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Canada



Tuesday, November 21st, 2000

Satz

Langsame Verschiebung von Rot nach Gelb und Ocker, die Beine nicht mehr ganz so weit gespreizt. Ruhigere Bewegungen. Das Kind vor uns, zu dick, verwöhnt und gelangweilt und von der gutmütigen und selbst gelangweilten Großmutter kaum in Schach zu halten (nicht daß sie sich bemühte), gibt das Ergebnis minutenlangen Nachdenkens laut bekannt: that must be spring. Und es schneit in meinen Gedanken. Jetzt einen Eiswürfel zur Hand, dem lauten, dummen Balg in den Kragen gesteckt und den Affentanz genossen, das Kreischen, das Geschrei. Stattdessen ignoriere ichs, gucke nach vorne, wo der erste Satz von Vivaldis Herbst so richtig beginnt und die anderen tanzen, die in den Kostümen, die ohne Eiswürfel, die Langweiligen.

Monday, November 20th, 2000

Zugvögeln

Die Meinungsverschiedenheiten mit den Untoten sind glücklich beigelegt, die entweihten Kirchen gesäubert und die Monster in die Dunkelheit zurück gejagt – genau der richtige Moment, um durch dieselbe nach Hause zu gehen. Im rot glimmenden Dom über der Stadt blinzeln die Sterne, der Halbmond liegt – Winter naht, und grimmig kalt – auf der Seite und fern auf der leeren Straße rumpelt, unhörbar fast, eine Straßenbahn. Ein erstaunliches Detail der verderbten Welt Diablos ist, daß trotz aller Belanglosigkeit des Erlebten, trotz der Einfachheit der Handlung, eine gewisse trancegleiche Vogelgezwitscher. Es dauert einen Moment, in der kalten Nacht, bis sich aus der Atemwolke vor meinem Gesicht die Gewißheit kristallisiert: ich höre, leise, vielstimmig, Vogelgezwitscher. Wer zwei Ohren hat, der höre woher. Langsam und vorsichtig nähere ich mich der dunklen Baumreihe. Einige, selbst im Halbdunkel der beleuchteten Straße gelbstrahlende Blätter hängen noch an den Zweigen. Und dazwischen, darüber, darunter, schlafen Dutzende von Staren, einige zwitschern leise im Traum. Einer hat mich bemerkt, ich stehe starr, Unruhe breitet sich aus, während leise Warnlaute gezwitscht werden. Langsam ziehe ich mich zurück, und die Vogelschar beruhigt sich wieder (woher weiß ich Mensch, wann ein Star zufrieden im Schlaf zwitscht und wann empöt gestört? Ich weiß es einfach). Spüren die Stare daß es Zeit wäre, gewandert zu sein? Vermissen sie ihr europäisches Zugvögeln? Erinnern sich ihre Gene? Fragen zur falschen Zeit, denn nachts schlafen die Stare doch.

Tuesday, November 7th, 2000

Gefälle

Etwa 20 Grad Temperaturgefälle, über den Daumen, hat der Amerikaner zwischen seine Urlaubsstadt und den Innenraum eines ihrer Supermärkte hineingebaut, und man fragt sich, fröstelnd, weshalb. Dann tritt man ans Tiefkühlregal, die Temperatur fällt noch einmal um 5 Grad, und die Frage verliert ihren Sinn. Es gibt keinen Grund, außer der simplen Rechnung, die die Außenwelt mit dem Fehlen von Zivilisation gleichsetzt und durch Regulierung gegensteuert. Die Natur ist warm? Dann soll es hier drin kalt sein. Man steigt in ein Taxi, ein Hotel, einen Supermarkt. Kalt ist es überall. Im Fahrzeug die Lüftung einzuschalten ist immer ein Kompromiß: die Luft wird besser, aber es wird kalt. Anders geht es nicht.

Saturday, November 4th, 2000

Luftgetrocknet

Ich gewöhne mich nicht daran: kaum durch die Schiebetür gegangen haut mich der feuchte Hitzehammer auf den Kopf. Über meinem Kopf, im schwitzenden Himmel von Louisiana schlängelt sich, enorm breit und hoch, der Highway an den Mississippi heran, von dem hinter dem Konferenzzentrum ein turmhoher Dampferschornstein kündet. Die palmenbestandene Straße entlang soll es ein Restaurant geben, mit Gumbo, Jambalaya und Alligatorsuppe, allem was das Cajun-Herz begehrt. Nicht weit, will das Gerücht, gleich am Ende des Zentrums.
Wir machen uns auf den Weg, Sonne und Dampf dünsten uns, das Atmen fällt schwer. Die Fassade zieht zäh an uns vorbei, nach einem Kilometer wären wir unruhig geworden, hinderte nicht die Hitze an jeder heftigen Regung. Nach eineinhalb Kilometern nimmt das infernalische Gebäude doch noch ein Ende, keinen hätte es gewundert, hätte es einmal um unsere schöne Erde gereicht und einmal zurück, mit einem Gewirr von Konferenzen auf der ganzen Länge, und einem endlosen tropischen Sommertag vor den Türen.
Den Rückweg legen wir im Inneren zurück, unterkühlt, aber luftgetrocknet.

Friday, November 3rd, 2000

Ein Deutscher nicht

Das würde ein Deutscher nicht tun, sagt der Mann hinter dem Tresen, und er sagt es auf Deutsch. Ratlos halte ich ihm trotzdem den VISA waiver hin, auf dem ich mich – was kann man um 6 Uhr morgens erwarten – verschrieben habe. Den neuen Vordruck fülle ich mustergültig aus, doch, ach, ich weiß nicht, in welchem Hotel wir absteigen. Auf Bourbon Street halt. Das reicht nicht! Grimmig guckt der Grenzer, nächstesmal schlägt, sagen seine Augen, Onkel Sam zu, und ticktack tackert er dann doch noch die grüne Pappe in den Paß. Ich darf ins gelobte Land. Später stelle ich fest, daß das Stück Karton oben übersteht. Warum steht es oben so weit über? Damit man es besser sehen kann.
Auf dem Flughafen in St. Louis dann sehen wir viele dicke Menschen, die zufrieden durch die gekühlten Gänge kugeln, ein munteres Treiben. Mittendrin ein gläserner Käfig, in dem enggepackt Raucher stehen und rauchen. Bitte nicht füttern denkt man, egal wo man hinschaut, hier in Amerika.

Friday, September 15th, 2000

Morgen schon

Das Gepäck läßt wie üblich auf sich warten, und weil jeder der erste sein will und den geringsten Raum zwischen sich und dem langen Kofferband haben, ist kein Durchkommen und kaum zu sehen, was da an austauschbaren Businessgepäckstücken durchrutscht. Kein Grund, mehr als nötig hinzustarren.
Die Gepäckwagen werden gegen einen Loonie an einer Edelstahltheke ausgegeben, ein Rad ist in der Theke gefangen. Die Eindollarmünze trägt keinen Premierminister, keinen Franzjosefstrauss, sondern die common loon im Profil. Der Amerikaner sagt schneidig buck, der Kanadier schnucklig Loonie. So ist das eben. Noch kein Koffer.
Wenn wenig Gepäckwagen an der Theke stehen, kann man sie vorwärts und rückwärts verschieben, ein Stopper an der einen und der Ausgabeautomat an der anderen Seite verhindern jedoch ein Entnehmen. Außer man wirft einen Loonie ein. Koffer: Fehlanzeige.
Eine alte Dame, zittrig und gebeugt, möchte einen der Wagen. Schiebt ihn nach hinten. Der Wagen stöß an den Stopper. Bleibt stehen. Sie sinniert einige Sekunden (mehr Samsonites, einer wie der andere), schiebt den Wagen in die andere Richtung. Hier blockiert der Mechanismus. Weiteres Sinnieren.
Unterdessen hat eine weitere alte Dame sich daran gemacht, die Beschriftung des Automaten zu enträtseln (ungefähr zehn blumenbedruckte billige Stoffkoffer werden von einer ungefähr zwanzigköpfigen Familie auf mehrere Gepäckwagen verteilt. Die Nadelstreifen und ihre Hartschalen schieben sich unterdessen durch den Zoll. Der Kofferstrom wird dünner), sie drückt den Geldrückgabeknopf. Kein Gepäckwagen erscheint. Während neben ihr, zunehmend empört, die Wagendame rüttelt und zerrt, kramt die Automatendame in ihrem Täschchen. Sie fischt einen Loonie, wirft ihn ein – die Wagendame bekommt den Wagen frei, wähnt sich endlich erfolgreich und führt die Beute davon, die Automatendame steht ratlos vorm Automaten, wartet auf etwas und weiß nicht worauf. Ich dagegen weiß worauf ich warte, und erfahre schon eine halbe Stunde später von einem unmotivierten Radebrecher im Kostüm, daß mein Koffer grade über den Atlantik reist und bald schon ausgeliefert wird. Morgen schon vielleicht.

Monday, May 1st, 2000

Im Gange

Die Dummen werden nicht weniger, nur müder werden sie. Heute nacht hat jemand hier in der Abteilung sich aus seinem Büro ausgesperrt, nicht schwer mit den selbstschließenden Türen. Leider war offenbar sein Wohnungsschlüssel am Büroschlüsselbund, der im Büro lag – Schlüsselnotstand. Da es nun aber schon 2 Uhr am Morgen war, war guter Rat teuer. Das Gebäude auf der Suche nach Nachtlager verlassen? Und also ganz ausgesperrt sein? Der besemmelte Forscher entschloß sich, in der Cafeteria zu übernachten, auf vier zusammengerückten Stühlen unter grellem Neonlicht. Die Jacke überm Gesicht erstickte mehr als sie verdunkelte. Träge tropfte doch der Morgen heran, der Forscheresel trabte durchs Gebäude, hoffte auf ein Wunder, und traf einen Hausmeister, der – widerstrebend zunächst, nach kurzem Bericht der Lage aber (my god!) mitfühlend – den Raum entriegelte. Why, so fragt der Meister den Esel, didn’t you call campus police? They have keys. Tja why, dachte der Forscher im übermüdeten Köpflein und zerstreut, aber nun war’s zu spät. Geschichten wie diese hört man mitunter, wenn die Hausmeister gesprächig sind, stelle ich mir vor. Oder man erlebt sie gleich selber, dann weiß mans aus erster Hand.

Friday, April 28th, 2000

Kreuznägel

Wie Sterne funkeln, hoch über und vor mir, entfernte Lichtpunkte. Die Luft ist stickig. Noch Minuten vorher fuhr ich in der Straßenbahn auf der Suche nach den Maple Leaf Gardens (vage erinnerte ich mich an eine Parkanlage) an manchem Bankturm und sogar der Reichsschrifttumskammer vorbei. Der Park fiel immer weiter zurück, denn dort war es finster und leer gewesen. Nichts passenderes aber tauchte auf, und so stieg ich endlich aus, zu Fuß die Straße zurück, immer auf der Suche nach dem Maple Leaf Garden, der Blauen Blume dieses langen Freitags, die Trent Reznor und seine Krachmacher zum Blühen bringen sollten. Und ich brauchte sie dazu nur zu finden. Die Blume.
Wieder erreiche ich, diesmal zu Fuß, die Parkanlage. Eine Gewächshauskuppel wölbt sich, mit Glühbirnen geschmückt und angerostet, groß, aber nicht groß genug, um ein Hockeystadion zu fassen. Ratlos stehe ich auf dem Asphalt, Yonge Street und bekanntes Terrain schon im Blick. Kein Rasenstück mehr zu sehen, kein Garden weit und breit. Wieder fällt mein Blick auf die scheußliche Fassade der Reichsschrifttumskammer, kantiger Stein ragt eckig, aber: auf den quadrigen Steinrippen steht nicht Reich und nicht Schrifttum. Auf den Rippen steht “Maple Leaf Gardens” und jetzt muß ich aber doch, Dunkelheit herrscht ja längst, lachen.
“Tickets”, sagt ein Langhaariger verschwörerisch vor dem Eingang, ich bin viel zu spät, macht aber nix, schon für 75 Dollar gibt er mir sein letztes. Bestes auch. 40? Auch gut. Drinnen Lärm, Lichtschau und der eingangs erwähnte Feuerzeugsee in den Rängen, kitschige Sterne am Himmel der Reichsschrifttumskammer.

Friday, April 28th, 2000

For Want of a Bleistift

Die letzte Nacht schlägt mir aggressiv die Blutproteine um die Ohren, die bis kurz vor eins auswendiggelernten, und ein leichtes Keuchen belegt die Lunge. Der Tag hat grade gegraut, und ich stapfe tapfer zum medical sciences building, Bleistift und Radiergummi für die große Abfrage einzusacken. Am Platz lese ich erst noch die Mails, denn es soll ja direkt nach dem Exam gleich noch ein Experiment stattfinden. Tapfer dann stapfe ich weiter in den warmen Frühlingsmorgen. Wo aber sind die Bleistifte? Im Büro. Und wo der Schlüssel zum Büro? Im Büro. Im leeren Büro, denn es ist ja noch nicht Tag. Man soll schlafende Hunde halt nicht zu früh wecken, sonst werden sie vom wilden Affen gebissen. Und müssen drei Stunden lang in geistiger Umnachtung wirrere Fragen beantworten als je jemand zuvor.

Wednesday, April 26th, 2000

Pfotenwirbel

Das Eichhorn gräbt, und emsig. Beidpfotig schiebt es mit Eichhorngewalt den Grashalmdschungel beiseite, es zuckt wachsam der Schwanz. Jetzt greift es mit den Zähnen tief ins Erdreich, ruckelt, zerrt. Und läßt ein letztes Mal die Pfoten wirbeln. Zähne schnappen, ein Ruck und die Erdnuß ist aus dem Winterversteck ans Frühlingslicht gezogen. Nie werde ich erfahren, wie dem über den Winter gekommenen Eichhorn seine Nuß schmeckte. Vermutlich aber sehr gut.