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Monday, February 21st, 2000

Überhang

Der Weg zum Automaten ist kurz, aber kürzer noch ist die Liste der Waren darin. Ungern entscheide ich mich zwischen Chips und Twix für ein Snickers, nur einen Twoonie führe ich mit, und bekomme zwei Quarter zurück (Übungsaufgabe für den Leser: wieviel wog das Snickers?). Da bemerke ich eine überhängende Snacktüte. Jemand hatte gewählt, die Spirale den Industriefraß aber nicht weit genug herausgedreht. Jetzt konnte ein anderer zwei Tüten zum Preis von einer bekommen. Und dieser Andere würde ich sein! Mit nicht übertriebener Eile ging ich die Treppe wieder hinauf um meine Geldbörse zu holen. Es war später Abend, die Cafeteria leer. Das war sie auch noch Minuten später. Die Überhangtüte freilich war verschwunden. Auch Hausgeister haben Hunger. Oder vielleicht sogar grade die.

Sunday, February 20th, 2000

Vom Abbiegen auf Holzplanken

Gerne liege ich, mit langsam welkender Wasserhaut, in grünlich gefärbter Badelauge und lasse die Erinnerung werkeln. War das nicht ein schöner Tag gestern? Die reizenden Erlebnisse auf der Bowlingbahn, wo wir eine Runde spielten, ehe wir bemerkten, daß die Gummirinnen an der Seite, die die Kugeln sicher an den Kegeln vorbeikugeln lassen, wenn man zu weit seitlich wirft, nicht abgesenkt sind. Wir bemerken es, weil eine Kugel, hurtig, der Schwalbe gleich, von links nach rechts im Zickzack nach vorne rast und die Kegel gnadenlos ummäht, ein gänzlich unerwünschtes Kegelkugelverhalten.
Oder zuvor, unter einem strahlendblauen Himmel mit Kunststoffbrettern an den wackelnden Füßen, im Skigebiet “Dagmar”, das wirklich so heißt. “Dagmar” enthält schöne Langlaufloipen, hübsch in die Hügellandschaft hineingewunden, und mit Rutschen, Fallen und Stöckestecken waren wir so beschäftigt, daß wir für dem Rückweg in Zeitnot gerieten. Die Dagmar-Loipenkarte, zudem, ist ein recht unlesbarer Mist. Sollten wir links abbiegen, oder rechts? Rasch war entschieden, und der Weg führte abwärts in einen Wald. Mißtrauen stünde, denke ich nachträglich und im warmen Wasser, dem Anfänger manchmal gut zu Gesicht. Die erste Kurve trug mich mit nicht unbeträchtlicher Geschwindigkeit aus sich heraus und in den Tiefschnee, der zum Glück bremste. Wie abgestellt bleibe ich im verschneiten Wald stehen, immerhin. Mühsam und schimpfend setzte ich die vermaledeiten Schieer zurück in die schmale Spur, und noch als ich wieder Schub mit den Stöcken gebe, bemerkte ich, daß der Anstieg steiler und die nächste Kurve erkennbar wurde. Und kaum war diese überstanden, fiel die Steigung auch schon ins Bodenlose. Mit aberwitziger Geschwindigkeit schoß ich auf einen Neunziggradschwenk des Weges zu. “Oh Nein! Nicht schon wieder”, konnte ich noch rufen, das Wasser plätschert unter den schwammigen Händen, dann rauschte ich, Beine voran, in einen Schneehaufen, und ein lustiges weißes Wölkchen staubte auf. Anschließend erfuhr ich, daß ich sekundenlang lachend auf dem Rücken gelegen haben soll, die Ski als einzig sichtbare Körperteile hoch in die frische Waldluft gestreckt, aber das verweise ich ins Reich wildester Fantasie.

Saturday, February 19th, 2000

Gesunder als

Das Essen in den frühen Morgenstunden schmeckt, das Restaurant ist beinahe leer. Ein Fischgericht auf einem Teller und die leckeren Schneeerbsenblätter, allesamt sind sie schon restlos verputzt. Da hören Douglas und ich eine Stimme von links, “Are you guys from germany?” Rasch entspinnt sich eine Unterhaltung mit dem seltsamen Mann mit der Mütze, der am Nebentisch auf sein Essenspaket wartet. Während er aus seiner Forschung über einen niederländischen Drucker des sechzehnten Jahrhunderts ungefragt Anekdoten ausbreitet, wird sein Mahl, in mehrere Lagen Plastik verpackt, gebracht. Zugleich uns, den einzigen anderen Kunden, ein Teller mit Orangen und Glückskeksen.
Ich breche meinen Keks auseinander, der Nebentischgast erzählt einen Schwank über den einzigen deutschen Satz, den er noch kann (“Frisches Luft ist gesunder als altes Luft”) und geht. “A thrilling time is in your immediate future”, lese ich gelangweilt, aber Douglas hat mit “You will attend a party where strange customs prevail” eine echte Weisheit erkekst. Ich beuge mich über den Tisch, um besser lesen zu können. Ein halber Keks entfällt mir. Ich suche links vom Stuhl, rechts, vor dem Stuhl. Nichts. Meine Füße, vom Beugen noch in der Luft, muß ich nun absetzen, um den Stuhl bewegen zu können. Mein schöner Keks! Langsam setze ich den linken Schuh ab, und mit dem leise knirschendem Geräusch, das der aufmerksame Leser vorhersah, endet diese nahrhafte Geschichte.

Friday, February 18th, 2000

Stöhnen

Leise zunächst strömen die Töne. Ich drehe am Aktivlautsprecherlautstärkeregler um die Lautstärke der Wiedergabe den Wahrnehmungsschwellenwerten meines Gehörs anzupassen und denke kurz an Fechners Law vom Vortag. Die wahrgenommene Lautstärke von Bachs Goldberg-Variationen ist proportional, denke ich, zum Logarithmus der Intensität durch die vergangene Zeit mal einer Konstanten. Plus irgendwas. Mittlerweile ist die Lautstärke erheblich heraufgeregelt und immer noch zu leise, vermutlich ein Konstantenfehler irgendwo in Fechners DA! Ich mache einen kleinen Satz auf meinem Plastikhochsitz und regle zügig herunter. Es fing die Aufnahme zwar leise an, aber Herr Gould macht sich ein Vergnügen aus Dynamik und Knalleffekt. Drei logarithmische Stufen in zwei Sekunden, das muß ihm jemand nachmachen.
Ich habe Hunger und gehe deswegen rasch in die zu dieser Nachtzeit natürlich eigentlich geschlossene Cafeteria. Schon habe ich einen Loonie in den Junkfoodspender geworfen, da bemerke ich zweierlei: a) hier gibt es Chips mit Dill Pickle Aroma, jubilate! cantate! und b) an der Musikwiedergabe war mehr merkwürdig als die Lautstärke. Nämlich geht c) offenbar mein CD-Player jetzt kaputt und empfängt Radiosignale – etwa aus dem d) Weltraum? Mit einer Tüte Dillpickeltschipps bewaffnet kehre ich zurück an meine Edelstahltheke und drehe vorsichtig wieder lauter. Leise im Hintergrund unterhalten sich Leute. Oder singen sie mit? Kommt es gar nicht von der CD, sondern aus der Wand? Dem Abfluß? Dem plombierten Zahn? Und dann, endlich, wird mir klar: ich höre die berühmten Gould-Geräusche. Stöhnen, Seufzen, Summen. Und alles ist Frieden. Glenn Gould stöhnt für mich, während Dill Chips bachantisch knacken. Oder jedenfalls schmecken.

Thursday, February 17th, 2000

Fechner

Dr. Ken Norwich informiert über seinen heutigen Vortrag: “This talk will consist, essentially, of a morass of unfathomable equations (some 40 of them). Although none of these equations will be derived, you will have to understand them fully in order to follow the talk. Very little effort will be extended to make this easy. Already you see that this seminar is not for you. To compensate, in part, for the discomfort of sitting through a seemingly interminable sequence of equations, you will be offered coffee and cookies. My own assessment is that the compensation is not commensurate with the discomfort. The take-home message is that Fechner’s law, as originally formulated, is incomplete. (Do you really care? Do you even remember what Fechner’s law is?) The take home thought is that in the process of sensating, the brain does not behave like a camera, which passively maps external events into corresponding cerebral events, or like a computer which produces an output corresponding to a given sensory input. Rather, the brain takes an active part in the process of sensating, and seems to be about the simplest model of itself. But do you really think I can develop ideas of this depth in 40 or 50 minutes? Be serious!”

Wednesday, February 16th, 2000

Schneewoge

Als ich das Gebäude am frühen Morgen verlasse, ist niemand zu sehen. Im frisch gefallenen Schnee, keine Spuren von menschlichem Leben wie wir es kennen. Es ist nicht besonders kalt, und der Schneefilter über der Landschaft nimmt allem die Kanten. Und fügt andererseits Wälle und Berge hinzu. Geben und Nehmen. Auch College Street ist vollkommen leutelos. Knirschend gibt der nasse Schnee unter meinen Stiefeln nach. Knirsch, knirsch. War da ein Geräusch? Wie malerisch alles wirkt, wenn.. da war ein Geräusch. Im Umdrehen sehe ich aus dem Augenwinkel eine Schneewoge vor einem Schneepflug heranwalzen, ein kleiner Pflug, weshalb er auf dem Gehweg Platz hat. Aber nicht klein genug, weswegen ich keinen mehr habe. Ich springe zur Seite, der Schnee wälzt sich über meine Schuhe. Der Fahrer schaut nicht auf. Er liest ein Buch.

Tuesday, February 15th, 2000

Huhnkampf

Tip des Sensei: begegnet dem Karateka ein Huhn, kann dasselbe jederzeit durch einen beherzten Kiai (Aaaargh!) in der Bewegung schockgefroren und anschließend bequem gepflückt und zubereitet werden. Wird der Kiai nicht korrekt ausgeführt oder ist das Ki verwelkt, lacht sich das Huhn hingegen ins Flügelchen und es gibt trocken Brot und Suppe.

Sunday, February 6th, 2000

Frisur

Die kinesische Frisiererin, die mich, dem Sonntag zum Trotz, vom Wildwuchs befreit, tut das in Unkenntnis der englischen Sprache und unter gleichzeitiger Beachtung eines chinesischen Schnulzfilmes. Mir wird lull und lall bei der Vorstellung, wie sie grade eckige chinesische Schriftzeichen in meinen armen Kopf hineinschneidet, aber es stellt sich heraus, daß der Schnitt seine zehn Dollar wert ist. Und der Film war sogar vielleicht gut.

Sunday, January 30th, 2000

Der wahre Norden

Beim Vortrag erfährt man von künstlichen Fischen, die einen armen Meermann verfolgen und aufessen wollen, vorher aber muß das Publikum die kanadische Nationalhymne singen oder es versuchen, weil der Veranstalter irgendwas mit der Regierung zu schaffen hat. Alle alten Menschen im Saal singen gerne mit. Auch ich: The True North Strong and Free. Dann muß ich lachen und kann nicht weitersingen. Die Musik ist mir ja sowieso ganz neu. Nebenbei: wußten Sie, daß diese Hymne erst 1980 zur Hymne wurde und vorher ein hundsgemeines Lied war? Macht nix. We Stand ja schließlich on Guard for Thee!