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Wednesday, December 19th, 2007

Öl

Whose bike is that, fragt einer der Teenager hinter mir an der Kasse im Supermarkt einen der Ladenangestellten, und in einer Laune reagiere ich mit völliger Teilnahmslosigkeit. Das Fahrrad steht weiter hinten im Laden, wo ich es mangels einer dritten Hand stehen liess. That’s mine, sagt eines der dicken Kinder, und wartet auf eine Reaktion. Als sie ausbleibt, blickt er sich im Laden um, sieht niemanden, und geht langsam Richtung Fahrrad. Ich beende das Bezahlen, verpacke meine Waren, und gehe ihm dann nach. Nach zwei meiner Schritte ändert er die eigene Laufrichtung und sieht sich stattdessen den Inhalt eines Regals an, Olivenölflaschen.

Sunday, December 16th, 2007

Imagine

Schreiber, sage ich, aber der Name wird gar nicht gebraucht, um in einer Datenbank nachzusehen, ob ich ein Terrorist bin, und also nicht ins Aidekman Building gelassen werden darf, sondern aus Sicherheitsgründen, und muss also – wow, wow, wow, hold on, not so fast – nicht einfach dahingesagt, sondern auf einem kleinen Stück Abfallpapier von mir handschriftlich notiert werden. Dann aber wird ein Nachtwächter angerufen, der demnächst dann vorbei komme und mich ins Gebäude lasse, wo ich also auf ihn warten solle. Ob ich denn in mein Gebäude könne, denn draussen sei es ja kalt, und es könne einen Moment dauern. Die Frage trägt mich völlig aus der Kurve und ich staune noch, als ich mein Rad durch die Aussenschiebetüren in den Windfang von Aidekman schiebe und sie endlich verstehe.

Eine Viertelstunde später kommt ein Fünfzehnjähriger in Signalfarbjacke und ruft als erste die Polizeidienststelle auf der anderen Strassenseite an, in der ich ihn bestellte. Er sei jetzt da, und ich sei jetzt auch da und es könne also jetzt die Tür geöffnet werden, da. Einen Moment lang erwarte ich, dass ein Polizist mit dem Schlüssel über die Strasse schlurft, stattdessen aber schicken sie ein Datenpaket durchs Netzwerk, eine rote Diode erlischt, eine grüne leuchtet, und die Tür geht auf. Erstaunlich.
Die Tür sei jetzt offen, funkt Signaljacke in die Nacht, man könne sie also wieder zumachen. Die Tür schliesst sich, die Diode leuchtet aber grün. Nach einer kurzen Pause funkt Signaljacke erneut, The light is still green, you can lock it again, now. Grün aber leuchtet die Diode. Weitere Minuten später, ein dritter Anruf. Did you lock that door? Cause the light is still, you know, green over here. Noch einige Minuten später wird das Licht dann schon rot, vor Verlegenheit vielleicht, und wir können nach oben gehen, meinen Geldbeutel holen.

Aber bevor ich damit das Gebäude verlassen darf, gibt es noch einen weiteren Sicherheitscheck, und weil ich nicht will, dass das Verbrechen gewinnt, füge ich mich, und schreibe dem Fünfzehnjährigen meinen Namen auf den Rand seiner Ausgabe der örtlichen Tageszeitung. Vermutlich wird er ihn mit dem Notizzettel aus dem Hauptquartier vergleichen und dann beide wegschmeissen.
That was a strange moment, sage ich, damit es nicht so still ist, when I realized I was stuck in Newark.

„Imagine that“, sagt er, und geht.

Friday, December 14th, 2007

47

Von der Uni hin zur Klinik, in der unser Kernspinroboter steht, fährt ein Shuttle. Es setzt uns vor der Tür ab mit unseren Ausrüstungskisten. Drei Stunden später stehen wir in der dunklen Kälte an derselben Stelle, das Shuttle kommt, wir winken, es fährt an uns vorbei. Hier ist, erfahre ich, kein offizieller Shuttlehalt. Laufen wir halt stattdessen zurück, mit einer offenen Plastikkiste mit einer PC Workstation darin vor dem Bäuchlein, siehst Du mich, Räuber?
Einige weitere Stunden später sind die Daten verstaut und sortiert, der Tag verbraucht. Ich lösche das Licht, schliesse die Tür, entfalte mein Fahrrad und fahre in die Nacht Richtung Bahnhof, durch menschenleere Strassen. Nach fünfhundert Metern bemerke ich, dass mir der Geldbeutel fehlt, der Magnetfelder des Roboters wegen aus der Tasche genommen. Darin die Fahrkarte, all mein Geld, all meine Kontokarten sowie die Zugangskarte zu unserem Forschungsgebäude. Der Radweg nach Hause ist gefroren und führt sieben Meilen weit über Autobahnen und ihre Zubringer, jede Erkenntnisstufe ein ausgeschalteter Fluchtweg. Als ich alle Sackgassen kartiert habe, und was übrigbleibt eine Unmöglichkeit ist, lache ich laut auf der leeren Strasse. Gestrandet in Newark, so fühlt sich das also an.

Friday, December 14th, 2007

46

Eine Traube Mensch steht auf dem Bahnsteig und wartet auf den Zug. Der Zug kommt, die Türen gehen auf. Traube drängt in Wagen, ein Kampf um Sitzplätze entbrennt, Blut, Gedärme überall. Der Zug steht. Der Zug steht. Eine unverständliche Durchsage. Die Traube Mensch verlässt den Zug, ich mit. Der Zug fährt ab.
Eine weitere Durchsage, verständlich diesmal: Züge nach Newark haben fünfzehn Minuten Verspätung. Nach zehn Minuten: Züge nach Newark haben dreissig Minuten Verspätung. Nach zwanzig Minuten: der Zugverkehr nach Newark ist eingestellt. Die Hälfte der Traube geht jetzt, wir andere Hälfte bleiben auf dem Bahnsteig stehen. Nichts geschieht. Nach einigen weiteren Minuten gehe ich auch, vorbei an einem Dutzend Bahnpolizisten oberhalb des anderen Bahnsteigs, die einem weiteren Dutzend auf dem Bahnsteig beim Warten zusehen, vorbei an den defekten Rolltreppen und zurück nach Hause.

Friday, December 14th, 2007

45

Die Bauarbeiter beobachten mich misstrauisch aus der Pause, ein Dutzend, örtlicher Körperbau, breit, stämmig, stiernackig, und ich rolle nach nur wenigen Fotos davon, die Strasse leicht bergauf, links auf dem Gehweg. Ich habe gelernt, die Autofahrer zu fürchten, und ihre Hupen. Obwohl, man hört mit Ipod nicht so gut, da sind die Hupen natürlich ungefährlich und die Fahrer harmlos.
Nach der Unterführung eine Fussgängerampel, kurze Synkope, ich fahre los bei Grün, also Weiss, und höre trotz Ipod recht gut das Hupen des Mülltransporters, der zwanzig Zentimeter vor meiner Nase vorbeirauscht. Führe er langsamer und neigte sich also nicht so sehr in die Kurve, es wären wohl nur zehn gewesen. Beinahe wäre ich umgefahren worden, das finde ich eigentlich nicht so gut, aber andererseits muss der geladene Müll ja schnellstmöglich auf Schienen und Strassen verteilt werden und da zählt jede Sekunde.

Friday, December 7th, 2007

Schüttelreim

Der Schüttelreim ist innen hohl,
das hört man wenn man hinnen ohl.

Wednesday, July 18th, 2007

W.G. Sebald – Luftkrieg und Literatur (1)

sebald.jpg When the Apocalypse caused by Germany came back to engulf it in its fire and destruction, there must have been immeasurable suffering and trauma, yet, as Sebald points out, almost none of it made it into the story of life as set down by the writers. Sebalds exploration of the reasons for this omission, are both deeply touching for his compassion even with those who caused the very desasters that struck them, and illuminating for their original and provocative view on the narrative of Germany.

Wednesday, May 30th, 2007

Verenden

Die Sonne, die mir gestern am Memorial Day spürbar die Arme verbrannte auf dem Radausflug zum historischen Friedhof von Oakland, steht auch heute wieder hoch, wenn auch zwischen Wolken nur intervallweise hervorstrahlend. Ihr Licht ist hart und unfreundlich, Farben verblassen. Die Gebäude und Menschen erstarrt zu Monolithen ehemals menschlicher Existenz, nichts und niemand scheint mit sich identisch in diesem Licht, alles nur eine flüchtige Scheingeographie, die bald zerfliesst und das darunterliegende Felsgestein offenbart. In Rockridge, neben dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, gähnt in diesem Grundstein ein Loch, über dessen kühle Tiefe das eingeflossene Wasser und seine Algen hinwegtäuschen. Oder vielleicht liesse sich auch durchs kaum hüfthohe Wasser bis an die andere Seite waten, wo aus der blanken Steinwand eine einzelne Pflanze ragt und trotzig Blüten in den Strahlenregen reckt, der sie nährt, und der sie noch verbrennen wird. Vielleicht liesse sich so ein kleiner Strauss aus der Wand pflücken, läge nicht der ganze Teich eingezäunt und sicher hinter Stacheldraht. Weit dort oben, gleich hinter dem Klippenrand, dehnt sich der Friedhof. Liesse sich wohl Leichengift nachweisen im Gewässer? In den Blüten?

Heute auf Durant sitzen Sommermenschen verteilt wie Schaufensterpuppen in den Schatteninseln, die Universität hält den Atem an vor ihren Summer Sessions, und niemand hat ein Ziel. Im flutenden Licht liegt verbrannt ein Halbnackter, wie oft, davon rühren ja die Verbrennungen, willentliche Californication, garendes Menschenfleisch. Ich gehe schneller, um wieder aus der Sonne in den Schatten zu gelangen, und blicke zu Boden, weil ich nichts sehen will heute als was ich begreifen kann. Zwischen blassgrünen Halmen kriecht dort unten eine Biene, dreht sich, rollt kopfüber und liegt still. Auch ich verharre jetzt, und betrachte stumpfen Auges ihren Tod.

Thursday, May 24th, 2007

Am Tage

Ellsworth ist eine Einbahnstrasse, deshalb muss ich, als ich das Stoppschild überfahre, nur in einer Richtung nachsehen, ob ein Auto sich nähert, das dann zwar immer noch anhalten müsste am eigenen Stoppschild, aber man weiss ja nie. Es ist aber kein Auto zu sehen, sondern eine gebückte Silhouette im schräg einfallenden Gegenlicht, ein schwarzer Buckel auf Beinen, Nase am Boden, der zügig, aber nicht schnell, die Strasse überquert. Ich habe die Kreuzung auf der anderen Seite schon wieder verlassen, wende im engen Kreis, zurück durch die Kreuzung und auf den Parkplatz, auf den der Buckel zuwackelte. Ein geringelter Schwanz ragt reglos hinter dem Zaun hervor, dann ein Rascheln, ein paar Sprünge, und zwischen den Wedeln der Palme hervor sieht ein maskiertes Tier mich an. Ich starre einen Moment erfreut zurück, wende dann erneut und kehre zurück auf meine Planstrecke.

Friday, April 6th, 2007

Reisevorbereitungen

Als die nachdenklichen Menschen vor einigen Jahrtausenden in eine Regenpfütze starrten und das Individuum entdeckten, wurden sie von dieser merkwürdigen Beobachtung dazu verleitet, dieses sogenannte Individuum für ein unabhängiges Gebilde zu halten, für eine losgelöste, eigene Welt, in die die äussere Welt nur als Wahrnehmung eindringe, als gepflegte Samstagabendunterhaltung mit Werbeeinblendungen, ein Schattenecho eines anderswo brennenden, heissen Fusionsfeuers, gefahrlos und jederzeit abschaltbar.
Hätten sie mal genauer hingeschaut, damals. Denn das Selbstbild in dieser Pfütze warf Wellen vom Wind, Kaulquappen perlten darunter hin und ehr, ein Laubblatt verbirgt den Ausdruck des Auges. Und nun kommt ein Fisch, verschlingt die jungen Frösche, die Pfütze ist ein Meer, eine Nahrungskette, eine Fresspyramide, über der sich das mickrige Ich auflöst, als Schaumkrone auf den Sturmwellen und in Blasen zerstäubt. In mittlerer Wassertiefe dieser Metapher schwimmt ein Atom-U-Boot, die Besatzung sehnt sich, nach unterschiedlichen Dingen und doch gemeinsam und aus dem Reaktor leckt Plutonium oder Cäsium, oder irgendein anderer Scheiss, eine leuchtende, verschlungene Unterwasserspur einmal um den Globus, entlang der neues, leuchtendes Leben entsteht und sofort wieder vergeht, die absinkenden verkrüppelten und vergifteten Flossen und Schwänze und Herzen Nahrung für einen hungrigen Bodenbewohner. Aber genug davon.
Im Aquarium hat sich nichts weiter ereignet, seit die Schwertträgerin sich einen Bauernhof kaufte. Hunde, Ottos und Pleco ernähren sich von Unsichtbarem, eingeworfenes Futter wird nicht beachtet, die Tiere scheinen nicht auf mich angewiesen, aber das ist möglicherweise auch nur ein Trug. Überstünden diese Bodenbrüter zwei Wochen Einsamkeit? Die überlebenden Schwertträger knabbern lustlos am eingeworfenen Futter, denn auch sie haben offensichtlich einen Job gefunden und kommen jetzt alleine durch. Drei Tage gabs nichts zu fressen, dem Ammoniak Einhalt zu gebieten, und die Fische kacken trotzdem wie die Weltmeister. Die Schnecken ernähren sich ohnehin von grünem Schleim, und davon ist ja genug da.
Bleiben die einsame Barbe und das Cichlidenpaar. Godzilla habe ich noch nie essen sehen, von irgendwas muss er sich aber wohl doch ernähren. Godzilla seine Frau nimmt zwar eingeworfenen Quatsch gerne entgegen, zupft aber ansonsten keck an den Pflanzen rum. Und die Barbe, herrje, wer versteht schon Barben? Ausser Sterben haben die doch nichts im Kopf.
Jetzt habe ich absätzelang vor mich hin ramentert, bin der Antwort auf die auslösende Frage aber immer noch nicht näher gekommen: kann das Aquarium zwei Wochen ohne mich dastehen, oder braucht es einen menschlichen Aufpasser? Und kann man denn überhaupt jemandem zumuten, die Verantwortung für die sich ja sicherlich schon anbahnende nächste Katastrophe zu übernehmen?
Ach, wäre man das Spiegelbild einer Insel in einer leeren Pfütze.