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Nature



Wednesday, May 30th, 2007

Verenden

Die Sonne, die mir gestern am Memorial Day spürbar die Arme verbrannte auf dem Radausflug zum historischen Friedhof von Oakland, steht auch heute wieder hoch, wenn auch zwischen Wolken nur intervallweise hervorstrahlend. Ihr Licht ist hart und unfreundlich, Farben verblassen. Die Gebäude und Menschen erstarrt zu Monolithen ehemals menschlicher Existenz, nichts und niemand scheint mit sich identisch in diesem Licht, alles nur eine flüchtige Scheingeographie, die bald zerfliesst und das darunterliegende Felsgestein offenbart. In Rockridge, neben dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, gähnt in diesem Grundstein ein Loch, über dessen kühle Tiefe das eingeflossene Wasser und seine Algen hinwegtäuschen. Oder vielleicht liesse sich auch durchs kaum hüfthohe Wasser bis an die andere Seite waten, wo aus der blanken Steinwand eine einzelne Pflanze ragt und trotzig Blüten in den Strahlenregen reckt, der sie nährt, und der sie noch verbrennen wird. Vielleicht liesse sich so ein kleiner Strauss aus der Wand pflücken, läge nicht der ganze Teich eingezäunt und sicher hinter Stacheldraht. Weit dort oben, gleich hinter dem Klippenrand, dehnt sich der Friedhof. Liesse sich wohl Leichengift nachweisen im Gewässer? In den Blüten?

Heute auf Durant sitzen Sommermenschen verteilt wie Schaufensterpuppen in den Schatteninseln, die Universität hält den Atem an vor ihren Summer Sessions, und niemand hat ein Ziel. Im flutenden Licht liegt verbrannt ein Halbnackter, wie oft, davon rühren ja die Verbrennungen, willentliche Californication, garendes Menschenfleisch. Ich gehe schneller, um wieder aus der Sonne in den Schatten zu gelangen, und blicke zu Boden, weil ich nichts sehen will heute als was ich begreifen kann. Zwischen blassgrünen Halmen kriecht dort unten eine Biene, dreht sich, rollt kopfüber und liegt still. Auch ich verharre jetzt, und betrachte stumpfen Auges ihren Tod.

Thursday, May 24th, 2007

Am Tage

Ellsworth ist eine Einbahnstrasse, deshalb muss ich, als ich das Stoppschild überfahre, nur in einer Richtung nachsehen, ob ein Auto sich nähert, das dann zwar immer noch anhalten müsste am eigenen Stoppschild, aber man weiss ja nie. Es ist aber kein Auto zu sehen, sondern eine gebückte Silhouette im schräg einfallenden Gegenlicht, ein schwarzer Buckel auf Beinen, Nase am Boden, der zügig, aber nicht schnell, die Strasse überquert. Ich habe die Kreuzung auf der anderen Seite schon wieder verlassen, wende im engen Kreis, zurück durch die Kreuzung und auf den Parkplatz, auf den der Buckel zuwackelte. Ein geringelter Schwanz ragt reglos hinter dem Zaun hervor, dann ein Rascheln, ein paar Sprünge, und zwischen den Wedeln der Palme hervor sieht ein maskiertes Tier mich an. Ich starre einen Moment erfreut zurück, wende dann erneut und kehre zurück auf meine Planstrecke.

Friday, April 6th, 2007

Reisevorbereitungen

Als die nachdenklichen Menschen vor einigen Jahrtausenden in eine Regenpfütze starrten und das Individuum entdeckten, wurden sie von dieser merkwürdigen Beobachtung dazu verleitet, dieses sogenannte Individuum für ein unabhängiges Gebilde zu halten, für eine losgelöste, eigene Welt, in die die äussere Welt nur als Wahrnehmung eindringe, als gepflegte Samstagabendunterhaltung mit Werbeeinblendungen, ein Schattenecho eines anderswo brennenden, heissen Fusionsfeuers, gefahrlos und jederzeit abschaltbar.
Hätten sie mal genauer hingeschaut, damals. Denn das Selbstbild in dieser Pfütze warf Wellen vom Wind, Kaulquappen perlten darunter hin und ehr, ein Laubblatt verbirgt den Ausdruck des Auges. Und nun kommt ein Fisch, verschlingt die jungen Frösche, die Pfütze ist ein Meer, eine Nahrungskette, eine Fresspyramide, über der sich das mickrige Ich auflöst, als Schaumkrone auf den Sturmwellen und in Blasen zerstäubt. In mittlerer Wassertiefe dieser Metapher schwimmt ein Atom-U-Boot, die Besatzung sehnt sich, nach unterschiedlichen Dingen und doch gemeinsam und aus dem Reaktor leckt Plutonium oder Cäsium, oder irgendein anderer Scheiss, eine leuchtende, verschlungene Unterwasserspur einmal um den Globus, entlang der neues, leuchtendes Leben entsteht und sofort wieder vergeht, die absinkenden verkrüppelten und vergifteten Flossen und Schwänze und Herzen Nahrung für einen hungrigen Bodenbewohner. Aber genug davon.
Im Aquarium hat sich nichts weiter ereignet, seit die Schwertträgerin sich einen Bauernhof kaufte. Hunde, Ottos und Pleco ernähren sich von Unsichtbarem, eingeworfenes Futter wird nicht beachtet, die Tiere scheinen nicht auf mich angewiesen, aber das ist möglicherweise auch nur ein Trug. Überstünden diese Bodenbrüter zwei Wochen Einsamkeit? Die überlebenden Schwertträger knabbern lustlos am eingeworfenen Futter, denn auch sie haben offensichtlich einen Job gefunden und kommen jetzt alleine durch. Drei Tage gabs nichts zu fressen, dem Ammoniak Einhalt zu gebieten, und die Fische kacken trotzdem wie die Weltmeister. Die Schnecken ernähren sich ohnehin von grünem Schleim, und davon ist ja genug da.
Bleiben die einsame Barbe und das Cichlidenpaar. Godzilla habe ich noch nie essen sehen, von irgendwas muss er sich aber wohl doch ernähren. Godzilla seine Frau nimmt zwar eingeworfenen Quatsch gerne entgegen, zupft aber ansonsten keck an den Pflanzen rum. Und die Barbe, herrje, wer versteht schon Barben? Ausser Sterben haben die doch nichts im Kopf.
Jetzt habe ich absätzelang vor mich hin ramentert, bin der Antwort auf die auslösende Frage aber immer noch nicht näher gekommen: kann das Aquarium zwei Wochen ohne mich dastehen, oder braucht es einen menschlichen Aufpasser? Und kann man denn überhaupt jemandem zumuten, die Verantwortung für die sich ja sicherlich schon anbahnende nächste Katastrophe zu übernehmen?
Ach, wäre man das Spiegelbild einer Insel in einer leeren Pfütze.

Saturday, March 31st, 2007

Knoten

Seit dem Krankenhausaufenthalt und der intravenösen Ernährung habe ich in meinem linken Unterarm eine Venenverhärtung, einen zwei Zentimeter langen, harten Knoten, den ich in ratlosen Momenten gegen das Muskelgewebe drücke, ein Tick. Wird der Fingerdruck stark genug, weicht der Knoten aus, seltsamerweise nicht seitlich zu, sondern in Richtung des Venenverlaufs, ein hochgekrempelter Blutärmel. Vor dem Fenster sehe ich ein Insekt, vielleicht zwanzig Meter entfernt in der Luft, und hätte es wohl nicht gesehen, wenn nicht ein amerikanisches Rotkehlchen es in einem eleganten Flugmanöver aus der Luft gefangen und gefressen hätte. Ein Insekt, das wohl so gross war wie der Knoten in meinem Arm, und das jetzt verdaut wird. Einen Moment lang scheint der Vergleich etwas zu bedeuten, das Ereignis, die Tatsache, dass ich erst rückwirkend das Tier sah, als es schon verschwunden war, vernichtet, aber dann zerfällt das Gespinst, es ist ein Vogel, der zufällig vor meinen Augen frass und jetzt schon fortfliegt.

Friday, March 30th, 2007

Susan Casey – The Devil’s Teeth (2)

casey.jpg A fascinating look at animals and researchers surrounding the Great White Shark Project at the Farallone Islands off the coast of San Francisco. On a clean day you can just see these islands beyond the Golden Gate, and I am going to look out there with much more respect and curiosity now I’ve read the book. On the downside, Casey comes across as a somewhat irresponsible girl, whose obsession with untamed wildness and rugged men ultimately leads to severe consequences for everybody involved.

Friday, March 30th, 2007

Neue Weltordnung

Wie jeder weiss, der schonmal Schuhe gekauft hat, kommt es im Leben vor allem auf die Grösse an. Und Fische wissen das natürlich auch und beugen sich gerne dem geistlosen Diktat der Körpermasse. Einserseits verhält sich Godzilla wie ein scheuer, tapsiger Riese, rumpelt beim Rumschwimmen ständig irgendwo gegen und kann sich nur unter grossen Mühen das Schloss überstreifen, um dann mit wachsamem Auge zum Tor herauszuspähen, ob niemand ihm übel wolle. Andererseits aber kann Godzilla in unserem Becken nun komplett machen, was er will, seine schiere Grösse erstickt ohnehin schon unplausiblen Widerstand im Keim. Und was schon gekeimt ist, aber nicht an der richtigen Stelle steht, wird kurzerhand ausgerupft.
Am Morgen nach der Godzillaankunft schwimmen deshalb zahlreiche Pflanzen zerrupft an der Oberfläche, die restlichen Fische stecken hinter Steinen und im Laub und glubschen nervös, und von der Ursache ist aber nichts zu sehen. Nur die Cichlidfrau, die ihren eivollen Bauch vor dem Schlosseingang auf und ab paradiert ist ein Indiz: da wird er wohl drin sein.
Ist er aber nicht. Denn unvermittelt entfaltet sich jetzt die Eröffnungssequenz eines Star Wars-Films, ein massiver Raumfisch schiebt sich unter Bassgrummeln hinter dem Schloss schräg aufwärts, ein riesiges Auge späht, und immer mehr und mehr blauer Fisch taucht auf, die absurd grossen und Detailarmen Schuppen und Flossen ein Hinweis darauf, dass hier die Effektabteilung eine Attrappe gebaut hat, und der Fisch in Wahrheit nur ein paar Zentimeter lang ist. Jetzt schiebt sich rot- und gelbglühend die Schwanzflosse ins Freie, die den Zerstörer antreibt auf seiner Bahn durch den Kosmos, kurz steht der ganze, massive Fisch frei über dem Schloss.
Dann sieht er mich, und versenkt sich wieder, schüchtern, aber durchaus selbstsicher, ein zärtliches, blaues Monster.
Am anderen Ende des Grössenspektrums sind unterdessen zwo der Schwertträgerjungen grundlos verendet und schwimmen leblos im Kindergarten. Noch zwei.

Wednesday, March 28th, 2007

Wurmloch

Die weitere Observation des rückgratlosen Schmarotzers offenbart schon bald Erstaunliches. Zwar weigert sich die bewohnte Fischin nach wie vor, vom Medikament mehr als einen Hauch zu sich zu nehmen. Die reichlich als Chemieteppich über ihr abgeladenenen bitteren Pillen umschwimmt sie geschickt, um sich dann selbstzerstörerisch die am wenigsten medikamentverseuchten Krümel aus dem Kies zu picken. Aber trotz diesem anhaltenden Widerstand des Patienten geht es auch der Krankheit offenbar nicht recht gut. Weit jetzt ragt nämlich der Wurm aus dem Poloch, krümmt sich mal hierhin, mal dahin und scheint unzufrieden. An seiner Flanke lässt sich eine angeschwollene dunkelrote Zornesader erkennen, entlang der er unzweifelhaft letzten Lebenssaft aus seinem Opfer saugt, aber es hilft ihm nicht viel, denn auch dieser Saft ist ja wurmfeindlich vergiftet.
Ich weiss nicht, ob das Fenbendazolfutter oder die sicherlich im Krankenwasser noch vorhandene Antibiotikamagie der Arschlametta das Licht ausbliesen, aber jedenfalls ist nach zwei Tagen des Rausragens in wechselnden Richtungen der Wurm verschwunden und der Fisch gesund. Es ertönen Pausanen, Tromtepen und andere unbekannte Instrumente der Freude und der Hoffnung, sowie ein Glückstriangel, in einem schönen Jingle.
Schnell ist sie eingefangen und ins Hauptbecken verschifft, beziehungsweise verfischt, wo nur noch ein wenig Akklimatisierung zwischen ihr und einer triumphalen Rückkehr steht. Während sie darauf wartet, ziehe ich noch schnell Wasser unter ihr weg, und sauge gleich die grünen Berge von Schwertträgerscheisse, die sich vorne rechts in einem Strömungswinkel anreichern, aus der Landschaft, damit alles schön blinkt, wenn die Patientin zurück kommt. Beim Wiedereinfüllen stosse ich an den Schwimmkindergarten, der obere Rand wird unter Wasser gedrückt und zwei der Schwertträgerkrümel entweichen keck in die Freiheit.
Nur einen davon finde ich später wieder. Den anderen haben wohl die Barben geholt. Noch vier.

Saturday, March 24th, 2007

Heilvorgänge

Wenn man einem Seestern ein Beinchen ausreisst, kann der Seestern, anders als Herr Sumsemann übrigens, sich das Beinchen flink nachwachsen lassen – übrigens ist es aus Sicht des Seesterns ja ein richtiges, grosses Bein und der Diminuitiv nimmt dem Tier das bisschen Würde, das der Schöpfer eingebaut hat, auch noch fort – sich also: das Bein nachwachsen lassen und dann wieder durch die Gegend krabbeln, Schnecken zu knacken oder Muscheln auszulecken.
Andererseits hat aber, so denkt man zumindest, wenn man denken kann, der Seestern nicht viel von seinem nachwachsenden Seesternleben. Schnecken knacken und Muscheln auslecken mögen dem Geistesmüden wie Paradiese simpler Freuden klingen, der Seestern andererseits nimmt all das ja ungefragt hin, und versteht von Moralphilosophie und Differentialrechnung nichts, und es dürfte offensichtlich sein, dass ohne diese beiden man diese sogenannte Existenz eigentlich gar nicht erst anzutreten braucht.
Hat man nun aber einen Körper, dessen Biomasse die Differentialrechnung nicht nur implizit auszuführen, sondern auch explizit symbolisch zu repräsentieren in der Lage ist – mit anderen Worten, hat man bei der Herstellung ein ordentliches Gehirn reingeschraubt bekommen und nicht nur eine Strickleiterattrappe – ist es leider aus mit den nachwachsenden Beinchen. Je komplexer so ein Ding ist, desto weniger wächst ihm nach, was man abschneidet oder kaputthaut. Das ist ein Naturgesetz, das ganz ähnlich wie der Rest der Naturgesetze erst zusammenbricht, wenn man zu sehr an der Massstabsschraube dreht. Staaten beispielsweise können einander die Beinchen abhacken und durch Nachwuchs ersetzen, es scheint ihnen sogar Spass zu machen.
Aber Menschen, Schwertträger oder Barben sind keine Staaten, noch nicht einmal kleine Königreiche sind sie, oder halbautonome Behörden unter einer Dienstaufsicht, sondern ergebene Untertanen des Stofflichen. Und schon deswegen müssen die drei überlebenden Karpfen jetzt genauestens überwacht und gegen die anstürmende Materie verteidigt werden. Die Schwanzflossen sind ausgefranst, das Verhalten zwar fröhlich, aber gedämpft, die Gesamterscheinung hoffnungsreich, aber auch dräuend. Aber wem erzähle ich das?
Im Krankentank unterdessen pickt die Cichlidin Medikamentenbrocken aus dem Kies, um sie jeweils Sekunden später als Nebelwolken wieder aus den Kiemen zu jagen, verwehende Heilmacht, ich sehe es ungern . Ob sie die im weisen Zeug versteckten vergifteten Futterbrocken auch aufisst, ist nicht zu erkennen, dafür aber, dass der Wurm, frech geworden vielleicht, sich weiter als je zuvor aus dem Fisch lehnt, fast einen vollen Zentimeter ragt das Geschmeiss hervor. Fällt er nun endlich ab, wird nun alles gut? Zwanzig Minuten lang beobachte ich das Ding, dann zieht es sich wieder zurück und nur mehr der spitze Kopf lugt raus. Bin also ich selbst, beim Fischbeaufsichtigen, ein Programmpunkt der Wurmunterhaltung? Haben Arschwürmer Augen? Denkt der Parasit über eine Besiedlung meiner Person nach?
Man möchte es lieber nicht wissen.

Friday, March 23rd, 2007

Apfel

Ein wenig westlich der offenen Hügelflanke, auf der einzelne Studenten verteilt liegen wie aus dem Studentenstreuer gemahlen, und dennoch hügelabwärts, liegt in einer Biegung des Strawberry Creek, der die Südhälfte des Campus durchfliesst, ein kleines Mammutwäldchen, vielleicht zehn Stämme, eine Bank, ein Picknicktisch, von denen aus, wenn man sich richtig setzt und den Kopf nicht zu sehr dreht, man einen Moment lang vergessen kann, dass man, und alles, was man sieht, den Regenten der Universität von Kalifornien gehört. Auf der Bank, näher am Wasser, sitzt ein Asiate und hört Musik, die Höhen sickern aus seinen Kopfhörern und vermischen sich mit dem leisen Plätschern des Baches. Auf dem Picknicktisch liegt eine Banane ohne Stiel. Ich setzt mich ans der Banane entgegengesetzte Ende der zum Tisch gehörenden Bank, sehe mir Mammutbaumstämme an und notiere Winkelverhältnisse in ein kleines Buch.
Nach einigen Minuten steht der Asiate auf und geht über die kleine Brücke davon, die Banane und ich bleiben zurück im Geplätscher. Dann gehen mir die Winkel aus, und auch ich stehe auf, schreibe im Vorübergehen „Apple“ auf die Banane und gehe durch die Studentenstreusel schräg hangaufwärts zurück ins Büro.

Wednesday, March 21st, 2007

Ausmerz

Die erste Prüfung nach der Heimkehr am späten Abend gilt dem Barbenkrankenhaus, in dem auf den ersten Blick alles vernünftig und im Lot scheint, es ist geradezu sonderbar. Bei näherer Kontrolle findet sich dann aber doch noch ein toter Fisch, im kleinen Schloss drin, das hier wohl die Rolle eines Elefantenfriedhofes spielen will. Es wäre sonst auch zu Dings gewesen, zu, na, wisst schon. Noch drei.
Es schweift nun der Blick des Wiedergekommenen, also mein eigener Blick, in einem hoffnungsfrohen Bogen auf die Kinderstube hin – herrje, was ein geschraubter Quatsch, ich guck mir halt das Aquarium an, dazu steht es ja da. Was dagegen, Zaungast? Will ich auch nicht gehofft haben. Ja.
Aber Kinderstube kann man das andererseits schon kaum mehr nennen, nein, Kinderstube wäre entschieden in diesem Moment das ganz und gar falsche Wort. Dieses kleine semantische Beben ereignete sich aber nicht durch Heranwachsen der Jungfische, durch Jungfischpubertät und Unabhängiggewordensein, durch Poster von Fischen in sexuell gewagten Posen an den Wänden und Substanzen in geheimen Dosen unter dem Fischbett, sondern im Gegenteil durch das fast vollzählige Verschwinden der Brut aus dem Weltzusammenhang. Es scheint schwer zu glauben, aber von den knapp dreissig kleinen Fischen sind tatsächlich noch mit dem Finger draufzeige, zähle, sage und schreibe fünf übrig.
Fünf! Die unbeeindruckt von den über ihren Häuptern schwebenden Trägerschwertern sich in der Vegetation tummeln. Hat also die Hemmung der Elterntiere nach nur einem kurzen, verstrichenen Tag ihr Ende erreicht, und ein kannibalistischer Furor kam über die sonst so friedlichen Tiere? Oder hat vielleicht die Cichlidin, im Diktat des Arschwurms stehend, sich über die hilflosen Fischlein hergemacht und sie mit Mann und Maus abgeweidet, um dem Wurmdämon neue Substanz zuzuführen? Die Hunde und Ottos, soviel ist nahezu sicher, sind des Fischmordes unverdächtig, und auch dem Schneck ist wohl ein Persilschein auszustellen. Er traut sich noch immer nicht aus seiner Dose und wird wohl vor Kummer vergehen, wenn kein Wunder geschieht. Und überdies kommen Killerschnecken nur in der Literatur vor. Die beiden anderen kleinen Schnecken, die wohl aus Eiern herausgeschlüpft sein müssen, und sich hin und wieder öffentlich irgendwohin setzen, sind zwar der Untat nicht völlig unverdächtig, aber zur Fischjagd vermutlich doch zu langsam.
Nein, es werden schon die Eltern gewesen sein, die die versehentliche Geburt in Windeseile wieder rückgängig machten, vierzig blühende Leben, Karrieren, Hoffnungen und Träume, zerstört und zernagt. Fischsaupack.
Die verbleibenden fünf, die Besten, oder immerhin jedenfalls Ungefressensten ihrer Generation, dürfen zum Trost jetzt im Schwimmgefängnis in Isolationshaft und also sicher vor hungrigen Mäulern, heranwachsen.
Wenn sies denn überhaupt packen sollten.