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Canada



Monday, April 24th, 2000

Eierknabbern

Die VISA-Karte soll mir, so denke ich, in Deutschland mein kanadisches Geld, das Gute, verfügbar halten. Und muß also bald her, sonst wird’s nix damit. Noch ist früh am Tag, die Geschäfte klingeln vor Kunden, und im Gemischtwarenladen erstehe ich einen Schokokeks. Der Paß baumelt in der Tasche. Durch die Menge Menschen wühle ich mich stetig. Unbeeindruckt thront die Bank an der Ecke, die Kreuzung ist überquert, die Tür wie immer abweisend geschlossen. Muß ich links drücken oder rechts? Ziehen? Und welchen Flügel? Wie stets probiere ich die Varianten durch, gefügig, denn ein seltsames Gesetz will es, daß immer der vierte Versuch zum Ziel führen darf. Diesmal aber klappt auch das nicht, verdutzt starre ich hinein, alles leer, und dann fällt mir ein: Ostermontag. Die Bänker knabbern an ihren Eiern. Recht so, bring ich denen das Visum für die VISA halt morgen. Sie haben es sowieso schon bei den Akten und wissen’s nur nicht mehr. Auf dem Weg zur Arbeit halte ich Ausschau nach dem Osterhasen, aber der ist in Europa und macht Urlaub. Der Gute.

Sunday, April 23rd, 2000

Hummercode

Scharf ist sie, und heiß wird mir davon. Heiß ist sie andrerseits auch. Wird mir aber scharf davon? Soviel zur sogenannten Symmetrie der Natur. Lüstern schließe ich die Lippen um die Rundung des Löffels. Schlürfe. So will der Chinese das nämlich. Glaube ich. Grade steht der Chinese mit einer gewaltigen Schachtel (alive! vivante! lebendig! steht darauf) zwischen meinem Tisch und dem Aquarium, stellt sie ab und läßt sich in eine Konversation auf chinesisch verwickeln. Mit der Kellnerin. Gemütlich löffle ich weiter an meiner Suppe, neugierig dabei die Kiste taxierend, die jetzt geöffnet wird, und wie erwartet eine sich träge tummelnde Plethora vom Lobstern enthält. Herrgott, einen Haufen halbtote Hummer halt. Stück um Stück werden die gefährlichen Räuber jetzt ins Wasser getan, immer hübsch einer auf den anderen, bis das Aquarium randvoll ist. Geschehen kann der Hummerstaplerin dabei nichts, denn die Kampfschere der Speisetiere ist mit farbigen Bändern umschlungen und entschärft. Ob die Bandfarbe die Kampfgefährlichkeit kodiert? Den Geschmack? Stammbaum? Fühlerlänge? Ein solider Hummerblock sieht aus tausend Augen zu, wie ich meinen Glückskeks erbreche, ein Fühler zuckt mitfühlend, als ich die Doppelnachricht lese: You are a person of culture. Now is the time to try something new. Was, zum Kuckuck, soll das denn nun wieder bedeuten? Gedankenlos wanke ich hinaus, wo schon wieder der Frühling gekommen scheint. Diesmal aber glaube ich ihm kein Wort.

Monday, April 17th, 2000

Eeierlöffel

Eine immense Schlange, träge, fast bewegungslos, und nahe dem Kopf gespalten, liegt quer durch den Vorlesungssaal. Ihre Glieder, teilweise im Gespräch, teils stumm und staunend über das Ausmaß der Verehrung, tragen meistenteils ein schönes, ein buntes und schweres Buch im Arm, einen kleinen Zettel mit dem eigenen Namen darangeheftet, damit der Autor schneller unterschreiben kann und nicht nach der Schreibung des Namens zu fragen braucht. Zäh nur geht es voran, und vorne skribbelt Michael Palin fleißig, den Vortrag über Hemingway ebenso souverän abgewickelt wie aus noch der peinlichsten Zuschauerfrage den Anlaß zu einer rührenden Geschichte gepreßt. Jetzt allerdings muß er schreiben, bis ihm die Hand wund wird, und langsam aber stetig rückt der Schlangenschwanz, mit mir darin, dem Tisch auf der Bühne näher? “Der Autor verschlingt die Fanschlange vom Kopfe her” (Brecht).
Als ich das Buch, die Biografie eines MAD-Redakteurs, die ich zufällig heute kaufte, auf den Tisch packte, meinen Zettel daneben, blickt die Buchhändlerin verstimmt. Die sich sichtlich im Genusse aalt, den Star eingeladen und nun für ihn verantwortlich zu sein. Palinmama für ein paar Minuten. “I don’t even know where to write in this one, do your best” sagt sie nach ratlosem Blättern spitz, und legt dem Autor die Frechheit vor. Der starrt sichtlich ermüdet auf meinen Namenszettel, versteht und beginnt, das gewünschte ins Buch zu schreiben. Währenddessen ich, dem großen Manne wenigstens etwas zurückzugeben, die Geschichte von Thor Heyerdahl im Pippi Langstrumpf Film erzähle. Palin schreibt angestrengt, blickt nicht auf, und bemüht sich, dem unerwarteten Geplapper zu folgen. Beide sind wir endlich fertig, ich nehme das Buch, er blickt auf: ‘that’s some obscure information’, und ich bin entlassen, nehme mein MAD Buch unter den Arm, auf dessen erster Seite Michael Palin bestätigt, was niemand glauben mochte: “Kai kann mit einem Eeierlöffel Fledermäuse töten. Michael Palin” Jetzt muß ich nur noch einen “Eeierlöffel” finden, dann geht’s den Viechern an den Kragen!

Saturday, April 15th, 2000

Auf Chickenwings in die Nacht

Lieblich streicht die frische Abendluft um die suchend erhobenen Nasen. Ein Hauch von Hühnchen? Gefüllte Jalapenos? Mild macht sich der Frühling hier bemerkbar, dunkel zwar ist’s, der Mond scheint helle und Yonge Streets Autos rumpeln rauschend vorbei, aber wer die Augen schließt, kann glauben, in einem lauschigen Wäldchen zu sitzen. Aber wer die Augen schließt, verpaß freilich andrerseits den aufgedonnerten Transvestiten, der die Chickenwingkneipe verläßt und die Straße hinabmarschiert, und wer will das schon. Das Schild über dem Eingang kündigt Naked Brunch an, ob frivoles Essen oder eine Musikgruppe gemeint sind, ist nicht zu sagen, aber letztlich in dieser Abendstimmung auch komplett wurscht. Auf Chickenwings fliege ich später in die Nacht, den dicken runden Mond über dem dicken runden Bauch.

Tuesday, April 11th, 2000

Die Nacht

Es ist die Nacht vor dem Vortrag, und im ganzen Gebäude bewegt sich vermutlich nichts mehr, außer meiner Maus. Die hilflos über die schlecht vorbereiten Powerpointfolien huscht, und hauptsächlich löscht. Mit jedem krächzend begonnenen Probelauf – die Stimme versagt – wird es weniger Inhalt, mit jedem Blick in die Bücher verstehe ich weniger, was den Menschen zwickt und zwackt, wenn er in die Berge steigt. Dabei muß ich das doch eine Stunde lang erklären. Vor den Fenstern dämmert der Morgen, als ich die inhaltliche Arbeit aufgebe und mich stattdessen daranmache, das Laptop vorzubereiten, mit dem ich den Vortrag projizieren will. Ich staune, als ich feststelle, daß Powerpoint nicht installiert ist, ich stöhne, als ich entdecke, daß auch keine CD vorhanden ist. Zum Glück hab ich selber eine. Ich starte die Installation. Der Sessel ist bequem, ich lehne mich zurück und bin sofort eingeschlafen. Fünf Minuten und eine Ewigkeit später ist die Installation mit einem Piepen abgebrochen. Die CD ist nicht lesbar. Eine Stunde später schleppe ich meinen PC in den Seminarraum, und mein Schwein aus dem Aloebusch starrt aus dem Bildschirmhintergrund und also auch von der Leinwand auf das wartende Publikum. Das sich nichts anmerken läßt.

Saturday, April 8th, 2000

Mama Miracoli

Pasta Pronto heißt das überteuerte Nudelgericht, das man sich in der Cafeteria des Medical Sciences Building, nach eigenem Wunsch zusammengebaut, von verschiedenen Mitarbeiterinnen vorkochen lassen kann. Seit einigen Wochen neu im Team ist eine korpulente Schwarze. Eine Negermama halt. Die leider vom Kochen etwas eigenwillige Vorstellungen hat. Eine ihrer Eskapaden lehrte mich, daß Sojasoße nicht zu italienischer Küche paßt – diesmal aber ging alles glatt und sojalos, die Gemüse brutzeln auf der Induktionsplatte, welche Soße wünsche ich? Na, eine Mischung aus Tomaten und Sahne, doch noch während sie sie über die Gemüse gießt, fällt mir auf, daß noch weder Shrimps noch Hühnchen in der Pfanne schmurgeln. Als ich vorsichtig andeute, daß ich kein vegetarisches Gericht wolle, nickt Mama Miracoli, das habe sie ja nicht gewußt, setzt eine weitere Pfanne auf, mit Öl, Shrimps, Hühnchen und, hast Du nicht gesehen, schwuppdiwupp, einer Ladung Zwiebeln. Das muß wohl so sein. Aber wenigstens den Sojasoßeneinsatz kann ich diesmal verhindern.

Thursday, April 6th, 2000

Unter der Nase

Wie häufig in letzter Zeit schiebe ich mir in der Dunkelheit der Straße eine leckere Roastbeefpita “unter der Nase durch” (Slang), mit allerlei Frischgemüse und lecker Pfeffermajonäse drin und dran. Heute wurde ich gar als praktisch regular gegrüß und bekam die letzte pita des Tages mit einigen launigen Bemerkungen ausgehändigt. Mehr Roastbeef auch als üblich. Stammkunde zu sein hat was. Denke ich bei mir während ich kraftvoll zubeißen kann, ja, sogar muß, denn mehr Roastbeef ist nicht unbedingt auch weniger zähes Roastbeef. Warum auch? Ich zerre und kaue und mahle, bis ich, aus der Dunkelheit von College Street 2 Uhr 30 in die Helligkeit von College Street 2 hundert 55 wechsle und bemerke, daß ich einen Teil des Einwickelwachspapiers mitgegessen haben muß (Wenn ich nicht annehmen will, daß es schon Bißspuren trug, als es zum Einwickeln herangezogen wurde). Schmeckt aber auch nicht übel.

Tuesday, April 4th, 2000

Gestreift

Auf Brunswick Avenue bewegt sich, schwer zu sehen im schwachen Licht vereinzelter Laternen, ein kleiner Fellberg schwankend. Nähergekommen sehe ich ihn wieder, wie er verborgen von einem Gebüsch an einer Mütonne steht, Sekunden später fällt sie scheppernd um, das Geräusch hallt laut zwischen den dunklen Häuserfronten wieder. Jetzt hat er mich bemerkt. Das maskierte Gesicht mir zugewandt macht er einen Buckel, verharrt einige Sekunden und entscheidet dann, daß ich nichts von ihm und nichts vom Müll haben mag. Dreht sich um und wackelt nach Bärenart zum nächsten Haus, zum nächsten Bären. Als ich folge, nehmen beide kurz Drohhaltung ein, gucken sich an (“nur ein doofer Mensch, was soll’s”), drehen um und verschwinden gemütlich zwischen den Häusern, die breiten Schwänze baumeln von Seite zu Seite mit jedem Schritt.
Ein paar Meter weiter huscht ein weiterer Schatten aus einer dunklen Ecke, direkt vor meinen Füßen, sieht mich, faucht. Buschig spreizt sich ein schwarz-weißer Schwanz. Erneutes Fauchen. Respektvoll (“ein Skunk! Jetzt nur nix falsch machen”) weiche ich zurück, das Tier folgt, weiterhin drohend. Kurz bevor ich die Nerven verliere, ist das Ding dann aber doch zufrieden und trollt sich. Wie ich am anderen Tag erfahre, soll nicht einmal ein Bad in Tomatensaft, die offenbar nächstliegende Lösung, helfen. Der Gestank hält ein Jahr, und die Vereinsamung hat manches Skunkopfer in die Verzweiflung getrieben. Aber schön gestreift sind se.

Monday, April 3rd, 2000

Leckend

Ein weißer Klecks. Fußspuren auf dem Asphalt, weiß auch das Profil. Eine Farbspur führt über den Gehsteig, schwankend, als hätte jemand den leckenden Farbeimer geschwenkt während des Laufens. Vor einem Laternenpfahl, eine Farbpfütze. Weiter führt die Spur. An der nächsten Straßenecke freilich – biegt sie ab nach rechts. Ich suche auf der Seitenstraße, sehe aber nichts. Etwas weiter rechts, noch auf dem Gehsteig, steht der Briefkasten, sein breites Maul noch farbverschmiert, den verdauten Vandalen – denn ich hoffe, er hat ihn gefressen – durch eine Ritze unten als zähen weißen Farbbrei wieder ausscheidend. Warf ich nicht hier hinein den Brief, mit dem ich mein Stipendium annehme? Ich warf. Aber wann? Gestern? Ich weiß es nicht mehr.

Wednesday, March 29th, 2000

Intermission

Der Film läuft seit zwei Stunden, das Kino ist fast leer. Intermission steht auf der Leinwand, ehe der Vorhang sich senkt. Irritierte Blicke werden ausgetauscht, das Licht geht an. Eine Sammlung von Material über Chomsky war das, und obwohl sie nicht ganz fertig wirkt, stehen die ersten auf und gehen. Minuten vergehen, Grüppchen um Grüppchen steht auf, schließlich folge ich, kaufe mir ein Pepsi und sehe im Programmheft nach. Ohne Hast setze ich mich wieder hin, und sehe, mit der anderen zähen Hälfte, der letzten Stunde von Manufacturing Consent entgegen. Die anderen müssen wohl ungetröstet sein.