Search

Neuroscience



Thursday, June 9th, 2005

Eine kleine Nachtmusik

construction is at the center of all things

Die Pumpe des Heliumkühlsystems scharrt regelmaessig, vor einer Weile habe ich das mit dem Atmen eines grossen, respekteinflössenden Tiers verglichen, aber jetzt klingt es wie ein Schlagzeug. Die Lüftung, die Pumpe und das monotone Rattern des Scanners vermischen sich zu einem breiten Rauschcocktail unbekannter Farbe, das klingt wie ein Konzert am Ende einer sehr grossen, sehr leeren Halle, eine winzige Bühne steht da, man kann die Musiker kaum sehen, und hört auch nicht, was sie spielen, weil das entfernte Geräusch von allen Wänden wiederhallt. Ich glaube, Blasinstrumente zu hoeren, aber das ist natürlich Quatsch. Es ist ja keine Musik.

Mein Koerper ist betäubt, ein dummes Klischee, aber es fühlt sich wirklich an, als wäre ich in Watte gepackt. Wenn ich den Kopf drehe, hinkt er etwas hinterher, ein billiger Rückkopplungseffekt im Video. Hinter mir auf dem Bildschirm werden Herzschlag und Atmung eines anderen Menschen abstrahiert, die Atmung kann man kaum erkennen, das Signal ist zu verrauscht, ein dickes grünes Band aus sich überlagernden Zickzacklinien.

Manchmal meine ich für Sekunden, einen Sänger ausmachen zu können in der Geräuschkulisse, aber das ist natürlich Quatsch. Es ist ja gar keine Musik.

Thursday, April 11th, 2002

Funken

Der Schweiß sammelt sich, auf der rechten Schulter hängt lose die Jacke, jederzeit kann sie fallen, links die Tasche. In der rechten Hand halte ich den Zettel mit den Quellenangaben, langsam gehe ich durch die Regalreihen. Jedes Regal fasse ich mit der linken Hand an beim Vorübergehen, jedesmal knistert es leise, wenn zwischen meiner Haut und der des Regals ein Funke schlägt.

Tuesday, March 26th, 2002

Not Here to See

Die Tür des Aufzugs hat schon begonnen sich zu schließen, als ein braunhaariger junger Mann mit Rastafrisur den Rufknopf drückt. Auf halbem Weg halten die Flügel kurz inne, öffnen sich wieder. Beinahe schiebt Rastaman seine Begleitung, zwei dicke Männer, in die Kabine, die Türen schließen jetzt, bitte Zurückbleiben. Mit einem Ruck macht sich der altersschwache Aufzug an die Schleichfahrt, einer der beiden Dicken bohrt in der Nase, zieht den Finger heraus – kaum glaublich, daß der dicke Finger eben noch in dieses Nasenloch paßte – leckt an ihm, verliert das Interesse. Der andere hält den Kopf schräg und schaut an die Decke, Rastaman lächelt verlegen. Der Bohrer streckt die Zunge heraus, vorsichtig und langsam, als trete seine Zunge zum erstenmal vor die Lippen und müsse sich erst versichern, daß die Luft rein ist. Der Aufzug hält, Rastaman schiebt seine beiden hinaus auf den dritten Stock, ich fahre in den fünften. Der Konferenzraum ist abgeschlossen, ich setze mich in den Wartebereich der Neurologie, ratlos. Wenig später biegt Dimitri um eine Ecke, “Journal Club has been cancelled” sagt er, “but there’s food, come on.” Er zögert einen Moment, “you’re not here to see somebody, are you?” Er grinst über seinen Witz.
“No” sage ich, und folge ihm zum Lunch.

Saturday, November 4th, 2000

Luftgetrocknet

Ich gewöhne mich nicht daran: kaum durch die Schiebetür gegangen haut mich der feuchte Hitzehammer auf den Kopf. Über meinem Kopf, im schwitzenden Himmel von Louisiana schlängelt sich, enorm breit und hoch, der Highway an den Mississippi heran, von dem hinter dem Konferenzzentrum ein turmhoher Dampferschornstein kündet. Die palmenbestandene Straße entlang soll es ein Restaurant geben, mit Gumbo, Jambalaya und Alligatorsuppe, allem was das Cajun-Herz begehrt. Nicht weit, will das Gerücht, gleich am Ende des Zentrums.
Wir machen uns auf den Weg, Sonne und Dampf dünsten uns, das Atmen fällt schwer. Die Fassade zieht zäh an uns vorbei, nach einem Kilometer wären wir unruhig geworden, hinderte nicht die Hitze an jeder heftigen Regung. Nach eineinhalb Kilometern nimmt das infernalische Gebäude doch noch ein Ende, keinen hätte es gewundert, hätte es einmal um unsere schöne Erde gereicht und einmal zurück, mit einem Gewirr von Konferenzen auf der ganzen Länge, und einem endlosen tropischen Sommertag vor den Türen.
Den Rückweg legen wir im Inneren zurück, unterkühlt, aber luftgetrocknet.

Friday, November 3rd, 2000

Ein Deutscher nicht

Das würde ein Deutscher nicht tun, sagt der Mann hinter dem Tresen, und er sagt es auf Deutsch. Ratlos halte ich ihm trotzdem den VISA waiver hin, auf dem ich mich – was kann man um 6 Uhr morgens erwarten – verschrieben habe. Den neuen Vordruck fülle ich mustergültig aus, doch, ach, ich weiß nicht, in welchem Hotel wir absteigen. Auf Bourbon Street halt. Das reicht nicht! Grimmig guckt der Grenzer, nächstesmal schlägt, sagen seine Augen, Onkel Sam zu, und ticktack tackert er dann doch noch die grüne Pappe in den Paß. Ich darf ins gelobte Land. Später stelle ich fest, daß das Stück Karton oben übersteht. Warum steht es oben so weit über? Damit man es besser sehen kann.
Auf dem Flughafen in St. Louis dann sehen wir viele dicke Menschen, die zufrieden durch die gekühlten Gänge kugeln, ein munteres Treiben. Mittendrin ein gläserner Käfig, in dem enggepackt Raucher stehen und rauchen. Bitte nicht füttern denkt man, egal wo man hinschaut, hier in Amerika.

Tuesday, April 11th, 2000

Die Nacht

Es ist die Nacht vor dem Vortrag, und im ganzen Gebäude bewegt sich vermutlich nichts mehr, außer meiner Maus. Die hilflos über die schlecht vorbereiten Powerpointfolien huscht, und hauptsächlich löscht. Mit jedem krächzend begonnenen Probelauf – die Stimme versagt – wird es weniger Inhalt, mit jedem Blick in die Bücher verstehe ich weniger, was den Menschen zwickt und zwackt, wenn er in die Berge steigt. Dabei muß ich das doch eine Stunde lang erklären. Vor den Fenstern dämmert der Morgen, als ich die inhaltliche Arbeit aufgebe und mich stattdessen daranmache, das Laptop vorzubereiten, mit dem ich den Vortrag projizieren will. Ich staune, als ich feststelle, daß Powerpoint nicht installiert ist, ich stöhne, als ich entdecke, daß auch keine CD vorhanden ist. Zum Glück hab ich selber eine. Ich starte die Installation. Der Sessel ist bequem, ich lehne mich zurück und bin sofort eingeschlafen. Fünf Minuten und eine Ewigkeit später ist die Installation mit einem Piepen abgebrochen. Die CD ist nicht lesbar. Eine Stunde später schleppe ich meinen PC in den Seminarraum, und mein Schwein aus dem Aloebusch starrt aus dem Bildschirmhintergrund und also auch von der Leinwand auf das wartende Publikum. Das sich nichts anmerken läßt.

Tuesday, March 21st, 2000

Tanz, Kreis, tanz

Die Kreise tanzen. Auf den beiden Spiegeln, links groß und bleich das Rechteck eines leeren Monitors, rechts in einiger Entfernung ein weiterer bleicher Monitor. Mit einem Apfelpiepen blinkt ein Kreis auf, fast nicht zu sehen, grau auf grau. Ein weiteres Apfelpiepen begleitet einen weiteren Kreis, möglicherweise noch schlechter sichtbar. Einer der beiden, soviel ist sicher, war kein Kreis, sondern ein abnormes Zerrbild, Spottgeburt, am armen Radius sinusmoduliert bis zur abstoßenden Eckigkeit. Aber andererseits nicht genug, um erkennbar zu sein. Undercoverquadrat. Mir schwirrt der Kopf, der Finger ruht über der Ziffer eins. Oder war doch der zweite der Freak? Lichter tanzen vor meinen Augen, es ist fast fünf. Bin ich wirklich seit 10 Uhr mit Kreisgucken beschäftigt? Oder gab es eine Mittagspause und Essen? Das wievielte Kreispaar ist das? Das fünfhundertste? Nein, eher das tausendvierhundertste, das letzte, der Finger immer noch über der eins, senkt sich, eins ist raus. Jeden Tag gehen merkwürdige Dinge vor, überall. Millionen von Menschen und ihre Kreise, sie alle tanzen vor meinen Augen, kaum sichtbar.

Wednesday, February 23rd, 2000

Die Rettung des Filzhuts

Der Schreck fährt unserem tapferen Programmierer eisig in alle Glieder, als er sieht, daß die stundenlang am Vortag ermessenen Augenbewegungsdaten aussehen wie der reine Zufallsmüll. Noch erwägt er – es wäre ja der siebte gescheiterte Versuchsversuch – das fotogene Zerbeißen eines Filzhutes, als ihm einfällt, daß das Testen eines bestimmten Unterprogrammes es nötig machte, statt tatsächlicher Meßdaten Zufallsmüll ans Hauptprogramm zu geben. Der Programmierer entfernt lachend die entsprechenden Zeilen, dann stoppt er in der Bewegung und der Abspann flimmert vorbei. Sowas gibts eben nur im Fernsehen!

Thursday, February 17th, 2000

Fechner

Dr. Ken Norwich informiert über seinen heutigen Vortrag: “This talk will consist, essentially, of a morass of unfathomable equations (some 40 of them). Although none of these equations will be derived, you will have to understand them fully in order to follow the talk. Very little effort will be extended to make this easy. Already you see that this seminar is not for you. To compensate, in part, for the discomfort of sitting through a seemingly interminable sequence of equations, you will be offered coffee and cookies. My own assessment is that the compensation is not commensurate with the discomfort. The take-home message is that Fechner’s law, as originally formulated, is incomplete. (Do you really care? Do you even remember what Fechner’s law is?) The take home thought is that in the process of sensating, the brain does not behave like a camera, which passively maps external events into corresponding cerebral events, or like a computer which produces an output corresponding to a given sensory input. Rather, the brain takes an active part in the process of sensating, and seems to be about the simplest model of itself. But do you really think I can develop ideas of this depth in 40 or 50 minutes? Be serious!”