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Miniaturen



Monday, November 28th, 2005

Der heilige Andreas

bolinas lagoon

Der Andreasgraben kreuzt die Berge von Santa Cruz in nordwestlicher Richtung, schneidet die Halbinsel, an deren Spitze San Francisco liegt, und verläuft dann etliche Dutzend Meilen im Pazifik. Von den Flanken von Mount Tamalpais aus kann man das abrupte Ende der nordatlantischen Platte und den Beginn der pazifischen am scharf verlaufenden Kontrast der Wasserfarben erkennen, dunkelblau glimmt die Tiefsee.

Das Erdbeben von 1906, in dessen Folge die Stadt abbrannte, hatte sein Epizentrum ein weiteres Stück nördlich, wo der Graben wieder über Land verläuft und Point Reyes von Festland trennt. Das Beben von 1989, bei dem die Bay Bridge einstürzte, hatte sein Epizentrum in den Bergen von Santa Cruz.

Das nächste grosse Beben wird aber nicht im Andreasgraben sondern im Haywardgraben stattfinden, der hier in Berkeley am Ostende des Campus verläuft. Letzte Nacht um neun wackelte unser Haus, Stufe 2,4 meldete die Erdbebenwacht. Mein viertes Beben hier.

Wednesday, November 9th, 2005

Meditation

on my way

The Society for Neuroscience announces it’s most prominent speaker at this year’s meeting, plus a few special considerations:

“Special security procedures will be in effect, as directed by the U.S. State Department Office of Diplomatic Security, which provides security for the Dalai Lama when he is in the United States. We have been advised that each registrant attending the lecture will have to be screened by walking through a metal detector prior to entering Hall D, and will have to remove metal objects from their pockets and bags prior to passing through the metal detector.”

“For security reasons, the State Department asks that you not approach the podium or the microphones during the lecture. Those attendees in Hall D will be given cards when passing through the security check.”

“Beginning at 2 p.m., traffic flow within the convention center will change in preparation for the lecture.”

The title of the lecture is “The Neuroscience of Meditation”. Feel calm already?

Friday, October 28th, 2005

Education, 1986

a pichter of mexaco

A few weeks ago I found a child’s diary in a cardboard box at the side of the road. The diary is from early 1986, starting in the middle of January and ending probably some time in February. A teacher named Karen encouraged 7 year old Miranda to keep a diary, and added questions and comments to it.

The diary is very sweet, and Miranda’s private spelling quite endearing. A strange “pichter” of Miranda’s life in 1986 emerges from its pages. She describes a visit to her grandparents in New York, which she was very excited about, her problems and friends at her new school, writes about her parents, her brother and her imaginary, double initialed friends. Very touching.

See the whole set.

don't look, but i'm right behind you

1) Öffentliche Telefongespräche werden von den Widerwärtigen meist zu laut geführt, aus eingebildet technischen Gründen, und sind schon allein deshalb aufdringlich und lästig.

2) Zusätzlich wirken die Widerwärtigen, besonders wenn man das Telefon nicht sieht, aber auch sonst, wie taumelnd Schizophrene, die Stimmen hören, und ohne äusseren Anlass emotionale Stürme durchleben. Nicht schön, und instinktiv beunruhigend.

3) Der Inhalt der Gespräche der Widerwärtigen ist, soweit er mitgehört werden kann, eklatant banal und dreht sich meist ums Treffen, Getroffenwerden oder Befindlichkeiten. Dergleichen ist nicht öffentlich und laut abzuwickeln, wenn denn schon überhaupt.

4) Die Körperhaltung der gehenden, radfahrenden, autofahrenden Widerwärtigen spricht von ihrer Abwendung von der Umgebung. Das ist im besten Fall milde unhöflich mir gegenüber, der ich ja in ihrer physischen Umwelt mich aufhalte, in der Regel aber ein verkappter Angriff. Zweimal wurde ich beinahe von einem Widerwärtigen überfahren, auf den Gehsteigen hat man ihnen auszuweichen. Man möchte sich unmütig erregen, manchmal.

5) Man muss nicht erreichbar sein. Man muss nicht über jeden Scheiss reden. Man muss nicht dauernd reden. Man soll auch mal allein sein. Jedes ans Ohr gepresste Piepsding erinnert mich daran, dass ich diesen Grundprinzipien der Würde des Individuums als Quasiquastenflosser anhänge. Das machen die Widerwärtigen doch extra.

6) Verschlimmert wird all das Genannte dadurch, dass nichts davon ja in einem einsehbaren Sinn nötig wäre. Sie verlören keine Zeit, wenn sie erst zu ihrem Ziel gingen und dann rasch telefonierten, weil sie ja telefonierend ohnehin viel langsamer latschen und sich vermutlich dreimal verfransen unterwegs. Sie verlören keinen Tick Respekt im Freundeskreis, wenn sie nicht aus der Schlange in der Cafeteria meldeten, jetzt grade kurz vor dem Erwerb eines Kaffees zu stehen. Sie tuns trotzdem, und weil das Tun all die geschilderten Nachteile für die Umwelt mit sich bringt, und ein Mensch von Gefühl und Verstand das Vorhersehen kann, tun sie es also aus reiner, schwarzer Bosheit. Die Focker.

7) Die Klingeltöne. Muss ich mir wirklich den Nussknacker auf der Eichhörnchenorgel anhören, jedesmal wenn einem jungen Menschen die kalte Kralle der Einsamkeit das Herz zu Mus ballt, und er also Ansprache sucht? Offenbar – jedoch.

8) Das Klingeln in Veranstaltungen. Ein Lehrer in Florida hatte kürzlich die pfiffige Idee, allen klingelnden Telefonen in seinen Stunden selbst auf den Grund zu gehen. Natürlich kommt er jetzt kaum noch zum Unterrichten und sagt dauernd pfiffig “Ja hallo, wer ist denn da” in ein kleines Gerät. Die Schüler sind zwar widerwärtig, aber ja nicht blöd. Eine leider verbreitete Verwechslung unter Studenten des menschlichen Charakters.

9) Das Klingeln überhaupt. SCHALTET DEN VERFOCKTEN VIBRATIONSALARM EIN, IHR KRANKEN! Wozu hat der Herrgott ihn denn gemacht? Hä?

Soweit ersma.

Tuesday, October 25th, 2005

Exzisterzienserexerzitien

vader force sprinkler

Man muss sich natürlich sehr in acht nehmen vor der Behauptung, früher, zumal zu einer Zeit, die man selbst bestenfalls aus den Lügen der Älteren kennt, sei irgendwas auch nur ein klein wenig besser gewesen als heute. Und natürlich gibt es ja auch heute noch Rasensprenger, wo Form noch Funktion folgt, wie sich das gehört. Zwei Widersprüche gegen eine eventuelle Behauptung des allgemeinen Niedergangs.

Die Hoffnung aber, der Funktion der Dinge und den Mechanismen im Weltgetriebe durch ihre Verkleidung als Plastikmythen entgehen zu können, und die unüberbrückten Wände zwischen Subjekt und Objekt mit Tapeten voller Comicfiguren unterhaltsam zu verkleben, erwürgt den Impuls, der sie hervorbrachte.

Saturday, October 22nd, 2005

The Spookiness of Inside

apparition

There is no mistaking the fact that after decades of intense research, we aren’t much closer to answering the questions about consciousness, and not even much closer to knowing what exactly it is we are asking. The inside of our skull still looks as mysterious as ever.

Tuesday, October 11th, 2005

Die Verwirrung

Im Moment, in dem ich aus dem Gesundheits-Fastfood-Restaurant wieder ans Strassenlicht trete, und mit Hanns Lesers Henscheidgezische im Ohr, quatsch, Hanns Zischlers Henscheidlesung, um mich wogten gestrandete Hippies, hungrige Studenten und die schon ganz ratlos vor sich hinlebende Bewohnermeute der Telegraphstrasse, schwarz zumeist im Gesicht und manche auch in der Seele – Moldavia, die schillernd wahnsinnige Hutverkäuferin, Hutmacherin auch, aber hier auf der Strasse zunächst Hutverkäuferin, berichtete, dass mitunter ein bürgerrechtsbewegter und mithin also kriminell wahnsinniger Neger zu ihr hintrete und sie quasi mit Beschlag belege, weil, sagte Moldavia, die irgendwo aus dem Pazifik oder der Südsee her stammt, die genaue Insel hab ich vergessen, sie ja qua Hautfarbe auch den Verhaltenskodex der ewig Untergebutterten und rassisch Ausgegrenzten zu befolgen habe, wozu sie, Moldavia, aber gar keine Lust habe, sondern sie spreche alle Sprachen der Welt, hundertachtunddreissig Sprachen spreche sie, Finnisch zum Beispiel, und sie spreche gerne auch mit jedem, aber das sähen die Neger nicht gerne, das ist ein Bruch in der Solidarität, wenn eine schwarze Frau mit einem Finnen zum Beispiel spricht, dabei sei sie ja gar nicht schwarz oder aus Afrika, sondern von einer Insel, und wirklich driftete ja eine Dreierkonstellation junger Schwarzer an uns vorbei, während sie uns das alles erzählte, damals, und stellte sich drei Meter entfernt auf und guckte immer wieder dreifach ablehnend zu uns herüber, der Moldavia grade je zwei, also insgesamt alle vier vefügbaren Ohren abkaute mit ihrem paranoiden, aber werweiss auch wieder fundierten Gerede, die Dreiergruppe war sozusagen die manngewordene Verkörperung ihrer Klage und im Gesamtbild also alles in Ordnung, der Teil und das Ganze, ein dichtes, schwindelnmachendes Hologramm der sozialen Situation, vor ein paar Wochen und hier an derselben Ecke – im Moment also, indem ich hier auf die nunmehr aber moldavialose Strasse hinaustrat, den Sack mit dem Burger und den Knoblauchfritten und dem Eistee, ungesüsst, in der rechten Hand, fiel mir siedendheiss einerseits, gefrorenkalt andererseits wieder ein, dass ich ja heute gar nichts zu essen hatte kaufen wollen, sondern vielmehr und bauernschlau die mitgebrachten tiefgefrorenen Mikrowellengerichte mir hatte zubereiten und einpfeifen wollen. Moldavia kannte übrigens auch Whoopy Goldberg und hatte ihr einen Hut verkauft, das erklärte vielleicht manches, stand sogar im Guinessbuch der Rekorde mit ihren Hüten. Vermutlich hatte das aber auch gar nichts mit der ganzen Misere zu tun, und half mir deshalb auch nicht bei meinem dekadent westlichen Essensüberschuss, ein Burgerberg und eine Gefrorenemahlzeitenlawine quasi, und ganz ohne Subventionen. Naja, dachte ich, jetzt ist ja auch schon alles wurscht und trug den ganzen Schrott bergauf, um ihn dann Stück für Stück und im Lauf des Tages wegzuputzen.

Tuesday, July 26th, 2005

Within 20 Feet

within 20 feet

Wenn man nach San Francisco fahren will von Berkeley aus, zum Beispiel um sich Coppolas Bügeleisenhaus anzusehen, das aussieht, als wär es aus ergrüntem Kupfer, aber dann doch nur mit glasierten Kacheln vollgepappt ist, kann man zum Beispiel den F Bus nehmen. Der F Bus fährt erst durch das Armenviertel von Oakland, an Gedenktafeln für erschossene Negerkinder vorbei, passiert dann Ikea (Köttbullar!) und fährt schließlich über die obere Etage der Bay Brücke, man sieht dann aus dem Bus Downtown San Francisco sich fotogen ins Bild drehen, vielleicht die schönste Busfahrt der Welt, wahrscheinlich aber nicht.
Während man auf diesen F Bus wartet, an der Ecke Shattuck und Dwight, vor dem Radio Shack, schaut man in der Regel auf den Boden, denn die Anzeige am Bushäuschen ist langweilig und wechselt selten, und die örtliche Architektur gibt dem Auge keine Rast. Und dass da hinten braune Hügel sind, lockt auch keinen Waschbären unterm Auto vor. Und wenn man nun an diesem Bushäuschen auf den Boden sieht, dann steht da offiziell auf den Asphalt gesprüht: No smoking within 20 feet.

Ich find das ja gut.

Friday, July 8th, 2005

the flag

stewart & tripod

Stewart was setting up for shooting the American flag outside the door when I left the Flickr Meetup at San Francisco’s Crossroads Cafe last night, saying “I need to get a shot of this” and looking up at an American flag. He then said in what sounded like a mixture of fascination and amused disgust, “Gotham City”. A weird moment for me, because I suddenly remembered how the upiquity of Old Glory in cyclopean sizes had struck me similarly on my first visits to the US, and now I hardly notice it any more.

I’m not sure if that’s a good thing.

Friday, July 8th, 2005

pink and blue

world's greatest grandpas

I have in my hand a box of caramel sweets and a bottle of Gatorade, and in my legs the fatigue that follows an intense workout. The clerk at the cash register is reading a magazine and doesn’t look up from it when an old woman in front of me puts a plastic bag on the counter. The clerk reaches into the bag, and enters the prices for the unseen items, not taking them out. The total comes to just under five dollars. The woman hands over two dollar bills, two rolls of nickels, and calmly starts counting pennies in her hand. “Not enough”, she says, “let’s see. What can I leave?” She reaches into the bag and pulls out a can of cat food, one of several, it seems. “How much now”. The clerk, who has continued reading the magazine, takes off the can’s price, the woman has enough money now, pays and leaves. My Gatorade and chocolate cost just as much. After I paid, and as I wish the clerk a good night, her eyes come up for the first time and meet mine for an instant. Gone.