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Miniaturen



Sunday, May 19th, 2002

Winterwind

Das erste, was mir auffällt, ist der Kinnbart, dünner, weißer Flaum schwebt vor mir über der Straße, wären die Haar dicker, dichter, es wäre ein Ziegenbart, wie bei einem asiatischen Weisen. Dann sehe ich die rosa Plastikfolie, die den Mantel ersetzt, sehe das Gesicht: eine alte Frau überquert vor mir die Straße. Die Unmöglichkeit des Bartes läßt mich kurz seitlich ausscheren. Ein Straßenbahnfahrer stellt mit schwarzer Stange eine Weiche, sie geht an ihm vorbei, spricht ihn an, er antwortet. Ich kann nichts hören. Links trägt sie einen Winterstiefel, rechts eine Plastiktüte am Fuß. Der Fahrer steigt in seine Bahn, sie bleibt an der Haltestelle stehen und schaut ins Leere. Ich überquere die Kreuzung, der eiskalte Winterwind heute weht mir den ganzen Tag schon ins Gesicht. Vielleicht fahre ich auch nur zu schnell.

Sunday, May 19th, 2002

In der Colalache

Es ist kalt und windig, wie im November. Durch die spiegelverkehte Werbung für ein 99 cent-Sandwich behalte ich mein Rad im Auge. Eine junge Frau neben mir scherzt mit einer Freundin, in Zeitlupe, als Klischee, sehe ich den Getränkebecher auf ihrem Tablett kippen und fallen, die Tonspur setzt aus, beim Aufschlag höre ich einen Hall. Jedesmal wenn ich ins Leben blicke, kommt es wie schlechtes, dummes Kino heraus. Die Angestellte wiederholt meine Bestellung Stück für Stück, sie hat alles verstanden, sucht dennoch meine Zustimmung. 200 Dollar und fünf Cent tippt sie in die Kasse, 194 soll ich zurückbekommen. Sie stutzt kurz, dann läuft sie nach hinten und kommt mit einem Taschenrechner wieder. Routiniert jede ihrer Bewegungen, während sie mein tatsächliches Wechselgeld, 14 Dollar, berechnet und mir auszahlt. Neben mir steht eine Frau mit ihrem Kind in der Colalache, ich will etwas sagen, aber sie hat es schon bemerkt. Zwei junge Männer verdecken die Sicht auf mein Rad. Bin ich paranoid?

Wednesday, April 17th, 2002

Windstoß vom Golf

Seit zwei Tagen bläst der tausend Kilometer entfernte Golf schwülwarme Luft in die Stadt, die plötzlich sehr anders aussieht. Überall stehen Tische auf den Straßen, sitzen leichtbekleidete Menschen. Vor dem Hart House, an einem der Tische, sitzt ein älterer Herr, aber er sitzt eigentlich nicht am Tisch, er hat sich vom Tisch weggedreht, am Nachbartisch sitzt er eigentlich, und sucht ein Gespräch mit dem älteren Paar dort. Zwar ist Frühling, aber er blitzt ab. Suchend schweift sein Blick, wir unterhalten uns grade über die Spatzen, die unter den Stühlen hüpfen, aus dem Augenwinkel sehe ich ihn aufstehen, er steht an unserem Tisch, “These are the Hart House sparrows.” Man füttere sie, das bringe Glück, nun ja, den Spatzen mehr als denen, die füttern. Er lacht über seinen Witz, geht zurück und setzt sich wieder.

Nach einer kurzen Pause zeigt er auf die Laternen entlang der Zufahrtsstraße: dort wohnen sie, sagt er, und wirklich, aus den Eisenstreben unter jeder der Laternen quellen Bündel von Stroh. Spatzennester, in Griffnähe und doch unsichtbar.

“Are you a student”, fragt die Frau vom Nebentisch ihn, er lächelt, nein, ein Dozent für alte Literatur sei er gewesen, aber das sei lange her.

Als er geht, spürt man einen Hauch Melancholie. Oder einen warmen Windstoß vom Golf.

Thursday, April 11th, 2002

Funken

Der Schweiß sammelt sich, auf der rechten Schulter hängt lose die Jacke, jederzeit kann sie fallen, links die Tasche. In der rechten Hand halte ich den Zettel mit den Quellenangaben, langsam gehe ich durch die Regalreihen. Jedes Regal fasse ich mit der linken Hand an beim Vorübergehen, jedesmal knistert es leise, wenn zwischen meiner Haut und der des Regals ein Funke schlägt.

Sunday, April 7th, 2002

Jaulen

Vor dem Fenster Tauben im Sturzflug. Der Himmel ist verhangen, ein Schneeschauer kündigt sich an. Fünf Stockwerke tiefer dreht ein Motorrad hoch und hohl, mehrfach jault es laut auf. Ich ärgere mich verschwommen, oft rast dieses Motorrad zu laut durch unsere Straße, die kaum 50 Meter lang ist, und hält uns mit dem Lied von der wilden Jugend nachts wach. Kurz nach dem Jaulen ein seltsam leises, entferntes Scheppern, Plastik klappert über Beton, etwas schweres schleift ein Stück, dann Stille. Das mußte ja mal kommen, denke ich. Recht so, denke ich. Dann erst sehe ich nach, ob jemand verletzt wurde.

Saturday, April 6th, 2002

Wursttiefe

An der Kühltheke steht, leicht nach vorn gebeut, eine kleine Frau, in Würste vertieft. Die Haare leuchten grau mit einem Blaustich, die Jacke ist tiefgrün. Vergleicht sie Preise, Dicke, Fleischgehalt? Neben ihr, gleichfalls nach vorn gebeugt, ein Mann, vielleicht dreißig Jahre alt, ratlos wirkt er. Excuse me, sagt er. Sie starrt, kaum möglich, noch unverwandter Richtung Wurst. Excuse me, sagt der Mann. Die blaugrüne Frau regt kein Glied. Excuse me, sagt er ein drittes Mal, wendet sich dann, eher ratlos als verstimmt ab. Geht ratlos ein paar Schritte von ihr weg, dreht ab, bleibt stehen. Er spricht niemanden mehr an, macht noch drei ziellose Schritte und geht davon. Später sehe ich ihn Joghurtbecher aus einem Kühlschrank auf ein Papptablett laden.

Friday, April 5th, 2002

Ernstfallprobe

Aus der grade noch klaren Luft fallen übergangslos kleine Schneeflocken und legen sich auf die Windschutzscheiben der Autos. Die Straße ist belegt mit einer großen, unbeweglichen Autowurst, leicht zu überqueren heute, am ersten Tag des Nahverkehrsstreiks. Auf der anderen Seite, vor dem Büro des Gouvernörs von Ontario, weht die kanadische Flagge auf Halbmast, darunter liegt ein einzelner, verwelkter Blumenstrauß in Zellophan. Das Schneetreiben wird heftiger, ich schlage den Kragen hoch. Aus der Internetausgabe der Zeitung erfahre ich kurz darauf, daß der Streik frühestens am Montag beginnt. Die Autofahrer üben den Ernstfall.

Wednesday, April 3rd, 2002

Das Buch

Die Bibliothek ist geformt wie ein Pfau, der Schwanzfedernbusch aus Beton ist sechseckig und voller Bücher, der lange Hals wohl ein Lüftungskamin oder funktionslos. Im Inneren des Sechsecks steckt ein kleineres, durch das die Aufzugsschächte laufen, und an jeder der sechs Seiten gibt es zwei Türen, die in den größeren Sechseckring hinaus führen, wo die Bücher wohnen. Ich nehme dieselbe falsche Tür wie das letztemal, umrunde ungeduldig das halbe Sechseck auf der Suche nach dem richtigen Signaturbereich. Wieder steht das Buch nicht in seiner Abteilung, obwohl der Katalog es hier weiß. Wie das letztemal schon suche ich die Nachbarregale ab und finde nichts. Schon habe ich mich halb abgewandt, als mir etwas einfällt. Ich nehme einen Stoß Bücher aus dem Regal, und hinter den anderen, querstehend, die Seiten aufgeblättert, steht klein und blau das Buch.

Thursday, March 28th, 2002

Angetaut

Die Schnee ist schwer und angetaut, die Spuren der Menschen und der Tiere sind groß geworden davon und führen in leere, schon freigetaute Inseln. Queens Park, das Provinzparlament, liegt bestrahlt in der Nacht, vor ihm auf dem verlassenen Parkplatz eine Gruppe Kinder, Kerzen, Schilder, ein großer Kranz mit chinesischen Schriftzeichen in der Mitte. Wir stehen in 50 Metern Entfernung, sind müde, wenn wir jetzt hingehen, müssen wir uns unterhalten, erfahren, wofür die Kinder hier sind um neun Uhr abends. Zögernd, Schritt für Schritt, gehen wir nach Hause.

Tuesday, March 26th, 2002

Not Here to See

Die Tür des Aufzugs hat schon begonnen sich zu schließen, als ein braunhaariger junger Mann mit Rastafrisur den Rufknopf drückt. Auf halbem Weg halten die Flügel kurz inne, öffnen sich wieder. Beinahe schiebt Rastaman seine Begleitung, zwei dicke Männer, in die Kabine, die Türen schließen jetzt, bitte Zurückbleiben. Mit einem Ruck macht sich der altersschwache Aufzug an die Schleichfahrt, einer der beiden Dicken bohrt in der Nase, zieht den Finger heraus – kaum glaublich, daß der dicke Finger eben noch in dieses Nasenloch paßte – leckt an ihm, verliert das Interesse. Der andere hält den Kopf schräg und schaut an die Decke, Rastaman lächelt verlegen. Der Bohrer streckt die Zunge heraus, vorsichtig und langsam, als trete seine Zunge zum erstenmal vor die Lippen und müsse sich erst versichern, daß die Luft rein ist. Der Aufzug hält, Rastaman schiebt seine beiden hinaus auf den dritten Stock, ich fahre in den fünften. Der Konferenzraum ist abgeschlossen, ich setze mich in den Wartebereich der Neurologie, ratlos. Wenig später biegt Dimitri um eine Ecke, “Journal Club has been cancelled” sagt er, “but there’s food, come on.” Er zögert einen Moment, “you’re not here to see somebody, are you?” Er grinst über seinen Witz.
“No” sage ich, und folge ihm zum Lunch.