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Thursday, January 31st, 2008

Hinterhofromantik

Als wir einzogen stand in der feuchten Hitze des Jerseyer Sommer ein kaputtes Auto vor dem Küchenfenster, mit eingeschlagenen Scheiben und zerschnittenen Sitzpolstern. Auf der Klimaanlage, die wir wegen der geistigen Gesundheit rasch ins Fenster schraubten, lagen binnen kurzem Zigarettenstummel. Als das Auto weggebracht wurde (es ging nur schlafen, dem Auto geht es gut, keine Sorge), lagen natürlich drunter auch Zigarettenkippen, in einem Bett aus Scherben. Wir zogen die Rollos runter und guckten nicht mehr hin, bis die Hörnchen kamen.

Dann grummelte ich ein paar Tage lang, schulterte schliesslich den Besen, fegte Glasschrott, Kippen und Plastikmüll der letzten Jahre zusammen mit dem ausgewaschenen Lehm aus dem Nachbarsgarten in erst einen 15-Liter-Eimer, und dann noch einen. Man sieht jetzt wieder den splitternden Beton und die bröckelnden Ziegel, und die Tiere zerschneiden sich nicht mehr die Pfoten. Zwei Tage später hatte ein Nachbar zwei Mülltüten aus dem Fenster geworfen, ein paar Tage danach regnete es noch eine Mülltüte und eine leere Vodkaflasche. Man muss Jersey nicht lieben, aber.

Oder halt nicht aber.

Thursday, January 24th, 2008

Eingeholt

Als der neue Postdoc vom preiswerten Zimmer erzählt, das er auf Craigslist gefunden hat, bei einem seltsamen lesbischen Paar zur Untermiete, wo nie die Türen abgeschlossen sind und es keine Schlüssel gibt, scherzt Bart über Zeugungsdienste, die eventuell an Mietzinses statt zu verrichten seien. Eine Woche später wird der neue Postdoc vorübergehend aus seinem Zimmer ausgesperrt, nachdem er die e-Mail-Bitte der Vermieterin, ihr ein Kind zu zeugen, abschlägig beantwortet hat.

Monday, January 14th, 2008

Herde

Über den Mietshäusern oberhalb des Supermarktes synchron ein Taubenschwarm im einfarbigen Himmel, gespeist aus Dampfschloten. Nur wenige der Vögel folgen nicht der attraktiven Formation, bleiben von der eigenen Trägheit vereinzelt zurück. Als der Schwarm über einer Dachkante eine Wende fliegt sieht man kurz die Schwingenspitzen eines sehr viel grösseren Tieres, das aufsteigt und hinter der Dachkante verschwindet.

Saturday, January 12th, 2008

Amerikanische Schönheit

In der Sonne zwischen den Gebäuden vor dem Bahnhof von Newark fangen sich die heftigen Windstösse, die nach einigen Tagen Frühsommerwetter den Winter wiederherstellen werden. Eine kleine Windhose entsteht auf dem leeren Vorplatz und zieht Kartonagen, Plastiktüten und vereinzelte Blätter im Wirbel mit, ein grosses Stück Pappe wird gegen das rechte Bein eines Bänkers auf der anderen Seite des Platzes gepresst und verbirgt sein gesamtes Schienbein. Ohne hinzusehen schiebt er es nach einigen Sekunden zur Seite in den Windstrom, unter der Bank durch, davon. Eine besonders heftige Bö erfasst eine Plastiktüte und hebt sie übers Parkhausdach in die aufsteigende Thermik, und aus meinem Blickfeld.

Monday, January 7th, 2008

Chase

West Side bis zum verbunkerten Rite Aid an der Ecke, dann Sip steil bergauf. Links ein Apartmentgebäude, komplett weihnachtsbeleuchtet, absurd in der sonst tristen Umgebung. Unheimlich auch, die Locklichter eines gefrässigen Tiefseefisches. Hinter Journal Square links Summit bergauf bis zum Reservoir und der weiten Brache davor, über die eisig der Wind pfeift. Entlang des Reservoirs quer zum Bergrücken abwärts, dann eine Schleife, unter der Strasse durch, und schliesslich überraschend nicht nach oben, wie anhand der Karte gedacht, sondern nach unten aus Jersey City nach Hoboken rollen, unsichtbare Schildermasten im Dunkeln auf dem engen Gehweg. Keine Ahnung, warum mich die Abwärtsrichtung überrascht, hinter Hoboken liegt schliesslich der Hudson, nicht die Appalachen. Vermutlich weil Hoboken eben oben ist, und vorne.

Zwischen den Boken Hos und den Fraternity Boys durchschlängeln, Washington Avenue aufwärts, sechs Meilen Gesamtstrecke werden es sein, von Tür zur Ecke, dann Anrufbeantworter, Wahlwiederholung, beim zweiten Anruf geht er ran, kommt der Bänker runter und macht die Tür auf. Er ist wortkarg, ein gegelter, glatter junger Hai, wie alle hier, und isst fritiertes Huhn aus einem Pappbecher, während ich mir den Apparat ansehe. Ich verstehe, warum Sie den Kleinen verkaufen wollen, sage ich und zeige auf das wandgrosse Flachbildmonster. No, sagt er, nach einer verwirrten Pause, und erst jetzt, beim Schreiben wird mir klar, dass er mich für komplett verrückt halten musste, I’ve had that one for a while, I bought a new one for back there, und deutet über seine Schulter, Richtung Schlafzimmer, begreife ich jetzt, wo er den kleinen Bettfernseher durch wohl noch ein Flachbildmonster ersetzte. Die absurde Vorstellung, er könnte dieses winzige, alte Gerät mit 20 Inch Diagonale im Wohnzimmer stehen gehabt haben, verursachte ihm hoffentlich körperliche Schmerzen.

Winzig ist aber immer noch zu gross für unser Wohnzimmer. Es ist zwar ein Flachbildschirm, wie in der Anzeige stand, aber auch ein Röhrenfernseher, der uns vornüber aus dem Regal kippen würde. Ausserdem natürlich mit einem Fahrrad nicht transportierbar. Bei der Bank für die er arbeitet, haben wir Kreditkartenschulden in Höhe von knapp dreien meiner Monatsgehälter, ein paar Sekunden lang verachte ich ihn dafür.

Für dem Rückweg runter nach Jersey City nehme ich die U-Bahn.

Monday, January 7th, 2008

Washington Street Station

Das Rad mit dem platten Reifen an der rechten Hand stehe ich in der eisigen Station unter der Strasse, Nebelwolken durch die Skimütze. Vorne im einfahrenden Zug sitzt hinter getönten Scheiben der Fahrer und blickt kurz von seinem Buch auf, als er den Zug zum Stehen bringt.

Wednesday, December 19th, 2007

Jüngstes Gericht

“Das soll ich gemacht haben? Also, das ist ja völliger Quatsch, niemals hätte ich… so. Aha. Allwissend, sagen sie? Na, also ich hab da meine…, wie? Urheberrecht, aha, na gut, in dem Fall muss ich mich wohl fügen. Schon mal kalt anziehen, ich bin jetzt nicht ganz sicher, ob ich den Witz… in den Aufzug? Na, wenn sie mich so nett… Wiedersehen.”

Wednesday, December 19th, 2007

Zeit, Türen

Nur die Hand hat er noch zwischen die sich schliessenden Türen klemmen können, reicht aber, zwei Durchsagen macht der Schaffner: step away from the doors, dann gibt er auf und öffnet noch einmal. Ein triumphierendes Lächeln auf dem Gesicht tritt er in den Wagen, this is the train to New York, right?, no, antwortet eine Frau, Newark, die Türen hinter ihm schliessen sich, seine Hand schnellt hoch, schiebt sich zwischen die Gummilippen, diesmal keine Durchsage, erneut öffnen sich die Türen, er geht wieder nach draussen. Hundertachzig Menschen, zwanzig Sekunden. Eine Stunde.

Wednesday, December 19th, 2007

Traube

An meinem Bahnsteig steht ein Zug, aber die Traube Mensch, die davor hängt, macht keine Anstalten, einzusteigen. Hat die Traube Angst? Als ich der Trete beitraube, nein, andersrum, als ich die Betraube trete, begreife ich auch, weshalb: im Zug hängen Lametta und Musikanten, Menschen in Anzügen stehen verteilt in den leeren Wagen, und die Musikanten spielen Weihnachtslieder in diese Anzugleere. Davor habe ich auch Angst.

Dann kugelt auf dem Nachbargleis mein Zug rein, und fast zeitgleich ein weiterer Batzen Anzugträger die Treppe runter, durchsetzt mit ethnischen Teenagern und aufgebrezelten Vorstadtmüttern, stolzgeschwellt und durchonduliert. Von ethnischer Teenagerhand gestaltete Weihnachtsplakate werden hier prämiert, die Türen schliessen sich und klemmen die Worte ab, der Bahnsteig, der Zug, die Weihnachtskapelle rutschen nach hinten weg und werden durch kaputte Fabriken ersetzt. Ruhe kehrt ein.

Wednesday, December 19th, 2007

Scheckpause

Wer aus Landesgeldern bezahlt wird, so wie ich, und viel mit der Bahn fährt, so wie ich, kann Fahrscheine von der Steuer absetzen. Beziehungsweise kann das ja jeder, aber wer aus Landesgeldern bezahlt wird, kann die Fahrscheingelder von vornherein von seinem Gehalt undsoweiter, man schläft ein davon. Dann bekommt man Schecks zugeschickt, über dreissig und fünfzig Dollar, mit denen man dann an den Fahrscheinkiosk gehen kann, und sie gegen Magnetstreifenkarten umtauschen im Wert von zehn oder zwanzig Dollar, mit denen man dann mit dem Zug fahren kann. Es ist alles total praktisch und gar nicht umständlich. Seltsam nur, dass ich mit einer VISA-Karte gerechnet hatte statt mit einem Scheckbündel.

Aber obwohl die Behörde auf ihr VISA-Programm immens stolz ist und in riesigen Buchstaben auf das Flugblatt drucken liess, dass man das Fahrgeld auf einer speziellen Kreditkarte bekommt, die an allen Automaten funktioniert, muss man darum gesondert bitten, sonst kriegt man eben jeden Monat die drei Schecks, die man in sieben Fahrkarten umtauschen kann. Aber natürlich stellen sie mich dann auf Nachfrage gerne auf das VISA-System um. Nur während der zwei Monate, die das eben dauert, gibt es dann keine Schecks, ist ja klar.