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Friday, October 13th, 2006

Glasrosen

Im Hinterhof der Bar steht eine Skulptur, ein fein gearbeiteter Rosenstock aus Metall, die Blütenblätter aus Milchglas, LEDs im Blütenkern, die sich aus Solarzellen auf den Blättern speisen. Kein Tisch ist frei und wir stehen neben der Skulptur, unterhalten uns und berühren gedankenverloren die dünnen Rosenblätter, fühlen die gezähnten Blattränder, die Kühle des Glases.

Excuse me, sagt eine Stimme, dreimal, ehe wir begreifen, dass wir gemeint sind, do you go to museums? fährt er fort, rotblonde Locken am Kneipentisch, als wir uns umwenden. Wir sind überrascht, yes, sagt Kieu, and do you, fragt er triumphierend, seine Falle zugeschnappt, touch the art there? Mit selbstzufriedenem Lächeln und ohne ein weiteres Wort dreht er sich zurück zu seiner Begleitung, aus dem dreifach ungläubigen Blick.

Friday, October 13th, 2006

Cocktail

Ich zögere kurz an der Schwelle, ein Reflex, aber es ist ein Tanzkurs im Raum und keine Verbeugung ist nötig. Zwischen den Paaren hindurch gehe ich zum Schrank, die Blechtür ist blockiert von der offenen Tür eines anderen Schrankes, der im rechten Winkel zu unserem steht, und in dem die Stereoanlage steht. Ich schliesse die Tür halb, öffne unsere – der Schlüssel klemmt ein wenig, ich rüttle sacht im Takt der Musik – und lege die Tüte mit den T-Shirts neben die Kampfübungsgeräte. Auf dem Rückweg durch die wie für ein Date angezogenen und nun wie erhitzte Gasmoleküle durcheinanderdriftenden Paare rieche ich eine Mischung aller gebräuchlichen, preiswerten Parfums und Aftershaves, eine Tanzschulensinfonie, die mich einen Moment lang in eine unangenehme Vergangenheit katapultiert. Direkt ausserhalb des Eingangs steht ein geölter Blondkopf im Sakko und beobachtet die Tänzer. Ich passiere ihn und greife mir den Rucksack mit dem verschwitzten Gi darin.

Thursday, October 12th, 2006

Informationsbehandlungsbedarf

Vor ein paar Jahren, bei einer Lesung in einer Tübinger Buchhandlung, geschah etwas in meinem Kopf. Es mag ein Drogenflashback gewesen sein, denn damals probierte ich so verschiedenes aus, vielleicht war es eine Kombination von Müdigkeit und Hunger, vielleicht eine exotische Migräneaura: sekundenlang zerfiel meine visuelle Welt in Einzelteile. Statt der Pulikumsköpfe vor einer Bücherwand sah ich nichts als farbige Flecken, ein strukturloses Chaos, unter dem ich zwar noch die physikalische Wirklichkeit erahnte, aber ich bezweifle stark, dass das lange angehalten hätte. Ohne das komplex regelhafte Sortierwerk in unseren Köpfen gibt wenig von dem, was uns als vermeintliche Information erreicht, Sinn.

Vor ein paar Wochen kauften wir Fische, einen Tetra und drei Tigerbarben, und setzten sie ins Aquarium, das seit zwei Wochen auf neue Bewohner wartete, nachdem die Goldfische unerklärlich gestorben waren. Den Fischen gefiels, wir kümmerten uns um anderes, zeigten besuchenden Freunden stolz die Geschöpfe, nur um buchstäblich Sekunden nach dem Abschied der Beobachter auch selbst mal hinzugucken. Alle vier Fische waren grau angelaufen, die Schleimschicht über den Augen verdickt und trüb. Wir rätselten über die Ursache, entschieden schliesslich auf Stress, und akzeptierten achselzuckend, dass ohnehin nichts getan werden konnte. Gingen ins Kino, und fanden tote Fische vor. Am nächsten Tag und mittels eines Wassertestkits klärte sich das Unglück, der pH-Wert des Wassers war ins Essigsaure abgestürzt, wir hatten lebende Fische in saurer Lake eingelegt. Noch auf dem Weg ins Kino hatte ich Zweifel gehabt, ob ein Wasserwechsel eher schaden oder nützen würde und mich für Untätigkeit entschieden.

Heute nun fand ich meinen Freund Ken Loach verendet unterm Nachbarsschreibtisch. Er hat sich wohl in der Nacht über die Aquariumskante in den trockenen Tod gestürzt. Das Aquarium, ein kleines Acrylding mit Plastikdeckel, war zwar verschlossen, der Deckel aber sass nicht fest, weil der Plastikschlauch, aus dem sich der Sprudelstein speiste, sonst eingeklemmt worden wäre. Der Fisch muss den schweren, aber nur lose sitzenden Deckel bei einem Sprung angehoben und sich durch die Ritze gezwängt haben. Mehrfach schon hatte ich ihn springen sehen, Teil entweder seines Verhaltens, oder Anzeichen dafür, dass ihm das Becken zu klein wurde, und mehrfach hatte ich mich besorgt gefragt, ob der Deckel auch fest genug schliesse.

Erkenne ich ein Muster? Das überlege ich mir morgen.

Friday, September 22nd, 2006

Gavin Hood – Tsotsi (1)

tsotsi_l200601180921.jpg Not knowing much about the conditions in the south african townships, this beautiful movie left me with the feeling of having been there, and a deep sympathy for its deeply troubled protagonist. While the story is troubling and uplifting at the same time, the cinematography is gorgeous, and the desert townships with the downtown areas as a backdrop are weirder than anything out of dystopian scifi could have been thirty years ago.

An interesting little thing happened when I watched the alternative endings. They not only felt worse than the actual ending, which leaves you hanging, but it felt wrong to have these alternate versions at all. Since the whole movie looked so real (even though the story is more like a grim fairytale, of course), it felt wrong to be able to see different versions of this reality.

Thursday, September 21st, 2006

William Gibson – Virtual Light (2)

gibson light.jpg I am not a fan of Gibson’s – or indeed any of the cyberpunk writers’ – plotlines. I find the constructions they come up with to throw the little guy into the arena of big corporations and social and economic powers of great thrust hard to swallow, and the conclusions shallow. On the other hand, the intricacies of the worlds created are meticulously worked out, and just for imagining the community of people dwelling on the abandoned structure of the west span of the Oakland Bay Bridge this is well worth reading. The characters are memorable, and the ideas have enough Gibson cool to make the ultimate shallowness of it all less of an issue.

clarke_songs.jpg This is horrible. Not because it is just obviously bad, for it isn’t. The science is as solidly done as you’d expect of Clarke, and the outline of the story sort of makes sense, if you buy that we can predict novae from looking at neutrinos. But the details all are oh, so wrong. All the mistakes that give science fiction a bad name are here, in a thickly layered mistake cake, with an extra topping of whipped mistake cream. Things that we should understand from what we witness we are told in the abstract, dialogue stilts around just to get information to us, instead of of its own merit, characters psychology makes no sense whatsoever, the underlying wordview is deeply technocratic and single minded – he creates a utopian society of love and respect that sounds like a hippie teenager’s wet dream by having past artistic output censored and culture start from a carefully prepared blank slate. That notion alone already has so many things wrong with it, I won’t count. Bah.

Friday, September 15th, 2006

Naihanchi

Naihanchi

Die Hände vor der Hüfte sanft gebunden,
Die Füsse parallel ruhn Seit an Seit,
Dann heben sich die Arme, nicht zu weit,
Und haben sich umkreisend neu gefunden.

Die leere Fläche kehrt sich, die erst aussen lag,
Und suchend schweift ein wacher Blick umher,
Sekundenlang bewegt sich gar nichts mehr,
Und schliesslich wie ein Blitz ein Schlag,

Ein Greifen nach dem Feindeshaupte,
Das auf den Knochen hin, der nun im Kreise schnellt,
Sich zubewegt; ihn trifft; ein Gegner fällt,
Und der, der gegenüber sich im Vorteil glaubte,

Sieht sich blockiert, verdrängt, gefasst,
In einer Querbewegung wird er vorgeschoben,
halb täuscht die Finte einen Schlag nach oben
an, und schon bekommt er ihn verpasst.

Die Arme schützen nun, doch ungebeten,
naht abermals Gefahr: bedroht den Fuss,
der weichend eilig aufwärts streben muss,
um unvermindert hart herabzutreten.

Der Kopf eilt dann sofort zur raschen Wende,
erneut bedroht ein Tritt das eigne Knie,
Das Füsschen schnellt empor und tritt das Vieh,
Ein Doppelschlag.setzt dann dem Kampf ein Ende.

Zuletzt, damit die Haltung nicht erweiche,
geschieht in umgekehrter Richtung dann das Gleiche.

Friday, September 15th, 2006

James McTeigue – V for Vendetta (1)

v_for_vendetta_erased_info_2.jpg Finally, the non-sucking sequel to the Matrix. While V is still wordy and rich in pseudophilobabble, it is mostly stylish and ironic enough to get away with it. Weaving and Portman both are excellent, him being all the more impressive for doing it all from under a cheesy mask. A comic book version of political discourse still, at least this impromptu is enjoyable to watch and visually pleasing.

Wednesday, September 13th, 2006

Ken Loach (Abendgedicht)

Ken Loach (Abendgedicht)

Toblers zugeeignet

Als Echo das von weissen Wänden wiederhallt,
Verklingt vom Golden Gate das Licht;
Wo Kies am Wassergrund auf Kiesel prallt,
Liegt stumm und regungslos ein Fischgesicht.

Das Auge streng, ein Punkt der seine Welt begründet,
Den Mund umgeben Fäden, deren Sinn ihn zieht.
Bewegter Schatten auf dem Glas, und er verschwindet
In seiner Burg, aus deren Tor er wachsam sieht.

Den roten Schwanz im Dunkel seiner Stätte
stets unter Spannung und zum Schub bereit,
erwartet er sein letztes Mahl zur Nacht,

Man fragt sich müde: Wäre er befreit –
Ob er wohl Kraft zum eignen Leben hätte,
Und ob man selbst es sei, der ihn darum gebracht.

Tuesday, August 22nd, 2006

Fischtäube

Die Bar heisst Thalassa, das Bier, auf das ich warte, Death and Taxes, und das Stück ist die Bohemian Rhapsody. Die Musik ist deutlich zu laut eingestellt, vermutlich um den Absatz von Tod und Steuern anzukurbeln, und der Bass wummert in meiner Magengrube, während ich auf mein Bier warte. Hinter der Bar, im Zweimeterabstand, sind kleine Aquarien, die sich ins maritime Designthema fügen, und die vor ein paar Wochen noch leer waren. Jetzt schwimmen tropische Zierfische in jedem einzelnen, und wiegen sich leise im Rhythmus der Schallwellen.