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Canada



Thursday, April 11th, 2002

Funken

Der Schweiß sammelt sich, auf der rechten Schulter hängt lose die Jacke, jederzeit kann sie fallen, links die Tasche. In der rechten Hand halte ich den Zettel mit den Quellenangaben, langsam gehe ich durch die Regalreihen. Jedes Regal fasse ich mit der linken Hand an beim Vorübergehen, jedesmal knistert es leise, wenn zwischen meiner Haut und der des Regals ein Funke schlägt.

Sunday, April 7th, 2002

Jaulen

Vor dem Fenster Tauben im Sturzflug. Der Himmel ist verhangen, ein Schneeschauer kündigt sich an. Fünf Stockwerke tiefer dreht ein Motorrad hoch und hohl, mehrfach jault es laut auf. Ich ärgere mich verschwommen, oft rast dieses Motorrad zu laut durch unsere Straße, die kaum 50 Meter lang ist, und hält uns mit dem Lied von der wilden Jugend nachts wach. Kurz nach dem Jaulen ein seltsam leises, entferntes Scheppern, Plastik klappert über Beton, etwas schweres schleift ein Stück, dann Stille. Das mußte ja mal kommen, denke ich. Recht so, denke ich. Dann erst sehe ich nach, ob jemand verletzt wurde.

Saturday, April 6th, 2002

Wursttiefe

An der Kühltheke steht, leicht nach vorn gebeut, eine kleine Frau, in Würste vertieft. Die Haare leuchten grau mit einem Blaustich, die Jacke ist tiefgrün. Vergleicht sie Preise, Dicke, Fleischgehalt? Neben ihr, gleichfalls nach vorn gebeugt, ein Mann, vielleicht dreißig Jahre alt, ratlos wirkt er. Excuse me, sagt er. Sie starrt, kaum möglich, noch unverwandter Richtung Wurst. Excuse me, sagt der Mann. Die blaugrüne Frau regt kein Glied. Excuse me, sagt er ein drittes Mal, wendet sich dann, eher ratlos als verstimmt ab. Geht ratlos ein paar Schritte von ihr weg, dreht ab, bleibt stehen. Er spricht niemanden mehr an, macht noch drei ziellose Schritte und geht davon. Später sehe ich ihn Joghurtbecher aus einem Kühlschrank auf ein Papptablett laden.

Friday, April 5th, 2002

Ernstfallprobe

Aus der grade noch klaren Luft fallen übergangslos kleine Schneeflocken und legen sich auf die Windschutzscheiben der Autos. Die Straße ist belegt mit einer großen, unbeweglichen Autowurst, leicht zu überqueren heute, am ersten Tag des Nahverkehrsstreiks. Auf der anderen Seite, vor dem Büro des Gouvernörs von Ontario, weht die kanadische Flagge auf Halbmast, darunter liegt ein einzelner, verwelkter Blumenstrauß in Zellophan. Das Schneetreiben wird heftiger, ich schlage den Kragen hoch. Aus der Internetausgabe der Zeitung erfahre ich kurz darauf, daß der Streik frühestens am Montag beginnt. Die Autofahrer üben den Ernstfall.

Wednesday, April 3rd, 2002

Das Buch

Die Bibliothek ist geformt wie ein Pfau, der Schwanzfedernbusch aus Beton ist sechseckig und voller Bücher, der lange Hals wohl ein Lüftungskamin oder funktionslos. Im Inneren des Sechsecks steckt ein kleineres, durch das die Aufzugsschächte laufen, und an jeder der sechs Seiten gibt es zwei Türen, die in den größeren Sechseckring hinaus führen, wo die Bücher wohnen. Ich nehme dieselbe falsche Tür wie das letztemal, umrunde ungeduldig das halbe Sechseck auf der Suche nach dem richtigen Signaturbereich. Wieder steht das Buch nicht in seiner Abteilung, obwohl der Katalog es hier weiß. Wie das letztemal schon suche ich die Nachbarregale ab und finde nichts. Schon habe ich mich halb abgewandt, als mir etwas einfällt. Ich nehme einen Stoß Bücher aus dem Regal, und hinter den anderen, querstehend, die Seiten aufgeblättert, steht klein und blau das Buch.

Thursday, March 28th, 2002

Angetaut

Die Schnee ist schwer und angetaut, die Spuren der Menschen und der Tiere sind groß geworden davon und führen in leere, schon freigetaute Inseln. Queens Park, das Provinzparlament, liegt bestrahlt in der Nacht, vor ihm auf dem verlassenen Parkplatz eine Gruppe Kinder, Kerzen, Schilder, ein großer Kranz mit chinesischen Schriftzeichen in der Mitte. Wir stehen in 50 Metern Entfernung, sind müde, wenn wir jetzt hingehen, müssen wir uns unterhalten, erfahren, wofür die Kinder hier sind um neun Uhr abends. Zögernd, Schritt für Schritt, gehen wir nach Hause.

Tuesday, March 26th, 2002

Not Here to See

Die Tür des Aufzugs hat schon begonnen sich zu schließen, als ein braunhaariger junger Mann mit Rastafrisur den Rufknopf drückt. Auf halbem Weg halten die Flügel kurz inne, öffnen sich wieder. Beinahe schiebt Rastaman seine Begleitung, zwei dicke Männer, in die Kabine, die Türen schließen jetzt, bitte Zurückbleiben. Mit einem Ruck macht sich der altersschwache Aufzug an die Schleichfahrt, einer der beiden Dicken bohrt in der Nase, zieht den Finger heraus – kaum glaublich, daß der dicke Finger eben noch in dieses Nasenloch paßte – leckt an ihm, verliert das Interesse. Der andere hält den Kopf schräg und schaut an die Decke, Rastaman lächelt verlegen. Der Bohrer streckt die Zunge heraus, vorsichtig und langsam, als trete seine Zunge zum erstenmal vor die Lippen und müsse sich erst versichern, daß die Luft rein ist. Der Aufzug hält, Rastaman schiebt seine beiden hinaus auf den dritten Stock, ich fahre in den fünften. Der Konferenzraum ist abgeschlossen, ich setze mich in den Wartebereich der Neurologie, ratlos. Wenig später biegt Dimitri um eine Ecke, “Journal Club has been cancelled” sagt er, “but there’s food, come on.” Er zögert einen Moment, “you’re not here to see somebody, are you?” Er grinst über seinen Witz.
“No” sage ich, und folge ihm zum Lunch.

Monday, March 25th, 2002

Unser Ansatz

Die Zeichen tanzen über den Bildschirm und formen Muster, gestern erst haben ähnliche Muster Peter Jackson die Oscars abgejagt vor aller Augen. Traurig saß er da, während der verrückte Mathematiker dem verrückten Zauberer die Schau stahl.
Meine Muster hier ordnen sich allmählich, jetzt sehe ich: die Koordinaten werden in beiden Hälften des Stereogrammes gleich geändert, es gibt keine Disparität. Ein Vorzeichenfehler frißt während ich zusehe die Ergebnisse der letzten Wochen, Monate. Ich denke an die Freunde in Europa, das Loch im Konto, daran, daß wir im Moment nicht verstehen, was die Daten besagen, nicht mehr sicher sind, daß unser Ansatz überhaupt taugt. Und hole mir erst mal ein Getränk.

Friday, March 22nd, 2002

Fluff

Der Büchersupermarkt hat für Ostern eingedeckt, auf kleinen Tischchen liegen bunte Decken und Berge bunter Bücher, Einheitsbunt. Am Rande des Tisches steht ein Korb mit pelzigen gelben Dingern mit großen Augen und einem Aufkleber, auf dem “hit me” steht oder etwas ähnliches. Ich werfe es zurück in den Korb, aus dem ich es ratlos genommen hatte, und es fängt an, erregt zu pfeifen. Ich nehme den Korb, vielleicht dreißig Fluffdinger sind drin, hebe ihn hoch und lasse ihn aus zehn Zentimeter Höhe auf den Tisch fallen. Unter dreißigstimmigem, buntem Pfeifen gehe ich weiter.

Monday, March 18th, 2002

Der Franzos

Noch während das Mailprogramm, Delphi und der Explorer um die Wette starten und ich meinen Stuhl auf die richtige Höhe schnauben lasse (pfft-pfft), fällt mir das rote Ampelsymbol ins Auge. Festplatte D, als ich sie am Freitag verließ, waren 7 Gigabyte frei, ist voll bis an den Rand, Norton Utilities beschwert sich, zu Recht. Kurz herrscht Verwirrung, dann dämmert es mir: ich hatte die Firewall niedergerissen, um zu überprüfen, ob das Netz oder mein Rechner instabil war am Freitag, und nicht wieder gestartet. Noch während ich das denke öffne ich den FTP-Ordner und die Serververwaltung. Neun Franzosen sind eingeloggt auf meinem Rechner, alle anonym, alle über call-by-call-Provider, und laden stückweise einen von den 13 französischen Filmen herunter, die andere Franzosen am Samstag auf meiner Festplatte hinterlassen haben. Einen Moment lang betrachte ich ungläubig die Parasitenliste, dann gehen die Schilde hoch, ich schmeiß sie raus, lösche die Filme, nicht ohne drei Tin-Tin-CDs noch zu brennen. Ich kann kein Französisch, aber vielleicht lerne ich es noch.