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Miniaturen



Friday, December 14th, 2007

46

Eine Traube Mensch steht auf dem Bahnsteig und wartet auf den Zug. Der Zug kommt, die Türen gehen auf. Traube drängt in Wagen, ein Kampf um Sitzplätze entbrennt, Blut, Gedärme überall. Der Zug steht. Der Zug steht. Eine unverständliche Durchsage. Die Traube Mensch verlässt den Zug, ich mit. Der Zug fährt ab.
Eine weitere Durchsage, verständlich diesmal: Züge nach Newark haben fünfzehn Minuten Verspätung. Nach zehn Minuten: Züge nach Newark haben dreissig Minuten Verspätung. Nach zwanzig Minuten: der Zugverkehr nach Newark ist eingestellt. Die Hälfte der Traube geht jetzt, wir andere Hälfte bleiben auf dem Bahnsteig stehen. Nichts geschieht. Nach einigen weiteren Minuten gehe ich auch, vorbei an einem Dutzend Bahnpolizisten oberhalb des anderen Bahnsteigs, die einem weiteren Dutzend auf dem Bahnsteig beim Warten zusehen, vorbei an den defekten Rolltreppen und zurück nach Hause.

Friday, December 14th, 2007

Another

If it ain’t broke, don’t pay for its food.

Friday, December 14th, 2007

45

Die Bauarbeiter beobachten mich misstrauisch aus der Pause, ein Dutzend, örtlicher Körperbau, breit, stämmig, stiernackig, und ich rolle nach nur wenigen Fotos davon, die Strasse leicht bergauf, links auf dem Gehweg. Ich habe gelernt, die Autofahrer zu fürchten, und ihre Hupen. Obwohl, man hört mit Ipod nicht so gut, da sind die Hupen natürlich ungefährlich und die Fahrer harmlos.
Nach der Unterführung eine Fussgängerampel, kurze Synkope, ich fahre los bei Grün, also Weiss, und höre trotz Ipod recht gut das Hupen des Mülltransporters, der zwanzig Zentimeter vor meiner Nase vorbeirauscht. Führe er langsamer und neigte sich also nicht so sehr in die Kurve, es wären wohl nur zehn gewesen. Beinahe wäre ich umgefahren worden, das finde ich eigentlich nicht so gut, aber andererseits muss der geladene Müll ja schnellstmöglich auf Schienen und Strassen verteilt werden und da zählt jede Sekunde.

Friday, December 14th, 2007

44

Jenseits stehen zerfallende Industriegebäude, die Fenster zersprungen, die Farbe blättert. Das Ensemble spiegelt sich in den trägen Wassern des Passaic, zwischen verrottenden Anlegern. Der Zug biegt ab, zieht weg vom Fluss in die Rangieranlage in Harrison, entlang des alten Ziegelgebäudes der Fabrik, die komplett eingezäunt ihr Schicksal erwartet, die Ladebuchten geschlossen, im Zaun gestrandet der Müll der Jahrzehnte. Dann über die Strasse und schliesslich eine endlose Kette von Schuttbergen, ein Himalaya zerpulverter Gebäude, Zäune scheinbar wahllos gezogen dazwischen, um den Ziegelkrümelberg vom Betonkrümelberg zu trennen. Gewaltige Abrissgeräte wälzen sich durch die Täler zwischen den Haufen, am Rand der Landschaft eine Endmoräne voller Blech, der zum Bahnhof gehörende Pendlerparkplatz, die Schuttberge reichen bis auf Zentimeter an die Autos.

Friday, December 7th, 2007

Schüttelreim

Der Schüttelreim ist innen hohl,
das hört man wenn man hinnen ohl.

Thursday, December 6th, 2007

Keime eines funkelnden Aphorismenkristalls

With all the matches they make in heaven, is it any wonder hell is burning?

If you come to a fork in the road, eat.

Who needs presents when one can have pasts?

Wednesday, May 30th, 2007

Verenden

Die Sonne, die mir gestern am Memorial Day spürbar die Arme verbrannte auf dem Radausflug zum historischen Friedhof von Oakland, steht auch heute wieder hoch, wenn auch zwischen Wolken nur intervallweise hervorstrahlend. Ihr Licht ist hart und unfreundlich, Farben verblassen. Die Gebäude und Menschen erstarrt zu Monolithen ehemals menschlicher Existenz, nichts und niemand scheint mit sich identisch in diesem Licht, alles nur eine flüchtige Scheingeographie, die bald zerfliesst und das darunterliegende Felsgestein offenbart. In Rockridge, neben dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, gähnt in diesem Grundstein ein Loch, über dessen kühle Tiefe das eingeflossene Wasser und seine Algen hinwegtäuschen. Oder vielleicht liesse sich auch durchs kaum hüfthohe Wasser bis an die andere Seite waten, wo aus der blanken Steinwand eine einzelne Pflanze ragt und trotzig Blüten in den Strahlenregen reckt, der sie nährt, und der sie noch verbrennen wird. Vielleicht liesse sich so ein kleiner Strauss aus der Wand pflücken, läge nicht der ganze Teich eingezäunt und sicher hinter Stacheldraht. Weit dort oben, gleich hinter dem Klippenrand, dehnt sich der Friedhof. Liesse sich wohl Leichengift nachweisen im Gewässer? In den Blüten?

Heute auf Durant sitzen Sommermenschen verteilt wie Schaufensterpuppen in den Schatteninseln, die Universität hält den Atem an vor ihren Summer Sessions, und niemand hat ein Ziel. Im flutenden Licht liegt verbrannt ein Halbnackter, wie oft, davon rühren ja die Verbrennungen, willentliche Californication, garendes Menschenfleisch. Ich gehe schneller, um wieder aus der Sonne in den Schatten zu gelangen, und blicke zu Boden, weil ich nichts sehen will heute als was ich begreifen kann. Zwischen blassgrünen Halmen kriecht dort unten eine Biene, dreht sich, rollt kopfüber und liegt still. Auch ich verharre jetzt, und betrachte stumpfen Auges ihren Tod.

Thursday, May 24th, 2007

Am Tage

Ellsworth ist eine Einbahnstrasse, deshalb muss ich, als ich das Stoppschild überfahre, nur in einer Richtung nachsehen, ob ein Auto sich nähert, das dann zwar immer noch anhalten müsste am eigenen Stoppschild, aber man weiss ja nie. Es ist aber kein Auto zu sehen, sondern eine gebückte Silhouette im schräg einfallenden Gegenlicht, ein schwarzer Buckel auf Beinen, Nase am Boden, der zügig, aber nicht schnell, die Strasse überquert. Ich habe die Kreuzung auf der anderen Seite schon wieder verlassen, wende im engen Kreis, zurück durch die Kreuzung und auf den Parkplatz, auf den der Buckel zuwackelte. Ein geringelter Schwanz ragt reglos hinter dem Zaun hervor, dann ein Rascheln, ein paar Sprünge, und zwischen den Wedeln der Palme hervor sieht ein maskiertes Tier mich an. Ich starre einen Moment erfreut zurück, wende dann erneut und kehre zurück auf meine Planstrecke.

Wednesday, April 4th, 2007

Balanced

Der Innenraum erinnert an das Klischee eines Ameisenhaufens, wild schieben die Menschen ihre Gitterwagen durcheinander, ständig bilden und lösen sich Staus, denn Berkeley Bowl, der in einer ehemaligen Kegelbahn einquartierte Ökosupermarkt, besitzt zu viele Einkaufswagen. Die Kunden versuchen zwar, den Missstand zu beheben, indem sie die Wagen rappelvoll nach Hause schieben und dann dort geleert stehen lassen, aber die ausgelobte Belohnung unterhält eine rege Rückführökonomie, und am Grundärger ändert sich nichts. Man darf zu Stosszeiten darum nicht hier sein, aber hin und wieder vergesse ich das oder habe nicht die Wahl.

Die Schlangen an den Kassen sind seltsamerweise trotzdem überschaubar. Unter Umständen wie den gegenwärtigen biegen sich die aufgreihten Käufer normalerweise kreuz und quer durch den hinter den Kassen belassenen Stauraum und in die Regalreihen, ein argwöhnisches Lauern auf Schlangenplätze setzt dann ein, und in der Hoffnung auf eine etwas kürzere Schlange oder eine etwas schnellere Kassierkraft patrouillieren die Unnachgiebigen mit ihren Wagen auf und ab, quetschen sich durch die Wartenden und komplettieren den Wahnsinn. Aber heute sind die Schlangen grade und reichen kaum bis ans erste Regal zurück. Tortzdem mürrisch stelle ich mich an, der Menschen, ihrer Waren und ihres Gewusels überdrüssig.

Während ich den Kram aufs Band lade, reisst mich eine Stimme aus dem gramvollen Grant. You made me thirsty, sagt die Stimme freundlich, those look so good. Sie meint die gefrorenen Limonadenkonzentratdosen. Als Tim, vor einer Weile bei uns zu Besuch, erfuhr, dass die Limonade nicht frisch gepresst war, sondern aus der Dose, rümpfte er angewidert die Nase und stellte das vorher gelobte Getränk beiseite. Hilflos blicke ich auf die reifüberzogenen Dosen und suche nach Worten, finde keine und sage also „Now you made me thirsty, too.“ Kurse eines sogenannten Schlagfertigkeitspapstes preisen Google Anzeigen im Gmail Interface mir seit einer Weile an. Ich ahne, weshalb.

Das Band bewegt sich stossweise, und wird stossweise von mir beladen, und kurz vor Ende spricht sie mich wieder an, You got just the right balance between healthy and indulgent, freundlich, auffordernd, und diesmal fällt mir nicht mal eine Floskel ein, das Schweigen zieht sich, bis uns klar wird, ich werde nicht antworten. Sie unterschreibt ihre Quittung und wendet sich ab. Hi, sagt die Kassiererin zu mir. How are you?

Saturday, March 31st, 2007

Knoten

Seit dem Krankenhausaufenthalt und der intravenösen Ernährung habe ich in meinem linken Unterarm eine Venenverhärtung, einen zwei Zentimeter langen, harten Knoten, den ich in ratlosen Momenten gegen das Muskelgewebe drücke, ein Tick. Wird der Fingerdruck stark genug, weicht der Knoten aus, seltsamerweise nicht seitlich zu, sondern in Richtung des Venenverlaufs, ein hochgekrempelter Blutärmel. Vor dem Fenster sehe ich ein Insekt, vielleicht zwanzig Meter entfernt in der Luft, und hätte es wohl nicht gesehen, wenn nicht ein amerikanisches Rotkehlchen es in einem eleganten Flugmanöver aus der Luft gefangen und gefressen hätte. Ein Insekt, das wohl so gross war wie der Knoten in meinem Arm, und das jetzt verdaut wird. Einen Moment lang scheint der Vergleich etwas zu bedeuten, das Ereignis, die Tatsache, dass ich erst rückwirkend das Tier sah, als es schon verschwunden war, vernichtet, aber dann zerfällt das Gespinst, es ist ein Vogel, der zufällig vor meinen Augen frass und jetzt schon fortfliegt.