drückend. Ein kilometerhoher See dieser feuchtwarmen Luftsuppe schwappt über Newark hin, und am Grund krabble ich entlang, oder rolle auf meinem Klapprad, und schwitze mehr Feuchtigkeit hinein in die Schwüle. In der Strassenschlucht vor Broad Street fegt wie immer starker Gegenwind, heute aber ist er nicht eisig und raubt mir nicht den Atem, sondern fasst mich warm an, ungebeten, ungewollt. Dann durchfahre ich einen kühlen Luftstrom aus der Tiefe, der Winterwind aus dem U-Bahn-Eingang ahnt nicht, was ihn hier oben erwartet und löst sich mit leisem Seufzen auf.

Thursday, January 31st, 2008

Hinterhofromantik

Als wir einzogen stand in der feuchten Hitze des Jerseyer Sommer ein kaputtes Auto vor dem Küchenfenster, mit eingeschlagenen Scheiben und zerschnittenen Sitzpolstern. Auf der Klimaanlage, die wir wegen der geistigen Gesundheit rasch ins Fenster schraubten, lagen binnen kurzem Zigarettenstummel. Als das Auto weggebracht wurde (es ging nur schlafen, dem Auto geht es gut, keine Sorge), lagen natürlich drunter auch Zigarettenkippen, in einem Bett aus Scherben. Wir zogen die Rollos runter und guckten nicht mehr hin, bis die Hörnchen kamen.

Dann grummelte ich ein paar Tage lang, schulterte schliesslich den Besen, fegte Glasschrott, Kippen und Plastikmüll der letzten Jahre zusammen mit dem ausgewaschenen Lehm aus dem Nachbarsgarten in erst einen 15-Liter-Eimer, und dann noch einen. Man sieht jetzt wieder den splitternden Beton und die bröckelnden Ziegel, und die Tiere zerschneiden sich nicht mehr die Pfoten. Zwei Tage später hatte ein Nachbar zwei Mülltüten aus dem Fenster geworfen, ein paar Tage danach regnete es noch eine Mülltüte und eine leere Vodkaflasche. Man muss Jersey nicht lieben, aber.

Oder halt nicht aber.

Thursday, January 24th, 2008

Eingeholt

Als der neue Postdoc vom preiswerten Zimmer erzählt, das er auf Craigslist gefunden hat, bei einem seltsamen lesbischen Paar zur Untermiete, wo nie die Türen abgeschlossen sind und es keine Schlüssel gibt, scherzt Bart über Zeugungsdienste, die eventuell an Mietzinses statt zu verrichten seien. Eine Woche später wird der neue Postdoc vorübergehend aus seinem Zimmer ausgesperrt, nachdem er die e-Mail-Bitte der Vermieterin, ihr ein Kind zu zeugen, abschlägig beantwortet hat.

Monday, January 14th, 2008

Herde

Über den Mietshäusern oberhalb des Supermarktes synchron ein Taubenschwarm im einfarbigen Himmel, gespeist aus Dampfschloten. Nur wenige der Vögel folgen nicht der attraktiven Formation, bleiben von der eigenen Trägheit vereinzelt zurück. Als der Schwarm über einer Dachkante eine Wende fliegt sieht man kurz die Schwingenspitzen eines sehr viel grösseren Tieres, das aufsteigt und hinter der Dachkante verschwindet.

Saturday, January 12th, 2008

Amerikanische Schönheit

In der Sonne zwischen den Gebäuden vor dem Bahnhof von Newark fangen sich die heftigen Windstösse, die nach einigen Tagen Frühsommerwetter den Winter wiederherstellen werden. Eine kleine Windhose entsteht auf dem leeren Vorplatz und zieht Kartonagen, Plastiktüten und vereinzelte Blätter im Wirbel mit, ein grosses Stück Pappe wird gegen das rechte Bein eines Bänkers auf der anderen Seite des Platzes gepresst und verbirgt sein gesamtes Schienbein. Ohne hinzusehen schiebt er es nach einigen Sekunden zur Seite in den Windstrom, unter der Bank durch, davon. Eine besonders heftige Bö erfasst eine Plastiktüte und hebt sie übers Parkhausdach in die aufsteigende Thermik, und aus meinem Blickfeld.

Monday, January 7th, 2008

Chase

West Side bis zum verbunkerten Rite Aid an der Ecke, dann Sip steil bergauf. Links ein Apartmentgebäude, komplett weihnachtsbeleuchtet, absurd in der sonst tristen Umgebung. Unheimlich auch, die Locklichter eines gefrässigen Tiefseefisches. Hinter Journal Square links Summit bergauf bis zum Reservoir und der weiten Brache davor, über die eisig der Wind pfeift. Entlang des Reservoirs quer zum Bergrücken abwärts, dann eine Schleife, unter der Strasse durch, und schliesslich überraschend nicht nach oben, wie anhand der Karte gedacht, sondern nach unten aus Jersey City nach Hoboken rollen, unsichtbare Schildermasten im Dunkeln auf dem engen Gehweg. Keine Ahnung, warum mich die Abwärtsrichtung überrascht, hinter Hoboken liegt schliesslich der Hudson, nicht die Appalachen. Vermutlich weil Hoboken eben oben ist, und vorne.

Zwischen den Boken Hos und den Fraternity Boys durchschlängeln, Washington Avenue aufwärts, sechs Meilen Gesamtstrecke werden es sein, von Tür zur Ecke, dann Anrufbeantworter, Wahlwiederholung, beim zweiten Anruf geht er ran, kommt der Bänker runter und macht die Tür auf. Er ist wortkarg, ein gegelter, glatter junger Hai, wie alle hier, und isst fritiertes Huhn aus einem Pappbecher, während ich mir den Apparat ansehe. Ich verstehe, warum Sie den Kleinen verkaufen wollen, sage ich und zeige auf das wandgrosse Flachbildmonster. No, sagt er, nach einer verwirrten Pause, und erst jetzt, beim Schreiben wird mir klar, dass er mich für komplett verrückt halten musste, I’ve had that one for a while, I bought a new one for back there, und deutet über seine Schulter, Richtung Schlafzimmer, begreife ich jetzt, wo er den kleinen Bettfernseher durch wohl noch ein Flachbildmonster ersetzte. Die absurde Vorstellung, er könnte dieses winzige, alte Gerät mit 20 Inch Diagonale im Wohnzimmer stehen gehabt haben, verursachte ihm hoffentlich körperliche Schmerzen.

Winzig ist aber immer noch zu gross für unser Wohnzimmer. Es ist zwar ein Flachbildschirm, wie in der Anzeige stand, aber auch ein Röhrenfernseher, der uns vornüber aus dem Regal kippen würde. Ausserdem natürlich mit einem Fahrrad nicht transportierbar. Bei der Bank für die er arbeitet, haben wir Kreditkartenschulden in Höhe von knapp dreien meiner Monatsgehälter, ein paar Sekunden lang verachte ich ihn dafür.

Für dem Rückweg runter nach Jersey City nehme ich die U-Bahn.