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Canada



Monday, March 4th, 2002

Vom Baum

Das Eichhorn hüpft vom Baum als es mich über die Schneefläche kommen sieht. Aus den Augenwinkel bemerke ich, daß es mir folgt, ich werde langsamer und drehe mich um, es schaut mich an, einen halben Meter ist es noch weg, dann sieht es ein, daß ich kein Futter bringe, vielleicht hat es das an meiner Haarfarbe erkannt, und läuft in eine zufällige Richtung davon. Vor mir steht eine Gruppe von Sportstudenten mit ihrem Trainer, zumindest denke ich das der Geräusche wegen, die der Trainer macht, bis mir klar wird, daß Winter herrscht, bis ich die vier riesigen Lafetten sehe, die in meine Richtung zeigen, dunkelgrün sind sie, bis ich sehe, daß der Trainer ein Barett trägt, bis ich sehe, daß das grüne Armeetransporter stehen, bis ich die Straßensperren sehe und die dunkelblauen Polizisten mit den blauen Hüten. Kurz bleibe ich stehen, denke an Hollywood und Bruce Willis, während ich die vier Kanonen betrachte. Dann gehe ich zur Arbeit. Ich höre keine Schüsse, obwohl ich den ganzen Tag darauf warte.

Monday, March 4th, 2002

Beobachtet

Die Fotos vom Siegestaumel sind verwackelt, auf allen ist die Ahornflagge im Bild, auf allen mehrfach. Winzige Eiskristalle hängen in der Luft, werden mir ins Gesicht geweht. Gestern nacht war es mild, jetzt merke ich, daß mir seit Minuten bitter kalt ist, vor allem an den Händen ist mir kalt. Mit tauben Fingern versuche ich, die Fotos in die Papiertüte zurückzustecken, sie klemmen, der Kälteschmerz wird stärker, die Bilder entgleiten mir und fallen zu Boden. Ein Eichhorn sieht vom vereisten Gras aus zu, sein Schwanz zuckt nervös. Es dauert Minuten, ehe meine Hände wieder warm werden.

Tuesday, February 26th, 2002

Drei alte Männer

Drei alte Männer sitzen an einem Tisch. Der linke hält den Kopf schräg, vielleicht nur ein Tick, vielleicht ein Symptom. Willard van Orman Quine. Der rechte spricht leise und sieht aus wie ein verschmitzter Derrick. Peter Strawson. Er denke also, fragt der Moderator, daß formale Sprachen ein Spezialfall der natürlichen seien und eine schlechte Annäherung. Der mittlere wiegt bedächtig das Haupt. Donald Davidson. Die Stimmen werden vom Fernsehgerät verzerrt und hallen hohl von den hohen Wänden des Raumes. Studenten liegen auf den Möbeln verteilt, zwischen ihnen Donuts. Draußen wirft jemand einen schweren Ball – Basketball? – gegen eine Mauer, das Geräusch des rhythmischen Aufpralls begleitet die Antwort.

Sunday, February 24th, 2002

Gold! Gold! Gold!

Wenn fünfzig Jahre Zurückgesetztwerden und ein Minderwertigkeitskomplex majestätischer Größe in sich zusammenfallen, dann wird es laut. Berliner wissen, wie laut, aber auch in Toronto, ohne Betrunkene, ist der Lärm beträchtlich. Seit Stunden laufen und fahren die Begeisterten Hockeyfreunde Yonge Street auf und ab, rotweißer Stoff weht überall, die Nationalhymne wird gesungen. Die Jugend des Landes ist, für ein paar Stunden, außer sich. Canada, der kleine, rückständige und wirtschaftsschwache Blinddarm der USA, hat – gegen die USA! – die Goldmedaille gewonnen. Sie können es nicht recht glauben und schreien sich an, um sich zu erinnern. Gold. Wir. Hockey. Yeah.

In einem Schaufenster sieht man gleichzeitig die enthusiastische Menge, die Autos mit den Flaggen, die bemalten Gesichter auf der Straße, und konzentrierte Mienen im Inneren. Ein Comicladen mit Computerspielkonsolen ist das, in einer Reihe wird gesessen und gespielt und gesurft, keiner blickt auf, keiner blickt auf die Straße, aus Trotz wohl. Eine Chinesin kommt vorbei, strahlt, schreit, und wir schlagen die Hände gegeneinander.

Friday, February 15th, 2002

Abschütteln

Mein Atem kondensiert in bekannter Wolkenfahnenform und treibt im schwachen Wind davon. Der Schnee knirschte unter den Schritten, als ich zu diesen Büschen lief, aber nur unter meinen. Die Hörnchen, die sich im Balzlauf zwischen den Grabsteinen jagen, machen kein Geräusch. Blasen bilden sich am Boden, und es dampft, aber ich sehe das nicht, ich erinnere mich an den Kaktusgarten in der kalifornischen Wüste, wo die Teddybärchollas bis zum Horizont zu reichen schienen, wie hier die Obelisken und Stelen.

Dann sehe ich erstmals bewußt zu Boden, und zwischen den Nadeln liegen tausende von Erdnußschalen. Für einen kurzen Moment spüre ich die Einsamkeit des Alters, dann bin ich fertig und schüttle ab.

Thursday, January 24th, 2002

Fahrprüfung, genullt

Vom bedeckten Himmel fällt ein leichtes Geniesel. Yonge, die Straße, die nie schläft, wie die Einheimischen sagen, schläft noch. Geschlossen sind die Läden, nur an einer dunklen Boutique steht “open, come in”, es ist aber gelogen. In einem Internetcafe kann ich dann doch CD-Rohlinge kaufen. Sie kosten 2 Dollar 50.

Hofstadter schrieb einmal, um Währungen zu vergleichen reiche nicht der Wechselkurs, man müsse die Berglandschaft der Produktpreise zeichnen, einen Gipfel für Käse hätte sie hier in Kanada und einen für Alkohol und ein tiefes Tal für Gaststättenessen dazwischen. Seltsam ist diese Berglandschaft, ein Abendessen zu zweit und ein Kinobesuch danach ist genauso teuer wie zweimal beim Abbiegen das Blinken zu vergessen oder zweimal nicht die Spur zu wechseln, wo es erforderlich ist. Melancholisch bemerke ich, daß ich an anderen Tagen um diese Zeit noch im Bett läge. Seltsam, denke ich, daß zwei schöne Abende zu zweit das Doppelte kosten, alle Fehler auf einmal zu machen aber nicht. Ich höre mich das denken und weiß, ich brauche einen Kaffee.

Monday, March 19th, 2001

Nächster Halt: Pizzabäcker

Die Straßenbahn rumpelt durch die Nacht, fast leer, und trägt mich dem Kino entgegen. Eine Neuverfilmung von Dürrenmatts Das Versprechen wird es sein, mit Jack Nicholson in der Polizistenrolle, ich erinnere mich an Heinz Rühmann und das Gritli, da stoppt die Straßenbahn auf der Strecke. Der Fahrer steht auf, wir Fahrgäste gucken, er öffnet die Tür, noch immer gucken wir, und er verläß die Bahn. Wir gucken.
Man sieht ihn gemächlich über die Straße schlendern, und in einer Pizzeria verschwinden. Mitten auf der dunklen Straße steht die Straßenbahn. Gelegentlich fährt ein Auto vorbei. Ich hätte jetzt gerne ein Buch, um ungerührt weiterlesen zu können, so kann ich nur ungerührt weitergucken. Der Fahrer marschiert, sorgfältig Vor- und Nachteile diverser Pizzabeläge abwägend, vor der Pizzatheke auf und ab. Ein Älterer Herr mit grauem Spitzbart räspert sich. Ich wußte nicht, daß es Spitzbärte gibt in Kanada, aber überrascht bin ich auch nicht.
Der Fahrer ist nun nicht mehr zu sehen, nur noch seine Beine sieht man durchs Fenster, zwei Säulen vor der Kasse, unbewegt. Dann aber kommt er doch wieder heraus, in Begleitung eines befreundeten Pizzabäckers. Beide besteigen die Straßenbahn, der Fahrer setzt, Spitzbart räspert sich. Der Pizzabäcker wird, derweil die Bahn wieder weiterrumpelt, von einem unscheinbaren Fahrgast in eine Diskussion verwickelt. Er sei also Koch. Backe? Ob er da auch Wasser backe? Der Pizzabäcker bereut sein Einsteigen, der Fahrgast lacht, abgehackt und zu laut, während ich versuche, es nicht zu tun. Das Kino ist erreicht, die Bahn verschwindet um eine Biegung, hinterläßt eine Erinnerung.

Friday, December 1st, 2000

In Gummihose

Mehrfach wurde es betont, deutlich ausgesprochen und markig mit den Armen gewedelt dazu, denn einen Chor aus hundert lauten Akademikern überzeugt nicht leicht, wer ein dünnes Stimmchen und eine schmächtige Figur hat. Mich jedoch, den Sänger mit dem ritterlich für die Schwachen und Benachteiligten schlagenden Rinderherzen, erreicht die Botschaft sofort: dress rehearsal ist am Freitag vor dem Konzert, schwarze Hose, weißes Hemd, Krawatte gilt es zu bedenken. Kommt alle!
Weder weißes Hemd noch Krawatte freilich zieren den Schrank eines echten Rinds, und so kommt es, daß ich zwei Stunden vorm Genralmanöver, weit vom Saal entfernt, ein Päckchen in Empfang nehme, müde bin ich, aber was da drin ist, weiß ich gleich: ein Hemd ist drin, und zwo Krawatten.
Zwei Stunden später weiß ich nicht nur, was im Päckchen drin, sondern auch wo das Päckchen selbst ist: just nämlich wo ich es in Empfang nahm, müde und zerstreut hinlegte und liegenließ. Zerknirscht binde ich die Ersazkrawatte vors grüne Jeanshemd, sehe mich als grellen Farbklecks in indignierter Sängermeute, grünes Hemd, roter Kopf und schief gebundner Binder, die dicke Dirigentin zeigt mit dem Finger, alle lachen. Da lassen mich meine Hosenträger im Stich, das Beinkleid sinkt, und ich stehe da, in rot gepunkteten Gummiunterhosen, prall gefüllten obendrein, weil Peinlichkeiten die sexuellen Stromkreise in meinem Zwischenhirn auf Kurzschluß polen. Wir Wissenschaftler nennen dergleichen eine positive Rückkopplung.
So male ich mir den Verlauf des Abends in bunten Farben aus, betrete den Singsaal, und bin der einzige mit Binder weit und breit. Und hier im Saal sowieso. Kein weißes Hemd. Dress rehearsal, so erfahre ich, ist nur so eine Redensart. Und auf kleine Menschen, die wedeln und Unsinn reden, achtet in diesem schönen Land kein Mensch. Da hätte ich mir die Gummihose auch sparen können.

Sunday, November 26th, 2000

Variable Buchsenzahl

Wie sagt man einem Chinesen auf Englisch, daß man auf der Suche nach zweiadriger Litze ist? In der Manier der alten Meisterforscher gehe ich das schwierige Problem streng wissenschaftlich an. Ich kann bereits ausschließen, daß man nach wire, electrical wire oder power cord zu fragen hat. Und ich bin mir fast sicher, daß es im chinesischen kein Wort, womöglich nicht einmal einen Begriff für das gesuchte gibt. Dünne, stromleitende Kabel. Darauf können nur die Langnasen kommen. Wer braucht sowas, wenn er goldlackierte Glückskatzen haben kann, in jeder erdenklichen Größe?
Für alle Zwecke, für die Glückskatzen sich nicht eignen, verwendet der Chinese Verlängerungskabel. Soweit das Ergebnis meiner Studien. Verlängerungskabel gibt es in allen Längen, Farben und Geschmacksrichtungen. Sogar mit variabler Buchsenzahl. Zum fünftenmal stelle ich das fest, während ich das Werkzeugregal abschreite. Kabelbinder, Audiokabel, Schraubzwingen, Steckschlüssel, Imbusschlüssel. Keine Litze. Und über allem dröhnt ein Radio. Kurz gebe ich die Suche auf, höre hin. Eine Studie, sagt der Moderator, habe kürzlich ergeben, daß die moderne Umwelt zu laut sei. Zu viele Geräsche dringen auf den Zivilisationsmenschen und ihren Mann ein und verwirren ihn. Oder sie. Zum Beispiel Verkehrslärm, Baustellen oder Musik im Aufzug. Wir spielen jetzt den berühmtesten ungarischen Tanz von Brahms. Ich staune ergeben, greife mir einen Chinesen und versuche es ein letztes Mal. Small electrical wire? Like this? Er zeigt mir zweiadrige Litze. Als ich nicke, huscht er davon, ein kleiner Chinese durch den großen Laden, ganz nach hinten, ins Eck, wo sie gut versteckt und sorgsam aufgerollt aufs Abschneiden wartet. Zwei Meter nehme ich, und während sie zurechtgezwickt wird, die Litze, höre ich von fern aus dem Laden den ungarischen Tanz Nummer vier und fühle mich zivilisiert wie selten.

Thursday, November 23rd, 2000

Das Baumeln der Tasche

Die gewaschenen Kleider in der Tasche und auf dem Rücken, das angepeilte Essen schon vor Augen, marschiere ich zügig durch die zugigen Straßen von Kensington Market, denn es ist finster und kalt. Ein einzelnes Häuschen hat sich bunt geschmückt mit kleinen Lichterchen, zwei Bäumchen davor verbreiten sachte die Verkleinerungsform einer Weihnachtsstimmung.
Aus den Augenwinkeln bemerke ich im Vorgarten zu meinen Füßen eine Bewegung, ein zerrupfter Hund schlurft vom Haus her, setzt sich auf den Plattenweg und beginnt das Strullen. Auf dem Weg? denke ich, geschickt die Realität hinterfragend. Darf der Hund denn dies? Der Hund wittert die Kritik und knurrt verhalten, läßt es jedoch gleich wieder bleiben. Pullern und Knurren zugleich, das ist zuviel auf einmal fürs Hundehirn. Es konzentriert sich das Tier.
Fasziniert beobachte ich das Schauspiel animalischer Überforderung. Ein Schlag ins Gesicht, einer auf den Kopf. Ich bücke mich im Reflex, weiche weiteren Zweigen aus, stolpere über den Bordstein und wedle graziös mit der Kleidertasche. Die frisch gewaschenen Hemden fallen nicht heraus. Lautes Gebell setzt ein, denn der beste Freund des Menschen hat den Kopf wieder frei für seinen Lieblingssport. Das Baumeln der Tasche verebbt wie das Gebell verhallt, während ich zügiger weitergehe, den kalten Wind um die Nase und das Essen vor Augen. Beides gleichzeitig, denn wir Menschen können sowas.