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Bei manchen dokumentarischen Büchern fragt man sich unweigerlich, warum man sich die deprimierende Abfolge unheilvoller Tatsachen ins Denkgebäude schraubt. Nun ist es andererseits natürlich Unsinn auf dem Niveau der Erstmal-besser-machen Kritikverneiner, Unschönes nur deshalb abzulehnen, weil es keine konstruktiven Schlüsse anzubieten hat, aber erbaulich hätte ich es doch gefunden, nach der Durchsicht all der Naziwiderlichkeiten rund um Vertriebene und ihre Zentren, Kriegsgeschichte und Schuldausgleich ein paar Vorschläge zu finden, wie man das Pack zum Schweigen und die Geschichte auf einen guten Weg brächte. So ganz ohne das ist das Buch jedenfalls nicht der Diskussionsbeitrag, der es sein möchte, sondern eher die Grundlage für einen. Muss dann eben jemand anders schreiben.

Die für mich interessanteste Detailinformation betrifft das Verbot der Todesstrafe im Deutschen Grundgesetz, das mir angesichts der sonstigen Kontinuitäten von Mordbubenwirtschaft und Gewaltapparat immer ein wenig inkonsistent vorkam. Später schildert, wie ein Vertriebenenfunktionär sich für die Abschaffung verwendet, um seine alten Nazikumpane vor den Galgen der Alliierten zu retten. Das ging schief, weil die Alliierten sich bei den Hinrichtungen ums Grundgesetz der Besiegten nicht recht scheren mochten, und der Plan, die Todesstrafe für gemeine Mörder flugs wieder einzuführen, scheiterte dann ebenfalls. Sie kennen doch unser heiteres Suchspiel? In der Geschichte hat der Weltgeist Sepp Arnemann eine konstruktive Lehre über den Umgang mit repressiven gesellschaftlichen Kräften versteckt. Suchen Sie sie selbst, mir gefällt sie nicht.

Nachtrag: konkret dokumentiert in der aktuellen Ausgabe die Reaktionen Vertriebener auf Späters Buch, und ich nehme einen Teil des oben gesagten zurück. Wer derart die Hunde zum Bellen bringt, hat allerhand richtig gemacht.

Monday, December 12th, 2005

Beklommene Stille

Vielleicht würde es, wenn man mehr davon wüsste, beklommen still werden um dieses Hauptwort “Geist” (Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)

Vielleicht aber auch nicht. Ohnehin fragwürdig, ob ausgerechnet der Autor dieses geschwätzigen Ziegelsteins sich über beklommene Stille verbreiten sollte.

Thursday, December 8th, 2005

Warmgefönt

don't do that

Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass man einen britischen Tierversuchs-Lobbyisten für eine Fernsehsendung den Alltag eines Versuchsnagetiers nacherleben liess. Unter anderem musste er dabei teuflisch warme Fussböden und brutal trockengefönte Haare erdulden. Wir Nagerfreunde begrüssen dergleichen Kaspereien natürlich, nicht nur als soliden Beitrag zu einer komplexen Diskussion, sondern auch als ersten Schritt in eine bessere Welt; denn erst wenn alle Menschen leben wie die Ratten ist unser Auftrag erfüllt. Oder Karnickel. Oder eben Vizcachas, wir sind da flexibel.

Vielleicht darf man sogar hoffen, bei der Ausstrahlung der Sendung am 14. Dezember auch eins der berüchtigtsten Rattenexperimente am Lobbyisten nachgestellt zu sehen; das nämlich, bei dem ermittelt wurde, um wieviel länger Ratten sich durch Strampeln vorm Ertrinken retten, wenn man ihnen zuvor den Eindruck verschafft hat, man würde sie schon beizeiten da rausholen. Zugegeben, das Originalexperiment ist recht alt, wurde schon in den 50er Jahren durchgeführt und würde heutzutage von keiner Ethikkomission mehr genehmigt. Aber ein kleines bisschen Unsachlichkeit ist ein geringer Preis für eine unterhaltsame Sendung, und zudem sind Lobbyisten ja in der Regel auch nicht mehr die Jüngsten.

(Dieser Beitrag erscheint parallel bei der Riesenmaschine).

wer jetzt keinen truthahn hat, brät sich keinen mehr

Berkeley on Thanksgiving Day is its most deserted – this holiday includes everybody in it’s national myth. No parked cars, hardly anybody on the streets but beggars trying to ear a buck by wishing the occasional passerby a happy holiday. All shops and restaurants are closed and dark. Only at Blockbuster is there life, scores of people wandering the isles in search for something to fill the evening with.

The title is a modified Rilke quote. The full poem:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Monday, November 28th, 2005

Der heilige Andreas

bolinas lagoon

Der Andreasgraben kreuzt die Berge von Santa Cruz in nordwestlicher Richtung, schneidet die Halbinsel, an deren Spitze San Francisco liegt, und verläuft dann etliche Dutzend Meilen im Pazifik. Von den Flanken von Mount Tamalpais aus kann man das abrupte Ende der nordatlantischen Platte und den Beginn der pazifischen am scharf verlaufenden Kontrast der Wasserfarben erkennen, dunkelblau glimmt die Tiefsee.

Das Erdbeben von 1906, in dessen Folge die Stadt abbrannte, hatte sein Epizentrum ein weiteres Stück nördlich, wo der Graben wieder über Land verläuft und Point Reyes von Festland trennt. Das Beben von 1989, bei dem die Bay Bridge einstürzte, hatte sein Epizentrum in den Bergen von Santa Cruz.

Das nächste grosse Beben wird aber nicht im Andreasgraben sondern im Haywardgraben stattfinden, der hier in Berkeley am Ostende des Campus verläuft. Letzte Nacht um neun wackelte unser Haus, Stufe 2,4 meldete die Erdbebenwacht. Mein viertes Beben hier.

Friday, November 4th, 2005

Frans de Waal – Chimpanzee Politics (2)


Ein Klassiker der Primatenforschung, und faszinierender Einblick in die seelische Verfassung unserer nächsten Verwandten. Ein Gutteil dieser Faszination speist sich daraus, dass trotz aller Parallelen zu menschlichem Verhalten die Gefühlswelt und das Verhalten der Schimpansen von anderen Prinzipien regiert werden als unsere, die Tiere uns aber ähnlich genug sind, dass wir ihnen die dem äusseren Verhalten entsprechenden menschlichen Regungen unterstellen. Eine Lektion nicht nur in Primatenpsychologie, sondern auch in den Mechanismen, durch die unsere Vorurteile unsere Wahrnehmung gestalten; vermutlich sind diese aber ohnehin Teil jener.

Eine der rührendsten Anekdoten des Buches erzählt vom Moment im Frühjahr, in dem die den Winter über im Primatengebäude verstauten Schimpansen die unsichtbare Klappe ins Freie sich am Ende des Ganges öffnen hören, und sofort in lautes Geschrei, aufgeregte Sprünge und Umarmungen ausbrechen.

don't look, but i'm right behind you

1) Öffentliche Telefongespräche werden von den Widerwärtigen meist zu laut geführt, aus eingebildet technischen Gründen, und sind schon allein deshalb aufdringlich und lästig.

2) Zusätzlich wirken die Widerwärtigen, besonders wenn man das Telefon nicht sieht, aber auch sonst, wie taumelnd Schizophrene, die Stimmen hören, und ohne äusseren Anlass emotionale Stürme durchleben. Nicht schön, und instinktiv beunruhigend.

3) Der Inhalt der Gespräche der Widerwärtigen ist, soweit er mitgehört werden kann, eklatant banal und dreht sich meist ums Treffen, Getroffenwerden oder Befindlichkeiten. Dergleichen ist nicht öffentlich und laut abzuwickeln, wenn denn schon überhaupt.

4) Die Körperhaltung der gehenden, radfahrenden, autofahrenden Widerwärtigen spricht von ihrer Abwendung von der Umgebung. Das ist im besten Fall milde unhöflich mir gegenüber, der ich ja in ihrer physischen Umwelt mich aufhalte, in der Regel aber ein verkappter Angriff. Zweimal wurde ich beinahe von einem Widerwärtigen überfahren, auf den Gehsteigen hat man ihnen auszuweichen. Man möchte sich unmütig erregen, manchmal.

5) Man muss nicht erreichbar sein. Man muss nicht über jeden Scheiss reden. Man muss nicht dauernd reden. Man soll auch mal allein sein. Jedes ans Ohr gepresste Piepsding erinnert mich daran, dass ich diesen Grundprinzipien der Würde des Individuums als Quasiquastenflosser anhänge. Das machen die Widerwärtigen doch extra.

6) Verschlimmert wird all das Genannte dadurch, dass nichts davon ja in einem einsehbaren Sinn nötig wäre. Sie verlören keine Zeit, wenn sie erst zu ihrem Ziel gingen und dann rasch telefonierten, weil sie ja telefonierend ohnehin viel langsamer latschen und sich vermutlich dreimal verfransen unterwegs. Sie verlören keinen Tick Respekt im Freundeskreis, wenn sie nicht aus der Schlange in der Cafeteria meldeten, jetzt grade kurz vor dem Erwerb eines Kaffees zu stehen. Sie tuns trotzdem, und weil das Tun all die geschilderten Nachteile für die Umwelt mit sich bringt, und ein Mensch von Gefühl und Verstand das Vorhersehen kann, tun sie es also aus reiner, schwarzer Bosheit. Die Focker.

7) Die Klingeltöne. Muss ich mir wirklich den Nussknacker auf der Eichhörnchenorgel anhören, jedesmal wenn einem jungen Menschen die kalte Kralle der Einsamkeit das Herz zu Mus ballt, und er also Ansprache sucht? Offenbar – jedoch.

8) Das Klingeln in Veranstaltungen. Ein Lehrer in Florida hatte kürzlich die pfiffige Idee, allen klingelnden Telefonen in seinen Stunden selbst auf den Grund zu gehen. Natürlich kommt er jetzt kaum noch zum Unterrichten und sagt dauernd pfiffig “Ja hallo, wer ist denn da” in ein kleines Gerät. Die Schüler sind zwar widerwärtig, aber ja nicht blöd. Eine leider verbreitete Verwechslung unter Studenten des menschlichen Charakters.

9) Das Klingeln überhaupt. SCHALTET DEN VERFOCKTEN VIBRATIONSALARM EIN, IHR KRANKEN! Wozu hat der Herrgott ihn denn gemacht? Hä?

Soweit ersma.

Tuesday, October 25th, 2005

Exzisterzienserexerzitien

vader force sprinkler

Man muss sich natürlich sehr in acht nehmen vor der Behauptung, früher, zumal zu einer Zeit, die man selbst bestenfalls aus den Lügen der Älteren kennt, sei irgendwas auch nur ein klein wenig besser gewesen als heute. Und natürlich gibt es ja auch heute noch Rasensprenger, wo Form noch Funktion folgt, wie sich das gehört. Zwei Widersprüche gegen eine eventuelle Behauptung des allgemeinen Niedergangs.

Die Hoffnung aber, der Funktion der Dinge und den Mechanismen im Weltgetriebe durch ihre Verkleidung als Plastikmythen entgehen zu können, und die unüberbrückten Wände zwischen Subjekt und Objekt mit Tapeten voller Comicfiguren unterhaltsam zu verkleben, erwürgt den Impuls, der sie hervorbrachte.

Tuesday, October 11th, 2005

Die Verwirrung

Im Moment, in dem ich aus dem Gesundheits-Fastfood-Restaurant wieder ans Strassenlicht trete, und mit Hanns Lesers Henscheidgezische im Ohr, quatsch, Hanns Zischlers Henscheidlesung, um mich wogten gestrandete Hippies, hungrige Studenten und die schon ganz ratlos vor sich hinlebende Bewohnermeute der Telegraphstrasse, schwarz zumeist im Gesicht und manche auch in der Seele – Moldavia, die schillernd wahnsinnige Hutverkäuferin, Hutmacherin auch, aber hier auf der Strasse zunächst Hutverkäuferin, berichtete, dass mitunter ein bürgerrechtsbewegter und mithin also kriminell wahnsinniger Neger zu ihr hintrete und sie quasi mit Beschlag belege, weil, sagte Moldavia, die irgendwo aus dem Pazifik oder der Südsee her stammt, die genaue Insel hab ich vergessen, sie ja qua Hautfarbe auch den Verhaltenskodex der ewig Untergebutterten und rassisch Ausgegrenzten zu befolgen habe, wozu sie, Moldavia, aber gar keine Lust habe, sondern sie spreche alle Sprachen der Welt, hundertachtunddreissig Sprachen spreche sie, Finnisch zum Beispiel, und sie spreche gerne auch mit jedem, aber das sähen die Neger nicht gerne, das ist ein Bruch in der Solidarität, wenn eine schwarze Frau mit einem Finnen zum Beispiel spricht, dabei sei sie ja gar nicht schwarz oder aus Afrika, sondern von einer Insel, und wirklich driftete ja eine Dreierkonstellation junger Schwarzer an uns vorbei, während sie uns das alles erzählte, damals, und stellte sich drei Meter entfernt auf und guckte immer wieder dreifach ablehnend zu uns herüber, der Moldavia grade je zwei, also insgesamt alle vier vefügbaren Ohren abkaute mit ihrem paranoiden, aber werweiss auch wieder fundierten Gerede, die Dreiergruppe war sozusagen die manngewordene Verkörperung ihrer Klage und im Gesamtbild also alles in Ordnung, der Teil und das Ganze, ein dichtes, schwindelnmachendes Hologramm der sozialen Situation, vor ein paar Wochen und hier an derselben Ecke – im Moment also, indem ich hier auf die nunmehr aber moldavialose Strasse hinaustrat, den Sack mit dem Burger und den Knoblauchfritten und dem Eistee, ungesüsst, in der rechten Hand, fiel mir siedendheiss einerseits, gefrorenkalt andererseits wieder ein, dass ich ja heute gar nichts zu essen hatte kaufen wollen, sondern vielmehr und bauernschlau die mitgebrachten tiefgefrorenen Mikrowellengerichte mir hatte zubereiten und einpfeifen wollen. Moldavia kannte übrigens auch Whoopy Goldberg und hatte ihr einen Hut verkauft, das erklärte vielleicht manches, stand sogar im Guinessbuch der Rekorde mit ihren Hüten. Vermutlich hatte das aber auch gar nichts mit der ganzen Misere zu tun, und half mir deshalb auch nicht bei meinem dekadent westlichen Essensüberschuss, ein Burgerberg und eine Gefrorenemahlzeitenlawine quasi, und ganz ohne Subventionen. Naja, dachte ich, jetzt ist ja auch schon alles wurscht und trug den ganzen Schrott bergauf, um ihn dann Stück für Stück und im Lauf des Tages wegzuputzen.

Tuesday, July 26th, 2005

Within 20 Feet

within 20 feet

Wenn man nach San Francisco fahren will von Berkeley aus, zum Beispiel um sich Coppolas Bügeleisenhaus anzusehen, das aussieht, als wär es aus ergrüntem Kupfer, aber dann doch nur mit glasierten Kacheln vollgepappt ist, kann man zum Beispiel den F Bus nehmen. Der F Bus fährt erst durch das Armenviertel von Oakland, an Gedenktafeln für erschossene Negerkinder vorbei, passiert dann Ikea (Köttbullar!) und fährt schließlich über die obere Etage der Bay Brücke, man sieht dann aus dem Bus Downtown San Francisco sich fotogen ins Bild drehen, vielleicht die schönste Busfahrt der Welt, wahrscheinlich aber nicht.
Während man auf diesen F Bus wartet, an der Ecke Shattuck und Dwight, vor dem Radio Shack, schaut man in der Regel auf den Boden, denn die Anzeige am Bushäuschen ist langweilig und wechselt selten, und die örtliche Architektur gibt dem Auge keine Rast. Und dass da hinten braune Hügel sind, lockt auch keinen Waschbären unterm Auto vor. Und wenn man nun an diesem Bushäuschen auf den Boden sieht, dann steht da offiziell auf den Asphalt gesprüht: No smoking within 20 feet.

Ich find das ja gut.