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Saturday, November 4th, 2000

Luftgetrocknet

Ich gewöhne mich nicht daran: kaum durch die Schiebetür gegangen haut mich der feuchte Hitzehammer auf den Kopf. Über meinem Kopf, im schwitzenden Himmel von Louisiana schlängelt sich, enorm breit und hoch, der Highway an den Mississippi heran, von dem hinter dem Konferenzzentrum ein turmhoher Dampferschornstein kündet. Die palmenbestandene Straße entlang soll es ein Restaurant geben, mit Gumbo, Jambalaya und Alligatorsuppe, allem was das Cajun-Herz begehrt. Nicht weit, will das Gerücht, gleich am Ende des Zentrums.
Wir machen uns auf den Weg, Sonne und Dampf dünsten uns, das Atmen fällt schwer. Die Fassade zieht zäh an uns vorbei, nach einem Kilometer wären wir unruhig geworden, hinderte nicht die Hitze an jeder heftigen Regung. Nach eineinhalb Kilometern nimmt das infernalische Gebäude doch noch ein Ende, keinen hätte es gewundert, hätte es einmal um unsere schöne Erde gereicht und einmal zurück, mit einem Gewirr von Konferenzen auf der ganzen Länge, und einem endlosen tropischen Sommertag vor den Türen.
Den Rückweg legen wir im Inneren zurück, unterkühlt, aber luftgetrocknet.

Friday, November 3rd, 2000

Ein Deutscher nicht

Das würde ein Deutscher nicht tun, sagt der Mann hinter dem Tresen, und er sagt es auf Deutsch. Ratlos halte ich ihm trotzdem den VISA waiver hin, auf dem ich mich – was kann man um 6 Uhr morgens erwarten – verschrieben habe. Den neuen Vordruck fülle ich mustergültig aus, doch, ach, ich weiß nicht, in welchem Hotel wir absteigen. Auf Bourbon Street halt. Das reicht nicht! Grimmig guckt der Grenzer, nächstesmal schlägt, sagen seine Augen, Onkel Sam zu, und ticktack tackert er dann doch noch die grüne Pappe in den Paß. Ich darf ins gelobte Land. Später stelle ich fest, daß das Stück Karton oben übersteht. Warum steht es oben so weit über? Damit man es besser sehen kann.
Auf dem Flughafen in St. Louis dann sehen wir viele dicke Menschen, die zufrieden durch die gekühlten Gänge kugeln, ein munteres Treiben. Mittendrin ein gläserner Käfig, in dem enggepackt Raucher stehen und rauchen. Bitte nicht füttern denkt man, egal wo man hinschaut, hier in Amerika.

Friday, September 15th, 2000

Morgen schon

Das Gepäck läßt wie üblich auf sich warten, und weil jeder der erste sein will und den geringsten Raum zwischen sich und dem langen Kofferband haben, ist kein Durchkommen und kaum zu sehen, was da an austauschbaren Businessgepäckstücken durchrutscht. Kein Grund, mehr als nötig hinzustarren.
Die Gepäckwagen werden gegen einen Loonie an einer Edelstahltheke ausgegeben, ein Rad ist in der Theke gefangen. Die Eindollarmünze trägt keinen Premierminister, keinen Franzjosefstrauss, sondern die common loon im Profil. Der Amerikaner sagt schneidig buck, der Kanadier schnucklig Loonie. So ist das eben. Noch kein Koffer.
Wenn wenig Gepäckwagen an der Theke stehen, kann man sie vorwärts und rückwärts verschieben, ein Stopper an der einen und der Ausgabeautomat an der anderen Seite verhindern jedoch ein Entnehmen. Außer man wirft einen Loonie ein. Koffer: Fehlanzeige.
Eine alte Dame, zittrig und gebeugt, möchte einen der Wagen. Schiebt ihn nach hinten. Der Wagen stöß an den Stopper. Bleibt stehen. Sie sinniert einige Sekunden (mehr Samsonites, einer wie der andere), schiebt den Wagen in die andere Richtung. Hier blockiert der Mechanismus. Weiteres Sinnieren.
Unterdessen hat eine weitere alte Dame sich daran gemacht, die Beschriftung des Automaten zu enträtseln (ungefähr zehn blumenbedruckte billige Stoffkoffer werden von einer ungefähr zwanzigköpfigen Familie auf mehrere Gepäckwagen verteilt. Die Nadelstreifen und ihre Hartschalen schieben sich unterdessen durch den Zoll. Der Kofferstrom wird dünner), sie drückt den Geldrückgabeknopf. Kein Gepäckwagen erscheint. Während neben ihr, zunehmend empört, die Wagendame rüttelt und zerrt, kramt die Automatendame in ihrem Täschchen. Sie fischt einen Loonie, wirft ihn ein – die Wagendame bekommt den Wagen frei, wähnt sich endlich erfolgreich und führt die Beute davon, die Automatendame steht ratlos vorm Automaten, wartet auf etwas und weiß nicht worauf. Ich dagegen weiß worauf ich warte, und erfahre schon eine halbe Stunde später von einem unmotivierten Radebrecher im Kostüm, daß mein Koffer grade über den Atlantik reist und bald schon ausgeliefert wird. Morgen schon vielleicht.

Monday, May 1st, 2000

Im Gange

Die Dummen werden nicht weniger, nur müder werden sie. Heute nacht hat jemand hier in der Abteilung sich aus seinem Büro ausgesperrt, nicht schwer mit den selbstschließenden Türen. Leider war offenbar sein Wohnungsschlüssel am Büroschlüsselbund, der im Büro lag – Schlüsselnotstand. Da es nun aber schon 2 Uhr am Morgen war, war guter Rat teuer. Das Gebäude auf der Suche nach Nachtlager verlassen? Und also ganz ausgesperrt sein? Der besemmelte Forscher entschloß sich, in der Cafeteria zu übernachten, auf vier zusammengerückten Stühlen unter grellem Neonlicht. Die Jacke überm Gesicht erstickte mehr als sie verdunkelte. Träge tropfte doch der Morgen heran, der Forscheresel trabte durchs Gebäude, hoffte auf ein Wunder, und traf einen Hausmeister, der – widerstrebend zunächst, nach kurzem Bericht der Lage aber (my god!) mitfühlend – den Raum entriegelte. Why, so fragt der Meister den Esel, didn’t you call campus police? They have keys. Tja why, dachte der Forscher im übermüdeten Köpflein und zerstreut, aber nun war’s zu spät. Geschichten wie diese hört man mitunter, wenn die Hausmeister gesprächig sind, stelle ich mir vor. Oder man erlebt sie gleich selber, dann weiß mans aus erster Hand.

Friday, April 28th, 2000

Kreuznägel

Wie Sterne funkeln, hoch über und vor mir, entfernte Lichtpunkte. Die Luft ist stickig. Noch Minuten vorher fuhr ich in der Straßenbahn auf der Suche nach den Maple Leaf Gardens (vage erinnerte ich mich an eine Parkanlage) an manchem Bankturm und sogar der Reichsschrifttumskammer vorbei. Der Park fiel immer weiter zurück, denn dort war es finster und leer gewesen. Nichts passenderes aber tauchte auf, und so stieg ich endlich aus, zu Fuß die Straße zurück, immer auf der Suche nach dem Maple Leaf Garden, der Blauen Blume dieses langen Freitags, die Trent Reznor und seine Krachmacher zum Blühen bringen sollten. Und ich brauchte sie dazu nur zu finden. Die Blume.
Wieder erreiche ich, diesmal zu Fuß, die Parkanlage. Eine Gewächshauskuppel wölbt sich, mit Glühbirnen geschmückt und angerostet, groß, aber nicht groß genug, um ein Hockeystadion zu fassen. Ratlos stehe ich auf dem Asphalt, Yonge Street und bekanntes Terrain schon im Blick. Kein Rasenstück mehr zu sehen, kein Garden weit und breit. Wieder fällt mein Blick auf die scheußliche Fassade der Reichsschrifttumskammer, kantiger Stein ragt eckig, aber: auf den quadrigen Steinrippen steht nicht Reich und nicht Schrifttum. Auf den Rippen steht “Maple Leaf Gardens” und jetzt muß ich aber doch, Dunkelheit herrscht ja längst, lachen.
“Tickets”, sagt ein Langhaariger verschwörerisch vor dem Eingang, ich bin viel zu spät, macht aber nix, schon für 75 Dollar gibt er mir sein letztes. Bestes auch. 40? Auch gut. Drinnen Lärm, Lichtschau und der eingangs erwähnte Feuerzeugsee in den Rängen, kitschige Sterne am Himmel der Reichsschrifttumskammer.

Friday, April 28th, 2000

For Want of a Bleistift

Die letzte Nacht schlägt mir aggressiv die Blutproteine um die Ohren, die bis kurz vor eins auswendiggelernten, und ein leichtes Keuchen belegt die Lunge. Der Tag hat grade gegraut, und ich stapfe tapfer zum medical sciences building, Bleistift und Radiergummi für die große Abfrage einzusacken. Am Platz lese ich erst noch die Mails, denn es soll ja direkt nach dem Exam gleich noch ein Experiment stattfinden. Tapfer dann stapfe ich weiter in den warmen Frühlingsmorgen. Wo aber sind die Bleistifte? Im Büro. Und wo der Schlüssel zum Büro? Im Büro. Im leeren Büro, denn es ist ja noch nicht Tag. Man soll schlafende Hunde halt nicht zu früh wecken, sonst werden sie vom wilden Affen gebissen. Und müssen drei Stunden lang in geistiger Umnachtung wirrere Fragen beantworten als je jemand zuvor.

Wednesday, April 26th, 2000

Pfotenwirbel

Das Eichhorn gräbt, und emsig. Beidpfotig schiebt es mit Eichhorngewalt den Grashalmdschungel beiseite, es zuckt wachsam der Schwanz. Jetzt greift es mit den Zähnen tief ins Erdreich, ruckelt, zerrt. Und läßt ein letztes Mal die Pfoten wirbeln. Zähne schnappen, ein Ruck und die Erdnuß ist aus dem Winterversteck ans Frühlingslicht gezogen. Nie werde ich erfahren, wie dem über den Winter gekommenen Eichhorn seine Nuß schmeckte. Vermutlich aber sehr gut.

Monday, April 24th, 2000

Eierknabbern

Die VISA-Karte soll mir, so denke ich, in Deutschland mein kanadisches Geld, das Gute, verfügbar halten. Und muß also bald her, sonst wird’s nix damit. Noch ist früh am Tag, die Geschäfte klingeln vor Kunden, und im Gemischtwarenladen erstehe ich einen Schokokeks. Der Paß baumelt in der Tasche. Durch die Menge Menschen wühle ich mich stetig. Unbeeindruckt thront die Bank an der Ecke, die Kreuzung ist überquert, die Tür wie immer abweisend geschlossen. Muß ich links drücken oder rechts? Ziehen? Und welchen Flügel? Wie stets probiere ich die Varianten durch, gefügig, denn ein seltsames Gesetz will es, daß immer der vierte Versuch zum Ziel führen darf. Diesmal aber klappt auch das nicht, verdutzt starre ich hinein, alles leer, und dann fällt mir ein: Ostermontag. Die Bänker knabbern an ihren Eiern. Recht so, bring ich denen das Visum für die VISA halt morgen. Sie haben es sowieso schon bei den Akten und wissen’s nur nicht mehr. Auf dem Weg zur Arbeit halte ich Ausschau nach dem Osterhasen, aber der ist in Europa und macht Urlaub. Der Gute.

Sunday, April 23rd, 2000

Hummercode

Scharf ist sie, und heiß wird mir davon. Heiß ist sie andrerseits auch. Wird mir aber scharf davon? Soviel zur sogenannten Symmetrie der Natur. Lüstern schließe ich die Lippen um die Rundung des Löffels. Schlürfe. So will der Chinese das nämlich. Glaube ich. Grade steht der Chinese mit einer gewaltigen Schachtel (alive! vivante! lebendig! steht darauf) zwischen meinem Tisch und dem Aquarium, stellt sie ab und läßt sich in eine Konversation auf chinesisch verwickeln. Mit der Kellnerin. Gemütlich löffle ich weiter an meiner Suppe, neugierig dabei die Kiste taxierend, die jetzt geöffnet wird, und wie erwartet eine sich träge tummelnde Plethora vom Lobstern enthält. Herrgott, einen Haufen halbtote Hummer halt. Stück um Stück werden die gefährlichen Räuber jetzt ins Wasser getan, immer hübsch einer auf den anderen, bis das Aquarium randvoll ist. Geschehen kann der Hummerstaplerin dabei nichts, denn die Kampfschere der Speisetiere ist mit farbigen Bändern umschlungen und entschärft. Ob die Bandfarbe die Kampfgefährlichkeit kodiert? Den Geschmack? Stammbaum? Fühlerlänge? Ein solider Hummerblock sieht aus tausend Augen zu, wie ich meinen Glückskeks erbreche, ein Fühler zuckt mitfühlend, als ich die Doppelnachricht lese: You are a person of culture. Now is the time to try something new. Was, zum Kuckuck, soll das denn nun wieder bedeuten? Gedankenlos wanke ich hinaus, wo schon wieder der Frühling gekommen scheint. Diesmal aber glaube ich ihm kein Wort.

Monday, April 17th, 2000

Eeierlöffel

Eine immense Schlange, träge, fast bewegungslos, und nahe dem Kopf gespalten, liegt quer durch den Vorlesungssaal. Ihre Glieder, teilweise im Gespräch, teils stumm und staunend über das Ausmaß der Verehrung, tragen meistenteils ein schönes, ein buntes und schweres Buch im Arm, einen kleinen Zettel mit dem eigenen Namen darangeheftet, damit der Autor schneller unterschreiben kann und nicht nach der Schreibung des Namens zu fragen braucht. Zäh nur geht es voran, und vorne skribbelt Michael Palin fleißig, den Vortrag über Hemingway ebenso souverän abgewickelt wie aus noch der peinlichsten Zuschauerfrage den Anlaß zu einer rührenden Geschichte gepreßt. Jetzt allerdings muß er schreiben, bis ihm die Hand wund wird, und langsam aber stetig rückt der Schlangenschwanz, mit mir darin, dem Tisch auf der Bühne näher? “Der Autor verschlingt die Fanschlange vom Kopfe her” (Brecht).
Als ich das Buch, die Biografie eines MAD-Redakteurs, die ich zufällig heute kaufte, auf den Tisch packte, meinen Zettel daneben, blickt die Buchhändlerin verstimmt. Die sich sichtlich im Genusse aalt, den Star eingeladen und nun für ihn verantwortlich zu sein. Palinmama für ein paar Minuten. “I don’t even know where to write in this one, do your best” sagt sie nach ratlosem Blättern spitz, und legt dem Autor die Frechheit vor. Der starrt sichtlich ermüdet auf meinen Namenszettel, versteht und beginnt, das gewünschte ins Buch zu schreiben. Währenddessen ich, dem großen Manne wenigstens etwas zurückzugeben, die Geschichte von Thor Heyerdahl im Pippi Langstrumpf Film erzähle. Palin schreibt angestrengt, blickt nicht auf, und bemüht sich, dem unerwarteten Geplapper zu folgen. Beide sind wir endlich fertig, ich nehme das Buch, er blickt auf: ‘that’s some obscure information’, und ich bin entlassen, nehme mein MAD Buch unter den Arm, auf dessen erster Seite Michael Palin bestätigt, was niemand glauben mochte: “Kai kann mit einem Eeierlöffel Fledermäuse töten. Michael Palin” Jetzt muß ich nur noch einen “Eeierlöffel” finden, dann geht’s den Viechern an den Kragen!