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Miniaturen



Tuesday, May 23rd, 2006

Momentane Unzurechnungsfähigkeit

Körperliche Gebresten – das hat die Natur so in uns hineinprogrammieren lassen, mit Bleistift auf alte Servietten probehalber als Algorithmus entworfen und dann der Biologie in einer zerfledderten Aufsichtsmappe auf den Schreibtisch geknallt, hier, so geht Primat, bis Montag will ich das implementiert, aber fehlerfrei, zackzack; Biologie stöhnt, ists aber andererseits gewohnt, und tatsächlich wird vom folgenden Montag an Gewebeschaden mit dem Selbstwertgefühl verschraubt sein, kein Backwards Engineering kriegt das wieder weg – machen stets, dass man sich fühlt, als verdiene mans. Ein bisschen vielleicht nur, und nicht bewusst, aber immer hängt an der beschädigten Karosserie der Gedanke, auch mit dem Motor stimme womöglich was nicht. Kurz und gut: mir, humpelnd auf dem glühenden Parkplatz vor Kinko’s, geht’s nicht gold. Und die Natur, blind nur auf den Vorteil im Durchschnitt bedacht, ist schuld. Sowie natürlich schuld auch ist das Rad, das radikal verlotterte Miststück sondergleichen.

Nun aber ist das Primatenbetriebssystem ein umfangreiches Konvolut, und zahlreiche Unterprogramme kommen sich permanent in die Quere, eine komplett unbrauchbare Drecksmetapher übrigens das Ganze, alles quasi hat sich hier verschworen gegen mich, vom Molekül bis rauf zur Metapher, aber unbestritten wird jetzt aus dem Gefühl, am zerbremsten Fuss selbst qua Inferiorität schuld zu sein, flugs ein turmgleich aufragender Trotzberg. Euch zeig ichs, Sonne! Unhöfliche Kinkowachtel mit Vorstadtdauerwelle! Herzloser Mitforscher, der mich in der Einöde ohne Fortbewegungsmöglichkeit zurückliess! Rad auch, skrupellos dolchstossendes, du heimtückische Wollmilchsau! Ich werd Euch! Allesamt!

Und zwar war ich Minuten zuvor an einem der hier überall wie unschöne Pilzgerichte aus dem zubetonierten Sumpf gewachsenen Walgreens Drogeriemärkte vorbeigeradelt, noch gar nichts Böses ahnend, weil ja das Rad noch nicht usw. usf., und dahin zurück würde ich jetzt mich schleppen, ganz aus eigener Kraft den Tamiami Trail entlang, durch den brennend heissen Wüstensand, koste es, was es wolle, um dort selbst meine Wunden zu versorgen und zu desinfizieren, denen gegenüber die feindliche Welt so fühllos etc pp. Heute führe ich diesen trotzigen und auch ein wenig idiotischen Impuls auf den Schock und die ungute Hitze zurück, damals aber, im Krieg, schien mir das der einzige Ausweg aus der Lage. Und also humpelte ich los, die Posterrolle (leer) auf dem Rücken und das Rad (platt) an der Seite. Oder vielmehr humpelte ich gar nicht, sondern eiertanzte nun von Grasinsel zu Grasinsel, zwischendurch über flüssiges Magma auf dem linken, schwarzgegerbtem Fuss hüpfend. Der rechte begann nun allmählich auch zart ein ernstlich Schmerzliedlein zu flöten, und erste Überlegungen hinsichtlich des Zustandes seines Knochenwerks kamen mir auf. Derweil das Blechding, die Lawine, sich teilnahmslos an mir vorbeiwälzte. Oder beziehungsweise nun plötzlich nur noch sanft daherrollte und durchs Beifahrerfenster zu mir her einige Worte rief.

Tuesday, May 23rd, 2006

Vier Etappen

Die Grauhaarige kommt nach ein paar Minuten wieder, entschuldigt sich bei mir und dem dicken Mann, einem Xerox-Wartetechniker, für ihre mangelnde Organisation, und überlässt mir dann Stuhl und Telefon. Erstes Etappenziel.
Nun habe ich aber keinerlei Telefonnummer zur Hand. Die einzige Verbindung zu einer Welt, in der ich keine bluttropfende Schmutzschleuder sondern ein leidender Freund bin, sind die Verwalter des Ferienhauses, in denen das Berkeleykonferenzkontingent quartiert. Erster Anruf also: 411, Auskunft. Man gebe mir Florida Vacation Connection, sage ich. Versteh ich nicht, sagt der Computer am anderen Ende. Hinter mir regt sich eine dicke Frau in Kinko-Uniform. Immerhin keine kinky Uniform, nachträglich bedacht. Florida Vacation Connection sage ich etwas lauter, und etwas mehr rührt sich die dicke Frau. Ich verbinde mit dem Menschen, schnarrt der Computer. Die Leitung verstummt. Die dicke Frau geht woanders hin, Papier sortieren. Der Mensch findet die Firma und schaltet mich durch. Zweites Etappenziel.
Ich hatte einen Unfall, erkläre ich der Angestellten der Hausverwalter, und muss Freunde erreichen, die in einem ihrer Häuser wohnen, 244 North Adams Drive, ob sie wohl die Telefonnummer des Hauses rausrücken könne. Sie kann nicht, wer ich sei, wo ich wohne, was das solle. Kurz wallt Panik, dann aber fällt mir ein, dass Carmel das Haus buchte, und ihr Name wirkt Wunder. Zack, hab ich die Nummer. Drittes Etappenziel.
Hinter mir nun wieder rührt sich die dicke Frau. Sie brauche, mault sie grob, das Telefon. Ich würde gerne glauben, mich verhört zu haben, aber tatsächlich sind ihr zwei Minuten Telefonblockade durch einen praktisch Halbtoten schon zuviel des guten Willens. Ich staune und grimme ein wenig, aber mehr nach Innen, für nach Aussen fehlt mir die Energie. Ich rufe das Haus an, es ist auch tatsächlich jemand da, aber kein Auto. Ja, sagt Ahna, sie rufe dann Chris an, wo sie mich denn erreichen könne, um den Erfolg durchzusagen. Es scharrt der Kinkodrachen. Nirgendwo, sage ich niedergeschlagen, man will mich hier nicht haben. Sie wisse, sagt Ahna, natürlich nicht, ob sie überhaupt jemanden erreiche. Ja, sage ich. Lege, und stehe auf. Nieder setzt sich instantan der Drache. Grusslos gehe ich nach draussen. Viertes Etappenziel.
Nun also stehe ich in der Betonwüste, mein treues Fahrzeug zerschmettert an meiner wunden Seite. Oder vielmehr: mein treulos niederträchtiges Radluder, die schon allzu dumme Sau. Ein Münztelefon gibt es hier, natürlich, keins. Man trägt Händi. Es brennt infam die Sonne, und trocknet in den Wunden Blut, Gestein und Mikroben zur unschönen Kruste. So gehts nun aber nicht, denke ich bei mir, und fasse einen Entschluss.

Saturday, May 20th, 2006

Verregente Vereidigung

Seit zwei Tagen steht unter dem Fenster meines Büros in Minor Hall, auf der steineren Terrassenfläche, die im Wahrnehmungsraum allenfalls durch ein dickes und langes Wurmloch mit einem Ferienort zu verbinden wäre, und also folgerichtig und hübsch Orwellianisch Minor Beach heisst, ein enormes weisses Zelt in der Landschaft. Von der Zeltdachschräge federt das nordkalifornische Sonnenlicht elegant zurück in die Luft von schräg links unten in mein Auge und sägt am roten Migränedraht, oder auch am blauen; schalten Sie nächste Woche wieder ein, wenn Sie wissen möchten, ob die Bombe explodierte.

Unter dem Zelt hervor drang heute zunächst Unterhaltungsklassik zur Erbauung der versammelten Anzugträger und -gattinnen, später dann die Unterhaltungsrede des Rektors, und schliesslich, aus ergriffenen Graduiertenkehlen, und in hersagbaren Häppchen, der Optometrische Eid. Das Zeremoniell, so rührend wie sonderbar anachronistisch in seiner mittelalterlichen Zünftigkeit, wird begleitet von sanftem Regenfall aufs Zelt, unerhört im Mai, aber es wird eben alles immer schlechter, besonders das Wetter. Ich schwör.

Friday, May 19th, 2006

Die Unwirtlichkeit unserer Städte

Manche Dinge weiss man, insofern als man die richtige Antwort gäbe, würde man gefragt. Man ist dann aber doch überrascht, wenn die Umstände einem dieses implizite Wissen explizit machen. Ich zum Beispiel hätte die Temperaturunterschiede zwischen verschiedenen Asphaltformen zwar durchaus vorhergesagt, die Intensität der fleischsengende Hitze insbesondere der schwarzen Bitumenvariante erstaunt mich aber doch.

Kühl hingegen schmiegt sich der Kunstfaserteppich bei Kinko’s. Ein Blutrinnsal mäandert durchs Beinhaardickicht vom Knie her abwärts, die Fussoberseite gleicht einem saftigen Steak, und ich frage mich, ob die Gefahr eines Blutstropfens auf dem Teppich wohl Grund genug ist, den Flipflop übers geschundene Fleisch zu ziehen, entscheide aber gegenteilig.

Die Schlange bewegt sich zäh, ich durchsuche den riesigen Raum mit seinen zahllosen verwaisten Printarbeitsplätzen nach jemandem, die aussieht als könne sie Michelle heissen; Michelle hatte mir am Telefon versichert, sich aufs Posterausdrucken zu verstehen wie keine Zweite, ja unter der Hand durchblicken lassen, dass tatsächlich sogar überhaupt niemand ausser ihr wisse, wie das mit den Grossformaten geht. Niemand hier sieht aus wie Michelle, und niemandem hier traue ich Posterausdrucken zu. Vielleicht versteckt sie sich ja.

Eine Kundin hinter mir sieht rot, an meinem Bein nämlich, und erzeugt ein halbdefiniertes Geräusch, ‘are you all right’ fragt sie wohl, und weiss die Antwort schon: natürlich, dufte, danke der Nachfrage freilich. Vor mir in der Schlange ein Wissenschaftler, auch er will ein Poster ausdrucken. Mit wachsendem Fatalismus höre ich mit an, dass Michelle sich im Krankenhaus befindet, dass keiner weiss, ob sie wiederkommt, dass man aber gerne den Auftrag annehme, man werde dann schon sehen, obs klappe. Angel nämlich könne ja vielleicht auch Poster drucken, es kursiert da ein Gerücht unter den Kinkos. Genau weiss es niemand, Angel ist nur nachts da, was mir irgendwie auch die Sache mit dem Fahrrad zu erklären scheint, in meinem Wahn.

Ich habe ohnehin nicht die Wahl, Sarasota ist von der Welthauptstadt des Posterausdruckens gehörig entfernt, und hinterlasse also meine pdf Datei in der bodenlosen Maschine, zusammengelegt mit der des anderen Nerds, mit dem ich nun noch ein wenig im Teppich rumstehe. Er aber hat es sichtlich eilig, stellt ein paar Fragen pro Forma nach der Verletzung, na, das sieht schlimmer aus als es ist, see you at the conference. Und ab in seinen und seinem Mietwagen.

Der Asphalt ist immer noch zu heiss, und an einen Fussmarsch ohnehin nicht zu denken, das Rad unbrauchbar, Handy hab ich Bastion des guten Geschmacks natürlich keins, mein Leben gegen den Klingelton, Fanal des Widerstands. Ich also erstmal wieder nach drinnen gehumpelt, Telefonnummer hab ich auch keine, wozu auch, ohne Handy, von niemandem, aber über Pfiffigkeit verfüge ich im Maxipack, und frage also trotzdem nach einem Telefon, unter Fingerzeig auf die Metzgerei unter meinem Knie, die Mitleidskarte, sie muss doch greifen.

Eine grauhaarige Dame zeigt sich mütterlich, bugsiert mich zum Telefon, rauscht davon, Xerografien anfertigen, aber ehe ich mich umständlich und blutspurfrei auf den angebotenen Stuhl falten kann, rumms, sitzt ein dicker Mann drauf und macht sich Notizen. Blöd daneben stehe hingegen ich.

Thursday, May 18th, 2006

Kontrollverlust

Die Brücke schwingt sich elegant über die türkise Wasserfläche. Vor zwei Jahren habe ich hier, zufällig vom Rad aus, eine Seekuh vorüberschwimmen sehen, und halte seitdem bei jeder Überquerung Ausschau nach dem Geheimnis unterm Wasser, Delfine, Seekuh, ich bin nicht wählerisch.

Das Rad ist alt, schnurrt aber brav brückenabwärts, die Sonne, auf dem Höhepunkt ihres täglichen Amoklaufes, feuert Salven aus dem Photonenschrotgewehr und trifft mich wieder und wieder. Kunststück, Schummelei.

Mit einem eleganten Schlenker umfahre ich grade noch die entgegenkommende knusprigbraune Joggerin, die Seekuhsuche hatte mich abgelenkt, nicht nachmachen, Kinder. Gefährlich! Ich erreiche das Festland, schwenke nach rechts, an der geschmacklosen zehnmeterhohen Doisneaufotoskulptur vorbei und am botanischen Garten. Der Asphalt glüht, die Palmenwedel hängen so nutz- wie regungslos am Strunk, und ich bin froh über die leichte Kleidung, die ich trage, Shorts und T-Shirt, Flip-Flops, belüftet vom Fahrtwind.

Nochmal rechts abgebogen, auf den Tamiami Trail, vor hundert Jahren die einzige Strasse an Floridas Westküste, heute Highway Nummer 41, und offenbar noch immer einzige Strasse. Alle Autos der näheren Umgebung haben sich hier zum gemeinsamen Glühen und Schmurgeln versammelt, Sattelschlepper dröhnen, Sportwagen brummen, nach zwei Blocks wird es mir zu unangenehm und ich wechsle auf den breiten und menschenleeren Gehsteig. Noch vier oder fünf Blocks sind es bis zu Kinko’s, die Posterrolle auf meinen Rücken, jetzt noch leer, wird sich dort mit Papier füllen, und die letzte Hürde vor Konferenzbeginn genommen sein. Missmutig denke ich an die sechs Stunden bei den inkompetenten Posterdruckern in Berkeley zurück, die mir diese Radfahrt in die Senge eingebrockt haben.

Ein lautes Zischen werde ich erst später mich erinnern in diesem Moment gehört zu haben, denn jetzt bin ich erstmal damit beschäftigt, den Lenker hilflos hier- und dorthin zu drehen, das Vorderrad rutscht mir seitlich weg, und keine Steuerbewegung vermag das zu ändern, aus voller Fahrt kippe ich seitwärts, ein lustiges Heimvideo wäre das sicherlich. Die Luft ist raus, begreife ich jetzt im Fallen, wie kann das aber sein, so plötzlich, severe tire damage, es war aber keine Schnappdornreifenfalle zu sehen gewesen, und rutsche, schräg, den rechten Fuss nach unten gedreht, unters Vorderrad. Das, über einen aus Sattel, Rahmen und Vordergabel gebildeten Hebel, seinerseits von meinem Körpergewicht hinabgedrückt wird. Ursache, Wirkung, Fuss, Knie und Shorts scheuern über Asphaltpapier grober Körnung, dann liege ich still am Boden, für einen Moment, und spüre nicht mehr seine Hitze oder Schmerz, denn erstaunte Ruhe füllt mich einen Moment lang aus bis in den hintersten Winkel der vertrockneten Oberstube.

In wenigen Minuten wird das anders sein, wenn ich barfuss und blutbeinig die fehlenden zwei Blocks zu Kinkos humple, vor den Temperaturen ins kunstrasengleiche Floridagras ausweichend, wo immer es geht, jetzt aber klaube ich erstmal die Posterrolle auf und haue dem Rad erbost und saftig eine in die Speichen. Der dummen Sau.

Thursday, March 30th, 2006

do itashimashite

considering

So wie ferne Stürme über dem Pazifik im Beringmeer komplexe Wellenfronten erzeugen, die beim Strandspaziergang mitunter rasche Sprints erforderlich machen, um den plötzlich auflaufenden Riesenwellen trockenen, und vor allem warmen, Fusses zu entgehen, so steigt und fällt unerklärlich der Eichhornpegel rund um den gefallenen Eukalyptusstamm, um den wir füttern. In einem Moment tummeln sich zwölf der Tiere und balgen lautstark um die besten Futterplätze, dann wieder verschwinden sie unerklärlich allesamt minutenlang. Vermutlich machen sie anderswo ihr Hornding, füttern die Brut oder arbeiten an der Übernahme der Weltherrschaft qua Niedlichkeit.

Im Augenblick ist grade wieder Hörnchenebbe, nur noch eins sitzt auf dem Baum und nagt an einer halben Walnuss. Eine mittelalte Japanerin, eine Mutter, die ihre studierende Tochter besucht, nähert sich uns, während die Tochter die Szene aus sicherer Entfernung beobachtet, nestelt an der Digitalkamera und spricht das verbliebene Tier auf Japanisch an, bittet es um ein bisschen Geduld. Das Tier versteht aber kein Japanisch, und ist im selben Moment mit der Nuss fertig und hüpft davon, als die Kamera einsatzbereit ist. Ohh, macht die Japanerin ein wenig enttäuscht, aber schon reiche ich der Fressmaschine eine neue Nuss, und das Foto kann gemacht werden. Thank You, sagt die Japanerin artig, und Do Itashimashite, erwidere ich ebenso artig, keine Ursache, das Sprachenlernen soll ja schliesslich einen Sinn gehabt haben. Die Japanerin verzieht keine Miene, dreht sofort wortlos ab, geht zurück zur Tochter, spricht ein paar Worte, die Tochter blickt in unsere Richtung, dann verschwinden beide. Die Hörnchenflut läuft unterdessen wieder auf, und der Nussausschank floriert.

Friday, March 17th, 2006

Staubmilbe gesucht

Sodbrennen kennt ja jeder, hier in den USA zumal. Etliche Regalmeter in den konkurrierenden Drogeriemarktmolochfilialen Walgreens, Long’s, Elephant Pharmacy und Walmart sind mit Antacidtabletten, -pasten, -pülverchen vollgestellt, der lustigen Rechtslage im Medikamentenwesen wegen meist mit einem Markenprodukt und der Hauskopie direkt daneben. Die Hauskopie ist von schlichtem Design, ein paar Dollar billiger als die Markenware und fordert den Käufer unweigerlich an prominenter Stelle dazu auf, die Inhaltssangaben mit der des Markenproduktes zu vergleichen. Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins. Aber auch ohne diese Produktverdopplung herrscht eine irrwitzige Auswahl and Säurepuffern und -blockern, Kalziumkarbonatkautabletten mit Fruchtgeschmack, Wasserstoffionenpumpenhemmer. Es muss dies ein Aspekt der Freiheit sein, die die Terroristen in solch wilden Aufruhr versetzt.

Ich fühle mich in diesen Säuremittelbasen zuhause und verstanden, denn wie ich anlässlich einer traumatischen Schlauchverschluckung erfuhr, ist mein Speiseröhrenschliessmuskel zu schwach für den Job, aber leider unkündbar, und nun schwappt regelmässig die Magensäure nach oben und beisst mit kleinen Zähnen in empfindliches Gewebe. So weit, so gewöhnlich.

Oft aber geht mein Sodbrennen einher mit dumpfem Schmerz in einem fünfmarkstückgrossen Fleck an der Aussenseite meines rechten Handgelenks, und das fasziniert mich. Eine vage Forstellung von Nervenkonvergenz machte mich glauben, dass das ein ein Schmerzsignal aus meinem Getriebe ist, das übers Handgelenkkabel an den falschen Schmerzempfinder geleitet wird. Aber der Arzt, dem ich die Theorie vortrug, winkte nur abschätzig und ein bisschen verlegen ab. Quatsch. Seitdem versuche ich, Karten von dieser Nervenkonvergenz zu finden, bislang mit einer drolligen Kombination aus wenig Einsatz und wenig Erfolg. Wahlweise nähme ich auch einen Beleg dafür, dass diese Nervenverwirrung von Person zu Person verschieden ist, und es also bei Hinz ein Leberleiden signalisiert, wenn der grosse Zeh ziept, bei Kunz hingegen einen Milzdefekt.

Ich gebe die Wissenslücke hier mal zu Protokoll. Vielleicht kommt eine Staubmilbe und schliesst sie.

Friday, March 17th, 2006

damals und heute

sokuto meets gedan barai

Seit Wochen bin ich in Sorge, letzte Woche gar ging ich gar nicht erst, und fühlte mich wie ein Drückeberger deshalb, obwohl es auch andere Gründe gab, ich musste eine Programmierarbeit erledigen und hatte grade als der Zeitpunkt naherückte eine schöne Idee, obendrein leitet Mittwochs Judy das Training, und unter ihrer Führung wird selten eine elegante Einheit draus, und oft Ausdauerbelastung bis an die Grenze. Vor allem aber hat Judy Mittwoch vor drei Wochen gefragt, ob ich nicht das Aufwärmen leiten wolle. Schockschwerenot. Ich kniff, und der andere Braungurt musste stattdessen ran, und wurde prompt vom Gastsensei in den Senkel gestellt, wegen angeblich mangelnden Enthusiasmus und nicht ausreichender Führungsqualität. Fünf Minuten Strafpredigt. Seitdem ist mir ein wenig angst und ziemlich bang.

Vor einigen Jahren, die Geschichte erzählte derselbe Gastsensei bei anderer Gelegenheit wie die Kriegsschnurre, die sie ja auch war, waren die Sitten im UC Karateklub noch martialischer, die Disziplin schärfer und kleine pelzige Wesen noch richtige Kampfratten aus dem Abwasserrohr. Damals wurden drei Braungurte ermahnt, sich auf die Übernahme der Aufwärmleitung vorzubereiten. Wer einen Fehler in Abfolge oder Anzahl der Turntanzschritte mache, werde Liegestützen bis zum Ende der normalerweise knapp eine halbe Stunde dauernden Trainings machen. Brian, auf Exempelpirsch, wählte den Braungurt, bei dem er eines Versagens sicher war, und tatsächlich geschah ein Versehen. Leider schon während der ersten Übungen. Für den Übeltäter folgte eine halbe Stunde Liegestütze in der Ecke und, zwei Wochen fiebrige Krankheit und Muskelpein wegen Vollverausgabung. Gute alte Zeit.

Nun steht Judy wieder vor mir und fragt “do you want to lead warmups?” Zwanzig Sekunden lang ringe ich erbärmlich mit mir, “you don’t have to” sagt sie, und das gibt den Ausschlag. Wenn ich nicht muss, dann muss ich natürlich, es ist wie bei Kindern und dem Klo, nur ganz anders. Am Ende habe ich mich halbwegs durch die Affäre gerettet, zweimal angehalten und nachgefragt und ungefähr ein Viertel weggelassen. Liegestützen setyt es trotzdem keine. Gepriesen sei der Zivilisationsprozess.

Sunday, March 12th, 2006

Fisch her, das ist ein Überfall

all your base are belongs to me
(Abbildung ähnlich)

Die Waschmaschine müsste jetzt, daran erinnert mich das penetrante Pfeifen des Herdes, genauer: das penetrante Pfeifen der in den Herd eingebauten Stoppuhr, die Karate-Gis ausreichend durchgewalkt und somit fürs maschinelle Anpusten im Anpuster vorbereitet haben. Ich verlasse daher die Wohnung, die Tür lasse ich keck angelehnt, steige zwo Stockwerke bergab in die kalifornsiche Kälte – es schneite gestern tatsächlich in San Franzisko. Ein Riss quasi im Weltgefüge -, zerre dicken, weissen Baumwollstoff aus der einen Maschine, stopfe ihn in die andere, reihe noch sechs Quarterdollarmünzen in den vorgesehen Schlitzen auf dem Geldeinwurfschlitten auf, schiebe den Schlitten ein (es rastet und rasselt) und drücke den Knopf. Der Anpuster beginnt, die Wäsche im Kreis zu drehen und anzupusten. Ich gehe wieder rauf und schliesse die Tür. Und als ich nun durchs Wohnzimmer gehe, kommt mir jemand entgegen. Das ist sonderbar, weil ich doch alleine zu Hause bin, und unpraktisch, weil die Kampfrüstung jetzt im Anpuster kreist, statt meinen Bierbauch in eine tödliche Kampfmaschine zu kaschieren. Macht aber nichts, denn mir kommt wieder erwarten kein Übeltäter, Gauner oder Halunke entgegen, sondern eine Katze. Also letztlich natürlich doch ein Halunke, aber anders.
Auch das ist sonderbar, denn wir haben ja gar keine Katze, aber wie ich schnell herausfinde sieht die Katze das anders. Vor ein paar Tagen haben wir den Fehler gemacht, auf ihr exzessives Katzengejammer erst mit Reinlassen und dann mit Fisch zu reagieren; jetzt also lässt das Tier sich schon selbst rein, bald wird es dann vermutlich auch die Fischdose selber öffnen. Vorerst geht das aber nicht, denn wir haben keinen Fisch mehr im Haus. Die Katze frass ihn auf. Nach fünf Minuten maunzen und durch die Wohnung paradieren sieht das Tier das dann auch ein und trollt sich. Ist ja grade nochmal gutgegangen.

Wednesday, March 8th, 2006

Nahrungsballs Abenteuer

Die Musik rappelt aus den Ohrkappen, vermutlich sehe ich aus wie ein Idiot damit, aber andererseits wohl kaum mehr als ohne, und dafür aber wie ein besser unterhaltener Idiot. Deal. Zwischen dem Sportgebäude und der Tiefgarage verläuft der Weg, entlang der ich mein frischverputztes Mittagessen nach Hause führe, aber grade jetzt führt er obendrein über gut vier Dutzend Männer und Frauen in Unterhemden, Tarnhosen und Fleckmützen weg. Beziehungsweise natürlich unter ihnen durch. Jedenfalls aber, das muss auch ein mittelalter Bartträger einsehen, der sich mit seinem Dreirad und den Einkäufen in des Dreirades Gepäckkorb mutig in die strammstehende Armee gewagt hat, führt der Weg nicht hindurch. Dreirad und Fahrer sind rettungslos zwischen dem Soldatennachwuchs verkeilt, es geht weder vor noch zurück. In Soldatengesichtern rührt sich kein Muskel. Schlaff hangen Flaggen vom Gestänge. Ich schlängle mich zwischen erstaunlich rundlichen und spannungslosen Leibern hindurch, und trage den Nahrungsball unter meinem Herzen weiter hügelan, als durch das Eelsgeschlängel plötzlich harsches Geschrei dringt. Ich erwürge den Ipod, drehe mich um, und sehe die Exerzizien in zwo Regimenter zerfallen, in Formation und Unterhemd heranjoggen, um dann in Fünfergruppen, unter “One, two, three, four”-Gebell des Fünfergruppeführenden, ins Sportgebäude einzurücken. Oder einzumarschieren, oder was. “Na, sage ich zum Nahrungsball, “da hast Du ja noch was erlebt”, gebe dem Ipod einen Reaktivierungsknuff und fahre mit der Verdauung fort.