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Fischtagebuch



Friday, November 17th, 2006

Ken und Schnecke

Drei Fische! Es ist eine regelrechte Fischstadt, die sich da auf unserem Teppich gebildet hat, eine Art Urzeugung könnte man das nennen, wenn nicht mit grosser Wahrscheinlichkeit sowieso schon zahlreiche Milbenmetropolen in und unter unserem Teppich einen Wettstreit der Zivilisationen austrügen und also von Urzeugung nicht die Rede sein könnte. Um die Überlegenheit der Fische über diese Vorläufermodelle auch geographisch deutlich zu machen, holen wir uns Müll von der Strasse, nennen den Müll Tisch, und stellen das Aquarium drauf. Fertig ist die Oberstadt.
Das hat aber leider auch einen Nachteil, den wir nicht bedacht haben: man sieht die Fische jetzt viel besser. Was also können unsere Gäste Robert und Beret dafür, dass sie, als sie morgens die müden Augen aufschlagen und als erstes die zu einer Zivilisation erster Stufe erhobene Fischtrias erblicken, sofort und unrettbar in ehrlich empfundene Liebe zum schuppigen Gesindel verfallen? Nichts, natürlich, es ist ja praktisch unvermeidlich. Selbst ich sehe mich Sympathieanbrandungen ausgesetzt, und ich kenne die Fische und ihre Tricks doch schon seit ein paar Tagen und habe ausserdem das Aquarium auf den „Tisch“ gewuchtet und mir dabei den Kopf verrenkt. Aber das gehört hier nicht her.
Robert und Beret jedenfalls sind den Vagabunden der Meere, wie man Goldfische ja auch nennt, rettungslos verfallen, und kaufen ihnen folgerichtig, oder jedenfalls in annähernder Folgerichtigkeit durch einen asiatischen Tierladenangestellten komplett fehlberaten, einen striped tiger loach und eine Schnecke als Weggefährten auf der grossen Reise, die das Leben ist. A moll, G dur, C.
Die Schnecke macht es sich gleich gemütlich, rennt kreuz und quer durchs Becken, steigt das Schloss rauf, fällt runter und führt sich überhaupt auf wie ein harmloser und sympathischer Irrer. Der Loach Ken hingegen – der Name wurde quasi mit dem Tier schon mitgeliefert, so offensichtlich ist er – ein länglicher Fisch mit bösen Gesichtstentakeln und einem fiesen Charakter, beginnt seinen Aufenthalt bei uns, indem er einen simplen Patrouillenplan aufstellt – „erst Schloß, dann Plastikstein, dann wieder Schloss, usw. Allen anderen in den Arsch treten“ – und sich mit bewundernswerter Disziplin an die Umsetzung der ehrgeizigen Unternehmung macht. Nach kurzer Zeit treiben im Becken drei nervöse Goldfischwracks, und es kann so ganz offensichtlich nicht weitergehen.
SS Ken also wird nun mit einem Netz eingefangen und weggebracht. Niemand bekommt gesagt, wohin, und es fragt auch niemand. Nacht bricht herein. Irgendwo rast eine Schnecke.

Friday, November 17th, 2006

Fancy Shmancy

Der Fisch hat sich eingewöhnt, eingewohnt sogar schon. Mal schwimmt er nach links, mal nach rechts, man könnte sich selber ans Zugucken regelrecht auch gewöhnen, beziehungsweise Spass daran haben, wenn es nicht nach wie vor so sehr langweilig wäre. Warum aber ist eine solche Langeweile um den an sich doch lustigen Fisch (Keine Beine! Mund auf, Mund zu!)? Weil der Fisch alleine ist. Und es ist nicht gut, dass der Fisch alleine sei. Seltsamerweise bin ich es, der sich zu dieser ein wenig wackligen Schlussfolgerung genötigt sieht, und nicht C., aber es ist nunmal, wie es eben ist, und also werden, zack, zwo neue Fische gekauft, zur Vergesellschaftung des edlen Wilden, und zur Reizzufuhr auch.
Diese neuen Fische aber sind seltsam von Gestalt und Wesen. Der Mensch, in seiner überschaubaren Weisheit, sah sich offenbar über die Jahrhunderte weg Goldfische an, lachte sich über einzelne, ein wenig verwachsene Exemplare kaputt, und setzte sie in ein Humoraquarium, wo sie mit anderen verwachsenen Freaks unerhörte sexuelle Orgien veranstalteten und noch entstelltere Kinderfische rauskackten. So pflanzen sich Fische nämlich fort, es ist nicht schön, aber Biologie.
Die beiden neuen Fische sind deshalb ungefähr kugelförmig, mit gespaltenen, mächtigen Schwänzen und Farbklecksen auf den Schuppen, schwimmen als wüssten sie nicht, wies geht und heissen deshalb Fancy Goldfish, als wir sie kaufen. Wenig später, als sie spastisch zuckend um unser Plastikschloss taumeln, heissen sie aber schon Klick und Klack und alles ist wieder in Ordnung. Vereinzelt schwimmt jetzt sogar mal ein Fisch ins Schloss hinein und wieder heraus. Lebensfreude pur.

Thursday, November 16th, 2006

Totfisch

Jetzt tut es mir doch ein bisschen leid, dass ich den Fisch einen Scheissfisch schalt, denn nun ist er tot. Fische verfügen, in Gefangenschaft jedenfalls, über keinerlei erkennungsdienstliche Infrastruktur oder polizeiliche Oberaufsicht, wir wissen also nicht mal, ob es Mord war oder ein Unfall. Vielleicht hat der Fisch einfach den Alkohol nicht vertragen und wurde vom Kater geholt, wenn ich mir diesen kleinen Scherz im Angesicht des grimmen Schnitters Tod erlauben darf. Wir sind die seinen, blubb, blubb.
Totengräber gibt es bei Fischens offenbar auch keine, das verstorbene Tier wird vom Wasserstrom aus dem Filterkasten in eine Ecke gedrängt und bleibt dort zäh sitzen. Dann geht es aber auf die Toilette und kommt nicht zurück. Auch eine Lösung.
Für den verbleibenden Fisch werden jetzt in Windeseile Kieselsteine angeschafft und ins Aquarium gestreut, es muss sehr schnell gehen, ehe auch dieser letzte Fisch noch stirbt und wir ganz sinnlos mit einem leeren Aquarium dastehen. So muss es Gott damals auch ergangen sein, bei seiner Schöpfung. Der Mensch war schon fertig, und guckte neugierig mit dem einen Auge, während er mit dem anderen schon Pestizide ausschwitzte, und Gott musste schnell noch Schnabeltier, Giraffen und Ameisenigel fertigbasteln, ehe der Affe wieder ausstirbt und alles für die Katz war. Anders kann man sich die ganzen Designfehler doch gar nicht erklären.

Thursday, November 16th, 2006

Fischwasser, Marsch!

Was nun tun? Zwo Fische sitzen, vorübergehend so quartiert, in einem Plastikgefäss und gucken, seien wir ehrlich, ziemlich doof. Mund auf, Mund zu. Schwimmen nach links, nach rechts, im Kreis. Was soll das, Fische, zeugt das von Geist, Verstand, Herzensbildung? Oder nicht vielmehr tatsächlich von blinder Vertiertheit? Seid ihr denn wirklich nichts als ein monströser Irrtum der sogenannten Evolution, der Blinddarm der Tierwelt?
Immerhin gefällt es den beiden Flossenträgern nicht recht in ihrem neuen Quartier, das zeugt von Geschmack und gibt Hoffnung, womöglich kann das Tier sich bessern, und, dem Laubfrosche gleich, eine intellektuelle Karriereleiter erklimmen, an deren Ende dann immerhin Gespräche übers Wetter stehen könnten. Obwohl andererseits Gespräche übers nordkalifornische Wetter noch ein bisschen fader verlaufen als das Leben von Amphibien oder Goldfischoiden ohnehin schon.
Jedenfalls aber lädt C. in Sekundenschnelle nun ein Aquarium aus dem Internet herunter, samt Filteranlage, Sprudelstein, Plastikschloss, Plastikstein und Fischwasser drin. So jedenfalls finde ich das Möbelstück vor, als ich nach Hause komme und meinen Hut an den Schirmständer leime, neben dem Fernseher am Boden, und drin sitzen die Insektenartigen und glotzen. Mund auf, Mund zu. Goldfischflocken wurden als Attachment mitgeliefert, es ist für alles gesorgt, und die schönsten Klischeebilder aus Funk und Fernsehen können sich jetzt täglich in unserem kleinen Haushalt wiederholen oder vielleicht sogar erstmalig entfalten. Scheissfische.

Friday, October 20th, 2006

Buddhismus

Es fing damit an, dass beim Fest eines japanischen Shinto-Tempels bei uns um die Ecke nicht nur grosse Mengen Fisch auf Pappschalen oder Reisballen gepackt und verzehrt, sondern auch in blaues Wasser gesetzt und verlost wurden. Das ist ein verbreitetes und billiges Mittel, auf Festen Kinder zu bestechen, und einerseits in manchen Ländern aus Tierschutzgründen verboten, andererseits Anlass für Aquarienfachhandler aufmerksam die Rückenflossen aufzustellen und von hier nach da zu huschen: ein Goldfisch für zwei Dollar bedeutet ein Aquarium und Ausstattung für zwischen dreissig und hundert.

Die zwei Goldfische, die wir abbekommen, sind unter denen, die am Ende des langen Tages niemand haben mochte. Wir haben uns mit ausgezeichnetem Sake einen trunkenen Taumel erworben, und obwohl ich die Tüten misstrauisch beäuge, als ich von unserer neuen Verantwortung erfahre, wanken die Fische mit uns nach Hause. Fische können nämlich selbst nüchtern nicht richtig gradeaus laufen. Hätten Sie das gewusst?