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Saturday, March 25th, 2000

Herr Tod

Herr Tod startet um neun, Herr Todgucker leider erst um zehn vor. Damit sich beide trotzdem treffen können, das hat Herr Todgucker berechnet, muß er sich eilen. Schnell also läuft er. Wo, fragt er einen Passanten, wird Herr Tod sich zeigen? Die Antwort fällt beunruhigend aus, die Entfernung ist größer als gedacht. Schneller läuft also Herr Todgucker. Der Atem wird ihm knapp, als endlich das Kino am Horizont auftaucht. Er erreicht es um 2 Minuten nach neun, schnappt nach Luft, kauft die Karte und sieht, aus dem Augenwinkel, daß Herr Tod, der armselige Verrückte, erst um viertel nach Neun mit seinem Film beginnt.

Tuesday, March 21st, 2000

Tanz, Kreis, tanz

Die Kreise tanzen. Auf den beiden Spiegeln, links groß und bleich das Rechteck eines leeren Monitors, rechts in einiger Entfernung ein weiterer bleicher Monitor. Mit einem Apfelpiepen blinkt ein Kreis auf, fast nicht zu sehen, grau auf grau. Ein weiteres Apfelpiepen begleitet einen weiteren Kreis, möglicherweise noch schlechter sichtbar. Einer der beiden, soviel ist sicher, war kein Kreis, sondern ein abnormes Zerrbild, Spottgeburt, am armen Radius sinusmoduliert bis zur abstoßenden Eckigkeit. Aber andererseits nicht genug, um erkennbar zu sein. Undercoverquadrat. Mir schwirrt der Kopf, der Finger ruht über der Ziffer eins. Oder war doch der zweite der Freak? Lichter tanzen vor meinen Augen, es ist fast fünf. Bin ich wirklich seit 10 Uhr mit Kreisgucken beschäftigt? Oder gab es eine Mittagspause und Essen? Das wievielte Kreispaar ist das? Das fünfhundertste? Nein, eher das tausendvierhundertste, das letzte, der Finger immer noch über der eins, senkt sich, eins ist raus. Jeden Tag gehen merkwürdige Dinge vor, überall. Millionen von Menschen und ihre Kreise, sie alle tanzen vor meinen Augen, kaum sichtbar.

Monday, March 20th, 2000

Topfbepflanzt

Ich bin 15 Minuten zu früh und hebe nach erfolglosem Klopfen den Briefschlitz an. Dahinter sehe ich einen Katzenbehälter aus Plastik. Douglas hat keine Katze. Falsches Stockwerk also. Leider habe ich keine Möglichkeit, das elektronische Bewohnerverzeichnis zu nutzen, weil das elektronische Bewohnerverzeichnis defekt ist. Natürlich hängt auch nirgendwo ein Papiernes. Wozu brauchte man sonst auch ein Elektronisches? Ich fahre vier Stockwerke nach unten, Klopfen, Briefschlitz. Wieder falsch. Fahre zwei Stockwerke nach oben. Diesmal bin ich richtig, 16. Stock, aber zu Hause ist trotzdem niemand. Ich fahre zurück ins Erdgeschoß, um in der topfbepflanzten Lobby auf einem geblümten Sofa zu warten, die Aufzüge im Blick. Nach einer Viertelstunde, in der die dicke Hauswartsfrau mehrfach mißtrauisch um die Ecke späht, sich schließlich ein Herz faßt und mich, nur damit sie’s weiß, fragt, ob ich auf wen warte (“Yes” – zufriedenes Nicken), kommt mir der Verdacht, daß Douglas in einem der anderen Aufzüge aufwärts fuhr, während ich nebenan abwärts.
Ich fahre wieder hinauf. Klopfen. Nichts. Wieder ab zum Sofa, ich überprüfe im Aussteigen, wo die anderen Aufzüge sind. Einer steht im 16. Stock. Ich drehe die Augen nach oben und fahre ihnen hinterher, dem Ende entgegen.

Sunday, March 19th, 2000

Ausstieg

Auf dem Rückweg in der U-Bahn, dick und kugelrund lacht der Bauch unterm Hemd, sitze ich träge in einer Ecke und starre verdauend vor mich hin. All you can eat Restaurants, erwäge ich, sind eine gute und schöne Einrichtung. Man kann dort sehr viel Essen essen. Bis man nicht mehr mehr essen kann z.B. Der gemütlich wandernde Blick wandert gemütlich über die chinesische Zeitung des Nachbarn zum Waggonfenster und in die Schwärze dahinter, dann aber zurück. Tatsächlich. Da steht, mitten in der Zeitung, in einer Überschrift, rot, mein Name. Auf chinesisch. Das muß es sein, das vereinbarte Signal vom HQ, von M oder Q oder John Cleese, mein Einsatz beginnt. Das Schicksal mindestens der Welt hängt von meinen Schultern runter, aber ich bin zu dick und voll und schwer, schließe die Augen und döse bis Spadina. Als ich aussteige, ist der Chinese längst weg.

Saturday, March 18th, 2000

Kolonie

Die Ebene liegt in strahlender Frühlingssonne, hunderte von Metern entfernt brandet der See, gepeitscht vom eiskalten Wind, meterhoch an den Schutthalden auf. Stahlträger glitzern eisbehangen. Rasch verlasse ich trotz des malerischen Anblicks den asphaltierten Weg wieder, zu kalt pfeift der Wind mir dort oben durchs Jäckchen. Durch abgestorbenes Unterholz folge ich einem Trampelpfad, in den Bäumen über mir kreischen Möven, das einzige Geräusch. Ein paar Bäume geben den Blick frei, und da sitzen, dicht an dicht, zirka eine Million Möven versammelt und tun rein gar nichts. Vorsichtig nähere ich mich, die ersten fliegen auf und schweben im Wind über den Wipfeln, jetzt sind es ein paar hundert, kreischend und fast unbeweglich in der eisigen Luft. Jetzt müssen es tausend sein, zwei-, fünftausend, unmöglich zu schätzen. Ohrenbetäubendes Gekreische liegt in der Luft, der Himmel ist bedeckt mit träge schwebenden Mövenleibern. Vom Rand der Kolonie aus sehe ich sie sich erstrecken, noch hundert Meter oder mehr. Ich stehe im Vogelwirbel und staune.

Friday, March 17th, 2000

Laserquest

Flammenspeere zucken durch die Nacht. Oder vielmehr, summend gibt mir meine Weste zu verstehen, daß ich jetzt praktisch und für die nächsten fünf Sekunden so gut wie tot bin. Trotzdem darf ich mich bewegen wie ich mag, und so husche ich um die schützende Ecke, den Laserbrummer im Anschlag. Sobald es aufhört zu summen, darf ich wieder. Mist. Da steht schon einer. Und wieder summt es. Zurück also, wo aber der Gegner von vorhin wartet. Zap. Summ. Wieder um die Ecke, der Ausweg aber ist immer noch blockiert. Zap. Mein jugendlicher Killer winkt mit dem Gewehr. “Go ahead” sagt er gnädig und läßt mich aus der Falle, und fügt der Niederlage die Demütigung bei. Wer sich in den Kampf begibt, kommt eben darin um. Aber wenigstens nicht um seinen Spaß.

Thursday, March 16th, 2000

Oder

Wie seit einigen Tagen regelmäßig ziehe ich behutsam, dann kräftiger, am Rand, und beobachte mit leichter Irritation, wie das nachgebende Material zurückweicht und ihn freigibt. Ich halte kurz inne, aber nein, ich spüre nichts, keinen Schmerz, kein Bedauern. Nicht einmal Mitleid.
Wieder ziehe ich, und tatsächlich, langsam löst er sich, der leicht faulige, üble Geruch steigt wieder auf, und dann sehe ich ihn ganz. Er ist größer als ich dachte, auf der Unterseite längsgeriffelt und insgesamt ungesund verfärbt. Merkwürdiger allerdings ist sein Bett, in dem weit hinten der Ersatz heranwächst und sonst alles blank liegt. Behutsam ziehe ich die Socke über den linken Fuß und lege den Zehennagel beiseite. Trophäe oder Müll? Das überleg ich mir später.

Wednesday, March 15th, 2000

Durstig, erfreut

Preiswert rutschen die Shrimps und gut geölt meinen weit aufgesperrten Rachen zerkaut hinab. Die Hummersoße – wohlschmeckend und gut geraten zwar – schafft im Eingeweide einen Durst, den grüner Tee alleine nicht stillen kann. Dem Wunsche nach Wasser begegnet die Kinakellnerin freundlich und aufgeschlossen. Ich also warte. Wenig später baut ihr Kollege dem Neuankömmling einen Tisch schräg vor mir ein gut gefülltes Wasserglas vor die Nase. Der Neuankömmling schaut nicht mal hin. Es handelt sich hier ja auch um eine Verwechslung!
Hurtig huscht die Kinakellnereuse nun wieder an mir und meiner halb erhobenen Hand vorbei. Prüft auf dem Rückweg dann aber doch noch die Wasserlage auf meinem Tisch durch kurzen Blick. Auf kinesisch kriegt nun der fehlende Kellner, der Dackel, sauber eingeschenkt. Schnell, die empörte Kollegin zu beruhigen, füllt der Gescholtene ein neues Glas, trägt es eilig zur Fraunsperson am Tisch direkt vor mir und stellt es sichtlich zufrieden dort ab. Durstig gehe ich anschließend in den zwitschernden Frühling und freue mich.

Monday, March 13th, 2000

Jackenbaumel

Dicke Bissen vom zähen Schokomüslienergieriegel helfen die seltsamen Fragen und ihre wirren Antworten zu sortieren. Helfen, Kreise zu malen und sich sicher zu fühlen dabei. Und sorgen für leises Unwohlsein im überzuckerten, schockkoffeinierten Verdauungstrakt. Der ja schließlich schon Kavakapseln zu verdauen hatte und Chinaessen. Dann ist endlich die Prüfung “Geschichte”, wie man im Erziehungsgewerbe wohl sagt, und die Spannung verwandelt sich in leise Übelkeit. Kaffee mit Mandarinenlikör und Schlagsahne? Trank – oh Gott – ich wirklich dies? Igitt, ich trank.
Und die Assoziation fügt sich, ja, ich trank es nicht nur, sondern saß dabei auch auf einem Barstuhl, just vor den Toren dieser Prüfungshalle, und meine Jacke, das gute Stück, verfolgte von der Barstuhllehne die Versuche des Wissenserwerbs in letzter Sekunde, und das Leeren des Mocca Mandarino. Und – hing noch dort! Seit einer Stunde. Unruhe machte sich nun breit im Prüflingshintern, und kaum war das Einsammeln der Bögen beendet, rauscht der Prüfling barstuhl-, jackenwärts.
Alle Stühle sind belegt – alle? Nein, einer ist, seit einer Stunde wohl, unbesetzt, die Jacke baumelt, respektiert vom Kaffeepublikum, zufrieden noch für ein Kurzes. Dann aber wieder ab nach draußen.

Sunday, March 12th, 2000

Egalweg

Strahlend ist der Tag vor den Fenstern erstanden, weiß wie des weißgewaschenen Frühlingsgottes Unterwäsche selber. Mich räkelnd und pflichtbewußt das Physiologiebuch unter den Arm geklemmt trete ich ans Fenster und staune ein ganzes Legoland in Sekundenschnelle unter eine dichte Schneedecke drunter. Fest und feucht ruhen wenigstens zehn Zentimeter unter dem glühenden Blick des Zentralgestirns und schmelzen wie Butter in der Pfanne. Mitten in der weißen Pracht aber führen Pfotenspuren zum Dachrand und Trapper Schreiber die Kamera ans Auge. Beweise werden festgehalten, als ein Windstoß – hui – den Schnee vom Dach und dem Ermittler ins Objektiv pustet. Egalweg wird auch das noch geknipst, und dann sind Film und Geschichte aus.