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Sunday, March 19th, 2000

Ausstieg

Auf dem Rückweg in der U-Bahn, dick und kugelrund lacht der Bauch unterm Hemd, sitze ich träge in einer Ecke und starre verdauend vor mich hin. All you can eat Restaurants, erwäge ich, sind eine gute und schöne Einrichtung. Man kann dort sehr viel Essen essen. Bis man nicht mehr mehr essen kann z.B. Der gemütlich wandernde Blick wandert gemütlich über die chinesische Zeitung des Nachbarn zum Waggonfenster und in die Schwärze dahinter, dann aber zurück. Tatsächlich. Da steht, mitten in der Zeitung, in einer Überschrift, rot, mein Name. Auf chinesisch. Das muß es sein, das vereinbarte Signal vom HQ, von M oder Q oder John Cleese, mein Einsatz beginnt. Das Schicksal mindestens der Welt hängt von meinen Schultern runter, aber ich bin zu dick und voll und schwer, schließe die Augen und döse bis Spadina. Als ich aussteige, ist der Chinese längst weg.

Saturday, March 18th, 2000

Kolonie

Die Ebene liegt in strahlender Frühlingssonne, hunderte von Metern entfernt brandet der See, gepeitscht vom eiskalten Wind, meterhoch an den Schutthalden auf. Stahlträger glitzern eisbehangen. Rasch verlasse ich trotz des malerischen Anblicks den asphaltierten Weg wieder, zu kalt pfeift der Wind mir dort oben durchs Jäckchen. Durch abgestorbenes Unterholz folge ich einem Trampelpfad, in den Bäumen über mir kreischen Möven, das einzige Geräusch. Ein paar Bäume geben den Blick frei, und da sitzen, dicht an dicht, zirka eine Million Möven versammelt und tun rein gar nichts. Vorsichtig nähere ich mich, die ersten fliegen auf und schweben im Wind über den Wipfeln, jetzt sind es ein paar hundert, kreischend und fast unbeweglich in der eisigen Luft. Jetzt müssen es tausend sein, zwei-, fünftausend, unmöglich zu schätzen. Ohrenbetäubendes Gekreische liegt in der Luft, der Himmel ist bedeckt mit träge schwebenden Mövenleibern. Vom Rand der Kolonie aus sehe ich sie sich erstrecken, noch hundert Meter oder mehr. Ich stehe im Vogelwirbel und staune.

Friday, March 17th, 2000

Laserquest

Flammenspeere zucken durch die Nacht. Oder vielmehr, summend gibt mir meine Weste zu verstehen, daß ich jetzt praktisch und für die nächsten fünf Sekunden so gut wie tot bin. Trotzdem darf ich mich bewegen wie ich mag, und so husche ich um die schützende Ecke, den Laserbrummer im Anschlag. Sobald es aufhört zu summen, darf ich wieder. Mist. Da steht schon einer. Und wieder summt es. Zurück also, wo aber der Gegner von vorhin wartet. Zap. Summ. Wieder um die Ecke, der Ausweg aber ist immer noch blockiert. Zap. Mein jugendlicher Killer winkt mit dem Gewehr. “Go ahead” sagt er gnädig und läßt mich aus der Falle, und fügt der Niederlage die Demütigung bei. Wer sich in den Kampf begibt, kommt eben darin um. Aber wenigstens nicht um seinen Spaß.

Thursday, March 16th, 2000

Oder

Wie seit einigen Tagen regelmäßig ziehe ich behutsam, dann kräftiger, am Rand, und beobachte mit leichter Irritation, wie das nachgebende Material zurückweicht und ihn freigibt. Ich halte kurz inne, aber nein, ich spüre nichts, keinen Schmerz, kein Bedauern. Nicht einmal Mitleid.
Wieder ziehe ich, und tatsächlich, langsam löst er sich, der leicht faulige, üble Geruch steigt wieder auf, und dann sehe ich ihn ganz. Er ist größer als ich dachte, auf der Unterseite längsgeriffelt und insgesamt ungesund verfärbt. Merkwürdiger allerdings ist sein Bett, in dem weit hinten der Ersatz heranwächst und sonst alles blank liegt. Behutsam ziehe ich die Socke über den linken Fuß und lege den Zehennagel beiseite. Trophäe oder Müll? Das überleg ich mir später.

Wednesday, March 15th, 2000

Durstig, erfreut

Preiswert rutschen die Shrimps und gut geölt meinen weit aufgesperrten Rachen zerkaut hinab. Die Hummersoße – wohlschmeckend und gut geraten zwar – schafft im Eingeweide einen Durst, den grüner Tee alleine nicht stillen kann. Dem Wunsche nach Wasser begegnet die Kinakellnerin freundlich und aufgeschlossen. Ich also warte. Wenig später baut ihr Kollege dem Neuankömmling einen Tisch schräg vor mir ein gut gefülltes Wasserglas vor die Nase. Der Neuankömmling schaut nicht mal hin. Es handelt sich hier ja auch um eine Verwechslung!
Hurtig huscht die Kinakellnereuse nun wieder an mir und meiner halb erhobenen Hand vorbei. Prüft auf dem Rückweg dann aber doch noch die Wasserlage auf meinem Tisch durch kurzen Blick. Auf kinesisch kriegt nun der fehlende Kellner, der Dackel, sauber eingeschenkt. Schnell, die empörte Kollegin zu beruhigen, füllt der Gescholtene ein neues Glas, trägt es eilig zur Fraunsperson am Tisch direkt vor mir und stellt es sichtlich zufrieden dort ab. Durstig gehe ich anschließend in den zwitschernden Frühling und freue mich.

Monday, March 13th, 2000

Jackenbaumel

Dicke Bissen vom zähen Schokomüslienergieriegel helfen die seltsamen Fragen und ihre wirren Antworten zu sortieren. Helfen, Kreise zu malen und sich sicher zu fühlen dabei. Und sorgen für leises Unwohlsein im überzuckerten, schockkoffeinierten Verdauungstrakt. Der ja schließlich schon Kavakapseln zu verdauen hatte und Chinaessen. Dann ist endlich die Prüfung “Geschichte”, wie man im Erziehungsgewerbe wohl sagt, und die Spannung verwandelt sich in leise Übelkeit. Kaffee mit Mandarinenlikör und Schlagsahne? Trank – oh Gott – ich wirklich dies? Igitt, ich trank.
Und die Assoziation fügt sich, ja, ich trank es nicht nur, sondern saß dabei auch auf einem Barstuhl, just vor den Toren dieser Prüfungshalle, und meine Jacke, das gute Stück, verfolgte von der Barstuhllehne die Versuche des Wissenserwerbs in letzter Sekunde, und das Leeren des Mocca Mandarino. Und – hing noch dort! Seit einer Stunde. Unruhe machte sich nun breit im Prüflingshintern, und kaum war das Einsammeln der Bögen beendet, rauscht der Prüfling barstuhl-, jackenwärts.
Alle Stühle sind belegt – alle? Nein, einer ist, seit einer Stunde wohl, unbesetzt, die Jacke baumelt, respektiert vom Kaffeepublikum, zufrieden noch für ein Kurzes. Dann aber wieder ab nach draußen.

Sunday, March 12th, 2000

Egalweg

Strahlend ist der Tag vor den Fenstern erstanden, weiß wie des weißgewaschenen Frühlingsgottes Unterwäsche selber. Mich räkelnd und pflichtbewußt das Physiologiebuch unter den Arm geklemmt trete ich ans Fenster und staune ein ganzes Legoland in Sekundenschnelle unter eine dichte Schneedecke drunter. Fest und feucht ruhen wenigstens zehn Zentimeter unter dem glühenden Blick des Zentralgestirns und schmelzen wie Butter in der Pfanne. Mitten in der weißen Pracht aber führen Pfotenspuren zum Dachrand und Trapper Schreiber die Kamera ans Auge. Beweise werden festgehalten, als ein Windstoß – hui – den Schnee vom Dach und dem Ermittler ins Objektiv pustet. Egalweg wird auch das noch geknipst, und dann sind Film und Geschichte aus.

Saturday, March 11th, 2000

Leere

Es ist dunkel wie es nur nachts dunkel ist, die Straße leer wie nur Straßen leer sein können. Auch diese autofreie, abgaslose Leere erinnert entfernt (mahnend gar?) an die Abend-, Nachtstunden geschäftiger Tage. Es gibt da wenig Zweifel: es muß wirklich Nacht sein. Alles wäre nun gut, wäre da nicht die kleine Blaskapelle, die munter blasend die leere, dunkle Straße entlangmarschiert. Und natürlich der Trommler der Kapelle, der trommelnd den Rhythmus vorgibt, nach dem sie alle, Marionetten der Nacht, die Beine heben und die Wangen blähen. Bald sind sie verschwunden, noch leise hallt der Ton der Trompete zäh in der Stille, dann ist wirklich Nacht.

Friday, March 10th, 2000

Naivité, Egalité

Wenn man die euklidische Ebene durch den Mittelpunkt einer daraufliegenden Kugel auf deren Oberfläche projiziert, dann entspricht einem Punkt ein Paar von Punkten. Dann entspricht einer Linie ein Großkreis. Und der Line im Unendlichen entspricht der Äquator dieser Kugel, ein Großkreis wie alle anderen also. Ordnet man nun aber jedem Punkt stattdessen den Großkreis zu, der zwischen den beiden Bildpunkten verläft, und jeder Linie das Paar von Punkten, das am weitesten vom Großkreis entfernt ist, und projiziert dann zurück, so erhält man, was Hofstadter eukliduale Geometrie nennt. Weil es das duale Bild der euklidischen ist. Sagt er. Und weil das alles so kompliziert und er bei diesem fünften Vortrag in Toronto schon recht müde ist, verliert er den Faden gleich ein paarmal. Euklidisch können zwei Punkte auf derselben Seite einer Linie oder auf verschiedenen liegen. Euklidual also müssen zwei Linien auf derselben oder verschiedenen Seiten eines Punktes liegen können. Beim Versuch, das zu verstehen, springt das Publikum dem Vortragenden helfend bei.
Das merkwürdige Ende: ein Zuhörer erwähnt, daß was Hofstadter als seine Entdeckung vorführte, spezialisierten Mathematikern bekannt ist seit langem. Wann ist es sinnvoll, ein Laie zu sein? Welche Fragen stellt man besser naiv? Vielleicht genau diese beiden, aber was ist die Antwort?

Thursday, March 9th, 2000

Blah blah blah, analogisch

Nicht nur das Experiment fällt schon wieder aus, sondern auch weil sich herausstellt, daß die Daten aus den bisherigen drei Durchgängen unbrauchbar sind. Ehe wir nicht wissen, woran das liegt, können wir nicht weitermachen. Der gute Teil der schlechten Nachricht freilich: Douglas Hofstadter ist zu Besuch in Toronto, und hält einen ganzen Haufen Vorträge. Einen vor einem winzigen Publikum (niemand erfuhr offenbar davon oder interessiert sich für rekursive diskrete Folgen, die sich chaotisch gebärden und sterben) und einem in einem überfüllten Hörsaal der Physik-Abteilung. Hier führt Hofstadter im Detail aus, warum er glaubt, daß die gesamte Physik auf Analogien und analogischem Denken beruht, und hier eröffnet er denselben Vortrag mit dem gezeichneten Ablauf eines physikalischen Seminars. Ein Witz zu Beginn, eine klare Beschreibung des Problems, blah blah blah, eine Analogie, die mit einer sofortigen Entschuldigung gegeben wird, blah blah blah, Schlußsätze. Das, sagt Hofstadter, sei sein Eröffnungswitz gewesen. Und gleichzeitig hat es genau gestimmt. Form und Inhalt saßen im Zuschauerraum, um von ihrem Meister noch was zu lernen.