Search

Deutsch



Monday, June 26th, 2006

Zwei Kreuzungen

Die Motorhaube senkt sich dem Belag zu, der Wagen bremst und wird also, wie vorgeschrieben, am Stoppschild für einen Moment zur Ruhe kommen. Ich selbst rolle ungebremst weiter, aber schliesslich bedeuted es für mich auch eine Anstrengung, das Rad zum Stehen zu bringen und anschliessend wieder ins Rollen. Die Ausnutzung der kleinen Pause zwischen dem Anhalten und Anfahren der Autos an diesen Kreuzungen zum strengenommen regelwidrigen Durchrutschen ist mir darum zur Gewohnheit geworden. Diesmal aber hebt sich die Motorhaube noch im selben Sekundenbruchteil – das Stoppschild wird nicht geachtet, sondern nur mit einem angedeuteten Nicken zu Kenntnis genommen – und das Auto prescht quer in meinen Weg. Ich presse beide Bremshebel, lenke zugleich nach rechts und verlasse die Kreuzung in Gegenrichtung zum einschiessenden Auto, noch ein weiteres muss ich passieren lassen, ehe ich wenden, erneut rechts abbiegen und meinen Weg fortsetzen kann.

Zwei Querstrassen weiter steht der Pickup schon halb in der Kreuzung, als ich ankomme. Er hat gehalten, um einen Radfahrer vorbeizuwinken, und winkt nun auch mich durch. Das tun sie gern, aus vermeintlicher Höflichkeit ein Element der völligen Unberechenbarkeit in ihrer Blechtrajektorien einbauen, sodass unsereins ständig um Leib und Leben fürchten muss. Auf der zweiten Spur neben ihm schickt sich ein weiterer Wagen an, in die Kreuzung einzufahren, tut das, fährt vor mir durch, und noch immer winkt der Mann im Pickup. Ich bleibe stehen.
Er winkt.
Ich stehe.
Schliesslich wird es ihm zu dumm, er tritt aufs Gas, mit einem enormen Knall zündet sein Gerät fehl, macht einen kleinen Satz vorwärts und verlässt das Schlachtfeld. Das Summen in meinem Ohr lässt ein wenig hügelaufwärts dann wieder nach.

kollektive_unschuld.jpg For years I had suspected that the historic truth is being stretched and bended, possibly even mutilated, in order to make Dresden into the innocent symbol of allied war atrocities dominating the German discourse of the bombings. Now, having read Schubert’s book on the subject, I am better equipped to dispel the myths, and predictably find my inferences confirmed. No liquid phosphor rained down, the city was not full of fugitives or innocents any more than any of the other cities inhabited by Nazis was, and the local industry was neither insignificant nor unimportant for the war. Dresden has turned into a monumental tool for relativists, for whom the outcome – the destruction of human life and property – is the only determinant of the morality of an action, and for whom dead Nazis and their dead victims form one soppy canvas to paint a kitschy portrait of their nationalism disguised as benevolent peacefulness upon.
It’s a sad state of affairs that books like this are so few and far between.

Monday, June 26th, 2006

Peter Singer – Hegel (1)

hegelpastmasters.jpg I came across this book on one of the shelving carts in the main UC Berkeley library while searching for a completely different one that had gone missing (and sadly hasn’t been located since). Its author, briefness and subject matter immediately commanded my attention, and after having read it, I’m happy I stumbled upon it. This brief treatment of Hegel’s work is a small miracle, capturing his theory of history, dialectics and the master/slave dichotomy rising from his theory of Selbstbewusstsein, and in turn giving rise later to Marx’ alienated labor. A wonderful introduction, and a solid argument for libraries where books are accessible rather than being ordered from closed stacks through a catalogue.

Tuesday, June 20th, 2006

Nacht, draussen

Es ist unerträglich heiss im Zelt und im Kopf. In der ersten Nacht hatten wir darum das Überzelt nicht aufgezogen; ein kurzer tropischer Schauer in den frühen Morgenstunden sah uns durch den Sand unter palmenförmigen Schatten taumeln und mit Zeltstoff wedeln. Zwar sah es am zweiten Abend nicht so sehr nach Regen aus wie am ersten, der Stoff blieb aber trotzdem drauf. Ein lautes Geräusch und heftiges Schnaufen setzt sich breit auf den Zaun zwischen Schlaf und Wachen, und langsam driftet mein Gehirn aus schwitzendem Halbschlaf ins Halbwachsein herüber. Vielstimmig schnauft es jetzt, schmatzt auch. Vorsichtig unbesorgt – Schwarzbären gibt es nicht, Alligatoren schnaufen und schmatzen nicht – werfe ich Licht auf meine Theorie und finde sie vierfach bestätigt, die Tiere schauen nur flüchtig in meine Richtung und widmen sich dann wieder dem Frühstück, das wir leichtfertig nicht ins Auto sperrten und das uns nun entweicht.

Friday, June 16th, 2006

Kopflose Vergangenheit

Als sich die Hohlwelt-Anhänger Teeds in Estero niederliessen, gab es hier an Floridas Westküste nur eine unbefestigte Strasse durch den Dschungel, parallel zur Golfküste. In grosszügigen Abständen entlang der Route lagen kleine Läden und Rasthäuser, auch die Hohlweltler betrieben eins. Später dann wurde der Tamiami-Trail (der so heisst, weil er Tampa mit Miami verbindet) asphaltiert, und zu einer Hauptverkehrsstrasse. Kleine Siedlungen wuchsen entlang der Strasse in den Sumpf, Gaststätten eröffneten, und kleine Attraktionen wie diese Eisbude.

Heute läuft die Strasse fünfzig Meter von der Bude entfernt. Direkt an der Strasse liegt ein neuer Dairy Queen und versucht, der Eistüte die Kunden abzugraben. In der Tüte arbeitet eine geschlechtslose Person; das Fenster ist so niedrig, dass ich nur einen schmalen Streifen vom Bauchnabel aufwärts zwischen Rahmen und Theke sehen kann. Von innen muss es ja genauso sein, eine endlose Parade Eis wegtragender Rümpfe.

Saturday, June 10th, 2006

Zentrum der Hohlwelt

Der Pfad durch die dunklen Palmen bog schon vor Minuten vom Fluss ab, in dem wir auf Alligatorsichtungen gelauert hatten, aber nur springende Fische hörten und sahen. In Kopfhöhe sind bunte Bänder an Bäume und Sträucher gebunden, allenthalben raschelt es im trockenen Laub und Unterholz, Gürteltiere vielleicht, oder ein Waschbär. Von fern hört man die Strasse, jenseits der Siedlung, die Cyrus Teed und seine Anhänger 1893 hier anlegten, und die jetzt ein Park ist, dahin wollen wir zurück. Aber der Weg will nicht, wie wir wollen, und mäandert durchs Unterholz. Schließlich, nach einer gefühlten halben Stunde, die Kreuzung mit einem anderen Weg. Rechts lockt der Lärm der Strasse, also gehen wir nach dort, aber schon nach wenigen Metern biegt der Trampelpfad abermals ab, weicht Palmen aus, aus der Luft sähe man sicherlich die Wege dichtgepackt im Dschungel sich winden, wären nicht die Palmen im Weg. Die Taschenlampe wirft einen kleinen Kegel in die Schwärze, grade genug, nicht über ragende Wurzeln zu stolpern oder auf Alligatoren zu treten.
Als die gefühlte Stunde voll ist, münden wir dahin zurück, wo wir den Ausflug begannen, der Fluss liegt still im Mondlicht, ab und an springt ein Fisch. Die Gespenster der Hohlweltschwestern im planetarischen Hof schlafen, ebenso unser Auto, aber ein Druck auf den Knopf weckt es auf, für die Rückfahrt zum Zelt.

Wednesday, June 7th, 2006

Anti-Insel

Ausserhalb des Wassers stehen Black Skimmer aufgereiht, dutzende von langen roten Schnäbeln parallelgerichtet, Elementarfischmagnete auf Jagdpause. Im Wasser ein paar Meter entfernt scheint nichts zu leben, keine Fische, keine Krebse, nur vereinzelte Watvögel und ein paar federlose Hühner stehen in den Fluten. Hier aber, begrenzt vom Ufer einerseits und einer momentanen Sandbank andererseits verläuft eine Schucht, vielleicht einen Meter tief an der tiefsten Stelle, über die ich in der Strömung hinwegschwebe, die Schnorchelbrille an die Nase gesaugt, und den Sand Dollars und den kleinen Fische mit den Flossenflügeln beim Dasein zusehe. Vom anderen Ende der Schlucht her kommt jetzt eine Kleinfamilie, die Kinder, aufgeregt, haben einen Fisch erspäht und klettern die Böschung auf und ab, die in Sandwolken und Lawinen in neue Formen ausweicht.

Wednesday, May 31st, 2006

Ein Groschen fällt, fünf nicht

Sie steht nahe dem Ausgang, in einem bodenlangen roten Kleid, in der einen Hand die Handtasche, in der anderen eine Tageszeitung, und blickt wortlos und fragend zur Kassentheke hin, wo der Angestellte sich verlegen windet. Das ist, sagt er, nicht die Zeitung von heute, und deutet auf die Zeitung, es ist die von gestern. Sie hebt sie einige Zentimeter in die Luft und macht ein kleines Triumphgeräusch, aber, fährt er fort, dennoch sei sie leider nicht kostenlos, sondern müsse verkauft werden. Fast entschuldigend sagt er das. Sie wendet die Zeitung um, blickt auf die Titelseite, Alt! ruft sie leise, ja, sagt er, trotzdem. Fünfzig Cent. Cent? fragt sie. Er nickt nur noch schwach, es ist ihm nicht recht, die Kundin zu enttäuschen.
Einige Sekunden steht sie da, studiert mit gerunzelter Stirn die Zeitung in ihrer Hand, dann schüttelt sie den Kopf, beugt sich tief hinab zum Bodenregal und legt sie zu den anderen chinesischen Tageszeitungen.

Sunday, May 28th, 2006

Zerstreulinsen

Als der junge Asiate aussteigt und also unsere Gelegenheitsunterhaltung über Photographie endet, muss ich mich orientieren. Habe ich meine Haltestelle schon verpasst? Das dauert einen Moment, als ich fertig bin, hält der Bus erneut und lässt mir einen weiteren Moment, die Erkenntnis umzusetzen und auszusteigen. Ein kurzer Blick über die Sitzbank: nichts vergessen?, dann stehe ich in Oakland, schon einen Block von der MacArthur BART-Station entfernt. Es ist ein typischer Sonnentag, ich blinzle ins grelle Licht und suche in der Hosentasche nach der Clipon Sonnenbrille. Der Bus fährt an. Ich suche in der anderen Hosentasche. Der Bus fährt ab. Ich suche in der Umhängetasche und dem Clipon-Etui. Der Bus, und mit ihm offenbar die Sonnenbrille, sind weg.

Auf dem Weg zur BART-Station durchsuche ich nochmals alle Taschen und Beutel, erfolglos, und das vertraute Gefühl aus resigniert unzufriedener Hilflosigkeit stellt sich ein. Nunja, ist ja nicht das erstemal, dass ich was verschlampe. Und dann, aus buchstäblich heiterem Himmel, eine Eingebung, das einzige Indiz vielleicht der Schatten, den der hochgelegte Highway hier wirft, und der ein wenig dunkler ist, als plausibel scheint, ich greife mir ins Gesicht und ziehe seitlich am Clipon. Mit einem Schappen schnellt er zurück, und trifft schmerzhaft meinen Nasenrücken.

Sunday, May 28th, 2006

Ende der Lage

Während sich die Kindheitserinnerung an Sprühpflasterapplikationen am sensorischen Material labt und selbst verstärkt, erprobe ich in der Gegenwart Zen-Taktiken zur Schmerzkontrolle, und staune nicht schlecht, als mir tatsächlich teilweise gelingt, das beinumfassende Brennen, das aus den paar offenen Quadratzentimetern strahlt, als blosse Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Die Fühldistanz zum Schmerz oszilliert, wie zum Beispiel ja auch bei der binokularen Rivalität die Wahrnehmung unterschiedlicher Bilder in den beiden Augen im Sekundenrhythmus zwischen links und rechts zu schwanken neigt, und interessanterweise diese Distanz aber nicht in der Schmerzintensität, sondern in ihrer Bedeutung zu liegen scheint, denn es tut nicht weniger weh in den Entlastungsphasen, es ist mir nur mehr egal. Leider muss ich schon nach ein paar Minuten das Experiment abbrechen, weil den Schmerzfasern das Weiterleiten endlich zu dumm wird und Friede einkehrt in der Haxe.

Ein Auto parkt vor meiner Nase, eins aus der aufgepumpten Minivan/Pickup-Familie, eine junge Frau steigt aus, ihr Blick streift mich, dann ist sie auch schon im Walgreens verschwunden. Noch während ich überlege, ob ich denn wirklich einem am Boden sitzenden mit blutigen Beinen ein tröstendes Wort zukommen ließe, wie ich mir im Interesse der Anonymitätsverteilung einrede, oder nicht, kommt sie wieder raus, stracks auf mich zu, und sagt “Sorry”. Aha! Also doch!

“I have to use that”, fährt sie zielsicher fort, und meint das Telefon. Ich sitze da zwar nicht wirklich im Weg, aber wohl doch zu nah dran, wer will schon neben Siechen oder Wunden telefonieren, womöglich sind Viren oder Pechstrahlen in der Luft. Sie sollte wirklich über die Anschaffung eines Mobiltelefons (Händi) nachdenken. Praktisch, so ein Gerät.

Sekunden später rollt Chris auf den Parkplatz, in seiner Mietwagenlimousine, einem von fünf Autos, die sich das Berkeleykontingent hier teilt. Er bestaunt mein Bein und die Wunden, die er nicht erwartet hatte, ich war absichtlich vage gewesen am Telefon, und wir verladen das Rad und die Posterrolle und fahren davon.

Mein Poster war noch am selben Abend fertiggedruckt, offenbar Ehrensache für Michelle, die nur Minuten nach meinem Davonhumpeln von ihrem Arztbesuch zurückgekehrt war. Die beiden Nachtangestellten bei Kinko’s, die mir das erzählen, sind freundliche Gesellen, die sich neugierig nach dem Thema der Konferenz erkundigen, für die sie nun schon ein knappes Dutzend Poster last minute gedruckt haben, und die sie doch überhaupt nicht einordnen können. Die Renaissance ist lang dahin, ich erkläre kurz, dass es ums Sehen geht, denke mir nichts weiter zu Spezialistenproblem und Universalwissenschaft, und humple in die Nacht. Justin im Auto hebt angesichts der Papierrolle in meinem Arm den Daumen. Ich erwidere die Geste und steige ein.