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Berkeley



Friday, March 3rd, 2006

Zusammenstoss

an echo of things to come

Als ich um die Ecke biege, sitzt er da, vielleicht zwei Meter entfernt, und inspiziert einen halbzerkrümelten Keks. Das bindet seine Aufmerksamkeit so sehr, dass ich die Entfernung halbiert habe, ehe er mich bemerkt. “Tenki-wa atsui desu”, murmle ich im abwesenden Zwiegespräch mit dem Ipod, dann “Iie, tenki-wa samui desu”. Sprachlehrganghohlheiten sind keine Kekse, aber auch ich bin abgelenkt, und erwache erst zum vollen Bewusstsein, als ein erklecklicher Rumms meinen rechten Fuss erschüttert. Augen begegnen sich für eine Sekunde, dann schüttelt er sich und verschwindet in der Hecke. “Kanada-no Tenki-wa warui desu” rufe ich erstaunt aus, und “You fool”. Kurz erwäge ich, den Keks zu stehlen, lasse es aber dann doch sein.

Monday, February 27th, 2006

Marslachattacke

Zwei Knoten Wolle, oder wie heißt das, Ball, Bündel, Knäuel. Genau, Knäuel. Zwei wollknäuelgrosse Wollknäuel, was für ein bescheuertes Wort, Knäuel, als würde man auf blind gewordenem Klarplastik rumkauen, zwei Wollknäuel also, eins rot, eins schwarz, trage ich an die riesige Kassentheke. Riesig ist die Theke, weil auf ihr Stoffe aus aller Herren Materialien in Fetzen geschnitten werden können müssen, und nicht, weil meine Wollknäuel findlingsgroß wären. Sie sind eher klein. Trotzdem kommen sie mir vor wie kosmische Leuchtfeuer, genau wie die Stricknadeln in der anderen Hand, ein intensives Signal geht von mir aus, und auf dem Mars hebt ein Ding mit Tentakeln den hässlichen Kopf, zeigt lachend in den Himmel und sagt: “Haha, Kai kauft Strickzeug!”. Verloren liegen nun die Knäuel und die Nadeln auf der Riesentheke. Die Handarbeitsverkaufsfrau trägt die Andeutung eines Spottgesichts, glaube ich, es ist schwer zu erkennen, sie ist so weit weg hinter der Riesentheke. “Is there a plan?” fragt sie nach einigen Sekunden Spottgesicht. Irgendwo lacht ein Marsianer.

Saturday, January 28th, 2006

Jigsaw Pieces

two helmets

5
Die Ampel schaltet, als ich beinahe die Kreuzung erreicht habe, und ich bringe das Rad erst in der Mitte des Fussgängerstreifens zum Stehen. Niemand überquert die Strasse hier, ich bleibe also stehen und warte auf die nächste Schaltung. Während des Wartens erinnere ich mich, dass man auch in Kalifornien auch bei Rot rechts abbiegen darf, und ungleich Autos, die die rechte Spur zum gradeausfahren nutzen, kann ich auf meinem Rad dem Nachfolger Platz machen. Der Wagen hinter mir blinkt zwar nicht, aber das tun sie hier ohnehin selten. Ohne abzusteigen ziehe ich also das Rad nach rechts an den Strassenrand, und wirklich rollt sofort das Auto hinter mir voran, ist neben mir, und der Fahrer blafft durchs offene Fenster “I’ll roll your piece of shit over if you don’t get out of the way”, nimmt die Kurve und ist weg.

6
Der Weg von der Universität hügelab ist steil und nagt an den Bremsklötzen. Am rechten Strassenrand stehen die Linienbusse abfahrtbereit und warten auf Studentenfracht. Ich rolle in der Mitte der rechten Spur, einen Meter von der Busaussenseite entfernt, am Bus vorbei, und dann noch ein Stück weiter hügelab, ehe ich an den rechten Strassenrand ausweiche. Ein Mittelklassewagen schiebt sich an mir vorbei, durchs offene Seitenfenster bricht die überschlagende Stimme einer jungen Frau, Beifahrerin, “we’ll run you over”, vermutlich ist der Satz Teil der Führerscheinprüfung hier.

7
Shattuck teilt sich nördlich des Stadtzentrums von Berkeley, zwei Blocks lang, in zwei separate Einbahnstrassen. Mein Ziel ist das chinesische Restaurant auf der Westseite der Nordspur, ich halte mich also rechts auf der Fahrt nach Norden, grade schnell genug für die Ampelschaltungen, die Autos auf der rechten Spur fahren ein wenig schneller, und stehen je ein paar Sekunden an der noch roten Ampel des nächsten Blocks. Ich drehe mich um, und ein Kleinwagen folgt mir im Abstand von einem Meter. Bremse ich jetzt, falle ich vom Rad, blockiert der Umwerfer die Speichen des Hinterrades, das Auto muss mich überrollen, unmöglich für den Fahrer, schnell genug zu reagieren. Mein Leben für eine halbe Sekunde Zeitersparnis. Immerhin kein aggressiver Ausruf, diesmal.

Thursday, January 5th, 2006

Seeing words

ikeabears

A neat new study done right here at UC Berkeley finds that when the colours of a target has a different name from that of distractors, the left hemisphere is faster at finding the target than the right, while this advantage disappears for colours without a naming difference. The left hemisphere’s edge also disappeared when an additional task taxed verbal working memory, but not when spatial working memory was taxed instead.

So Worf had it right, after all, when he said “Sir, I protest – I am not a merry man!”. And Whorf was right, as well: language indeed does influence our brain’s operations on a very basic level.

Monday, December 5th, 2005

Jigsaw Pieces

passport design

5

When three of our local drugstores, two Walgreens and a Longs, failed for different reasons to produce acceptable passport photos, we decided to take matters in our own hands, and save a few bucks in the process. I took a picture of Caroline against our kitchen wall, cropped and scaled them in photoshop to 2×2 format, arranged two on a 4×6 sheet and went to Longs to print the thing for 20 cents instead of $7. Yay!

Only when we came back an hour later to pick up the order, it clocked in at $7.71. For a total of four prints. After I contested the sum, the clerk called in the photo assistant, who said, “I’ll show you”, opened the folder and triumphantly pulled out the passport photo print. “These are seven dollars” she said.

Incredulously, I asked whether Longs charges for prints depending on what’s on them, which just made her repeat that those were passport prints. It took five surreal minutes of discussion with the manager to convince him to give us that print for 20 cents, and even then he left us without a word of apology or goodbye, to his sourly suspicious clerk to ring up our corrected bill.

wer jetzt keinen truthahn hat, brät sich keinen mehr

Berkeley on Thanksgiving Day is its most deserted – this holiday includes everybody in it’s national myth. No parked cars, hardly anybody on the streets but beggars trying to ear a buck by wishing the occasional passerby a happy holiday. All shops and restaurants are closed and dark. Only at Blockbuster is there life, scores of people wandering the isles in search for something to fill the evening with.

The title is a modified Rilke quote. The full poem:

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Monday, November 28th, 2005

Der heilige Andreas

bolinas lagoon

Der Andreasgraben kreuzt die Berge von Santa Cruz in nordwestlicher Richtung, schneidet die Halbinsel, an deren Spitze San Francisco liegt, und verläuft dann etliche Dutzend Meilen im Pazifik. Von den Flanken von Mount Tamalpais aus kann man das abrupte Ende der nordatlantischen Platte und den Beginn der pazifischen am scharf verlaufenden Kontrast der Wasserfarben erkennen, dunkelblau glimmt die Tiefsee.

Das Erdbeben von 1906, in dessen Folge die Stadt abbrannte, hatte sein Epizentrum ein weiteres Stück nördlich, wo der Graben wieder über Land verläuft und Point Reyes von Festland trennt. Das Beben von 1989, bei dem die Bay Bridge einstürzte, hatte sein Epizentrum in den Bergen von Santa Cruz.

Das nächste grosse Beben wird aber nicht im Andreasgraben sondern im Haywardgraben stattfinden, der hier in Berkeley am Ostende des Campus verläuft. Letzte Nacht um neun wackelte unser Haus, Stufe 2,4 meldete die Erdbebenwacht. Mein viertes Beben hier.

Sunday, November 6th, 2005

Steaming Monkeys

Yesterday a neurophysiologist gave a talk here at Berkeley, on their usual subject of the correlation of electrical activity of a neuron in Macaque cortex with some thing or another. While the audience walked in, the speaker had a short movie of a wild Macaque sitting contently in a hot spring with snows all around, probably shot at Jigokudani. The movie’s tranquility and meditative mood seemed strangely at odds with the boring work experimental animals usually have to endure. Maybe the strangely beautiful closing sequence of Aguirre, where Kinski’s mad explorer chases monkeys around a doomed raft would be a better metaphor.

Tuesday, October 11th, 2005

Die Verwirrung

Im Moment, in dem ich aus dem Gesundheits-Fastfood-Restaurant wieder ans Strassenlicht trete, und mit Hanns Lesers Henscheidgezische im Ohr, quatsch, Hanns Zischlers Henscheidlesung, um mich wogten gestrandete Hippies, hungrige Studenten und die schon ganz ratlos vor sich hinlebende Bewohnermeute der Telegraphstrasse, schwarz zumeist im Gesicht und manche auch in der Seele – Moldavia, die schillernd wahnsinnige Hutverkäuferin, Hutmacherin auch, aber hier auf der Strasse zunächst Hutverkäuferin, berichtete, dass mitunter ein bürgerrechtsbewegter und mithin also kriminell wahnsinniger Neger zu ihr hintrete und sie quasi mit Beschlag belege, weil, sagte Moldavia, die irgendwo aus dem Pazifik oder der Südsee her stammt, die genaue Insel hab ich vergessen, sie ja qua Hautfarbe auch den Verhaltenskodex der ewig Untergebutterten und rassisch Ausgegrenzten zu befolgen habe, wozu sie, Moldavia, aber gar keine Lust habe, sondern sie spreche alle Sprachen der Welt, hundertachtunddreissig Sprachen spreche sie, Finnisch zum Beispiel, und sie spreche gerne auch mit jedem, aber das sähen die Neger nicht gerne, das ist ein Bruch in der Solidarität, wenn eine schwarze Frau mit einem Finnen zum Beispiel spricht, dabei sei sie ja gar nicht schwarz oder aus Afrika, sondern von einer Insel, und wirklich driftete ja eine Dreierkonstellation junger Schwarzer an uns vorbei, während sie uns das alles erzählte, damals, und stellte sich drei Meter entfernt auf und guckte immer wieder dreifach ablehnend zu uns herüber, der Moldavia grade je zwei, also insgesamt alle vier vefügbaren Ohren abkaute mit ihrem paranoiden, aber werweiss auch wieder fundierten Gerede, die Dreiergruppe war sozusagen die manngewordene Verkörperung ihrer Klage und im Gesamtbild also alles in Ordnung, der Teil und das Ganze, ein dichtes, schwindelnmachendes Hologramm der sozialen Situation, vor ein paar Wochen und hier an derselben Ecke – im Moment also, indem ich hier auf die nunmehr aber moldavialose Strasse hinaustrat, den Sack mit dem Burger und den Knoblauchfritten und dem Eistee, ungesüsst, in der rechten Hand, fiel mir siedendheiss einerseits, gefrorenkalt andererseits wieder ein, dass ich ja heute gar nichts zu essen hatte kaufen wollen, sondern vielmehr und bauernschlau die mitgebrachten tiefgefrorenen Mikrowellengerichte mir hatte zubereiten und einpfeifen wollen. Moldavia kannte übrigens auch Whoopy Goldberg und hatte ihr einen Hut verkauft, das erklärte vielleicht manches, stand sogar im Guinessbuch der Rekorde mit ihren Hüten. Vermutlich hatte das aber auch gar nichts mit der ganzen Misere zu tun, und half mir deshalb auch nicht bei meinem dekadent westlichen Essensüberschuss, ein Burgerberg und eine Gefrorenemahlzeitenlawine quasi, und ganz ohne Subventionen. Naja, dachte ich, jetzt ist ja auch schon alles wurscht und trug den ganzen Schrott bergauf, um ihn dann Stück für Stück und im Lauf des Tages wegzuputzen.

Tuesday, July 26th, 2005

Within 20 Feet

within 20 feet

Wenn man nach San Francisco fahren will von Berkeley aus, zum Beispiel um sich Coppolas Bügeleisenhaus anzusehen, das aussieht, als wär es aus ergrüntem Kupfer, aber dann doch nur mit glasierten Kacheln vollgepappt ist, kann man zum Beispiel den F Bus nehmen. Der F Bus fährt erst durch das Armenviertel von Oakland, an Gedenktafeln für erschossene Negerkinder vorbei, passiert dann Ikea (Köttbullar!) und fährt schließlich über die obere Etage der Bay Brücke, man sieht dann aus dem Bus Downtown San Francisco sich fotogen ins Bild drehen, vielleicht die schönste Busfahrt der Welt, wahrscheinlich aber nicht.
Während man auf diesen F Bus wartet, an der Ecke Shattuck und Dwight, vor dem Radio Shack, schaut man in der Regel auf den Boden, denn die Anzeige am Bushäuschen ist langweilig und wechselt selten, und die örtliche Architektur gibt dem Auge keine Rast. Und dass da hinten braune Hügel sind, lockt auch keinen Waschbären unterm Auto vor. Und wenn man nun an diesem Bushäuschen auf den Boden sieht, dann steht da offiziell auf den Asphalt gesprüht: No smoking within 20 feet.

Ich find das ja gut.