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Saturday, April 15th, 2000

Auf Chickenwings in die Nacht

Lieblich streicht die frische Abendluft um die suchend erhobenen Nasen. Ein Hauch von Hühnchen? Gefüllte Jalapenos? Mild macht sich der Frühling hier bemerkbar, dunkel zwar ist’s, der Mond scheint helle und Yonge Streets Autos rumpeln rauschend vorbei, aber wer die Augen schließt, kann glauben, in einem lauschigen Wäldchen zu sitzen. Aber wer die Augen schließt, verpaß freilich andrerseits den aufgedonnerten Transvestiten, der die Chickenwingkneipe verläßt und die Straße hinabmarschiert, und wer will das schon. Das Schild über dem Eingang kündigt Naked Brunch an, ob frivoles Essen oder eine Musikgruppe gemeint sind, ist nicht zu sagen, aber letztlich in dieser Abendstimmung auch komplett wurscht. Auf Chickenwings fliege ich später in die Nacht, den dicken runden Mond über dem dicken runden Bauch.

Tuesday, April 11th, 2000

Die Nacht

Es ist die Nacht vor dem Vortrag, und im ganzen Gebäude bewegt sich vermutlich nichts mehr, außer meiner Maus. Die hilflos über die schlecht vorbereiten Powerpointfolien huscht, und hauptsächlich löscht. Mit jedem krächzend begonnenen Probelauf – die Stimme versagt – wird es weniger Inhalt, mit jedem Blick in die Bücher verstehe ich weniger, was den Menschen zwickt und zwackt, wenn er in die Berge steigt. Dabei muß ich das doch eine Stunde lang erklären. Vor den Fenstern dämmert der Morgen, als ich die inhaltliche Arbeit aufgebe und mich stattdessen daranmache, das Laptop vorzubereiten, mit dem ich den Vortrag projizieren will. Ich staune, als ich feststelle, daß Powerpoint nicht installiert ist, ich stöhne, als ich entdecke, daß auch keine CD vorhanden ist. Zum Glück hab ich selber eine. Ich starte die Installation. Der Sessel ist bequem, ich lehne mich zurück und bin sofort eingeschlafen. Fünf Minuten und eine Ewigkeit später ist die Installation mit einem Piepen abgebrochen. Die CD ist nicht lesbar. Eine Stunde später schleppe ich meinen PC in den Seminarraum, und mein Schwein aus dem Aloebusch starrt aus dem Bildschirmhintergrund und also auch von der Leinwand auf das wartende Publikum. Das sich nichts anmerken läßt.

Saturday, April 8th, 2000

Mama Miracoli

Pasta Pronto heißt das überteuerte Nudelgericht, das man sich in der Cafeteria des Medical Sciences Building, nach eigenem Wunsch zusammengebaut, von verschiedenen Mitarbeiterinnen vorkochen lassen kann. Seit einigen Wochen neu im Team ist eine korpulente Schwarze. Eine Negermama halt. Die leider vom Kochen etwas eigenwillige Vorstellungen hat. Eine ihrer Eskapaden lehrte mich, daß Sojasoße nicht zu italienischer Küche paßt – diesmal aber ging alles glatt und sojalos, die Gemüse brutzeln auf der Induktionsplatte, welche Soße wünsche ich? Na, eine Mischung aus Tomaten und Sahne, doch noch während sie sie über die Gemüse gießt, fällt mir auf, daß noch weder Shrimps noch Hühnchen in der Pfanne schmurgeln. Als ich vorsichtig andeute, daß ich kein vegetarisches Gericht wolle, nickt Mama Miracoli, das habe sie ja nicht gewußt, setzt eine weitere Pfanne auf, mit Öl, Shrimps, Hühnchen und, hast Du nicht gesehen, schwuppdiwupp, einer Ladung Zwiebeln. Das muß wohl so sein. Aber wenigstens den Sojasoßeneinsatz kann ich diesmal verhindern.

Thursday, April 6th, 2000

Unter der Nase

Wie häufig in letzter Zeit schiebe ich mir in der Dunkelheit der Straße eine leckere Roastbeefpita “unter der Nase durch” (Slang), mit allerlei Frischgemüse und lecker Pfeffermajonäse drin und dran. Heute wurde ich gar als praktisch regular gegrüß und bekam die letzte pita des Tages mit einigen launigen Bemerkungen ausgehändigt. Mehr Roastbeef auch als üblich. Stammkunde zu sein hat was. Denke ich bei mir während ich kraftvoll zubeißen kann, ja, sogar muß, denn mehr Roastbeef ist nicht unbedingt auch weniger zähes Roastbeef. Warum auch? Ich zerre und kaue und mahle, bis ich, aus der Dunkelheit von College Street 2 Uhr 30 in die Helligkeit von College Street 2 hundert 55 wechsle und bemerke, daß ich einen Teil des Einwickelwachspapiers mitgegessen haben muß (Wenn ich nicht annehmen will, daß es schon Bißspuren trug, als es zum Einwickeln herangezogen wurde). Schmeckt aber auch nicht übel.

Tuesday, April 4th, 2000

Gestreift

Auf Brunswick Avenue bewegt sich, schwer zu sehen im schwachen Licht vereinzelter Laternen, ein kleiner Fellberg schwankend. Nähergekommen sehe ich ihn wieder, wie er verborgen von einem Gebüsch an einer Mütonne steht, Sekunden später fällt sie scheppernd um, das Geräusch hallt laut zwischen den dunklen Häuserfronten wieder. Jetzt hat er mich bemerkt. Das maskierte Gesicht mir zugewandt macht er einen Buckel, verharrt einige Sekunden und entscheidet dann, daß ich nichts von ihm und nichts vom Müll haben mag. Dreht sich um und wackelt nach Bärenart zum nächsten Haus, zum nächsten Bären. Als ich folge, nehmen beide kurz Drohhaltung ein, gucken sich an (“nur ein doofer Mensch, was soll’s”), drehen um und verschwinden gemütlich zwischen den Häusern, die breiten Schwänze baumeln von Seite zu Seite mit jedem Schritt.
Ein paar Meter weiter huscht ein weiterer Schatten aus einer dunklen Ecke, direkt vor meinen Füßen, sieht mich, faucht. Buschig spreizt sich ein schwarz-weißer Schwanz. Erneutes Fauchen. Respektvoll (“ein Skunk! Jetzt nur nix falsch machen”) weiche ich zurück, das Tier folgt, weiterhin drohend. Kurz bevor ich die Nerven verliere, ist das Ding dann aber doch zufrieden und trollt sich. Wie ich am anderen Tag erfahre, soll nicht einmal ein Bad in Tomatensaft, die offenbar nächstliegende Lösung, helfen. Der Gestank hält ein Jahr, und die Vereinsamung hat manches Skunkopfer in die Verzweiflung getrieben. Aber schön gestreift sind se.

Monday, April 3rd, 2000

Leckend

Ein weißer Klecks. Fußspuren auf dem Asphalt, weiß auch das Profil. Eine Farbspur führt über den Gehsteig, schwankend, als hätte jemand den leckenden Farbeimer geschwenkt während des Laufens. Vor einem Laternenpfahl, eine Farbpfütze. Weiter führt die Spur. An der nächsten Straßenecke freilich – biegt sie ab nach rechts. Ich suche auf der Seitenstraße, sehe aber nichts. Etwas weiter rechts, noch auf dem Gehsteig, steht der Briefkasten, sein breites Maul noch farbverschmiert, den verdauten Vandalen – denn ich hoffe, er hat ihn gefressen – durch eine Ritze unten als zähen weißen Farbbrei wieder ausscheidend. Warf ich nicht hier hinein den Brief, mit dem ich mein Stipendium annehme? Ich warf. Aber wann? Gestern? Ich weiß es nicht mehr.

Wednesday, March 29th, 2000

Intermission

Der Film läuft seit zwei Stunden, das Kino ist fast leer. Intermission steht auf der Leinwand, ehe der Vorhang sich senkt. Irritierte Blicke werden ausgetauscht, das Licht geht an. Eine Sammlung von Material über Chomsky war das, und obwohl sie nicht ganz fertig wirkt, stehen die ersten auf und gehen. Minuten vergehen, Grüppchen um Grüppchen steht auf, schließlich folge ich, kaufe mir ein Pepsi und sehe im Programmheft nach. Ohne Hast setze ich mich wieder hin, und sehe, mit der anderen zähen Hälfte, der letzten Stunde von Manufacturing Consent entgegen. Die anderen müssen wohl ungetröstet sein.

Saturday, March 25th, 2000

Herr Tod

Herr Tod startet um neun, Herr Todgucker leider erst um zehn vor. Damit sich beide trotzdem treffen können, das hat Herr Todgucker berechnet, muß er sich eilen. Schnell also läuft er. Wo, fragt er einen Passanten, wird Herr Tod sich zeigen? Die Antwort fällt beunruhigend aus, die Entfernung ist größer als gedacht. Schneller läuft also Herr Todgucker. Der Atem wird ihm knapp, als endlich das Kino am Horizont auftaucht. Er erreicht es um 2 Minuten nach neun, schnappt nach Luft, kauft die Karte und sieht, aus dem Augenwinkel, daß Herr Tod, der armselige Verrückte, erst um viertel nach Neun mit seinem Film beginnt.

Tuesday, March 21st, 2000

Tanz, Kreis, tanz

Die Kreise tanzen. Auf den beiden Spiegeln, links groß und bleich das Rechteck eines leeren Monitors, rechts in einiger Entfernung ein weiterer bleicher Monitor. Mit einem Apfelpiepen blinkt ein Kreis auf, fast nicht zu sehen, grau auf grau. Ein weiteres Apfelpiepen begleitet einen weiteren Kreis, möglicherweise noch schlechter sichtbar. Einer der beiden, soviel ist sicher, war kein Kreis, sondern ein abnormes Zerrbild, Spottgeburt, am armen Radius sinusmoduliert bis zur abstoßenden Eckigkeit. Aber andererseits nicht genug, um erkennbar zu sein. Undercoverquadrat. Mir schwirrt der Kopf, der Finger ruht über der Ziffer eins. Oder war doch der zweite der Freak? Lichter tanzen vor meinen Augen, es ist fast fünf. Bin ich wirklich seit 10 Uhr mit Kreisgucken beschäftigt? Oder gab es eine Mittagspause und Essen? Das wievielte Kreispaar ist das? Das fünfhundertste? Nein, eher das tausendvierhundertste, das letzte, der Finger immer noch über der eins, senkt sich, eins ist raus. Jeden Tag gehen merkwürdige Dinge vor, überall. Millionen von Menschen und ihre Kreise, sie alle tanzen vor meinen Augen, kaum sichtbar.

Monday, March 20th, 2000

Topfbepflanzt

Ich bin 15 Minuten zu früh und hebe nach erfolglosem Klopfen den Briefschlitz an. Dahinter sehe ich einen Katzenbehälter aus Plastik. Douglas hat keine Katze. Falsches Stockwerk also. Leider habe ich keine Möglichkeit, das elektronische Bewohnerverzeichnis zu nutzen, weil das elektronische Bewohnerverzeichnis defekt ist. Natürlich hängt auch nirgendwo ein Papiernes. Wozu brauchte man sonst auch ein Elektronisches? Ich fahre vier Stockwerke nach unten, Klopfen, Briefschlitz. Wieder falsch. Fahre zwei Stockwerke nach oben. Diesmal bin ich richtig, 16. Stock, aber zu Hause ist trotzdem niemand. Ich fahre zurück ins Erdgeschoß, um in der topfbepflanzten Lobby auf einem geblümten Sofa zu warten, die Aufzüge im Blick. Nach einer Viertelstunde, in der die dicke Hauswartsfrau mehrfach mißtrauisch um die Ecke späht, sich schließlich ein Herz faßt und mich, nur damit sie’s weiß, fragt, ob ich auf wen warte (“Yes” – zufriedenes Nicken), kommt mir der Verdacht, daß Douglas in einem der anderen Aufzüge aufwärts fuhr, während ich nebenan abwärts.
Ich fahre wieder hinauf. Klopfen. Nichts. Wieder ab zum Sofa, ich überprüfe im Aussteigen, wo die anderen Aufzüge sind. Einer steht im 16. Stock. Ich drehe die Augen nach oben und fahre ihnen hinterher, dem Ende entgegen.