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Thursday, June 9th, 2005

Eine kleine Nachtmusik

construction is at the center of all things

Die Pumpe des Heliumkühlsystems scharrt regelmaessig, vor einer Weile habe ich das mit dem Atmen eines grossen, respekteinflössenden Tiers verglichen, aber jetzt klingt es wie ein Schlagzeug. Die Lüftung, die Pumpe und das monotone Rattern des Scanners vermischen sich zu einem breiten Rauschcocktail unbekannter Farbe, das klingt wie ein Konzert am Ende einer sehr grossen, sehr leeren Halle, eine winzige Bühne steht da, man kann die Musiker kaum sehen, und hört auch nicht, was sie spielen, weil das entfernte Geräusch von allen Wänden wiederhallt. Ich glaube, Blasinstrumente zu hoeren, aber das ist natürlich Quatsch. Es ist ja keine Musik.

Mein Koerper ist betäubt, ein dummes Klischee, aber es fühlt sich wirklich an, als wäre ich in Watte gepackt. Wenn ich den Kopf drehe, hinkt er etwas hinterher, ein billiger Rückkopplungseffekt im Video. Hinter mir auf dem Bildschirm werden Herzschlag und Atmung eines anderen Menschen abstrahiert, die Atmung kann man kaum erkennen, das Signal ist zu verrauscht, ein dickes grünes Band aus sich überlagernden Zickzacklinien.

Manchmal meine ich für Sekunden, einen Sänger ausmachen zu können in der Geräuschkulisse, aber das ist natürlich Quatsch. Es ist ja gar keine Musik.

Thursday, May 19th, 2005

Nase in Wolken

tumbling

Den Konferenzgedächtnisschirm aus dem Jahre 2002, kaum getragen, in der linken, das Buch in der rechten, nähere ich mich der Kreuzung. Von allen Dächern tropft und rinnt es, und eine Hand habe ich ohnehin nicht frei, und drücke den Ampelknopf also mit dem Fuss. Ein leichtes, schliesslich habe ich ja den violetten Gürtel. Es dauert zwanzig Sekunden, in denen die Hauptfigur vom Mitansehen einer Auspeitschung ohnmächtig wird, dann schaltet das Gerät. Die Kreuzung ist Teil des Bicycle Boulevards, ausserhalb der Rush Hour geht es hier immer so schnell. Aus der Gegenrichtung fährt ein Auto an, aber links abbiegen ist hier verboten und ich gehe los. Ich suche die Zeile, in der aus der Ohnmacht wieder erwacht würde, aber ehe ich sie finde lenkt mich das abbiegende Auto ab, das aus schneller Fahrt einen Meter von mir entfernt zum Stehen kommt. Ich schaue vom Buch auf, mein Blick trifft sich kurz mit dem der Fahrerin. Sie hat mehrere Verkehrsregeln missachtet und mich beinahe angefahren. Es scheint ihr gleichgültig. Als ich an der anderen Strassenseite ankomme, ist sie weitergefahren und der Protagonist erwacht.

Sunday, May 1st, 2005

Gifthauch

a building's bad breath II

Vor ein paar Tagen endlich den Vorzeichenfehler gefunden, der mir den Horopter verbog. Mit einem Plastikball hantierten wir, drehten ihn ratlos in Händen, denn die Linien seines billigen Designs widersprachen der Ausgabe einer aufwendigen Simulation, und gegen eine Plastikball haben Matlab und Megahertz keine Chance. Aber kaum ist das Vorzeichen korrigiert, sind Ball und Gerät sich einig. Hurra.

Vorgestern dann finde ich einen Sinus statt eines Kosinus und drehe dem Kopf in der Maschine die Augen ins Geviert. Und so zurechtgerückt lösen sich die Ergebnisse unserer Studie, vor einem Jahr auf einer Konferenz vorgestellt, in wildgezackten Flächen auf. Ein schönes Ergebnis welkt vor meinen Augen und wird Staub.

Ich suche den dritten Fehler, der die Balance wiederherstellt.

Wednesday, April 27th, 2005

Vremd und Fertraut

home on the grid

Die Anlage amerikanischer Städte lädt ein zu diesem Experiment. Die meisten Strassen folgen einem Gittermuster, zwei treffen sich an den Kreuzungen. Die Stadt und Strecken in ihr zerfallen in identische Blocks.

Oben zu sehen ist der Durchschnitt aus 50 Strassenabschnitten, je gesehen von der Kreuzung aus. Man erkennt Leitungen, Strassenmarkierungen und geparkte Autos als geisterhafte Schatten, die Vegetation verschmilzt im grünen Nebel, die Häuser zu einer dunklen Wand. Zeigt dieser Durchschnitt Essenz oder Verfremdung? Und wie weit ist jene von dieser entfernt? Einen Block?

(Der Titel dieses Posts ist der Titel eines bei Elefanten-Press erschienen Buches)

Tuesday, April 26th, 2005

Formtrieb

Während ich meine Kreise ziehe, frage ich mich, warum ich sie ziehe. Nicht dass das Umgraben der rindenstückbestreuten Scheibe unberührte Natur zerstörte. Aber seltsam ist es doch, dass der Schaffensimpuls inmitten der vollständig durchgestalteten Campuslandschaft sich eine Nische sucht, der ein persönlicher Stempel aufgedrückt werden kann. Es liesse sich argumentieren, dass der Frühmensch suchte, was er zu formen verstand, und experimentierte, und spielerisch die Kräfte meisterte, die jetzt uralte Farnwälder in quadratkilometergrosse Plastikteppiche verwandeln, und der Gestaltungswille also in der Fähigkeit zur Technologie aufginge.

Aber selbst wenn das stimmte, legten sich doch um den mechanischen Verhaltenskern Schichten von Komplikationen, persönliche Eitelkeit, Trotz gegen die Anonymität, Ä?sthetik reiner Formen, Kontraste auf etlichen Abstraktionsebenen, um nur ein paar zu nennen, und zuletzt schliesst sich die Zwiebel aus Motiven zur ganzen Frucht:? und gefällt.

Thursday, January 13th, 2005

Batteriequetschung

Ein leises Schnappen, das teure LED-Fahrradlicht springt ohne Vorwarnung vom Lenker und zerschellt auf dem Asphalt in sechs Teile. Zwei Batterien, Basis und Deckel, Spiegel und transparente Front verteilen sich über auf die befahrene Strasse. In den Pausen zwischen den Autos sammle ich sie wieder ein, für jede Komponente muss ich eine halbe Minute warten. Die zweite Batterie ist gequetscht, als ich sie aufsammle, aber noch dicht.

Tuesday, January 4th, 2005

Highway encounter

Nacht, aussen. Buntes Licht im Schee. Sirene.

Lautsprecherstimme: Get out of the traffic and park your car.

Ein Schnauzbartträger steigt aus der Highway Patrol Wagen. Der virtuelle Schnauzträger am Steuer des gestoppten Wagens lässt die Scheibe runter.

Schnauz: Get out of your car. You know why you got pulled over? For speeding. I need your license.
virtueller Schnauz: steigt aus. Speeding? Händigt den Führerschein aus.
S: scharf That’s what I said. I didn’t stutter. Sit on the passenger side.
V: schluckt, steigt ein
S: Where are you headed?
V: The Bay Area.
S: Do you have any idea what the speed limit is on this road under chain conditions?
V: Err.
S: It’s obvious you don’t, you don’t give a damn. What do you think the speed limit might be?
V: Well, I thought it would be whatever is reasonable to drive under these conditions.
S: You think it might be 65?
V: schaut aus dem Fenster, wo ein Schild mit einer 65 drauf am Strassenrand steht, wittert die Falle. No.
S: Have you ever been an officer?
V: ?
S: schärfer Have you ever been an officer?
V: No.
S: Well, I have been an officer for 23 years. Have you been at the site of an accident?
V: Err. No.
S: I have been. I have seen cars like yours tipped over. How fast were you going just now.
V: Err, probably something like…
S: 52 maybe?
V: Err.
S: Do you think you might have been going 52 miles an hour?
V: I guess so.
S: Would you be surprised if I told you that the speedlimit on this road is 30 miles an hour right now?
V: gulp
S: That’s right. Did you see me driving along at 40 miles?
V: kleinlaut Yes.
S: Did that make you think?
V: unverständlich
S: When I was flashing my lights at you? Did that give you any ideas?
V: stammelnd Err, I didn’t, wasn’t, I thought, err. No.
S: Nickt zufrieden That’s quite obvious. You know why we close this road? It’s because of people like you in big SUVs, who think they are safe. Caltrans wanted us to reopen the pass, because it has been closed for so long.
V: guckt wie ein Schaf I didn’t see any signs.
S: nickt grimmig Yes, they’re all snowed over. pausiert kurz If I gave you a ticket not, it’s for dangerous driving. That’s 300 dollars.
V: guckt wie eine Schafherde
S: Did I make a point?
V: Mäh!
S: Excuse me?
V: Yes. A whole bunch of points, actually.
S: I hope so. We don’t want to see you hurt, or your lady, or other people. Gibt den Führerschein zurück. Obey the speedlimit.
V: Yes. I will. Have a good night. Steigt aus und stapft durch den Schnee zurück zum SUV.

Sunday, July 21st, 2002

Da ist der Himmel!

Die Taube sitzt auf dem Gehweg, den ich langradle. “Da ist der Himmel”, würde ich ihr gerne ärgerlich zurufen, aber als erfahrener Taubenwatcher seh ich sofort, daß mit dem Tier was nicht stimmt. Als ich näherradle hüpft die Taube gemächlich auf die Straße. Aus Symmetriegründen müßte ich jetzt wohl fliegen, aber meine Gangschaltung ist kaputt. Die Taube wandert langsam zwischen den vorbeirasenden Autos durch, es ist eine Stadtautobahn. Ich bleibe stehen und schau ihr über die Schulter dabei zu, fasziniert und mit schlechtem Gewissen, weil ich erwarte, daß sie überfahren wird und weil ich trotzdem weiter schaue. Als alle Autos vorbei sind, läuft das Tier zurück auf den Gehweg, dreht sich zum Zaun, hinter dem das Gras grüner lockt, und setzt zum Abflug an. Oft habe ich Tauben nach dem Scheißen von unserem Balkon fliegen sehen, ich weiß, wie Zumabflugansetzen bei Taubens aussieht. Diese jedoch zuckt nur hilflos mit den Flügeln, spreizt sie ein bißchen, versucht es noch einmal und scheitert. Gangschaltung kaputt. Sie dreht sich weg, läuft den Zaun entlang auf dem Gehweg und ich fahre weiter, in die andere Richtung.

Saturday, July 20th, 2002

How do you like?

Die Straßenbahn hält. Vor uns an der Haltestelle stehen zahllose Menschen auf dem Rückweg vom Jazz-Straßenfestival, vorne einzusteigen ist undenkbar, eh die Schlange weg ist, ist die Bahn voll. Wir steigen also hinten ein, nehmen uns vor, zu bezahlen, wenn die Bahn leerer ist, wir sind ja ehrliche Häute. Eingezwängt stehen wir da, eine kleine Mexikanerin wankt, schubst uns mehrfach. “How do you like Toronto?”
Sehr betrunken ist sie, erstaunlich, denn auf den ganzen 3 Kilometern Jazzfestival gab es sehr wenige Kneipen, und die kleine umzäunte Trinkarena lag dunkel und verlassen im Park. Der Ontarier trinkt nur nachmittags. Die Mexikanerin aber ist blau, Deutsche, lallt sie, sie habe einen Deutschen gekannt, der habe ihr was beigebracht, “Ich liebe Dich”. Klare Aussprache, Respekt.
Einem Impuls folgend läßt sie einen Korkenzieher nach hinten durchgeben, zu ihrem Begleiter, der in der Hand eine braune Papiertüte hält, und zu dem sie geht, als die Bahn sich langsam leert.
Kurz vor unserer Haltestelle stehen beide auf, an uns vorbei, sie stockt kurz, schwankt, und erbricht sich auf den Boden. Als die Tür sich öffnet, geht er eilig hinaus, sie hat sich noch einmal gegen die Wand des Wagens erbrochen, und läuft davon, schwankt über die Straße, ihr Begleiter ist nicht mehr zu sehen, als auch wir aussteigen.

Sunday, June 30th, 2002

In schwachen Böen

Musik dröhnt in munterer Mischung aus den Boxen, gestählte Männerkörper im zartbitteren Ledernichts schwingen Bizeps und Brust, und in den strahlend blauen Himmel über der Stadt treiben zwei aufgeblasene Kondome, in den schwachen Böen, die die Temperatur erträglich halten. Ein rotbemalter, Halbnackter auf einem der Wagen lacht, winkt, macht lockende Handbewegungen. Meint er mich? Ehe ich entscheiden kann, fährt der Wagen mit einem Ruck wieder an, die Kondome verschwinden 20 Meter höher um eine Hausecke.