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Canada



Saturday, March 11th, 2000

Leere

Es ist dunkel wie es nur nachts dunkel ist, die Straße leer wie nur Straßen leer sein können. Auch diese autofreie, abgaslose Leere erinnert entfernt (mahnend gar?) an die Abend-, Nachtstunden geschäftiger Tage. Es gibt da wenig Zweifel: es muß wirklich Nacht sein. Alles wäre nun gut, wäre da nicht die kleine Blaskapelle, die munter blasend die leere, dunkle Straße entlangmarschiert. Und natürlich der Trommler der Kapelle, der trommelnd den Rhythmus vorgibt, nach dem sie alle, Marionetten der Nacht, die Beine heben und die Wangen blähen. Bald sind sie verschwunden, noch leise hallt der Ton der Trompete zäh in der Stille, dann ist wirklich Nacht.

Friday, March 10th, 2000

Naivité, Egalité

Wenn man die euklidische Ebene durch den Mittelpunkt einer daraufliegenden Kugel auf deren Oberfläche projiziert, dann entspricht einem Punkt ein Paar von Punkten. Dann entspricht einer Linie ein Großkreis. Und der Line im Unendlichen entspricht der Äquator dieser Kugel, ein Großkreis wie alle anderen also. Ordnet man nun aber jedem Punkt stattdessen den Großkreis zu, der zwischen den beiden Bildpunkten verläft, und jeder Linie das Paar von Punkten, das am weitesten vom Großkreis entfernt ist, und projiziert dann zurück, so erhält man, was Hofstadter eukliduale Geometrie nennt. Weil es das duale Bild der euklidischen ist. Sagt er. Und weil das alles so kompliziert und er bei diesem fünften Vortrag in Toronto schon recht müde ist, verliert er den Faden gleich ein paarmal. Euklidisch können zwei Punkte auf derselben Seite einer Linie oder auf verschiedenen liegen. Euklidual also müssen zwei Linien auf derselben oder verschiedenen Seiten eines Punktes liegen können. Beim Versuch, das zu verstehen, springt das Publikum dem Vortragenden helfend bei.
Das merkwürdige Ende: ein Zuhörer erwähnt, daß was Hofstadter als seine Entdeckung vorführte, spezialisierten Mathematikern bekannt ist seit langem. Wann ist es sinnvoll, ein Laie zu sein? Welche Fragen stellt man besser naiv? Vielleicht genau diese beiden, aber was ist die Antwort?

Thursday, March 9th, 2000

Blah blah blah, analogisch

Nicht nur das Experiment fällt schon wieder aus, sondern auch weil sich herausstellt, daß die Daten aus den bisherigen drei Durchgängen unbrauchbar sind. Ehe wir nicht wissen, woran das liegt, können wir nicht weitermachen. Der gute Teil der schlechten Nachricht freilich: Douglas Hofstadter ist zu Besuch in Toronto, und hält einen ganzen Haufen Vorträge. Einen vor einem winzigen Publikum (niemand erfuhr offenbar davon oder interessiert sich für rekursive diskrete Folgen, die sich chaotisch gebärden und sterben) und einem in einem überfüllten Hörsaal der Physik-Abteilung. Hier führt Hofstadter im Detail aus, warum er glaubt, daß die gesamte Physik auf Analogien und analogischem Denken beruht, und hier eröffnet er denselben Vortrag mit dem gezeichneten Ablauf eines physikalischen Seminars. Ein Witz zu Beginn, eine klare Beschreibung des Problems, blah blah blah, eine Analogie, die mit einer sofortigen Entschuldigung gegeben wird, blah blah blah, Schlußsätze. Das, sagt Hofstadter, sei sein Eröffnungswitz gewesen. Und gleichzeitig hat es genau gestimmt. Form und Inhalt saßen im Zuschauerraum, um von ihrem Meister noch was zu lernen.

Wednesday, March 8th, 2000

Nacht, draussen

Ich erinnere mich wieder, als wäre es gestern gewesen: Da stehe ich, im Wohnzimmer. Soeben habe ich den Teller mit dem Katzentrockenfutter auf die Terrasse gestellt, nun bereite ich, mit Buch, Keksen und Ginger Ale, das lange Warten auf den nächtlichen Gast vor. Der, da bin ich sicher, mir heute nicht entgehen wird. Noch einmal kontrolliere ich durch die Scheibe, ob der gerade abgestellte Teller gut zu sehen und weit genug von der Tür entfernt ist. Ich habe ihn neben die kleine Lache gestellt, und richtig, da ist der dunkle Fleck auf dem Holz, doch daneben: kein Teller. Sekundenlang starre ich ratlos, bis die schummrige Szene sich auflöst und richtig übersetzt wird. Der Fleck besteht aus einem Lachen-, einem Teller- und einem Waschbärteil. Rocky ist, keine zwei Minuten nach dessen Eröffnung, am Buffet erschienen und bedient sich.
Als ich die Tür öffne, zieht er sich einige Meter zurück, aber nicht für lange. Vorsichtig setze ich mich auf den Boden, während es vom Teller her schmatzt. Der Autofocus beleuchtet die Spitznase, ein paar Haare zucken. Es blitzt, und wieder weicht er zurück. Kommt wieder. Es blitzt erneut. Den Waschbären, er kennt’s ja nun, kümmerts wenig. Später allerdings, als ich die unterdessen auf der Suche nach ihrer Post erschienene Vormieterin von der Terrasse geleite (sie fürchtet eine Rackuhnattacke aus dem Hinterhalt) sitzt man unter des Nachbarn Bank und faucht entnervt, als man sich entdeckt weiß. Groß starren die Nachtaugen, funkeln die Sterne darüber, unnahbar und bunt.

Tuesday, March 7th, 2000

Rackuhnpose, möglichweise

Der zweite Versuch endet mit einem klaren Punktsieg für die Gegenpartei. Während eine gewaltige Küchenschabe aus dem Weltraum Tommy Lee Jones und Will Smith auf dem Bildschirm in Atem hält, verputzte – ich nehme an in aller Seelenruhe und ohne sich beobachtet zu fühlen – der Gast vom Vortag das Katztenfutter, das ich nach draußen gestellt hatte. Oder aber es war ein vermaledeites Katzenvieh, das dergestalt als Rackuhn nur posierte. Aber welche Katze frißt freiwillig Katzentrockenfutter von fremden Balkonen? Eben.

Monday, March 6th, 2000

Bagel Fort

Der Tag hat grade begonnen, und ich sitze im Halbdunkel des Wohnzimmers und schaue fern. Die Katze dagegen, zweitbeste Freundin des Menschen, schaut Terrasse, melancholisch, weil sie nicht rausdarf. Ein Aufschrei. Ein Fauchen, das Tier bringt Töne hervor, die ich noch nie gehört habe. Ein Maunzen und Wimmern. Nur halb noch hängt sie vom Fensterbrett, mit den Vorderpfoten klammernd. Und wimmert weiter. Schließlich springt sie herunter und äugt aus sicherer Entfernung Richtung Terrassentür. Ich schalte das Außenlicht an, natürlich ist nichts zu sehen. Die Katze nämlich spinnt wohl.
Beruhigend rede ich auf das Nervenbündel ein, und habe es fast beruhigt, als es wieder zerbündelt starrt. Diesmal auf einen Punkt etwa einen halben Meter hinter der Tür, draußen. Ich beuge mich vor, um besser durch die Scheibe sehen zu können, und da ist er und starrt zurück. Große Augen in einem spitzen Gesicht, unbeeindruckt und gelassen. Wir mustern uns einige Sekunden, dann packt mich die Begeisterung. Während ich durch die Wohnung hüpfe, um einen harten Bagel und die Kamera zu holen, hüpft das Nachtgespenst seinerseits aufs Fensterbrett. Keinen halben Meter von mir entfernt sitzt es, als es blitzt. Auch das kümmert es nicht. Aber kaum habe ich die Scheibe geöffnet, geht Rocky auf Sicherheitsabstand, und als ich den Bagel hinauswerfe, wankt er gemächlich aber zielstrebig zur Feuertreppe und steigt unbestechlich ab.
Über die Dachkante sehe ich ihn ein Stockwerk tiefer, meine Lockgeräusche und Brotwürfe sind interessant für einen Moment, dann doch zu langweilig. Er trabt davon.
In der Wohnung beobachtet die winzige Hauskatze, wie ich den Bagel auf der Terrasse drapiere und maunzt protestierend: Bringt Gefahr ins Haus!
Am Morgen: Bagel fort.

Sunday, March 5th, 2000

Demo der Lüfte

Die Möven sind zurückgekehrt! Kreischend zirkeln sie auf Futtersuche über der Kreuzung Spadina und College. Wenigstens nehme ich an, daß sie kreischen. Hören kann ich es nicht, weil ein loser Demonstrationszug, der Möve gleich, vorüberkreischt oder -skandiert. Verstehen kann ich nichts, denn alles, Kreischen und Transparente, sind in einwandfreiem Fachchinesisch. Oder sogar richtigem, der Laie tut sich mit der Unterscheidung oft schwerer als nötig. Schon ist der Umzug jedoch vorüber, und zurück bleiben die Möven, die kreischend über der Straße zirkeln, wie eine kleine Vogeldemonstration aus besseren Tagen oder China. Frühling oder Freiheit liegen in der Luft, oder der Duft des kreischenden Großstadtkreisverkehrs.

Friday, March 3rd, 2000

Kugel rollt

Die Kugel rollt, wenn auch langsam, so doch unaufhaltsam gradewegs und wie präzis gezielt an allen fünf Kegeln vorbei. Schon lange bevor sie das tun wird, sehe ich, daß da nichts mehr zu machen ist; es hilft, allen Kegelsitten zum Trotz, da kein Wedeln, noch Fuchteln oder Beschwören mehr. Und schon gar nicht das “Kosmosbowling – nur Freitags und Samstags und nur hier”-Banner, das sinnlos über den äußerst gewöhnlichen Bahnen hängt und kaum sacht vibriert, wenn die Kugeln unter ihm vorbeitorkeln. Diesmal gelingt mir das präzise Umnieten des mittleren Kegels, ein Kunststück, das erfahrenen Keglern nur selten unterläuft. Es erlischt das Licht. Schwarzlicht greift in den Schummer und läßt die Bälle leuchten und glühen. Pink und Punk, Lila und lall. Alles schwindelt. Dann setzt laut Diskomusik ein. Die Schritte werden wacklig. Meine Kugel fliegt, umkreist zweimal den Saturn, setzt zur Landung an und mäht im Vorüberflug alle fünf Kegel auf der Nachbarbahn um. Oder zumindest einen auf meiner. Armselige Leuchtpunkte zittern über die Decke und Wände. Kosmosbowling tritt Hintern!

Wednesday, March 1st, 2000

In weitem Kino so nah

Der Angestellte ist im Kinokomplex mit sich alleine. AMC 30 heißt der Komplex, wohl weil sich im Durchschnitt nicht mehr als dreißig Besucher jeden Wochentag in der gespenstischen Anlage aus den Augen verlieren. Aber das Management schläft nicht: um den Betrieb anzukurbeln, gibt es nicht nur Dienstags und für nachweisliche Studenten ermäßigten Eintritt, sondern auch Mittwochs kostenloses Popkorn. Mit einwandfreiem DillGurken oder Ranch-Toppingpulver obendrein. Trotzdem ist in den teppichgepolsterten Hallen niemand zu sehen. Schwarz gähnen die Eingänge zu den Sälen. Leider hat jemand aus unserer Gruppe den Popkorngutschein nicht bekommen, reklamieren zwecklos, strengen Sie sich gar nicht erst an. Aber, so die leichtfertige Denke der Geisterkinogäste: statt einem medium popcorn, wie wäre es denn mit zwei smallen? Wegen besserem Teilungsvermögen? Nein, sagt der Kinokomplexangestellte. Das geht nicht. Warum? Weil. Leer sind die Hallen des AMC 30, und genaugenommen hätte es vielleicht sogar AMC 25 heißen müssen an diesem Mittwoch.

Friday, February 25th, 2000

Injection of Honesty

Bequem sitze ich im neuerdings aufgeräumten Wohnraum und gucke fern. Ministerin Sheila Copps darf sich zum Plan äußern, Toronto die Olympischen Spiele 2008 zuzuschlagen. Doping darf nicht vorkommen, sagt der Moderator. Die Spiele, sagt Frau Copps, “need a injection of honesty and truth”. Frau Copps ist häufig Gegenstand der Texte in Frank, dem kanadischen Satiremagazin. Ich lache noch, als ich die Dose mit leckerem Tangerinensaft aufmache und einen Schluck trinke. YEOW! Was für eine Ekelbrühe. Erst nachdem ich mir den Mund ausgespült habe, entdecke ich, daß es Konzentrat ist. Vierfach verdünnen, steht auf der Dose. Das alles rast in Sekundenschnelle vor meinem inneren Auge vorbei, während ich vor dem Regal stehe. Ach was, denke ich. Ich bin doch nicht doof. Und kaufe die Dose.