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Miniaturen



Monday, January 7th, 2008

Chase

West Side bis zum verbunkerten Rite Aid an der Ecke, dann Sip steil bergauf. Links ein Apartmentgebäude, komplett weihnachtsbeleuchtet, absurd in der sonst tristen Umgebung. Unheimlich auch, die Locklichter eines gefrässigen Tiefseefisches. Hinter Journal Square links Summit bergauf bis zum Reservoir und der weiten Brache davor, über die eisig der Wind pfeift. Entlang des Reservoirs quer zum Bergrücken abwärts, dann eine Schleife, unter der Strasse durch, und schliesslich überraschend nicht nach oben, wie anhand der Karte gedacht, sondern nach unten aus Jersey City nach Hoboken rollen, unsichtbare Schildermasten im Dunkeln auf dem engen Gehweg. Keine Ahnung, warum mich die Abwärtsrichtung überrascht, hinter Hoboken liegt schliesslich der Hudson, nicht die Appalachen. Vermutlich weil Hoboken eben oben ist, und vorne.

Zwischen den Boken Hos und den Fraternity Boys durchschlängeln, Washington Avenue aufwärts, sechs Meilen Gesamtstrecke werden es sein, von Tür zur Ecke, dann Anrufbeantworter, Wahlwiederholung, beim zweiten Anruf geht er ran, kommt der Bänker runter und macht die Tür auf. Er ist wortkarg, ein gegelter, glatter junger Hai, wie alle hier, und isst fritiertes Huhn aus einem Pappbecher, während ich mir den Apparat ansehe. Ich verstehe, warum Sie den Kleinen verkaufen wollen, sage ich und zeige auf das wandgrosse Flachbildmonster. No, sagt er, nach einer verwirrten Pause, und erst jetzt, beim Schreiben wird mir klar, dass er mich für komplett verrückt halten musste, I’ve had that one for a while, I bought a new one for back there, und deutet über seine Schulter, Richtung Schlafzimmer, begreife ich jetzt, wo er den kleinen Bettfernseher durch wohl noch ein Flachbildmonster ersetzte. Die absurde Vorstellung, er könnte dieses winzige, alte Gerät mit 20 Inch Diagonale im Wohnzimmer stehen gehabt haben, verursachte ihm hoffentlich körperliche Schmerzen.

Winzig ist aber immer noch zu gross für unser Wohnzimmer. Es ist zwar ein Flachbildschirm, wie in der Anzeige stand, aber auch ein Röhrenfernseher, der uns vornüber aus dem Regal kippen würde. Ausserdem natürlich mit einem Fahrrad nicht transportierbar. Bei der Bank für die er arbeitet, haben wir Kreditkartenschulden in Höhe von knapp dreien meiner Monatsgehälter, ein paar Sekunden lang verachte ich ihn dafür.

Für dem Rückweg runter nach Jersey City nehme ich die U-Bahn.

Monday, January 7th, 2008

Washington Street Station

Das Rad mit dem platten Reifen an der rechten Hand stehe ich in der eisigen Station unter der Strasse, Nebelwolken durch die Skimütze. Vorne im einfahrenden Zug sitzt hinter getönten Scheiben der Fahrer und blickt kurz von seinem Buch auf, als er den Zug zum Stehen bringt.

Friday, December 28th, 2007

Advice

If it walks like a duck, and talks like a duck, shoot it.

Wednesday, December 19th, 2007

Jüngstes Gericht

“Das soll ich gemacht haben? Also, das ist ja völliger Quatsch, niemals hätte ich… so. Aha. Allwissend, sagen sie? Na, also ich hab da meine…, wie? Urheberrecht, aha, na gut, in dem Fall muss ich mich wohl fügen. Schon mal kalt anziehen, ich bin jetzt nicht ganz sicher, ob ich den Witz… in den Aufzug? Na, wenn sie mich so nett… Wiedersehen.”

Wednesday, December 19th, 2007

Zeit, Türen

Nur die Hand hat er noch zwischen die sich schliessenden Türen klemmen können, reicht aber, zwei Durchsagen macht der Schaffner: step away from the doors, dann gibt er auf und öffnet noch einmal. Ein triumphierendes Lächeln auf dem Gesicht tritt er in den Wagen, this is the train to New York, right?, no, antwortet eine Frau, Newark, die Türen hinter ihm schliessen sich, seine Hand schnellt hoch, schiebt sich zwischen die Gummilippen, diesmal keine Durchsage, erneut öffnen sich die Türen, er geht wieder nach draussen. Hundertachzig Menschen, zwanzig Sekunden. Eine Stunde.

Wednesday, December 19th, 2007

Traube

An meinem Bahnsteig steht ein Zug, aber die Traube Mensch, die davor hängt, macht keine Anstalten, einzusteigen. Hat die Traube Angst? Als ich der Trete beitraube, nein, andersrum, als ich die Betraube trete, begreife ich auch, weshalb: im Zug hängen Lametta und Musikanten, Menschen in Anzügen stehen verteilt in den leeren Wagen, und die Musikanten spielen Weihnachtslieder in diese Anzugleere. Davor habe ich auch Angst.

Dann kugelt auf dem Nachbargleis mein Zug rein, und fast zeitgleich ein weiterer Batzen Anzugträger die Treppe runter, durchsetzt mit ethnischen Teenagern und aufgebrezelten Vorstadtmüttern, stolzgeschwellt und durchonduliert. Von ethnischer Teenagerhand gestaltete Weihnachtsplakate werden hier prämiert, die Türen schliessen sich und klemmen die Worte ab, der Bahnsteig, der Zug, die Weihnachtskapelle rutschen nach hinten weg und werden durch kaputte Fabriken ersetzt. Ruhe kehrt ein.

Wednesday, December 19th, 2007

Scheckpause

Wer aus Landesgeldern bezahlt wird, so wie ich, und viel mit der Bahn fährt, so wie ich, kann Fahrscheine von der Steuer absetzen. Beziehungsweise kann das ja jeder, aber wer aus Landesgeldern bezahlt wird, kann die Fahrscheingelder von vornherein von seinem Gehalt undsoweiter, man schläft ein davon. Dann bekommt man Schecks zugeschickt, über dreissig und fünfzig Dollar, mit denen man dann an den Fahrscheinkiosk gehen kann, und sie gegen Magnetstreifenkarten umtauschen im Wert von zehn oder zwanzig Dollar, mit denen man dann mit dem Zug fahren kann. Es ist alles total praktisch und gar nicht umständlich. Seltsam nur, dass ich mit einer VISA-Karte gerechnet hatte statt mit einem Scheckbündel.

Aber obwohl die Behörde auf ihr VISA-Programm immens stolz ist und in riesigen Buchstaben auf das Flugblatt drucken liess, dass man das Fahrgeld auf einer speziellen Kreditkarte bekommt, die an allen Automaten funktioniert, muss man darum gesondert bitten, sonst kriegt man eben jeden Monat die drei Schecks, die man in sieben Fahrkarten umtauschen kann. Aber natürlich stellen sie mich dann auf Nachfrage gerne auf das VISA-System um. Nur während der zwei Monate, die das eben dauert, gibt es dann keine Schecks, ist ja klar.

Wednesday, December 19th, 2007

Öl

Whose bike is that, fragt einer der Teenager hinter mir an der Kasse im Supermarkt einen der Ladenangestellten, und in einer Laune reagiere ich mit völliger Teilnahmslosigkeit. Das Fahrrad steht weiter hinten im Laden, wo ich es mangels einer dritten Hand stehen liess. That’s mine, sagt eines der dicken Kinder, und wartet auf eine Reaktion. Als sie ausbleibt, blickt er sich im Laden um, sieht niemanden, und geht langsam Richtung Fahrrad. Ich beende das Bezahlen, verpacke meine Waren, und gehe ihm dann nach. Nach zwei meiner Schritte ändert er die eigene Laufrichtung und sieht sich stattdessen den Inhalt eines Regals an, Olivenölflaschen.

Sunday, December 16th, 2007

Imagine

Schreiber, sage ich, aber der Name wird gar nicht gebraucht, um in einer Datenbank nachzusehen, ob ich ein Terrorist bin, und also nicht ins Aidekman Building gelassen werden darf, sondern aus Sicherheitsgründen, und muss also – wow, wow, wow, hold on, not so fast – nicht einfach dahingesagt, sondern auf einem kleinen Stück Abfallpapier von mir handschriftlich notiert werden. Dann aber wird ein Nachtwächter angerufen, der demnächst dann vorbei komme und mich ins Gebäude lasse, wo ich also auf ihn warten solle. Ob ich denn in mein Gebäude könne, denn draussen sei es ja kalt, und es könne einen Moment dauern. Die Frage trägt mich völlig aus der Kurve und ich staune noch, als ich mein Rad durch die Aussenschiebetüren in den Windfang von Aidekman schiebe und sie endlich verstehe.

Eine Viertelstunde später kommt ein Fünfzehnjähriger in Signalfarbjacke und ruft als erste die Polizeidienststelle auf der anderen Strassenseite an, in der ich ihn bestellte. Er sei jetzt da, und ich sei jetzt auch da und es könne also jetzt die Tür geöffnet werden, da. Einen Moment lang erwarte ich, dass ein Polizist mit dem Schlüssel über die Strasse schlurft, stattdessen aber schicken sie ein Datenpaket durchs Netzwerk, eine rote Diode erlischt, eine grüne leuchtet, und die Tür geht auf. Erstaunlich.
Die Tür sei jetzt offen, funkt Signaljacke in die Nacht, man könne sie also wieder zumachen. Die Tür schliesst sich, die Diode leuchtet aber grün. Nach einer kurzen Pause funkt Signaljacke erneut, The light is still green, you can lock it again, now. Grün aber leuchtet die Diode. Weitere Minuten später, ein dritter Anruf. Did you lock that door? Cause the light is still, you know, green over here. Noch einige Minuten später wird das Licht dann schon rot, vor Verlegenheit vielleicht, und wir können nach oben gehen, meinen Geldbeutel holen.

Aber bevor ich damit das Gebäude verlassen darf, gibt es noch einen weiteren Sicherheitscheck, und weil ich nicht will, dass das Verbrechen gewinnt, füge ich mich, und schreibe dem Fünfzehnjährigen meinen Namen auf den Rand seiner Ausgabe der örtlichen Tageszeitung. Vermutlich wird er ihn mit dem Notizzettel aus dem Hauptquartier vergleichen und dann beide wegschmeissen.
That was a strange moment, sage ich, damit es nicht so still ist, when I realized I was stuck in Newark.

„Imagine that“, sagt er, und geht.

Friday, December 14th, 2007

47

Von der Uni hin zur Klinik, in der unser Kernspinroboter steht, fährt ein Shuttle. Es setzt uns vor der Tür ab mit unseren Ausrüstungskisten. Drei Stunden später stehen wir in der dunklen Kälte an derselben Stelle, das Shuttle kommt, wir winken, es fährt an uns vorbei. Hier ist, erfahre ich, kein offizieller Shuttlehalt. Laufen wir halt stattdessen zurück, mit einer offenen Plastikkiste mit einer PC Workstation darin vor dem Bäuchlein, siehst Du mich, Räuber?
Einige weitere Stunden später sind die Daten verstaut und sortiert, der Tag verbraucht. Ich lösche das Licht, schliesse die Tür, entfalte mein Fahrrad und fahre in die Nacht Richtung Bahnhof, durch menschenleere Strassen. Nach fünfhundert Metern bemerke ich, dass mir der Geldbeutel fehlt, der Magnetfelder des Roboters wegen aus der Tasche genommen. Darin die Fahrkarte, all mein Geld, all meine Kontokarten sowie die Zugangskarte zu unserem Forschungsgebäude. Der Radweg nach Hause ist gefroren und führt sieben Meilen weit über Autobahnen und ihre Zubringer, jede Erkenntnisstufe ein ausgeschalteter Fluchtweg. Als ich alle Sackgassen kartiert habe, und was übrigbleibt eine Unmöglichkeit ist, lache ich laut auf der leeren Strasse. Gestrandet in Newark, so fühlt sich das also an.