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Sunday, June 30th, 2002

In schwachen Böen

Musik dröhnt in munterer Mischung aus den Boxen, gestählte Männerkörper im zartbitteren Ledernichts schwingen Bizeps und Brust, und in den strahlend blauen Himmel über der Stadt treiben zwei aufgeblasene Kondome, in den schwachen Böen, die die Temperatur erträglich halten. Ein rotbemalter, Halbnackter auf einem der Wagen lacht, winkt, macht lockende Handbewegungen. Meint er mich? Ehe ich entscheiden kann, fährt der Wagen mit einem Ruck wieder an, die Kondome verschwinden 20 Meter höher um eine Hausecke.

Saturday, June 29th, 2002

Basically

Im Vorübergehen nehme ich einen Bund Petersilie aus dem Topf im Gemüseregal und werfe ihn in den Einkaufswagen. Minuten später fragt die Kassiererin, den Bund halb erhoben, den Blick gesenkt: “Koriander?”
“I thought it was Parsley”, antworte ich, aber Großblattpetersilie und Koriander verwechsle ich immer, ich überlege, macht nichts, zu Couscous paßt auch Koriander, besser vielleicht sogar.
“It‘s basically the same”, sagt die Kassiererin und schaut mich immer noch nicht an, zeigt mir die Wurzeln, “it just got roots”. Ich grinse, nicke, sie sieht es nicht. Erst nach dem Bezahlen, beim Verabschieden, treffen sich kurz unsere Augen.

Sunday, May 19th, 2002

Regen, nachts

Zufriedene Menschen gehen zügig aus dem Saal, beinahe hätte es nach der letzten Szene Applaus gegeben. Durch die Stuhlreihen rasen zwei junge Männer, ohne Rücksicht auf die Gehenden. Der Verfolger hat eine Popcorntüte in jeder Hand, jedes Mal, wenn er dem Verfolgten nahe kommt, stößt eine der Tüten nach vorne, wie eine Waffe. Er läßt kurz ab, hebt zurückgelassene Tüten auf und füllt mit den Resten seine Tüten. Direkt neben uns schleudert er das Popcorn, in einem Kreis von 2 Metern Radius regnet es herab.

Sunday, May 19th, 2002

Eine Handvoll Popcorn

Die Lichter erlöschen im Saal, die letzten Nachzügler suchen die letzten freien Plätze. Hinter uns stehen beide Flügel der Eingangstür offen, das Licht aus dem Flur und Lachen dringt herein. Ich drehe mich um. Ein Mann läuft hinter der letzten Stuhlreihe zur Tür, in der ein kleiner Haufen Popcorn liegt, jemand hat seine Tüte dort verloren. Er bückt sich, nimmt eine Hand voll, steht auf und verschwindet wieder im Schatten.

Sunday, May 19th, 2002

Winterwind

Das erste, was mir auffällt, ist der Kinnbart, dünner, weißer Flaum schwebt vor mir über der Straße, wären die Haar dicker, dichter, es wäre ein Ziegenbart, wie bei einem asiatischen Weisen. Dann sehe ich die rosa Plastikfolie, die den Mantel ersetzt, sehe das Gesicht: eine alte Frau überquert vor mir die Straße. Die Unmöglichkeit des Bartes läßt mich kurz seitlich ausscheren. Ein Straßenbahnfahrer stellt mit schwarzer Stange eine Weiche, sie geht an ihm vorbei, spricht ihn an, er antwortet. Ich kann nichts hören. Links trägt sie einen Winterstiefel, rechts eine Plastiktüte am Fuß. Der Fahrer steigt in seine Bahn, sie bleibt an der Haltestelle stehen und schaut ins Leere. Ich überquere die Kreuzung, der eiskalte Winterwind heute weht mir den ganzen Tag schon ins Gesicht. Vielleicht fahre ich auch nur zu schnell.

Sunday, May 19th, 2002

In der Colalache

Es ist kalt und windig, wie im November. Durch die spiegelverkehte Werbung für ein 99 cent-Sandwich behalte ich mein Rad im Auge. Eine junge Frau neben mir scherzt mit einer Freundin, in Zeitlupe, als Klischee, sehe ich den Getränkebecher auf ihrem Tablett kippen und fallen, die Tonspur setzt aus, beim Aufschlag höre ich einen Hall. Jedesmal wenn ich ins Leben blicke, kommt es wie schlechtes, dummes Kino heraus. Die Angestellte wiederholt meine Bestellung Stück für Stück, sie hat alles verstanden, sucht dennoch meine Zustimmung. 200 Dollar und fünf Cent tippt sie in die Kasse, 194 soll ich zurückbekommen. Sie stutzt kurz, dann läuft sie nach hinten und kommt mit einem Taschenrechner wieder. Routiniert jede ihrer Bewegungen, während sie mein tatsächliches Wechselgeld, 14 Dollar, berechnet und mir auszahlt. Neben mir steht eine Frau mit ihrem Kind in der Colalache, ich will etwas sagen, aber sie hat es schon bemerkt. Zwei junge Männer verdecken die Sicht auf mein Rad. Bin ich paranoid?

Wednesday, April 17th, 2002

Windstoß vom Golf

Seit zwei Tagen bläst der tausend Kilometer entfernte Golf schwülwarme Luft in die Stadt, die plötzlich sehr anders aussieht. Überall stehen Tische auf den Straßen, sitzen leichtbekleidete Menschen. Vor dem Hart House, an einem der Tische, sitzt ein älterer Herr, aber er sitzt eigentlich nicht am Tisch, er hat sich vom Tisch weggedreht, am Nachbartisch sitzt er eigentlich, und sucht ein Gespräch mit dem älteren Paar dort. Zwar ist Frühling, aber er blitzt ab. Suchend schweift sein Blick, wir unterhalten uns grade über die Spatzen, die unter den Stühlen hüpfen, aus dem Augenwinkel sehe ich ihn aufstehen, er steht an unserem Tisch, “These are the Hart House sparrows.” Man füttere sie, das bringe Glück, nun ja, den Spatzen mehr als denen, die füttern. Er lacht über seinen Witz, geht zurück und setzt sich wieder.

Nach einer kurzen Pause zeigt er auf die Laternen entlang der Zufahrtsstraße: dort wohnen sie, sagt er, und wirklich, aus den Eisenstreben unter jeder der Laternen quellen Bündel von Stroh. Spatzennester, in Griffnähe und doch unsichtbar.

“Are you a student”, fragt die Frau vom Nebentisch ihn, er lächelt, nein, ein Dozent für alte Literatur sei er gewesen, aber das sei lange her.

Als er geht, spürt man einen Hauch Melancholie. Oder einen warmen Windstoß vom Golf.

Thursday, April 11th, 2002

Funken

Der Schweiß sammelt sich, auf der rechten Schulter hängt lose die Jacke, jederzeit kann sie fallen, links die Tasche. In der rechten Hand halte ich den Zettel mit den Quellenangaben, langsam gehe ich durch die Regalreihen. Jedes Regal fasse ich mit der linken Hand an beim Vorübergehen, jedesmal knistert es leise, wenn zwischen meiner Haut und der des Regals ein Funke schlägt.

Sunday, April 7th, 2002

Jaulen

Vor dem Fenster Tauben im Sturzflug. Der Himmel ist verhangen, ein Schneeschauer kündigt sich an. Fünf Stockwerke tiefer dreht ein Motorrad hoch und hohl, mehrfach jault es laut auf. Ich ärgere mich verschwommen, oft rast dieses Motorrad zu laut durch unsere Straße, die kaum 50 Meter lang ist, und hält uns mit dem Lied von der wilden Jugend nachts wach. Kurz nach dem Jaulen ein seltsam leises, entferntes Scheppern, Plastik klappert über Beton, etwas schweres schleift ein Stück, dann Stille. Das mußte ja mal kommen, denke ich. Recht so, denke ich. Dann erst sehe ich nach, ob jemand verletzt wurde.

Saturday, April 6th, 2002

Wursttiefe

An der Kühltheke steht, leicht nach vorn gebeut, eine kleine Frau, in Würste vertieft. Die Haare leuchten grau mit einem Blaustich, die Jacke ist tiefgrün. Vergleicht sie Preise, Dicke, Fleischgehalt? Neben ihr, gleichfalls nach vorn gebeugt, ein Mann, vielleicht dreißig Jahre alt, ratlos wirkt er. Excuse me, sagt er. Sie starrt, kaum möglich, noch unverwandter Richtung Wurst. Excuse me, sagt der Mann. Die blaugrüne Frau regt kein Glied. Excuse me, sagt er ein drittes Mal, wendet sich dann, eher ratlos als verstimmt ab. Geht ratlos ein paar Schritte von ihr weg, dreht ab, bleibt stehen. Er spricht niemanden mehr an, macht noch drei ziellose Schritte und geht davon. Später sehe ich ihn Joghurtbecher aus einem Kühlschrank auf ein Papptablett laden.