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Miniaturen



Tuesday, April 4th, 2000

Gestreift

Auf Brunswick Avenue bewegt sich, schwer zu sehen im schwachen Licht vereinzelter Laternen, ein kleiner Fellberg schwankend. Nähergekommen sehe ich ihn wieder, wie er verborgen von einem Gebüsch an einer Mütonne steht, Sekunden später fällt sie scheppernd um, das Geräusch hallt laut zwischen den dunklen Häuserfronten wieder. Jetzt hat er mich bemerkt. Das maskierte Gesicht mir zugewandt macht er einen Buckel, verharrt einige Sekunden und entscheidet dann, daß ich nichts von ihm und nichts vom Müll haben mag. Dreht sich um und wackelt nach Bärenart zum nächsten Haus, zum nächsten Bären. Als ich folge, nehmen beide kurz Drohhaltung ein, gucken sich an (“nur ein doofer Mensch, was soll’s”), drehen um und verschwinden gemütlich zwischen den Häusern, die breiten Schwänze baumeln von Seite zu Seite mit jedem Schritt.
Ein paar Meter weiter huscht ein weiterer Schatten aus einer dunklen Ecke, direkt vor meinen Füßen, sieht mich, faucht. Buschig spreizt sich ein schwarz-weißer Schwanz. Erneutes Fauchen. Respektvoll (“ein Skunk! Jetzt nur nix falsch machen”) weiche ich zurück, das Tier folgt, weiterhin drohend. Kurz bevor ich die Nerven verliere, ist das Ding dann aber doch zufrieden und trollt sich. Wie ich am anderen Tag erfahre, soll nicht einmal ein Bad in Tomatensaft, die offenbar nächstliegende Lösung, helfen. Der Gestank hält ein Jahr, und die Vereinsamung hat manches Skunkopfer in die Verzweiflung getrieben. Aber schön gestreift sind se.

Monday, April 3rd, 2000

Leckend

Ein weißer Klecks. Fußspuren auf dem Asphalt, weiß auch das Profil. Eine Farbspur führt über den Gehsteig, schwankend, als hätte jemand den leckenden Farbeimer geschwenkt während des Laufens. Vor einem Laternenpfahl, eine Farbpfütze. Weiter führt die Spur. An der nächsten Straßenecke freilich – biegt sie ab nach rechts. Ich suche auf der Seitenstraße, sehe aber nichts. Etwas weiter rechts, noch auf dem Gehsteig, steht der Briefkasten, sein breites Maul noch farbverschmiert, den verdauten Vandalen – denn ich hoffe, er hat ihn gefressen – durch eine Ritze unten als zähen weißen Farbbrei wieder ausscheidend. Warf ich nicht hier hinein den Brief, mit dem ich mein Stipendium annehme? Ich warf. Aber wann? Gestern? Ich weiß es nicht mehr.

Wednesday, March 29th, 2000

Intermission

Der Film läuft seit zwei Stunden, das Kino ist fast leer. Intermission steht auf der Leinwand, ehe der Vorhang sich senkt. Irritierte Blicke werden ausgetauscht, das Licht geht an. Eine Sammlung von Material über Chomsky war das, und obwohl sie nicht ganz fertig wirkt, stehen die ersten auf und gehen. Minuten vergehen, Grüppchen um Grüppchen steht auf, schließlich folge ich, kaufe mir ein Pepsi und sehe im Programmheft nach. Ohne Hast setze ich mich wieder hin, und sehe, mit der anderen zähen Hälfte, der letzten Stunde von Manufacturing Consent entgegen. Die anderen müssen wohl ungetröstet sein.

Saturday, March 25th, 2000

Herr Tod

Herr Tod startet um neun, Herr Todgucker leider erst um zehn vor. Damit sich beide trotzdem treffen können, das hat Herr Todgucker berechnet, muß er sich eilen. Schnell also läuft er. Wo, fragt er einen Passanten, wird Herr Tod sich zeigen? Die Antwort fällt beunruhigend aus, die Entfernung ist größer als gedacht. Schneller läuft also Herr Todgucker. Der Atem wird ihm knapp, als endlich das Kino am Horizont auftaucht. Er erreicht es um 2 Minuten nach neun, schnappt nach Luft, kauft die Karte und sieht, aus dem Augenwinkel, daß Herr Tod, der armselige Verrückte, erst um viertel nach Neun mit seinem Film beginnt.

Tuesday, March 21st, 2000

Tanz, Kreis, tanz

Die Kreise tanzen. Auf den beiden Spiegeln, links groß und bleich das Rechteck eines leeren Monitors, rechts in einiger Entfernung ein weiterer bleicher Monitor. Mit einem Apfelpiepen blinkt ein Kreis auf, fast nicht zu sehen, grau auf grau. Ein weiteres Apfelpiepen begleitet einen weiteren Kreis, möglicherweise noch schlechter sichtbar. Einer der beiden, soviel ist sicher, war kein Kreis, sondern ein abnormes Zerrbild, Spottgeburt, am armen Radius sinusmoduliert bis zur abstoßenden Eckigkeit. Aber andererseits nicht genug, um erkennbar zu sein. Undercoverquadrat. Mir schwirrt der Kopf, der Finger ruht über der Ziffer eins. Oder war doch der zweite der Freak? Lichter tanzen vor meinen Augen, es ist fast fünf. Bin ich wirklich seit 10 Uhr mit Kreisgucken beschäftigt? Oder gab es eine Mittagspause und Essen? Das wievielte Kreispaar ist das? Das fünfhundertste? Nein, eher das tausendvierhundertste, das letzte, der Finger immer noch über der eins, senkt sich, eins ist raus. Jeden Tag gehen merkwürdige Dinge vor, überall. Millionen von Menschen und ihre Kreise, sie alle tanzen vor meinen Augen, kaum sichtbar.

Monday, March 20th, 2000

Topfbepflanzt

Ich bin 15 Minuten zu früh und hebe nach erfolglosem Klopfen den Briefschlitz an. Dahinter sehe ich einen Katzenbehälter aus Plastik. Douglas hat keine Katze. Falsches Stockwerk also. Leider habe ich keine Möglichkeit, das elektronische Bewohnerverzeichnis zu nutzen, weil das elektronische Bewohnerverzeichnis defekt ist. Natürlich hängt auch nirgendwo ein Papiernes. Wozu brauchte man sonst auch ein Elektronisches? Ich fahre vier Stockwerke nach unten, Klopfen, Briefschlitz. Wieder falsch. Fahre zwei Stockwerke nach oben. Diesmal bin ich richtig, 16. Stock, aber zu Hause ist trotzdem niemand. Ich fahre zurück ins Erdgeschoß, um in der topfbepflanzten Lobby auf einem geblümten Sofa zu warten, die Aufzüge im Blick. Nach einer Viertelstunde, in der die dicke Hauswartsfrau mehrfach mißtrauisch um die Ecke späht, sich schließlich ein Herz faßt und mich, nur damit sie’s weiß, fragt, ob ich auf wen warte (“Yes” – zufriedenes Nicken), kommt mir der Verdacht, daß Douglas in einem der anderen Aufzüge aufwärts fuhr, während ich nebenan abwärts.
Ich fahre wieder hinauf. Klopfen. Nichts. Wieder ab zum Sofa, ich überprüfe im Aussteigen, wo die anderen Aufzüge sind. Einer steht im 16. Stock. Ich drehe die Augen nach oben und fahre ihnen hinterher, dem Ende entgegen.

Sunday, March 19th, 2000

Ausstieg

Auf dem Rückweg in der U-Bahn, dick und kugelrund lacht der Bauch unterm Hemd, sitze ich träge in einer Ecke und starre verdauend vor mich hin. All you can eat Restaurants, erwäge ich, sind eine gute und schöne Einrichtung. Man kann dort sehr viel Essen essen. Bis man nicht mehr mehr essen kann z.B. Der gemütlich wandernde Blick wandert gemütlich über die chinesische Zeitung des Nachbarn zum Waggonfenster und in die Schwärze dahinter, dann aber zurück. Tatsächlich. Da steht, mitten in der Zeitung, in einer Überschrift, rot, mein Name. Auf chinesisch. Das muß es sein, das vereinbarte Signal vom HQ, von M oder Q oder John Cleese, mein Einsatz beginnt. Das Schicksal mindestens der Welt hängt von meinen Schultern runter, aber ich bin zu dick und voll und schwer, schließe die Augen und döse bis Spadina. Als ich aussteige, ist der Chinese längst weg.

Saturday, March 18th, 2000

Kolonie

Die Ebene liegt in strahlender Frühlingssonne, hunderte von Metern entfernt brandet der See, gepeitscht vom eiskalten Wind, meterhoch an den Schutthalden auf. Stahlträger glitzern eisbehangen. Rasch verlasse ich trotz des malerischen Anblicks den asphaltierten Weg wieder, zu kalt pfeift der Wind mir dort oben durchs Jäckchen. Durch abgestorbenes Unterholz folge ich einem Trampelpfad, in den Bäumen über mir kreischen Möven, das einzige Geräusch. Ein paar Bäume geben den Blick frei, und da sitzen, dicht an dicht, zirka eine Million Möven versammelt und tun rein gar nichts. Vorsichtig nähere ich mich, die ersten fliegen auf und schweben im Wind über den Wipfeln, jetzt sind es ein paar hundert, kreischend und fast unbeweglich in der eisigen Luft. Jetzt müssen es tausend sein, zwei-, fünftausend, unmöglich zu schätzen. Ohrenbetäubendes Gekreische liegt in der Luft, der Himmel ist bedeckt mit träge schwebenden Mövenleibern. Vom Rand der Kolonie aus sehe ich sie sich erstrecken, noch hundert Meter oder mehr. Ich stehe im Vogelwirbel und staune.

Friday, March 17th, 2000

Laserquest

Flammenspeere zucken durch die Nacht. Oder vielmehr, summend gibt mir meine Weste zu verstehen, daß ich jetzt praktisch und für die nächsten fünf Sekunden so gut wie tot bin. Trotzdem darf ich mich bewegen wie ich mag, und so husche ich um die schützende Ecke, den Laserbrummer im Anschlag. Sobald es aufhört zu summen, darf ich wieder. Mist. Da steht schon einer. Und wieder summt es. Zurück also, wo aber der Gegner von vorhin wartet. Zap. Summ. Wieder um die Ecke, der Ausweg aber ist immer noch blockiert. Zap. Mein jugendlicher Killer winkt mit dem Gewehr. “Go ahead” sagt er gnädig und läßt mich aus der Falle, und fügt der Niederlage die Demütigung bei. Wer sich in den Kampf begibt, kommt eben darin um. Aber wenigstens nicht um seinen Spaß.

Thursday, March 16th, 2000

Oder

Wie seit einigen Tagen regelmäßig ziehe ich behutsam, dann kräftiger, am Rand, und beobachte mit leichter Irritation, wie das nachgebende Material zurückweicht und ihn freigibt. Ich halte kurz inne, aber nein, ich spüre nichts, keinen Schmerz, kein Bedauern. Nicht einmal Mitleid.
Wieder ziehe ich, und tatsächlich, langsam löst er sich, der leicht faulige, üble Geruch steigt wieder auf, und dann sehe ich ihn ganz. Er ist größer als ich dachte, auf der Unterseite längsgeriffelt und insgesamt ungesund verfärbt. Merkwürdiger allerdings ist sein Bett, in dem weit hinten der Ersatz heranwächst und sonst alles blank liegt. Behutsam ziehe ich die Socke über den linken Fuß und lege den Zehennagel beiseite. Trophäe oder Müll? Das überleg ich mir später.