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Jigsaw Pieces



Wednesday, December 19th, 2007

Scheckpause

Wer aus Landesgeldern bezahlt wird, so wie ich, und viel mit der Bahn fährt, so wie ich, kann Fahrscheine von der Steuer absetzen. Beziehungsweise kann das ja jeder, aber wer aus Landesgeldern bezahlt wird, kann die Fahrscheingelder von vornherein von seinem Gehalt undsoweiter, man schläft ein davon. Dann bekommt man Schecks zugeschickt, über dreissig und fünfzig Dollar, mit denen man dann an den Fahrscheinkiosk gehen kann, und sie gegen Magnetstreifenkarten umtauschen im Wert von zehn oder zwanzig Dollar, mit denen man dann mit dem Zug fahren kann. Es ist alles total praktisch und gar nicht umständlich. Seltsam nur, dass ich mit einer VISA-Karte gerechnet hatte statt mit einem Scheckbündel.

Aber obwohl die Behörde auf ihr VISA-Programm immens stolz ist und in riesigen Buchstaben auf das Flugblatt drucken liess, dass man das Fahrgeld auf einer speziellen Kreditkarte bekommt, die an allen Automaten funktioniert, muss man darum gesondert bitten, sonst kriegt man eben jeden Monat die drei Schecks, die man in sieben Fahrkarten umtauschen kann. Aber natürlich stellen sie mich dann auf Nachfrage gerne auf das VISA-System um. Nur während der zwei Monate, die das eben dauert, gibt es dann keine Schecks, ist ja klar.

Wednesday, December 19th, 2007

Öl

Whose bike is that, fragt einer der Teenager hinter mir an der Kasse im Supermarkt einen der Ladenangestellten, und in einer Laune reagiere ich mit völliger Teilnahmslosigkeit. Das Fahrrad steht weiter hinten im Laden, wo ich es mangels einer dritten Hand stehen liess. That’s mine, sagt eines der dicken Kinder, und wartet auf eine Reaktion. Als sie ausbleibt, blickt er sich im Laden um, sieht niemanden, und geht langsam Richtung Fahrrad. Ich beende das Bezahlen, verpacke meine Waren, und gehe ihm dann nach. Nach zwei meiner Schritte ändert er die eigene Laufrichtung und sieht sich stattdessen den Inhalt eines Regals an, Olivenölflaschen.

Sunday, December 16th, 2007

Imagine

Schreiber, sage ich, aber der Name wird gar nicht gebraucht, um in einer Datenbank nachzusehen, ob ich ein Terrorist bin, und also nicht ins Aidekman Building gelassen werden darf, sondern aus Sicherheitsgründen, und muss also – wow, wow, wow, hold on, not so fast – nicht einfach dahingesagt, sondern auf einem kleinen Stück Abfallpapier von mir handschriftlich notiert werden. Dann aber wird ein Nachtwächter angerufen, der demnächst dann vorbei komme und mich ins Gebäude lasse, wo ich also auf ihn warten solle. Ob ich denn in mein Gebäude könne, denn draussen sei es ja kalt, und es könne einen Moment dauern. Die Frage trägt mich völlig aus der Kurve und ich staune noch, als ich mein Rad durch die Aussenschiebetüren in den Windfang von Aidekman schiebe und sie endlich verstehe.

Eine Viertelstunde später kommt ein Fünfzehnjähriger in Signalfarbjacke und ruft als erste die Polizeidienststelle auf der anderen Strassenseite an, in der ich ihn bestellte. Er sei jetzt da, und ich sei jetzt auch da und es könne also jetzt die Tür geöffnet werden, da. Einen Moment lang erwarte ich, dass ein Polizist mit dem Schlüssel über die Strasse schlurft, stattdessen aber schicken sie ein Datenpaket durchs Netzwerk, eine rote Diode erlischt, eine grüne leuchtet, und die Tür geht auf. Erstaunlich.
Die Tür sei jetzt offen, funkt Signaljacke in die Nacht, man könne sie also wieder zumachen. Die Tür schliesst sich, die Diode leuchtet aber grün. Nach einer kurzen Pause funkt Signaljacke erneut, The light is still green, you can lock it again, now. Grün aber leuchtet die Diode. Weitere Minuten später, ein dritter Anruf. Did you lock that door? Cause the light is still, you know, green over here. Noch einige Minuten später wird das Licht dann schon rot, vor Verlegenheit vielleicht, und wir können nach oben gehen, meinen Geldbeutel holen.

Aber bevor ich damit das Gebäude verlassen darf, gibt es noch einen weiteren Sicherheitscheck, und weil ich nicht will, dass das Verbrechen gewinnt, füge ich mich, und schreibe dem Fünfzehnjährigen meinen Namen auf den Rand seiner Ausgabe der örtlichen Tageszeitung. Vermutlich wird er ihn mit dem Notizzettel aus dem Hauptquartier vergleichen und dann beide wegschmeissen.
That was a strange moment, sage ich, damit es nicht so still ist, when I realized I was stuck in Newark.

„Imagine that“, sagt er, und geht.

Friday, December 14th, 2007

47

Von der Uni hin zur Klinik, in der unser Kernspinroboter steht, fährt ein Shuttle. Es setzt uns vor der Tür ab mit unseren Ausrüstungskisten. Drei Stunden später stehen wir in der dunklen Kälte an derselben Stelle, das Shuttle kommt, wir winken, es fährt an uns vorbei. Hier ist, erfahre ich, kein offizieller Shuttlehalt. Laufen wir halt stattdessen zurück, mit einer offenen Plastikkiste mit einer PC Workstation darin vor dem Bäuchlein, siehst Du mich, Räuber?
Einige weitere Stunden später sind die Daten verstaut und sortiert, der Tag verbraucht. Ich lösche das Licht, schliesse die Tür, entfalte mein Fahrrad und fahre in die Nacht Richtung Bahnhof, durch menschenleere Strassen. Nach fünfhundert Metern bemerke ich, dass mir der Geldbeutel fehlt, der Magnetfelder des Roboters wegen aus der Tasche genommen. Darin die Fahrkarte, all mein Geld, all meine Kontokarten sowie die Zugangskarte zu unserem Forschungsgebäude. Der Radweg nach Hause ist gefroren und führt sieben Meilen weit über Autobahnen und ihre Zubringer, jede Erkenntnisstufe ein ausgeschalteter Fluchtweg. Als ich alle Sackgassen kartiert habe, und was übrigbleibt eine Unmöglichkeit ist, lache ich laut auf der leeren Strasse. Gestrandet in Newark, so fühlt sich das also an.

Friday, December 14th, 2007

46

Eine Traube Mensch steht auf dem Bahnsteig und wartet auf den Zug. Der Zug kommt, die Türen gehen auf. Traube drängt in Wagen, ein Kampf um Sitzplätze entbrennt, Blut, Gedärme überall. Der Zug steht. Der Zug steht. Eine unverständliche Durchsage. Die Traube Mensch verlässt den Zug, ich mit. Der Zug fährt ab.
Eine weitere Durchsage, verständlich diesmal: Züge nach Newark haben fünfzehn Minuten Verspätung. Nach zehn Minuten: Züge nach Newark haben dreissig Minuten Verspätung. Nach zwanzig Minuten: der Zugverkehr nach Newark ist eingestellt. Die Hälfte der Traube geht jetzt, wir andere Hälfte bleiben auf dem Bahnsteig stehen. Nichts geschieht. Nach einigen weiteren Minuten gehe ich auch, vorbei an einem Dutzend Bahnpolizisten oberhalb des anderen Bahnsteigs, die einem weiteren Dutzend auf dem Bahnsteig beim Warten zusehen, vorbei an den defekten Rolltreppen und zurück nach Hause.

Friday, December 14th, 2007

45

Die Bauarbeiter beobachten mich misstrauisch aus der Pause, ein Dutzend, örtlicher Körperbau, breit, stämmig, stiernackig, und ich rolle nach nur wenigen Fotos davon, die Strasse leicht bergauf, links auf dem Gehweg. Ich habe gelernt, die Autofahrer zu fürchten, und ihre Hupen. Obwohl, man hört mit Ipod nicht so gut, da sind die Hupen natürlich ungefährlich und die Fahrer harmlos.
Nach der Unterführung eine Fussgängerampel, kurze Synkope, ich fahre los bei Grün, also Weiss, und höre trotz Ipod recht gut das Hupen des Mülltransporters, der zwanzig Zentimeter vor meiner Nase vorbeirauscht. Führe er langsamer und neigte sich also nicht so sehr in die Kurve, es wären wohl nur zehn gewesen. Beinahe wäre ich umgefahren worden, das finde ich eigentlich nicht so gut, aber andererseits muss der geladene Müll ja schnellstmöglich auf Schienen und Strassen verteilt werden und da zählt jede Sekunde.

Friday, December 14th, 2007

44

Jenseits stehen zerfallende Industriegebäude, die Fenster zersprungen, die Farbe blättert. Das Ensemble spiegelt sich in den trägen Wassern des Passaic, zwischen verrottenden Anlegern. Der Zug biegt ab, zieht weg vom Fluss in die Rangieranlage in Harrison, entlang des alten Ziegelgebäudes der Fabrik, die komplett eingezäunt ihr Schicksal erwartet, die Ladebuchten geschlossen, im Zaun gestrandet der Müll der Jahrzehnte. Dann über die Strasse und schliesslich eine endlose Kette von Schuttbergen, ein Himalaya zerpulverter Gebäude, Zäune scheinbar wahllos gezogen dazwischen, um den Ziegelkrümelberg vom Betonkrümelberg zu trennen. Gewaltige Abrissgeräte wälzen sich durch die Täler zwischen den Haufen, am Rand der Landschaft eine Endmoräne voller Blech, der zum Bahnhof gehörende Pendlerparkplatz, die Schuttberge reichen bis auf Zentimeter an die Autos.

Friday, December 1st, 2006

Blinksabbiegen

Ich rolle, auf das Zwacken in meiner Bauchgegend konzentriert, und darauf, ob es von den heilenden Wunden oder den rückspriesenden Haaren in der kahlgeschlagenen Region direkt unterhalb des Nabels zurückgeht, auf die Kreuzung zu, links von mir wie immer einer der monströsen Panzer der Eingeborenen. Die Ampel schaltet auf grün, im letzten Moment wird mir klar, dass der Panzer, der natürlich während des Wartens nicht blinkte und auch jetzt nicht blinkt, rechts abbiegen wird und ich ihm im Weg bin dabei, und ich bremse, während schon die Vorderräder der Maschine einschlagen und bleibe zurück.
Zwei Blocks weit dauert mein Ärger, dann habe ich ihn in das generelle Gefühl transformiert, dass moderner Verkehr den Menschen überfordere, weil ja vermutlich niemand seinen Nächsten, oder Übernächsten, plattwalzen will, sondern ihm mit Rücksicht begegnen; das Zwacken kommt vom Haarwuchs und alles ist also in Ordnung, die nächste Ampel grünt, ich biege hier links ab, kein Problem, der Gegenverkehr nämlich auch, und erst als ich die Kreuzung schon verlasse, fällt mir auf, dass der Gegenverkehr nicht anfuhr, weil ich nicht den Arm rausgehalten habe, und er also dachte, ich führe gradeaus, der Gegenverkehr. Der Gute.

Wednesday, November 22nd, 2006

Tomatenabwurf

Auf seinem Fahrrad fährt der Nachbar einige Runden auf dem Parkplatz hinter unserem Haus, und sieht aus der Höhe aus wie das Ikonogramm eines Radfahrers, eine Scheibe auf einer Linie. Jeremy kommt dazu, die Schultern hängend, den Kopf eingezogen trottet er tangential an der Kreisbahn des Radlers vorbei auf die Tomatenstaude am Zaun zu. Seine Anziehungskraft stört die Keplerbahn, und im geschwungenen Bogen nähert sich nun auch der Radfahrer den Tomaten. Beide stehen dort einen Moment, ein paar Worte fallen, in der gedehnten, kraftlosen Dude-Modulation, mit der wohl Lässigkeit demonstriert werden soll, und die uns im Wechsel mit treibenden Bässen durch die dünnen Holzlatten des Apartmentbodens und ergänzt von Hanfschwaden aus den Fenstern vom generellen Stand der Dinge bei Jeremy unterrichtet, und genau wie diese Botschaften aus dem Untergrund inhaltlich nicht zu verstehen. Der generelle Stand der Dinge bei Jeremy jedenfalls scheint über die vergangenen Monate hinweg stabil.
Der Nachbar auf dem Rad pflückt eine reife Tomate und wirft sie kräftig zu Boden, Jeremy und er lachen kurz, wohl über das Geräusch der platzenden Frucht.

Saturday, October 14th, 2006

Büro für den studentischen Alltag

0
Eine Verfassung müssen wir haben. Dann, so sagt die Webseite, dürfen wir nämlich einen Aufsteller auf dem Campus aufbauen und für uns werben. Oder auf Sather Plaza, dort, wo das Free Speech Movement seinen Anfang nahm, einen Tisch betreiben. Folglich schreibe ich also eine Verfassung.

1
Diese Verfassung, sagt die blutjunge Stundentin hinter ihrem Halbtischchen, ist nicht gültig. Sie erkennt das daran, dass die erforderlichen Sätze, die Inititationsriten, das sogenannte Hazing, sexuelle, rassische und überhaupt jede Art der Diskriminierung und auch sonst alles Böse verbieten, nicht im Fettdruck im Text stehen. Sie gibt mir eine Vorlage, die Sätze solle ich einfach kopieren, sagt sie, und fett gedruckt lassen, so liessen sie sich leichter entdecken. Sie zeigt mir einen Computer, auf dem ich die neue Verfassung rasch schreiben könne. Ich schreibe zu einem Soundtrack voll perlender Likes und Ohmygods, und stelle am Ende fest, dass die installierten Drucker nicht funktionieren. Andere rasch herbeigerufene blutjunge Studenten bestätigen, dass keiner der Rechner druckberechtigt ist. Ob ich ihr die Verfassung emailen könne, damit sie sie dann ausdrucken könne? Natürlich. Ich tu das, warte noch ab, bis die Email bei ihr ankommt, und gehe.

2
Zwei Wochen später, eine andere blutjunge Studentin. Von einer Verfassung für den Karateclub ist ihr nichts bekannt, nein, auch im Archiv nichts zu finden. Sie zuckt die Achseln. Am besten sei es, sagt sie, die Verfassung in Papierform und persönlich vorbeibringen, man könne sie dann in Minutenschnelle genehmigen. Sorry about this. Ich versichere ihr, das sei schon in Ordnung, ich weiss auch nicht, weshalb.

3
Eine dritte blutjunge Stundentin nimmt die Verfassung entgegen. Von Minutenschnelle ist keine Rede mehr, überhaupt ist von wenig die Rede, mit einem stummen Nicken nimmt sie das Papier, steckt es irgendwo rein, wendet sich stumm von mir ab. What happens next, frage ich, ahnungsvoll. You wait for it to pend, sagt sie. Vor der Tür wird mir von dieser Formulierung sehr froh zumute, vielleicht ist es aber auch nur die Sonne, und ich nehme mir vor, am nächsten Tag eine vierte blutjunge Studentin zu befragen.

4
Eine halbe Stunde später erhalte ich aber eine Email. Die Verfassung ist konform fettgedruckt und wurde ordnungsgemäss abgeheftet.