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Miniaturen



Monday, March 25th, 2002

Unser Ansatz

Die Zeichen tanzen über den Bildschirm und formen Muster, gestern erst haben ähnliche Muster Peter Jackson die Oscars abgejagt vor aller Augen. Traurig saß er da, während der verrückte Mathematiker dem verrückten Zauberer die Schau stahl.
Meine Muster hier ordnen sich allmählich, jetzt sehe ich: die Koordinaten werden in beiden Hälften des Stereogrammes gleich geändert, es gibt keine Disparität. Ein Vorzeichenfehler frißt während ich zusehe die Ergebnisse der letzten Wochen, Monate. Ich denke an die Freunde in Europa, das Loch im Konto, daran, daß wir im Moment nicht verstehen, was die Daten besagen, nicht mehr sicher sind, daß unser Ansatz überhaupt taugt. Und hole mir erst mal ein Getränk.

Friday, March 22nd, 2002

Fluff

Der Büchersupermarkt hat für Ostern eingedeckt, auf kleinen Tischchen liegen bunte Decken und Berge bunter Bücher, Einheitsbunt. Am Rande des Tisches steht ein Korb mit pelzigen gelben Dingern mit großen Augen und einem Aufkleber, auf dem “hit me” steht oder etwas ähnliches. Ich werfe es zurück in den Korb, aus dem ich es ratlos genommen hatte, und es fängt an, erregt zu pfeifen. Ich nehme den Korb, vielleicht dreißig Fluffdinger sind drin, hebe ihn hoch und lasse ihn aus zehn Zentimeter Höhe auf den Tisch fallen. Unter dreißigstimmigem, buntem Pfeifen gehe ich weiter.

Monday, March 18th, 2002

Der Franzos

Noch während das Mailprogramm, Delphi und der Explorer um die Wette starten und ich meinen Stuhl auf die richtige Höhe schnauben lasse (pfft-pfft), fällt mir das rote Ampelsymbol ins Auge. Festplatte D, als ich sie am Freitag verließ, waren 7 Gigabyte frei, ist voll bis an den Rand, Norton Utilities beschwert sich, zu Recht. Kurz herrscht Verwirrung, dann dämmert es mir: ich hatte die Firewall niedergerissen, um zu überprüfen, ob das Netz oder mein Rechner instabil war am Freitag, und nicht wieder gestartet. Noch während ich das denke öffne ich den FTP-Ordner und die Serververwaltung. Neun Franzosen sind eingeloggt auf meinem Rechner, alle anonym, alle über call-by-call-Provider, und laden stückweise einen von den 13 französischen Filmen herunter, die andere Franzosen am Samstag auf meiner Festplatte hinterlassen haben. Einen Moment lang betrachte ich ungläubig die Parasitenliste, dann gehen die Schilde hoch, ich schmeiß sie raus, lösche die Filme, nicht ohne drei Tin-Tin-CDs noch zu brennen. Ich kann kein Französisch, aber vielleicht lerne ich es noch.

Monday, March 4th, 2002

Vom Baum

Das Eichhorn hüpft vom Baum als es mich über die Schneefläche kommen sieht. Aus den Augenwinkel bemerke ich, daß es mir folgt, ich werde langsamer und drehe mich um, es schaut mich an, einen halben Meter ist es noch weg, dann sieht es ein, daß ich kein Futter bringe, vielleicht hat es das an meiner Haarfarbe erkannt, und läuft in eine zufällige Richtung davon. Vor mir steht eine Gruppe von Sportstudenten mit ihrem Trainer, zumindest denke ich das der Geräusche wegen, die der Trainer macht, bis mir klar wird, daß Winter herrscht, bis ich die vier riesigen Lafetten sehe, die in meine Richtung zeigen, dunkelgrün sind sie, bis ich sehe, daß der Trainer ein Barett trägt, bis ich sehe, daß das grüne Armeetransporter stehen, bis ich die Straßensperren sehe und die dunkelblauen Polizisten mit den blauen Hüten. Kurz bleibe ich stehen, denke an Hollywood und Bruce Willis, während ich die vier Kanonen betrachte. Dann gehe ich zur Arbeit. Ich höre keine Schüsse, obwohl ich den ganzen Tag darauf warte.

Monday, March 4th, 2002

Beobachtet

Die Fotos vom Siegestaumel sind verwackelt, auf allen ist die Ahornflagge im Bild, auf allen mehrfach. Winzige Eiskristalle hängen in der Luft, werden mir ins Gesicht geweht. Gestern nacht war es mild, jetzt merke ich, daß mir seit Minuten bitter kalt ist, vor allem an den Händen ist mir kalt. Mit tauben Fingern versuche ich, die Fotos in die Papiertüte zurückzustecken, sie klemmen, der Kälteschmerz wird stärker, die Bilder entgleiten mir und fallen zu Boden. Ein Eichhorn sieht vom vereisten Gras aus zu, sein Schwanz zuckt nervös. Es dauert Minuten, ehe meine Hände wieder warm werden.

Tuesday, February 26th, 2002

Drei alte Männer

Drei alte Männer sitzen an einem Tisch. Der linke hält den Kopf schräg, vielleicht nur ein Tick, vielleicht ein Symptom. Willard van Orman Quine. Der rechte spricht leise und sieht aus wie ein verschmitzter Derrick. Peter Strawson. Er denke also, fragt der Moderator, daß formale Sprachen ein Spezialfall der natürlichen seien und eine schlechte Annäherung. Der mittlere wiegt bedächtig das Haupt. Donald Davidson. Die Stimmen werden vom Fernsehgerät verzerrt und hallen hohl von den hohen Wänden des Raumes. Studenten liegen auf den Möbeln verteilt, zwischen ihnen Donuts. Draußen wirft jemand einen schweren Ball – Basketball? – gegen eine Mauer, das Geräusch des rhythmischen Aufpralls begleitet die Antwort.

Sunday, February 24th, 2002

Gold! Gold! Gold!

Wenn fünfzig Jahre Zurückgesetztwerden und ein Minderwertigkeitskomplex majestätischer Größe in sich zusammenfallen, dann wird es laut. Berliner wissen, wie laut, aber auch in Toronto, ohne Betrunkene, ist der Lärm beträchtlich. Seit Stunden laufen und fahren die Begeisterten Hockeyfreunde Yonge Street auf und ab, rotweißer Stoff weht überall, die Nationalhymne wird gesungen. Die Jugend des Landes ist, für ein paar Stunden, außer sich. Canada, der kleine, rückständige und wirtschaftsschwache Blinddarm der USA, hat – gegen die USA! – die Goldmedaille gewonnen. Sie können es nicht recht glauben und schreien sich an, um sich zu erinnern. Gold. Wir. Hockey. Yeah.

In einem Schaufenster sieht man gleichzeitig die enthusiastische Menge, die Autos mit den Flaggen, die bemalten Gesichter auf der Straße, und konzentrierte Mienen im Inneren. Ein Comicladen mit Computerspielkonsolen ist das, in einer Reihe wird gesessen und gespielt und gesurft, keiner blickt auf, keiner blickt auf die Straße, aus Trotz wohl. Eine Chinesin kommt vorbei, strahlt, schreit, und wir schlagen die Hände gegeneinander.

Friday, February 15th, 2002

Abschütteln

Mein Atem kondensiert in bekannter Wolkenfahnenform und treibt im schwachen Wind davon. Der Schnee knirschte unter den Schritten, als ich zu diesen Büschen lief, aber nur unter meinen. Die Hörnchen, die sich im Balzlauf zwischen den Grabsteinen jagen, machen kein Geräusch. Blasen bilden sich am Boden, und es dampft, aber ich sehe das nicht, ich erinnere mich an den Kaktusgarten in der kalifornischen Wüste, wo die Teddybärchollas bis zum Horizont zu reichen schienen, wie hier die Obelisken und Stelen.

Dann sehe ich erstmals bewußt zu Boden, und zwischen den Nadeln liegen tausende von Erdnußschalen. Für einen kurzen Moment spüre ich die Einsamkeit des Alters, dann bin ich fertig und schüttle ab.

Thursday, January 24th, 2002

Fahrprüfung, genullt

Vom bedeckten Himmel fällt ein leichtes Geniesel. Yonge, die Straße, die nie schläft, wie die Einheimischen sagen, schläft noch. Geschlossen sind die Läden, nur an einer dunklen Boutique steht “open, come in”, es ist aber gelogen. In einem Internetcafe kann ich dann doch CD-Rohlinge kaufen. Sie kosten 2 Dollar 50.

Hofstadter schrieb einmal, um Währungen zu vergleichen reiche nicht der Wechselkurs, man müsse die Berglandschaft der Produktpreise zeichnen, einen Gipfel für Käse hätte sie hier in Kanada und einen für Alkohol und ein tiefes Tal für Gaststättenessen dazwischen. Seltsam ist diese Berglandschaft, ein Abendessen zu zweit und ein Kinobesuch danach ist genauso teuer wie zweimal beim Abbiegen das Blinken zu vergessen oder zweimal nicht die Spur zu wechseln, wo es erforderlich ist. Melancholisch bemerke ich, daß ich an anderen Tagen um diese Zeit noch im Bett läge. Seltsam, denke ich, daß zwei schöne Abende zu zweit das Doppelte kosten, alle Fehler auf einmal zu machen aber nicht. Ich höre mich das denken und weiß, ich brauche einen Kaffee.

Thursday, January 10th, 2002

Einheimische

Es ist mir ein Rätsel, warum nicht die Hälfte aller Alpen oder sonstiger Gebirgsdurchfahrer auf der Strecke bleibt. Ich erinnere mich lebhaft an eine Fahrt durch den Appenin, wir hatten es eilig zu einer Konferenz, deren Eröffnungsdiner lockte, aber wir sorgten uns auch wegen der Steilhänge neben der Straße und den vielen Kurven.

Eiliger als wir hatten es die Einheimischen, wie vom Teufel gepeitscht preschten sie um Kurven, um die man nun aber wirklich nicht drumsehen konnte, schnitten die Linkskurven wo immer möglich und benahmen sich auch sonst reichlich lebensmüde. Vor jeder scharfen Biegung sah ich schon den angerosteten Kleinlieferwagen, der uns gleich frontal rammen und ins Nadelgehölz werfen würde. Es kam aber keiner.

Ob das einer besonderen Fähigkeit der Bewohner oder reinem Glück geschuldet ist, woher soll ich das wissen. Das nächste Mal, so schwuren wir uns, nehmen wir die Flachlandautobahn, und sei der Umweg noch so weit.

Das Abendessen haben wir verpaßt.