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Animals



Tuesday, April 4th, 2000

Gestreift

Auf Brunswick Avenue bewegt sich, schwer zu sehen im schwachen Licht vereinzelter Laternen, ein kleiner Fellberg schwankend. Nähergekommen sehe ich ihn wieder, wie er verborgen von einem Gebüsch an einer Mütonne steht, Sekunden später fällt sie scheppernd um, das Geräusch hallt laut zwischen den dunklen Häuserfronten wieder. Jetzt hat er mich bemerkt. Das maskierte Gesicht mir zugewandt macht er einen Buckel, verharrt einige Sekunden und entscheidet dann, daß ich nichts von ihm und nichts vom Müll haben mag. Dreht sich um und wackelt nach Bärenart zum nächsten Haus, zum nächsten Bären. Als ich folge, nehmen beide kurz Drohhaltung ein, gucken sich an (“nur ein doofer Mensch, was soll’s”), drehen um und verschwinden gemütlich zwischen den Häusern, die breiten Schwänze baumeln von Seite zu Seite mit jedem Schritt.
Ein paar Meter weiter huscht ein weiterer Schatten aus einer dunklen Ecke, direkt vor meinen Füßen, sieht mich, faucht. Buschig spreizt sich ein schwarz-weißer Schwanz. Erneutes Fauchen. Respektvoll (“ein Skunk! Jetzt nur nix falsch machen”) weiche ich zurück, das Tier folgt, weiterhin drohend. Kurz bevor ich die Nerven verliere, ist das Ding dann aber doch zufrieden und trollt sich. Wie ich am anderen Tag erfahre, soll nicht einmal ein Bad in Tomatensaft, die offenbar nächstliegende Lösung, helfen. Der Gestank hält ein Jahr, und die Vereinsamung hat manches Skunkopfer in die Verzweiflung getrieben. Aber schön gestreift sind se.

Saturday, March 18th, 2000

Kolonie

Die Ebene liegt in strahlender Frühlingssonne, hunderte von Metern entfernt brandet der See, gepeitscht vom eiskalten Wind, meterhoch an den Schutthalden auf. Stahlträger glitzern eisbehangen. Rasch verlasse ich trotz des malerischen Anblicks den asphaltierten Weg wieder, zu kalt pfeift der Wind mir dort oben durchs Jäckchen. Durch abgestorbenes Unterholz folge ich einem Trampelpfad, in den Bäumen über mir kreischen Möven, das einzige Geräusch. Ein paar Bäume geben den Blick frei, und da sitzen, dicht an dicht, zirka eine Million Möven versammelt und tun rein gar nichts. Vorsichtig nähere ich mich, die ersten fliegen auf und schweben im Wind über den Wipfeln, jetzt sind es ein paar hundert, kreischend und fast unbeweglich in der eisigen Luft. Jetzt müssen es tausend sein, zwei-, fünftausend, unmöglich zu schätzen. Ohrenbetäubendes Gekreische liegt in der Luft, der Himmel ist bedeckt mit träge schwebenden Mövenleibern. Vom Rand der Kolonie aus sehe ich sie sich erstrecken, noch hundert Meter oder mehr. Ich stehe im Vogelwirbel und staune.

Wednesday, March 8th, 2000

Nacht, draussen

Ich erinnere mich wieder, als wäre es gestern gewesen: Da stehe ich, im Wohnzimmer. Soeben habe ich den Teller mit dem Katzentrockenfutter auf die Terrasse gestellt, nun bereite ich, mit Buch, Keksen und Ginger Ale, das lange Warten auf den nächtlichen Gast vor. Der, da bin ich sicher, mir heute nicht entgehen wird. Noch einmal kontrolliere ich durch die Scheibe, ob der gerade abgestellte Teller gut zu sehen und weit genug von der Tür entfernt ist. Ich habe ihn neben die kleine Lache gestellt, und richtig, da ist der dunkle Fleck auf dem Holz, doch daneben: kein Teller. Sekundenlang starre ich ratlos, bis die schummrige Szene sich auflöst und richtig übersetzt wird. Der Fleck besteht aus einem Lachen-, einem Teller- und einem Waschbärteil. Rocky ist, keine zwei Minuten nach dessen Eröffnung, am Buffet erschienen und bedient sich.
Als ich die Tür öffne, zieht er sich einige Meter zurück, aber nicht für lange. Vorsichtig setze ich mich auf den Boden, während es vom Teller her schmatzt. Der Autofocus beleuchtet die Spitznase, ein paar Haare zucken. Es blitzt, und wieder weicht er zurück. Kommt wieder. Es blitzt erneut. Den Waschbären, er kennt’s ja nun, kümmerts wenig. Später allerdings, als ich die unterdessen auf der Suche nach ihrer Post erschienene Vormieterin von der Terrasse geleite (sie fürchtet eine Rackuhnattacke aus dem Hinterhalt) sitzt man unter des Nachbarn Bank und faucht entnervt, als man sich entdeckt weiß. Groß starren die Nachtaugen, funkeln die Sterne darüber, unnahbar und bunt.

Tuesday, March 7th, 2000

Rackuhnpose, möglichweise

Der zweite Versuch endet mit einem klaren Punktsieg für die Gegenpartei. Während eine gewaltige Küchenschabe aus dem Weltraum Tommy Lee Jones und Will Smith auf dem Bildschirm in Atem hält, verputzte – ich nehme an in aller Seelenruhe und ohne sich beobachtet zu fühlen – der Gast vom Vortag das Katztenfutter, das ich nach draußen gestellt hatte. Oder aber es war ein vermaledeites Katzenvieh, das dergestalt als Rackuhn nur posierte. Aber welche Katze frißt freiwillig Katzentrockenfutter von fremden Balkonen? Eben.

Monday, March 6th, 2000

Bagel Fort

Der Tag hat grade begonnen, und ich sitze im Halbdunkel des Wohnzimmers und schaue fern. Die Katze dagegen, zweitbeste Freundin des Menschen, schaut Terrasse, melancholisch, weil sie nicht rausdarf. Ein Aufschrei. Ein Fauchen, das Tier bringt Töne hervor, die ich noch nie gehört habe. Ein Maunzen und Wimmern. Nur halb noch hängt sie vom Fensterbrett, mit den Vorderpfoten klammernd. Und wimmert weiter. Schließlich springt sie herunter und äugt aus sicherer Entfernung Richtung Terrassentür. Ich schalte das Außenlicht an, natürlich ist nichts zu sehen. Die Katze nämlich spinnt wohl.
Beruhigend rede ich auf das Nervenbündel ein, und habe es fast beruhigt, als es wieder zerbündelt starrt. Diesmal auf einen Punkt etwa einen halben Meter hinter der Tür, draußen. Ich beuge mich vor, um besser durch die Scheibe sehen zu können, und da ist er und starrt zurück. Große Augen in einem spitzen Gesicht, unbeeindruckt und gelassen. Wir mustern uns einige Sekunden, dann packt mich die Begeisterung. Während ich durch die Wohnung hüpfe, um einen harten Bagel und die Kamera zu holen, hüpft das Nachtgespenst seinerseits aufs Fensterbrett. Keinen halben Meter von mir entfernt sitzt es, als es blitzt. Auch das kümmert es nicht. Aber kaum habe ich die Scheibe geöffnet, geht Rocky auf Sicherheitsabstand, und als ich den Bagel hinauswerfe, wankt er gemächlich aber zielstrebig zur Feuertreppe und steigt unbestechlich ab.
Über die Dachkante sehe ich ihn ein Stockwerk tiefer, meine Lockgeräusche und Brotwürfe sind interessant für einen Moment, dann doch zu langweilig. Er trabt davon.
In der Wohnung beobachtet die winzige Hauskatze, wie ich den Bagel auf der Terrasse drapiere und maunzt protestierend: Bringt Gefahr ins Haus!
Am Morgen: Bagel fort.

Sunday, March 5th, 2000

Demo der Lüfte

Die Möven sind zurückgekehrt! Kreischend zirkeln sie auf Futtersuche über der Kreuzung Spadina und College. Wenigstens nehme ich an, daß sie kreischen. Hören kann ich es nicht, weil ein loser Demonstrationszug, der Möve gleich, vorüberkreischt oder -skandiert. Verstehen kann ich nichts, denn alles, Kreischen und Transparente, sind in einwandfreiem Fachchinesisch. Oder sogar richtigem, der Laie tut sich mit der Unterscheidung oft schwerer als nötig. Schon ist der Umzug jedoch vorüber, und zurück bleiben die Möven, die kreischend über der Straße zirkeln, wie eine kleine Vogeldemonstration aus besseren Tagen oder China. Frühling oder Freiheit liegen in der Luft, oder der Duft des kreischenden Großstadtkreisverkehrs.

Tuesday, February 15th, 2000

Huhnkampf

Tip des Sensei: begegnet dem Karateka ein Huhn, kann dasselbe jederzeit durch einen beherzten Kiai (Aaaargh!) in der Bewegung schockgefroren und anschließend bequem gepflückt und zubereitet werden. Wird der Kiai nicht korrekt ausgeführt oder ist das Ki verwelkt, lacht sich das Huhn hingegen ins Flügelchen und es gibt trocken Brot und Suppe.