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Wednesday, March 8th, 2000

Nacht, draussen

Ich erinnere mich wieder, als wäre es gestern gewesen: Da stehe ich, im Wohnzimmer. Soeben habe ich den Teller mit dem Katzentrockenfutter auf die Terrasse gestellt, nun bereite ich, mit Buch, Keksen und Ginger Ale, das lange Warten auf den nächtlichen Gast vor. Der, da bin ich sicher, mir heute nicht entgehen wird. Noch einmal kontrolliere ich durch die Scheibe, ob der gerade abgestellte Teller gut zu sehen und weit genug von der Tür entfernt ist. Ich habe ihn neben die kleine Lache gestellt, und richtig, da ist der dunkle Fleck auf dem Holz, doch daneben: kein Teller. Sekundenlang starre ich ratlos, bis die schummrige Szene sich auflöst und richtig übersetzt wird. Der Fleck besteht aus einem Lachen-, einem Teller- und einem Waschbärteil. Rocky ist, keine zwei Minuten nach dessen Eröffnung, am Buffet erschienen und bedient sich.
Als ich die Tür öffne, zieht er sich einige Meter zurück, aber nicht für lange. Vorsichtig setze ich mich auf den Boden, während es vom Teller her schmatzt. Der Autofocus beleuchtet die Spitznase, ein paar Haare zucken. Es blitzt, und wieder weicht er zurück. Kommt wieder. Es blitzt erneut. Den Waschbären, er kennt’s ja nun, kümmerts wenig. Später allerdings, als ich die unterdessen auf der Suche nach ihrer Post erschienene Vormieterin von der Terrasse geleite (sie fürchtet eine Rackuhnattacke aus dem Hinterhalt) sitzt man unter des Nachbarn Bank und faucht entnervt, als man sich entdeckt weiß. Groß starren die Nachtaugen, funkeln die Sterne darüber, unnahbar und bunt.

Tuesday, March 7th, 2000

Rackuhnpose, möglichweise

Der zweite Versuch endet mit einem klaren Punktsieg für die Gegenpartei. Während eine gewaltige Küchenschabe aus dem Weltraum Tommy Lee Jones und Will Smith auf dem Bildschirm in Atem hält, verputzte – ich nehme an in aller Seelenruhe und ohne sich beobachtet zu fühlen – der Gast vom Vortag das Katztenfutter, das ich nach draußen gestellt hatte. Oder aber es war ein vermaledeites Katzenvieh, das dergestalt als Rackuhn nur posierte. Aber welche Katze frißt freiwillig Katzentrockenfutter von fremden Balkonen? Eben.

Monday, March 6th, 2000

Bagel Fort

Der Tag hat grade begonnen, und ich sitze im Halbdunkel des Wohnzimmers und schaue fern. Die Katze dagegen, zweitbeste Freundin des Menschen, schaut Terrasse, melancholisch, weil sie nicht rausdarf. Ein Aufschrei. Ein Fauchen, das Tier bringt Töne hervor, die ich noch nie gehört habe. Ein Maunzen und Wimmern. Nur halb noch hängt sie vom Fensterbrett, mit den Vorderpfoten klammernd. Und wimmert weiter. Schließlich springt sie herunter und äugt aus sicherer Entfernung Richtung Terrassentür. Ich schalte das Außenlicht an, natürlich ist nichts zu sehen. Die Katze nämlich spinnt wohl.
Beruhigend rede ich auf das Nervenbündel ein, und habe es fast beruhigt, als es wieder zerbündelt starrt. Diesmal auf einen Punkt etwa einen halben Meter hinter der Tür, draußen. Ich beuge mich vor, um besser durch die Scheibe sehen zu können, und da ist er und starrt zurück. Große Augen in einem spitzen Gesicht, unbeeindruckt und gelassen. Wir mustern uns einige Sekunden, dann packt mich die Begeisterung. Während ich durch die Wohnung hüpfe, um einen harten Bagel und die Kamera zu holen, hüpft das Nachtgespenst seinerseits aufs Fensterbrett. Keinen halben Meter von mir entfernt sitzt es, als es blitzt. Auch das kümmert es nicht. Aber kaum habe ich die Scheibe geöffnet, geht Rocky auf Sicherheitsabstand, und als ich den Bagel hinauswerfe, wankt er gemächlich aber zielstrebig zur Feuertreppe und steigt unbestechlich ab.
Über die Dachkante sehe ich ihn ein Stockwerk tiefer, meine Lockgeräusche und Brotwürfe sind interessant für einen Moment, dann doch zu langweilig. Er trabt davon.
In der Wohnung beobachtet die winzige Hauskatze, wie ich den Bagel auf der Terrasse drapiere und maunzt protestierend: Bringt Gefahr ins Haus!
Am Morgen: Bagel fort.

Sunday, March 5th, 2000

Demo der Lüfte

Die Möven sind zurückgekehrt! Kreischend zirkeln sie auf Futtersuche über der Kreuzung Spadina und College. Wenigstens nehme ich an, daß sie kreischen. Hören kann ich es nicht, weil ein loser Demonstrationszug, der Möve gleich, vorüberkreischt oder -skandiert. Verstehen kann ich nichts, denn alles, Kreischen und Transparente, sind in einwandfreiem Fachchinesisch. Oder sogar richtigem, der Laie tut sich mit der Unterscheidung oft schwerer als nötig. Schon ist der Umzug jedoch vorüber, und zurück bleiben die Möven, die kreischend über der Straße zirkeln, wie eine kleine Vogeldemonstration aus besseren Tagen oder China. Frühling oder Freiheit liegen in der Luft, oder der Duft des kreischenden Großstadtkreisverkehrs.

Friday, March 3rd, 2000

Kugel rollt

Die Kugel rollt, wenn auch langsam, so doch unaufhaltsam gradewegs und wie präzis gezielt an allen fünf Kegeln vorbei. Schon lange bevor sie das tun wird, sehe ich, daß da nichts mehr zu machen ist; es hilft, allen Kegelsitten zum Trotz, da kein Wedeln, noch Fuchteln oder Beschwören mehr. Und schon gar nicht das “Kosmosbowling – nur Freitags und Samstags und nur hier”-Banner, das sinnlos über den äußerst gewöhnlichen Bahnen hängt und kaum sacht vibriert, wenn die Kugeln unter ihm vorbeitorkeln. Diesmal gelingt mir das präzise Umnieten des mittleren Kegels, ein Kunststück, das erfahrenen Keglern nur selten unterläuft. Es erlischt das Licht. Schwarzlicht greift in den Schummer und läßt die Bälle leuchten und glühen. Pink und Punk, Lila und lall. Alles schwindelt. Dann setzt laut Diskomusik ein. Die Schritte werden wacklig. Meine Kugel fliegt, umkreist zweimal den Saturn, setzt zur Landung an und mäht im Vorüberflug alle fünf Kegel auf der Nachbarbahn um. Oder zumindest einen auf meiner. Armselige Leuchtpunkte zittern über die Decke und Wände. Kosmosbowling tritt Hintern!

Wednesday, March 1st, 2000

In weitem Kino so nah

Der Angestellte ist im Kinokomplex mit sich alleine. AMC 30 heißt der Komplex, wohl weil sich im Durchschnitt nicht mehr als dreißig Besucher jeden Wochentag in der gespenstischen Anlage aus den Augen verlieren. Aber das Management schläft nicht: um den Betrieb anzukurbeln, gibt es nicht nur Dienstags und für nachweisliche Studenten ermäßigten Eintritt, sondern auch Mittwochs kostenloses Popkorn. Mit einwandfreiem DillGurken oder Ranch-Toppingpulver obendrein. Trotzdem ist in den teppichgepolsterten Hallen niemand zu sehen. Schwarz gähnen die Eingänge zu den Sälen. Leider hat jemand aus unserer Gruppe den Popkorngutschein nicht bekommen, reklamieren zwecklos, strengen Sie sich gar nicht erst an. Aber, so die leichtfertige Denke der Geisterkinogäste: statt einem medium popcorn, wie wäre es denn mit zwei smallen? Wegen besserem Teilungsvermögen? Nein, sagt der Kinokomplexangestellte. Das geht nicht. Warum? Weil. Leer sind die Hallen des AMC 30, und genaugenommen hätte es vielleicht sogar AMC 25 heißen müssen an diesem Mittwoch.

Friday, February 25th, 2000

Injection of Honesty

Bequem sitze ich im neuerdings aufgeräumten Wohnraum und gucke fern. Ministerin Sheila Copps darf sich zum Plan äußern, Toronto die Olympischen Spiele 2008 zuzuschlagen. Doping darf nicht vorkommen, sagt der Moderator. Die Spiele, sagt Frau Copps, “need a injection of honesty and truth”. Frau Copps ist häufig Gegenstand der Texte in Frank, dem kanadischen Satiremagazin. Ich lache noch, als ich die Dose mit leckerem Tangerinensaft aufmache und einen Schluck trinke. YEOW! Was für eine Ekelbrühe. Erst nachdem ich mir den Mund ausgespült habe, entdecke ich, daß es Konzentrat ist. Vierfach verdünnen, steht auf der Dose. Das alles rast in Sekundenschnelle vor meinem inneren Auge vorbei, während ich vor dem Regal stehe. Ach was, denke ich. Ich bin doch nicht doof. Und kaufe die Dose.

Thursday, February 24th, 2000

Bassa Selim Plimplimplim

Die Entführung aus dem Serail ist in vollem Gange, als mir auffällt, woher ich die Stimme Osmins kenne: es ist die deutsche Stimme von Blut-Svente oder Messerjocke selber. Robert Lloyd. Und während ich noch diese Entdeckung verdaue und Curd Jürgens als Bassa Selim höre, entdecke ich ein weiteres Detail, das mir einen kurzen Freudenquieker entlockt. In Pipi in Taka-Tuka Land spielt nicht nur Wolfgang Völz (woran ich mich dunkel erinnere) einen der Seeräuber, sondern auch – Aku-Aku, Kon-Tiki und Taka-Tuka weisen die Richtung – der große Thor Heyerdahl spielt einen. Das sind Querverbindungen, -schläger fast, die euphorisch stimmen. Aku! Aku! Taka-Tuka!

Wednesday, February 23rd, 2000

Die Rettung des Filzhuts

Der Schreck fährt unserem tapferen Programmierer eisig in alle Glieder, als er sieht, daß die stundenlang am Vortag ermessenen Augenbewegungsdaten aussehen wie der reine Zufallsmüll. Noch erwägt er – es wäre ja der siebte gescheiterte Versuchsversuch – das fotogene Zerbeißen eines Filzhutes, als ihm einfällt, daß das Testen eines bestimmten Unterprogrammes es nötig machte, statt tatsächlicher Meßdaten Zufallsmüll ans Hauptprogramm zu geben. Der Programmierer entfernt lachend die entsprechenden Zeilen, dann stoppt er in der Bewegung und der Abspann flimmert vorbei. Sowas gibts eben nur im Fernsehen!

Tuesday, February 22nd, 2000

Porschtaxi

Der Taxifahrer ist gesprächig, fast schon geschwätzig. Der Schnee ist bald getaut, sagt er, was aber gut sei. Sein Fahrgast dagegen sei aus Deutschland, woher “Porsch” kommt. Der auch gut, aber leider viel zu teuer sei. Sechsstellig! Das müsse man sich mal vorstellen. Und er will zur U-Bahn-Station, was nicht so gut sei. Der Taxifahrer fuhr zwar erst einmal U-Bahn, habe aber Angst dabei gehabt. Denn: es sei einst ein hübsches Mädchen von einem Verrückten auf die Gleise gestoßen worden. Und gestorben dabei. Seitdem, sagt der Taxifahrer, stehen alle Leute in der U-Bahn eng an die Wand gepreßt. Nicht nur die schönen Mädchen. Und er muß es ja wissen.