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Monday, February 26th, 2007

Ottoeier

Jetzt wohnen also in diesem Ding da, das praktisch über Nacht in unser Wohnzimmer gestellt wurde, drei Schwertträger, zwei Cichliden, drei Otocinclus, drei Corys und zehn Barben. Einundzwanzig Fische, mit anderen Worten. Eine kleine Armee. Eine Invasion. Eine Enklave.
Innerhalb der Enklave herrschen schon wenige Tage nach dem Einzug klare Hierarchien. Unter den Barben regiert Augustus mit eiserner, nun ja, Flosse, übergeordnet die Schwertträger, denen jede Barbe ohne Widerstand weicht, noch eins drüber die Cichlids, Schwimmkünstler, Denkkönige, Beckenmeister, das Männchen hat sich das Schloss gekrallt und residiert dort, zurückhaltend und würdevoll, endlich ein richtiger, bunter König in diesem verwarzten Algenpalast, sein Weibchen paradiert auf und ab, krümmt sich lasziv, wann immer das Männchen guckt, ein munteres, verderbtes Treiben.
Und unabhängig von dieser Hierarchie, dieser Fischpyramide, leben vor sich hin die Ottos und die Corys. Die Corys taumeln wie schwerfällige Riesenschnauzer durch die Vegetation, dick, ungelenkt und mit einem zitternden, regen Schnurrbart unter dem gutmütigen Gesicht, kleine Hunde, die im Unterholz stöbern, eine tiefe Bassstimme hätten sie, wenn sie eine Stimme hätten. Und dann die Ottos, kleine Haie, immer auf der Jagd nach einem schmierigen Algenfilm, erbarmungslose, lautlose Killer. Oder jedenfalls Sauger und Nuckler. Erbarmungslose, stumme Sauger und Nuckler. Niemand kümmert sich um diese Bodenbewohner, und sie kümmern sich um niemanden. Nur Augustus stellt mitunter einem Coryhund nach, aber nach wenigen Sekunden wird ihm das stets langweilig und der Hund trottet weiter, woanders bellen oder wühlen.
Statt seiner kommt jetzt ein Otto vor der Kamera vorbeigeschwommen und presst den dicken Bauch gegen die Scheibe und mir quasi direkt ins Gesicht. Und was sehe ich da im dicken Bauch? Kleine gelbe Kügelchen. Ottoeier. Und als hätte meine Entdeckung des Eiersegens dafür gesorgt, fängt nun Frau Otto auch an, den Ottokaviar rauszupressen, Ei um Ei. Bilder von Rissen in winzigen gelben Kugeln, winzigem Ottonachwuchs der das Ottogesicht aus der Eischale steckt und lachenden Ottokinderschwärmen tanzen vor meinem inneren Auge, während die Fischin vor meinen Augen den Geburtstanz tanzt. Noch ein Ei, und noch eins, presst sie sich mühsam ab, es sieht ein bisschen aus wie ich mir das bei Menschen vorstelle, jedenfalls ideell und abstrakt stimmt das ein kleines bisschen. Jetzt schwimmt sie an die Oberfläche, ein wenig Luft schnappen vielleicht in der Gebärpause, und bleibt dann reglos dort hängen. Oder vielmehr leblos, denn Frau Otto ist soeben, beim Eierlegen, vom Blitz getroffen worden und jetzt tot. Die Eier aber holen die Barben.
Wer fragt, wo die Natur denn ihren Stachel habe, hat wohl nicht richtig hingeguckt.

Friday, February 23rd, 2007

Rot sehen, grün gehen

Vor dem kürzlich neugebauten Bibliotheksgebäude der Musik-Fakultät, das niemand mag, weil die Winkel nicht alle recht sind, und es den Blick auf das andere Gebäude versperrt, das den Blick aufs Golden Gate versperrt, plante der Architekt Bodendecker hin, im selben Grünton wie die wanddeckenden Schindeln, eine optische Harmonie, ein Dreiklang, grün, grün, rot, denn die Bodendecker tragen kleine Beeren, knallrot, und viele davon.
Über einer dieser Beeren schwebt etwas grösseres rotes, das metallisch im Sonnenlicht blitzt – eine Kolibrikehle. Der ansonsten grüne Vogel schwebt in exakten, kleinen Schritten über die Pflanzen, ein Scanpath, und sieht sich jede einzelne Beere aus der Nähe an. Nach etwa zehn entscheidet er, dass man ihn hier zum Besten hält und wohl doch keine Blüte in all dem Gewimmel versteckt ist, und verzichtet auf die weitere Inspektion. Quer über den Weg ein grünes Geschoss, ein metallischroter Blitz.

Friday, February 23rd, 2007

Linksrum

Seit Wochen schmerzt meine rechte Schulter, Dehnübungen, Massagen, Veränderung der Sitzhaltung, Einhaken des Schulterblattes in dünne Stuhllehnen und nach vorne Zerren des Körpers, alles vergebens. Icy Hot, eine teuflische Salbe, mit der man seine Körperoberflächenwahrnehmung in die einer Aschelandschaft umwandeln kann, wirkt zwar tatsächlich orgastisch erlösend, jedenfalls schreit man ein bisschen, aber nur vorübergehend. Und man darf sich nur viermal täglich versengen, sonst Senge. Dann der Geistesblitz: die Maus ist schuld! Saumaus!

Der Laden ist ein langer Schlauch, die gewölbte Decke mit Spiegeln ausgekleidet. Überall stehen Kartons, Aufsteller, Waren in munterem Durcheinander. Zwischen den Waren ein dicklicher Nerd, den ich jetzt ansteuere. Im selben Moment, in dem ich ihn frage, ob er spezielle Mäuse für Linkshänder führe – dass im Kistenchaos normale Mäuse wilde Feste feiern halte ich für ausgemacht – dämmert mir ein Verdacht. Mit einer Mischung aus Misstrauen und Belustigung sieht er mich an, geht dann höflich ein paar Schritte aufs Mausregal zu, und spricht schliesslich aus was ich mir auch selbst grade denke. You can just switch the buttons, sagt er, just go to the Control Panel. Mach ich dann auch.

Friday, February 23rd, 2007

Schwertträger

Als nach zwei Tagen wie vorhergesagt die Schwaden sich legen und die Umrisse vereinzelter Gegenstände sich aus dem Lehmsturm schälen, müssen nun wohl oder übel die Pflanzen eingesetzt werden. Das muss schnell geschehen, denn der Einpflanzvorgang selbst wird so viel Lehm aufwirbeln, dass man schon von aktivem Verbergen des Grünzeugs sprechen muss, Salatversteck. Ich beeile mich also, muss aber trotzdem nach der Hälfte der Pflanzen wiederum blind Wurzeln in Lehmkies stopfen. Bilder einer grotesk fehlbepflanzten Unterwasserlandschaft vor dem inneren Auge, zupfende Barbenmünder am Unterarm – sehen die Biester also selbst unter diesen fischfeindlichen Umständen noch und verschlängen mich, wenn sie nur könnten? – es ist eine Art kleine Krise und macht jedenfalls viel Dreck.
Zum Glück ist die wirkliche Welt kein Aquarium. Niemand könnte sonst dem schönen Rat folgen, in der Stunde der Not noch rasch ein Apfelbäumchen zu pflanzen, ohne dabei die ganze Nachbarschaft mit Dreckschwaden einzunebeln. Und dann sähe man das Bäumchen ja gar nicht mehr. Zudem würde ein Apfelbäumchen unter Wasser ja auch verfaulen. Da ist es schon besser so, wie es ist.
Im Becken verziehen sich drei Tage später erneut die Schwaden, und es ist wider Erwarten gar nicht alles komplett fürchterlich. Nur hier und da muss eine Wurzel weggesteckt und ein Strunk geradegerückt werden, aber im Ganzen wäre alles ganz proper, sähe es nicht einem Modell der Todeszone rund um Tschernobyl so ähnlich. Pflanzen mit einer millimeterdicken sozusagen radioaktiven Staubschicht überzogen, Menschen mit Flossen statt Armen und schuppiger, gestreifter Haut, und mitten in all dem Wahnsinn ein absurdes Gebäude.
Leider ging mir mitten im schmutzigen Pflanzrausch das Grünzeug aus, und also gähnen ausserdem lehmige Leerstellen in der verwüsteten Pflanzendecke. Das immerhin ist halb so schlimm, denn ohnehin sollen ja noch mehr Fische herbeigeschafft werden, da können dann ja auch Pflanzen mitkommen. Von der Anschaffung zuvieler Fische auf einmal riet Patrick ab, wegen drohender Überkackung, wenn ich das Fachchinesisch richtig gedeutet habe, aber jetzt ist ja schon eine Woche vergangen, und es kann also weitergehen mit dem Irrsinn.
Drei Schwertträger (Xiphophorus helleri) werden diesmal selektiert, lebendgebärende Zahnkarpfen mit hinreissend beklopptem Gesichtsausdruck und einem orangenen Röckchen an, die in Windeseile das Becken mit ihren Jungfischen zupflastern sollen. Ausserdem noch irgendwas Grünes, diesmal was mit grösseren Blättern.
Dass das alles mittlerweile industrielle Ausmasse annimmt, ist mir übrigens noch nicht aufgefallen.

Thursday, February 22nd, 2007

Lehmexplosion

Alles erzählte er mir freilich nicht, der Brite mit dem Wollhut namens Patrick. Also der Brite hiess Patrick, nicht der Wollhut, aber das wisst Ihr ja. Er erzählte mir, dass Edelstahlionen und Sondermetallteilchen sich selbst am Lehm festschrauben, und der Lehm dann wiederum mit dem Wurzeln Sex hat, und dabei kommen dann Pflanzennährstoffe raus. So ähnlich jedenfalls, eine Schweinerei sicherlich, aber eher im übertragenen Sinn. Ausserdem erwähnte er auch noch, dass das Lehmsubstrat eventuell ein klein wenig Wölkchen verursache im Wasser, aber man könne es ja waschen, bevor man es ins Becken gebe, dann sei das nicht so schlimm. Und nach ein paar Tagen seien die Schwebeteilchen dann auch ratzputz weg.
Kein Wort davon, dass nicht der schamlose Wurzelsex, sondern diese Lehmhaftigkeit des Lehms die eigentliche und durchaus bodenlose Schweinerei beim Aquariumbepflanzen vorstellt. Als ich nämlich den Lehmbatzen im Badezimmer in eine Schüssel gebe und dann Wasser draufgebe, explodiert die Welt und zerfällt in eine schmierige Lehmwolke, die durch Kapillarkräfte oder subnukleares Lehmtunneln in Windeseile die gesamte Badewanne einnegert. Das wiederholt sich noch zweimal mit neuen Wasserladungen, und allmählich schwant mir was, aber das ist kein weisses Schwanen, sondern ein dunkelbraun klebriges. Nicht zuviel waschen, hatte Patrick nämlich auch geraten, und einerseits ist zwar nach drei Waschgängen nicht merklich weniger Dreck in der Schüssel, aber so erheblich viel mehr Dreck in der Badewanne, dass mir um die Pflanzen und ihren Wurzelsex bange wird. Aber wenn ich diesen lehmige Mist ins Becken kippe, sterben die Fische ja auf der Stelle an Blindheit, das ist wiederum auch klar.
Aber ich bin ja pfiffig, und stecke also den Schmierbatzen zurück in seine Tüte. Diese Tüte werde ich dann geschlossen im Becken versenken und vorsichtig Brocken um Brocken das Substrat rausklauben, dabei sorgfältig alle Bewölkung des Wassers vermeidend. So wirds also gemacht, erst setze ich die neue Fischherde im Wasser aus, dann wird die Tüte versenkt, und Stück um Stück der Lehm herausgenommen und im Aquarium deponiert. Und tatsächlich gelingt der Plan ein klein wenig, denn erst nach der dritten Handvoll ist das Becken tatsächlich so restlos mit Lehmwolken zugenebelt, dass man die Fische auch dann nicht mehr sieht, wenn sie direkt an der Scheibe vorbeischwimmen.
Im Blindflug verteile ich also das Substrat am Beckenboden so gut es eben geht, und für die nächsten drei Tage ist das Aquarium dann ein düster glimmender, 120 Liter mächtiger Lehmblock. Gelegentlich schwimmt dunkel ein Schatten, und verschwindet wieder in der Tiefe des Drecks.

Tuesday, February 20th, 2007

Aufstockung

Fischfascho und Mundgeruch, beiden ist, das haben die Ereignisse der letzten Wochen gezigt, nicht recht zu trauen. Trotzdem mache ich auf meiner Shoptour beim Mundgeruchsmann kurz Station, aber die Inspektion der Schirme im Fernsehraum zeigt die traurige Übertragung eines Programms der Siechheit. In einem Becken dümpelt ein toter Fisch, bei den Barben schwimmen zahlreiche Fische mit nur noch halben Schwänzen, andere Bildschirme zeigen gleich gar keine Fische. Nein, so geht es nun wirklich nicht.
Stattdessen also rutsche ich mit dem Rad etliche Kilometer nordwärts, wo im Schatten des kleinen Hügels der Geek haust und seine Fische auf der Plantage hütet. Zwar, und das ist der Nachteil dieses Ladens, wohnen die Tropenfische auf engem Raum unterm Dach, und das Klima dort gleicht dem am Herkunftsort der meisten Fische und ist meiner arktischen Konstitution durchaus abträglich, aber was will man machen. Den Klimanachteil mehr als wett macht nämlich Patrick, der in diesem Lebensraum aus unerfindlichen Gründen eine Wollmütze und ein Langarmhemd trägt. Vielleicht weil er Brite ist, und sich auf diese Weise unter den Kaliforniern besser getarnt und also sicherer fühlt.
Unabhängig von diesem Bekleidungsirrtum ist Patrick aber im Vollbesitz seiner Kräfte, und erklärt wie ein rundumkompetenter Trommelgeek auf Duracell die chemischen und physikalischen Kräfte, die aus blossen Pflanzen glückliche Pflanzen machen. Fische sind Patrick zufolge nur eine lästige Zutat, die man hauptsächlich zum Pflanzendüngen braucht. Entsprechend ist er auch nur wirklich zufrieden in seiner Verkäuferrolle, während er mir Hochleistungsleuchtstoffröhren und Kohlenstoff- und Spurenelementdünger aufschwatzt. Die Grossbestellung Fische, fünf neue Barben, drei Schwarzrückenpanzerwelse (Corydoras Metae) sowie ein Brutpaar Purpurprachtbarsche (Pelvicachromis Pulcher) fummelt er zwar nach vager Beratung demütig aus ihren jeweiligen Becken, aber erst als es ans Einsammeln verschiedener Wasserpflanzen zur Erquickung der Fischbrut geht, die dann unter der neuen Hochleistungssonne wuchern sollen wie weiland die Apfelbäume im Paradiese, ist seine Leidenschaft wieder erweckt. „This will grow very well“ sagt Patrick bei jeder einzelnen Pflanze, „those are very nice“, und die positive Grundhaltung zusammen mit dem niedlichen Akzent machen mich eine ganze Salatschüssel voll Grünzeug und einen Riesensack Lehmzement fürs Substrat kaufen.
Ich bin nämlich auf einem Roll, und zwar auf dem Fahrrad, nach Hause, mit einer schweren Tasche voller Fisch um den Hals, einer Papiertüte mit Pflanzen links am Lenker hängend, dem sehr schweren Lehmsack rechts, den Leuchtstoffröhren in ihrer Pappschachtel quer überm Lenker und einem „Vorsicht Überlänge“-Warnblinker in der Arschtasche.
Unerwartet versterbe ich auf dem Heimweg aber nicht, und es fällt auch nichts runter. Ein gutes Omen? Bestimmt.

Monday, February 19th, 2007

Umzug

Wird man mit etwas vertraut, einem Ding, einem Menschen, einem Sachverhalt, dann verliert dieses Objekt der Gewöhnung mit dem Nimbus der Neuheit in der Wahrnehmung auch seine spezifischen Details. Statt Eigenschaften sieht man nur noch die Gestalt des Vertrauten, gegen die selbst erkleckliche Änderungen nur mit Mühe sich abzusetzen vermögen. Wo Neue Sachverhalte und Gegenstände von der Wahrnehmung mühsam aus den Details zusammengepuzzelt werden müssen, ist es umgekehrt die Gestalt des Vertrauten, die seine Einzelheiten impliziert und unabhängig von ihrem tatsächlichen Vorhandensein enthält. Die neue Frisur eines guten Bekannten ist darum ebenso unsichtbar wie die neue Brille eines oft benutzten Klos.
Verändern sich aber nicht nur einige wenige Details, sondern die ganze Umgebung, dann entsteht dasselbe halb beunruhigende, halb erregende Gefühl, das manchmal ohne Anlass aus Vertrauten Fremde macht, und dann jamais vu heisst, nie gesehen!, und man ist wie in ein neues Becken geworfen, schwimmt ratlos hierhin und dorthin und drückt sich das Nasengewebe an den Scheiben platt. Genauso aber geht es jetzt ja den Fischen. Jamais Vu, Barbenherde!
Aus dem alten Becken erst rausgekäschert, dann an die Temperatur im neuen Quartier gewöhnt und schliesslich in die enorme Leere entlassen – das alles, sagte Augustus sichtlich beim Überschreiten des Plastikrubikon zu den anderen Fischen, wird einmal mir gehören – stehen sie nun ratlos und vereinzelt in der grossen Leere. Traurig sieht das aus, winzige Fische im öden Weltall, Planetoiden aus Fisch, einsame Kometen mit lädierten Schwänzen. Quälend langsam bewegen sie sich durch die endlosen Weiten, kaum begegnen sie einander. Vereinzelte Wasserstoffatome bremsen die Fischfortbewegung, und fern über den nun turmhoch aufragenden Wassern funzelt halbgar die alte Neonröhre, ihre Strahlen machtlos gegen die Dunkelheit, die in den Ecken des neuen Grossbeckens sich bereits eingenistet hat.
Es muss sich dieses neue Universum also jetzt mit Materie füllen und mit Licht, damit die Schöpfung voranschreiten kann, und Liebe und Leben ihren Platz in der Kargheit der Existenz einnehmen. Oder so ähnlich. Jedenfalls also Einkaufszeit.

Thursday, February 8th, 2007

Notizen

Schon als ich auf dem Schreibtisch im Büro nichts finde, grimmt Missfallen. Zuhause dann durchsuche ich mehrfach alle verdächtigen Orte, als verwandle die Simulation einer Zwangsneurose eine Schwäche in eine Stärke, und schütze vor den Konnotationen und Belegungen der entbehrten Objekte. Als ich zum drittenmal den Rucksack hinter dem Sofa öffne und zwischen den bunten Gürteln und den Handschützern zum drittenmal meine Hände versenke und nichts finde, verliert selbst dieser Zauber seine Wirkung. Mit erstauntem Interesse beobachte ich, wie ich am Boden sitze und über den Verlust eines Notizbuches und eines Taschenkalenders in Tränen ausbreche. Vielleicht mal Urlaub machen von allem. Aber wo eintragen?

Wednesday, February 7th, 2007

Taichi

Draussen treibt der Höhenwind eine Wolkendecke landeinwärts, zwei Wochen Regenwetter sind angekündigt, nach ein paar sonnigen Tagen. Unten auf der Terrasse üben zwei Asiaten Taichi, die Arme bewegen sich rasch und sicher, blockieren wechselseitig Angriffe im Sekundenrhythmus. Nur hin und wieder bricht einer durch, dann hält die Hand kurz vor dem Hals, dem Gesicht des Gegners für einen Moment inne, beide bestätigen durch diese Pause das Ereignis, und der Tanz der Hände beginnt von neuem.
Meine Finger kratzen währenddessen Salzkörner von Papa Newman’s Pretzels, die Tabletten zur Cholesterinkontrolle stehen neben der Brezeltüte, teil der jüngsten Verschwörung des Körperlichen zum Zwecke meiner Vernichtung. Kurz verweilen meine Finger auf der nun nackten Brezel, bestätigen das Versagen meiner Verteidigung, dann stecke ich sie in den Mund und fresse den Beweis auf.

Monday, January 29th, 2007

Filter

Als wir das neue Aquarium zuletzt gesehen haben, lieber Leser, da war schon ein Kiesgrund eingezogen, mit Dekorationen darauf und Pflanzen darin. Das Wasser aber stand nur eine Handbreit hoch über dieser fruchtbaren Urlandschaft, man kann also zwar von einer Überschwemmung sprechen, nicht aber schon eigentlich von einem Aquarium. Zumal weil dieses spezielle Aquarium ungefähr genauso hoch ist, wie mein Arm lang, was ich hauptsächlich erwähne, um Respekt für meine Pflanzkünste zu erwecken. Man muss sich das Pflanzen pflanzen in diesem Becken nämlich so vorstellen, als würde der Bauer vom Scheunendach aus den Weizen im Nachbardorf säen, oder, anderes Beispiel, als würde jemand auf einen Berg steigen, um im Tal drunten ein Kind zu zeugen oder einen Baum zu pflanzen. So weit ist also der Kiesgrund vom Beckenrand entfernt, in metaphorischen Einheiten gemessen.
Das ist aber auch über das Eigenlob hinaus wichtig, weil nämlich die meisten Filteranlagen ja am Beckenrand montiert sind, und also mit nur einer Handbreit Wasser, das sich ja der Schwerkraft wegen am Beckengrund aufhält, nicht zu speisen sind. Füllt man aber das Becken mit Wasser auf, ändert sich das schlagartig, weswegen der kluge Mann sich einen Vorbau beschafft, das heisst, schon vor dem Wassereinfüllen eine Filteranlage ins Haus holt, die dann nur noch zugeschaltet zu werden braucht.
Der erste Versuch einer Anschaffung findet beim Fisch-Fascho statt, der auch sofort auf einen hüfthohen Zylinder deutet, der das Nonplusultra der Filtertechnologie darstelle und folgerichtig dreimal so viel kosten soll, wie „Jason“ pauschal für Aquarium, Kraftkopf, Dildo und Lampe haben wollte. Dafür sei der Zylinder aber auch in Deutschland gefertigt, und nicht wie der mindere Filtermüll, hier zeigt er auf die Aussenfilterbüchsen aus Plastik, in Südasien. Ein kluger Schachzug des Faschos, noch vertrackter und verfänglicher gemacht dadurch, dass auch die asiatischen Filter bei ihm um zirka die Hälfte zu teuer sind und also den verständigen Käufer auch auf diese Weise auf den Luxuszylinder hinsteuern. Er benötigt die so erzielten Mehreinnahmen vermutlich zur Finanzierung der zahllosen schlüpfrigen Bemerkungen über das Sexual- und Ausscheidungsverhalten seiner Fische, die er jetzt fallen lässt, und schnell verlassen wir nach einer halben Stunde Fischanekdoten deshalb auch den Laden. Koprophagen! Geschlechtsumwandlung! Hilfe!
Stattdessen ging es nun zum Fischhändler mit dem Mundgeruch, der gerne zwischen zwei Atemzügen einen Filter rausrückt, für durchaus gefällige Beträge. Es ist eben doch nicht alles gut am Faschismus, verglichen mit dem Mundgeruch.
Zurück ins heute. Der Filter ist ja schon an den Beckenrand montiert, aber noch immer steht nur eine Handbreit Wasser im Becken und der Filteransaugstutzen ragt blöde in die leere Luft. Eine Gallone fasst die Flasche, die ich zum Tankbefüllen nehme, und fünfundzwanzig Mal muss ich also fünf Tropfen Wasserentgifter reinträufeln, zum Waschbecken schlendern, eine Gallone einlaufen lassen, zum Becken wuchten, reingiessen. Ich könnte natürlich auch die Tropfen pauschal für die gesamte Füllmenge gleich ins Becken giessen, aber das ist bestimmt nicht gesund für die Steine. Oder das Glas. Es lauern Gefahren ja überall.
Nach ungefähr der Hälfte des sisyphoiden Arbeitseinsatzes fasst der Filterrüssel Wasser, und schlürfend springt der Apparat ins Leben. Noch fünf weitere Flaschen lang dauert es, bis die Wassersäule über den Rand des Filterbeckens gezogen ist und der Kreislauf durch Schwamm, Aktivkohle und Biosteine ernstlich in Gang gerät. Und dann ist das Becken auch schon voll. Toll.
Im kleinen Becken sitzen unterdessen die Fische, kaum sichtbar, in einer trüben Wolke aus aufgewirbeltem Dreck über den verstreuten Kiesresten und treten ratlos Wasser. Euch holen sie als nächstes, Fische. Ha!